Sollte man den Holocaust leugnen dürfen?

Edgar Dahl hat auf seinem empfehlenswerten Blog Libertarian vor einer Weile dafür argumentiert, dass man die Leugnung des Holocausts legalisieren sollte. Der Gründer der amerikanischen Skeptic Society, Dr. Michael Shermer, hat ein Buch über Holocaustleugner geschrieben und sich lange mit ihnen und ihren Strategien auseinandergesetzt. Er kommt zu dem selben Ergebnis wie Edgar Dahl. Die Frage, ob man Kreationisten in Universitäten sprechen lassen sollte, ist dieser Problematik recht ähnlich.

Hier ein paar von Shermers Argumenten:

„Am Freitag, dem 3. Februar 1995, wurde Irving [David Irving, Historiker und Holocaustleugner] von der Koalition für freie Rede von Berkeley zu einer Vorlesung in der Universität von Kalifornien eingeladen. Die Universität erlaubte sie, aber die Studenten taten das nicht. Mehr als 300 Demonstranten kreisten Latimer Hall ein, um Irving und 113 Eintrittskartenbesitzer davon abzuhalten, den Campus zu betreten. Die Polizei war nicht in der Lage, die Menge zu kontrollieren. Faustkämpfe brachen aus und Irving wurde dazu gezwungen, das Gelände zu verlassen, bevor er sprechen konnte.

Es gibt drei Gründe, warum diese Reaktion in moralischer und praktischer Hinsicht problematisch war:

1. Die Holocaustleugner haben dieses Ereignis als Sammelstelle für ihre Behauptung benutzt, dass das Establishment die Wahrheit zensiert. Das letzte, was sie wollen, ist es, ignoriert oder widerlegt zu werden.

2. Lügen und Falschheiten werden am effektivsten enthüllt, wenn sie vom Licht der Wahrheit erhellt werden. Ignoriere oder widerlege David Irving, aber zensiere ihn nicht.

3. Nehmen wir für einen Moment an, dass die Mehrheit der Menschen den Holocaust leugnet und dass sie in einer machtvollen Position sind. Wenn ein Mechanismus oder ein Präzedenzfall für Zensur existiert, dann wird nun derjenige zensiert werden, der an den Holocaust glaubt. Würden wir das tolerieren? Natürlich nicht.“

Was tun mit Evolutionsleugnern?

Die Leugnung der Evolutionstheorie unterscheidet sich insofern von der Holocaustleugnung, als dass beim Holocaust viele Millionen Menschen ermordet worden sind, wodurch die Leugnung ethisch problematischer wird als die Leugnung einer wissenschaftlichen Theorie. Sie haben gemeinsam, dass etwas bestritten wird, das mit Fakten hinreichend untermauert ist, um es als Tatsache anzuerkennen.

Vor ein paar Jahren haben einige Brights (erfolgreich) versucht, den Vortrag des Kreationisten Reinhard Junker an der Uni Würzburg mittels Protestschreiben zu unterbinden. In meinem Protestbrief habe ich damals argumentiert, dass man entweder diesen Vortrag unterbinden müsse (weil Kreationismus an Universitäten soviel verloren hat wie Handlesen oder Sterndeutung) oder dass man zusätzlich jemanden einladen sollte, der auf Reinhard Junkers Darstellungen antworten kann, also etwa einen Evolutionsbiologen.

Doch heute kann ich mich nicht mehr entscheiden zwischen zwei Möglichkeiten, die für Leugner beider Kategorien anwendbar wären:

1. Man sollte Kreationisten/Holocaustleugner bedingungslos erlauben, an Universitäten (außerhalb offizieller Seminare!) Vorlesungen zu halten.

2. Man sollte das nur tun, wenn auch jemand teilnehmen darf, der auf ihre Darstellungen antwortet und sie widerlegen kann.

Ein Kommentar zu „Sollte man den Holocaust leugnen dürfen?

  1. Mit dieser Frage hat sich kürzlich die BBC-Sendung „World Have Your Say“ auseinandergesetzt und bei mir einen Gesinnungswandel ausgelöst.

    Emotional sieht die Argumentation folgendermassen aus (und diese Ansicht habe ich bis dahin vertreten): Holocaust-Leugner sollte man deshalb nicht sprechen lassen, weil sie damit eine Gelegenheit erhalten, die Opfer des Holocausts und ihre Angehörigen erneut zu verletzen. Das darf man nicht zulassen.

    Rational hingegen gilt für mich heute: Durch Meidung, Ächtung, Verhöhnung und durchs Ignorieren der Holocaust-Leugner nimmt man ihnen eher den Wind aus den Segeln als dadurch, dass man sie zensuriert und ergo zu Märtyrern macht. Die Ehre, dass man ihre Theorien als ernst zu nehmendes Gedankengut verbietet, haben sie nicht verdient.

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