Dawkins: Evolution ist wahr

Klingt harmlos, doch wer so etwas in philosophischen Zirkeln sagt, wird sogleich empört zurechtgewiesen: Evolution ist doch nicht „wahr“, nein, es ist nur eine Hypothese, morgen haben wir vielleicht eine andere, du bist so dogmatisch, so intolerant, du bist ein Fundamentalist, Stalin, Hitler! Mir geht dieses Gesülze allmählich auf die Nerven und Richard Dawkins geht es genauso. Deshalb antwortet er in folgendem Beitrag auf unsere agnostischen Extremisten:

Woher kommt also die oftmals nachgeäffte Ente „Evolution ist nur eine Theorie?“ Wahrscheinlich von einem Missverständnis von Philosophen, die versichern, dass die Wissenschaft niemals die Wahrheit nachweisen kann. Es kann ihr lediglich misslingen, eine Hypothese zu widerlegen. Evolution ist eine nicht falsifizierte Hypothese – eine, die für die Widerlegung anfällig war, die aber bislang überlebt hat. Wissenschaftler haben normalerweise nichts gegen diese Art von Philosoph und danken ihm sogar dafür, dass er sich um solche Dinge kümmert und ihnen dadurch die Freiheit verschafft, das Wissen zu erweitern. Sie könnten allerdings erwägen: Was der Wissenschaft recht ist, ist der Alltagserfahrung billig. Falls Evolution eine nicht falsifizierte Hypothese ist, dann gilt das auch für jeden Fakt über die reale Welt; sogar für die bloße Existenz der realen Welt.

Diese Art der Konversation wird schnell und berechtigt ausgegrenzt. Evolution ist wahr in welchem Sinne auch immer Sie akzeptieren, dass sich Neuseeland in der südlichen Hemisphäre befindet. Würden wir uns weigern, jemals ein Wort wie „wahr“ zu gebrauchen, wie würden wir dann unsere alltägliche Konversation führen? Oder nehmen Sie das Beispiel einer Volkszählung: „Was ist Ihr Geschlecht?“ „Die Hypothese, dass ich männlich bin, wurde bislang nicht widerlegt, also lassen Sie mich noch einmal nachsehen.“ Wie Douglas Adams es hätte sagen können, das liest sich nicht gut. Allerdings hat die Philosophie, welche der Wissenschaft solche Skrupel aufzwingt, keine Basis, um die Fakten des Alltags von der selben weitschweifigen Formulierung auszuschließen. In diesem Sinne ist Evolution wahr – falls, natürlich, die wissenschaftlichen Belege für sie stark sind.

Richard Dawkins


Übersetzt aus der Rezension von Jerry Coyne’s Buch „Evolution is true“.

3 Kommentare zu „Dawkins: Evolution ist wahr

  1. Allerdings ist nicht zu vergessen, dass äußerst viele Umstände im Bereich der Evolution mit Zufall gekennzeichnet sind, weil wir die genauen Ursachen nicht benennen können.

    Um ein Beispiel zu nennen: Wir wissen nicht, warum etwas im Einzelfall mutiert – auch wenn wir mutationsfördernde Umstände kennen – warum es an einer und nicht an einer anderen Stelle mutiert und warum es genau so mutiert. Es gibt z. B. auch bestimmte Mutationen besonders häufig, ohne dass wir sagen könnten warum. Albinismus z. B. tritt bei Tier und Pflanze auf, Amseln mit weißen Flecken sind häufig. Wenn diese „zufälligen“ Mechanismen im Detail erforscht sein werden, wird man die Theorie möglicherweise nicht einmal mehr Evolutionstheorie nennen, auch wenn alles darauf hindeutet, dass der heutige tatsächliche Kenntnisstand vollständig richtig ist, soweit man denn die Unvollständigkeit anerkennt.

    Zudem dürften Lücken in der Erklärung und den Ursachen von Mutation einerseits und genetischer Variabilität innerhalb der Rasse bestehen.

    Zudem ist Dawkins selbst Agnostiker im eigentlichen Sinne eines Vorbehalts des grundsätzlichen wissenschaftlichen Fallibilismus.

    1. DIe Frage nach dem Warum einer Mutation verbietet sich von selbst, wenn man weiß, dass eine Mutation ein zufälliges Ereignis ist. Die allermeisten Mutationen (auf DNA-Ebene) sind entweder folgenlos oder führen zum Tod des mutierten Individuums. Natürlich sind Mutationen, die zum Verlust einer Eigenschaft führen, häufiger, als Mutationen, die zu neuen Eigenschaften führen. Das ist bekannt, erklärt und nachvollziehbar. Wenn es sich dabei um den Verlust nicht-vitaler Eigenschaften handelt, die dem Träger auch keinen Selektionsnachteil bringen, kann (muss aber nicht) diese Mutation in der Population manifest werden. Dies alles ist längst bekannt genauso wie das Phänomen der unterschiedlichen Häufigkeit von Mutationsausprägungen (nicht – ereignissen) und hat mit der Evolutionstheorie soviel zu tun wie Kunst mit Kunstdünger- nämlich nichts.

  2. „… dass eine Mutation ein zufälliges Ereignis ist …“
    Ach. Und das bedeutet, dass es keine Ursache gibt?

    „…Die allermeisten Mutationen (auf DNA-Ebene) sind entweder folgenlos oder führen zum Tod des mutierten Individuums.“
    Und das hat genau was mit dem Thema zu tun?

    „Natürlich sind Mutationen, die zum Verlust einer Eigenschaft führen, häufiger, als Mutationen, die zu neuen Eigenschaften führen.“
    Das ist ja nun nicht wirklich logisch: Wenn die Eigenschaft „mit Flügel“ wegfällt habe ich ein Lebewesen mit der Eigenschaft „Flügellos“. Letzteres ist keine Eigenschaft?

    „Das ist bekannt, erklärt und nachvollziehbar. Wenn es sich dabei um den Verlust nicht-vitaler Eigenschaften handelt, die dem Träger auch keinen Selektionsnachteil bringen, kann (muss aber nicht) diese Mutation in der Population manifest werden.“
    Und das wurde hier geschrieben, weil es eben nichts mit der Fragestellung zu tun hat?

    „Dies alles ist längst bekannt genauso wie das Phänomen der unterschiedlichen Häufigkeit von Mutationsausprägungen“
    Ach, und ich dachte schon, das sei alles zufällig…

    Ich will Ihnen mal etwas sagen: Die Frage nach der Ursache einer Mutation verbietet sich bestenfalls in der Religion oder in einem supernaturalistischen Weltbild, d. h. also z. B. in einem indeterministischen Weltbild, nicht aber in der Wissenschaft.

Kommentare sind geschlossen.