Dürfen Atheisten diskriminiert werden?

Einflussreiche Vertreter der gläubigen Fraktion beweisen erneut ihre Liebe zu Demokratie und Meinungsfreiheit: Ganze zehn große Verkehrsbetriebe haben die zurückhaltende und freundliche Buskampagne eines zweifelnden Bevölkerungsanteils nun offiziell abgelehnt. Die Begründungen sind erschreckend.

Die Buskampagne gehört zu den wenigen großen Aktionen deutscher Atheisten, mit denen ich rein gar nichts zu tun habe. Man bemerkt das schnell an der positiven und liebevollen Gestaltung der Entwürfe. Auf der Kampagnenwebsite erfreut man sich an schönen, bunten Blümchen und mit seinen Ansprüchen ist man bescheiden: Es gehe lediglich um folgendes: „Nicht-Religiöse, Agnostiker und Atheisten sollen wahrnehmen können, dass sie nicht alleine sind“, heißt es dort. Die Evangelikalen von pro haben dafür nur Sarkasmus übrig: „Wie die Initiatoren mitteilten, war es ihnen ein Anliegen, so die Nichtgläubigen im Land zu trösten, falls sie sich allein fühlten“.

Umso erstaunter war ich, als mich BR2 um ein Interview zur Sache bat. Man kann es hier nachlesen. Interessanter als die Feststellung, dass meine Fähigkeit, Botschaften mündlich zu vermitteln, an meine schriftliche Rhetorik bei weitem (noch) nicht heranreicht, war ein Kommentar von Bettina Hess, Pressesprecherin der Münchner Verkehrsbetriebe, das ich erst im Nachhinein zu hören bekam:

„Wir haben als MVG diese Kampagne abgelehnt, und zwar aus dem Grund, weil wir grundsätzlich Werbung mit politischer oder weltanschaulicher Aussage, sei es jetzt atheistisch oder theistischer Natur ablehnen, wir lehnen auch gewaltverherrlichende Werbung ab, alles was gegen die guten Sitten verstößt, sexistische Werbung oder diskriminierende Werbung. Diese Kampagne wird in München nicht stattfinden.“

Allerdings hat die MVG christliche Werbung zuvor nicht abgelehnt. Entweder ich spinne, und das kann gut sein, oder Frau Hess hat im Radiobeitrag zudem den Eindruck erweckt, dass atheistische Buswerbung mit gewaltverherrlichender und – welch Ironie – diskriminierender Werbung auf einer Ebene steht. In schriftlicher Form lässt sich das nicht mehr klar nachvollziehen, also sehen wir uns an, was Klaus Wazlak, Pressesprecher der Berliner Verkehrsbetriebe, dazu zu sagen hat. Zunächst stellt er fest, dass man sich ohne offiziellen Vorstandsbeschluss darauf geeinigt habe, keine weltanschauliche Werbung mehr zu bringen, denn:

„‚In Berlin regt sich ja jeder über alles auf.‘ Im Einzelfall werde man das aber prüfen“, zitiert ihn die junge Welt.

Das ist strategisch sehr geschickt. Die Berliner Verkehrsbetriebe sind negativ aufgefallen, als sie Pro Reli in den Zügen und an den Bahnsteigen Werbung machen ließen (religiöse Werbung ist für deutsche Verkehrsbetriebe beileibe kein Fremdwort). Nun möchten sie angeblich religiöse Werbung unterbinden, aber ohne eindeutigen, schriftlichen Beschluss und vom Einzelfall abhängig. Mit anderen Worten hat man, so vermute ich, vor, die Sache mit den Atheisten in Vergessenheit geraten zu lassen und dann erneut nur Gläubigen Werbung zu gestatten. Dass ich damit recht haben könnte, legt eine weitere Aussage von Herrn Wazlak nahe, den die pro-Evangelikalen aus der Tageszeitung zitieren:

„‚Wir wollen nicht, dass sich die Fahrgäste der BVG aufregen müssen.‘ Dass [sic!] sei bei der Aussage der Spendenaktion jedoch zu befürchten gewesen.“

Wer sich über den Spruch „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ ernsthaft mockiert, der hat die letzten 250 Jahre Aufklärung verpennt und ist gesegnet mit der Bildung von einem Laib Weißbrot. Sonst wäre er an ganz andere Kaliber gewöhnt, zum Beispiel Nietzsches Verfluchung des Christentums, die so laut und deutlich war, dass sie noch heute nachklingt:

„Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die Eine große innerlichste Verdorbenheit, den Einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist, – ich heiße es den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit.“ (Aus: Der Antichrist)

Verkehrsbetriebe verteidigen religiöse Gefühle

Vielmehr geht es wohl mal wieder darum, den Gottlosen das Maul zu stopfen. Die Aussagen der Dresdner Verkehrsbetriebe, die eine Gegenkampagne erlauben, aber nicht die Originalkampagne, weil sie religiöse Gefühle beeinträchtigen könne, waren eindeutig (Den genauen Wortlaut kann ich nicht wiedergeben, aber wer den Bericht von WDR aktuell zum Thema gesehen hat, weiß, was ich meine).

Auch in anderen Ländern kämpft man mit dem Problem. „In keinem Land außer Kroatien führte die Aktion jedoch zu einer Zensur“, sagt Slavenka Drakulic der Süddeutschen Zeitung. Mal abgesehen von Deutschland, sollte man hinzufügen. Sie zitiert den Sprecher der Verkehrsbetriebe von Zagreb:

„‚Wir würden jede Botschaft akzeptieren, die sich nicht gegen andere religiöse Gruppen richtet.‘ Der Satz trifft den Nagel auf den Kopf: Das Unternehmen will nur ‚andere religiöse Gruppen‘ kennen. Was aber ist mit nichtreligiösen Gruppen? Was ist mit Atheisten und deren Recht auf freie Meinungsäußerung?“

So schaut’s aus, Frau Drakulic. In Lützern in der Schweiz gab es massive Drohungen von gläubigen Christen an die Verkehrsbetriebe. Man wolle sogar Busse anzünden, sagten die nächstenliebenden Schäflein. Die Reaktion der Verkehrsbetriebe:

«Diese Plakate sind offenbar Anstoss erregend. Sollte eine Anfrage kommen, würden wir diese klar ab­lehnen», so Direktor Norbert Schmassmann.

Wer droht und gewalttätig ist, der bekommt also recht. Das haben wir beim Karikaturenstreit bereits gesehen, wo man sich eifrig für die Verletzung religiöser Gefühle entschuldigte. Was ist denn das bitte für eine Botschaft, die man hier an uns richtet? „Ihr droht halt nicht genug“?

Leider halte ich es für möglich, dass sich der Einfluss von religiösen Fanatikern und somit die Diskriminierung von Atheisten weiter erhöht. Christliche Demokraten sind nämlich offenbar nicht bereit, auch für die Rechte und Freiheiten von Atheisten einzutreten. Ich habe keine einzige empörte Stimme christlicherseits vernommen, die für das Recht von Atheisten eintritt, ebenfalls zu werben. Ich muss also davon ausgehen, dass wir die Anzahl liberaler und demokratischer Christen weit überschätzt haben.

Ergänzung: Ich habe mich dazu entschlossen, das umstrittene Bild herauszunehmen. Natürlich ging es nicht darum, die Diskriminierung von Atheisten mit der von Juden während des Nazi-Regimes gleichzusetzen und ich entschuldige mich für etwaige Missverständnisse.  Jede Art von Diskriminierung ist abzulehnen, aber es gibt Abstufungen bei der Schwere der Ungleichbehandlung. Ich bleibe dabei, dass die Diskriminierung von Atheisten unterbunden werden muss und dass sie andernfalls zunehmen könnte.