Was ist mit der Befreiungstheologie?

Gerade hat mich jemand angerufen und damit konfrontiert, was für ein schwarz/weiß malendes Abbild meiner fundamentalistischen Mitbürger ich angesichts des Beitrags Mit Gott ist alles erlaubt zu sein scheine.  Man könne doch nicht die Religion für all die Kriege und die Gewalt verantwortlich machen. Was ist zum Beispiel mit der Befreiungstheologie?

Ja, das stimmt natürlich. Nicht der Teil mit meinem Fundamentalismus, sondern dass die Kirche und die Religion allgemein auch Mächte des Guten in der Welt waren. Was ich mich bei solchen Gelegenheiten allerdings frage ist, ob die Menschen denn wirklich aufgrund ihres Aberglaubens gute Werke getan haben und nicht vielmehr stattdessen oder trotzdem? Setzen sich Befreiungstheologen wirklich wegen Jesus, wie er in der Bibel beschrieben wird, für Arme und Unterdrückte ein (wofür es von mir ein aufrichtiges Kompliment gibt), oder tun sie das, weil sie ihrer Veranlagung nach Mitgefühl mit den Ausgestoßenen dieser Welt haben?

Ich hoffe nun einfach mal letztes. Im Zweifel für den Angeklagten. Denn mit dem biblischen Jesus ließ und lässt sich ja vieles rechtfertigen und nicht nur gute Taten. Man muss also, und Befreiungstheologen tun das, entweder bestimmte Jesus-Zitate herausnehmen und andere ignorieren, oder man muss die moralisch zweifelhaften Zitate umdeuten.

Nehmen wir zur Illustration die Bergpredigt:  „Meint nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist.“ (Matthäus 5, 17-18)

Das klingt zwar recht harmlos, aber Jesus bezieht sich hier auf das mosaische Recht, auf die Gesetze in Levitikus und Deuteronomium. Nicht nur möchte er diese erhalten, sondern er vertritt sie radikal. Das Problem mit den mosaischen Gesetzen besteht darin, dass sie festlegen, man solle bei Ungehorsam die eigenen Kinder steinigen, Homosexuelle töten, sich Sklaven halten und weitere Möglichkeiten ausschöpfen, wie man sich seine Zeit möglichst grausam vertreiben kann. Zum Alten Testament und den mosaischen Gesetzen gibt es eine tolle Website, welche die AT-Geschichten und -Gebote mit Lego-Figuren nachstellt:  The Brick Testament. Man lacht sich heutzutage krumm darüber, aber es wird nicht sehr angenehm gewesen sein, als jemand wirklich nach diesen Regeln gelebt hat. Jesus ist aber noch lange nicht fertig:

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber töten wird, der wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch, dass jeder, der seinem Bruder zürnt, dem Gericht verfallen sein wird; wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka! dem Hohen Rat verfallen sein wird; wer aber sagt: Du Narr! der Hölle des Feuers verfallen sein wird“. — (Matthäus 5, 21-22)

Laut den ohnehin schon grausamen mosaischen Gesetzen, wird man für Mord mit dem Tode bestraft. Nun sagt Jesus allerdings, dass jeder, der nur seinen Mitmenschen zürnt, bereits gekillt wird. Es genügt völlig, wenn ich zu meinem Bruder „Raka!“ sage, was auch immer das heißen soll, und Jesus würde mich dafür töten lassen. Am schlimmsten sind die armen Würstchen dran, die ihren Nächsten „Du Narr!“ schimpfen – denn die landen für immer in der Hölle, wo sie auf ewig gebrutzelt werden wie ein Wiener Würstchen.

Was auch immer das sein soll, es hat herzlich wenig zu tun mit der Befreiungstheologie.

Ein Kommentar zu „Was ist mit der Befreiungstheologie?

  1. Mit dem Tyrannenargument in „Mit Gott ist alles erlaubt“ bin ich nicht so ganz einverstanden. Der Tyrann kann ihn danach immer noch umbringen, die Inquisition könnte sich immer noch an „Du sollst nicht töten“ halten (das hat sie nie gemacht, aber es ist auch eine etwas andere Situation, weil Hexen sterben MUSSTEN)
    Außerdem denke ich dass es schlimmeres als den Tod gibt, darum bin ich auch für Abtreibungen und Sterbehilfe.
    Ich seh das eher so: Durch Religion glauben Leute, ihr Unterbewusstsein sei eine moralisch perfekte Instanz (sie denken, ihr Trieb sei Gott) Bei einem seelisch Gesunden macht das (eigentlich) nichts aus, aber grade jemand wie Charly Manson bekam dadurch Gewissensabsolution für das was er tat.
    Ähnliches gilt für den Vatikan. Katholiken hören auf ihn, selbst wenn das was sie sagen, nicht wirklich etwas mit der Bibel zu tun hat.

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