Meine Lieblingsbibelstelle

sam_harris_hirsi_ali_kleinFür engagierte Atheisten ist die Bibel Pflichtlektüre. Schließlich müssen wir wissen, gegen was wir hier argumentieren. Wie durch einen Unfall hat es sich nun zugetragen, dass zwischen den endlosen „und X zeugte Y“-Aufzählungen und spannenden Abenteuern wie tagelange, ereignisfreie Wanderungen durch Wüsten sich eine wunderschöne Passage dazwischen geschummelt hat…

Eigentlich war es gar nicht meine Lieblingsbibelstelle, bis sie mir Rolf Degen (habe ich schon sein Buch erwähnt?) gerade geschickt hat. Sie ist nämlich die Einleitung zu einem einzigen Ungläubigen-Verriss, der darüber spekuliert, wie schrecklich böse wir alle doch wären. Darum hatte ich sie beim ersten Mal auch erzürnt überlesen. Doch was der weise König Salomo (der wirkliche Autor war ein hellinisierter Jude) den Atheisten hier in den ersten Sätzen seines zweiten Kapitels zum Vorwurf macht, ist tatsächlich ein poetisches Loblied, welches seinen heimlichen Neid auf diese herrlichen Gottfreien offenbart. Da fließt mir glatt eine Träne aus dem Auge:

Das Buch der Weisheit, Kapitel 2:
Die Welt aus der Sicht der Gottlosen

Kurz und traurig ist unser Leben;
für das Ende des Menschen gibt es keine Arznei
und man kennt keinen,
der aus der Welt des Todes befreit.

Durch Zufall sind wir geworden
und danach werden wir sein,
als wären wir nie gewesen.

Der Atem in unserer Nase ist Rauch
und das Denken ist ein Funke,
der vom Schlag des Herzens entfacht wird;
verlöscht er, dann zerfällt der Leib zu Asche
und der Geist verweht wie dünne Luft.

Unser Name wird bald vergessen,
niemand denkt mehr an unsere Taten.
Unser Leben geht vorüber wie die Spur einer Wolke
und löst sich auf wie ein Nebel,
der von den Strahlen der Sonne verscheucht
und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird.

Unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten,
unser Ende wiederholt sich nicht;
es ist versiegelt und keiner kommt zurück.

Auf, lasst uns die Güter des Lebens genießen
und die Schöpfung auskosten,
wie es der Jugend zusteht.

Erlesener Wein und Salböl sollen uns reichlich fließen,
keine Blume des Frühlings darf uns entgehen.
Bekränzen wir uns mit Rosen, ehe sie verwelken;
keine Wiese bleibe unberührt
von unserem ausgelassenen Treiben.

Überall wollen wir Zeichen der Fröhlichkeit zurücklassen;
das ist unser Anteil,
das fällt uns zu.

3 Kommentare zu „Meine Lieblingsbibelstelle

    1. Negativ, Herr Rudolph, sie haben vermutliche eine Luther-Bibel ohne Apokryphen kunsultiert.

      Und Herrn Müller kann ich jetzt nur zurufen, dass er die letzten Verse wegzensiert hat…

  1. Bin durch Zufall auf den Satz: „Durch Zufall sind wir geworden und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen.“ gefunden. Soll im Buch der Weisheit stehen, welches in den Bibeln unter Hohelied oder Salomo steht. Habe eine Luther-Ausgabe und eine der Zeugen Jehovas. In beiden steht an 2/2 etwas völlig anderes. Denoch verweisen alle Internetseiten, welche sich mit dem Thema beschäftigen, darauf hin. Warum?

Kommentare sind geschlossen.