Kann man Gläubige überzeugen?

Kann man Gläubige gegebenenfalls von ihrer Meinung abbringen? Wo liegen die Probleme und wie kann man sie lösen? Oder kann man das nicht?

Vernünftiges Reden, so heißt es in einem meiner Lehrbücher, liegt dann vor, wenn die Kommunikationspartner mittels Argumentation einen Konsens über ihre handlungsleitenden Ziele anstreben. Nehmen wir an, ich rede mit einem religiösen Menschen und möchte mich mit ihm auf eine Position einigen, auf deren Basis wir uns in Zukunft verhalten. Zum Beispiel behaupte ich, dass eine Seele nicht existiert und er behauptet das Gegenteil. In einem solchen Fall könnte ich zu dem Mittel der Argumentation greifen, ich nenne ihm also die Gründe, warum ich glaube, dass meine Position sinnvoller ist als seine und er nennt mir die Gründe, warum er den Glauben an die Seele für sinnvoller hält als meinen Nichtglauben. Wir einigen uns darauf, dass derjenige mit den besseren Argumenten die Unterhaltung für sich entscheidet.

Laut dem Persuasionsmodell gibt es sieben Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit vernünftiges Reden gelingen kann. Mal sehen, ob die meiner Erfahrung nach bei Gesprächen mit Gläubigen vorliegen:

1. A ist nicht nur subjektiv willens, sondern auch faktisch in der Lage, mit B als gleichberechtigtem Kommunikationspartner zu interagieren.

Das haut leider schon einmal gar nicht hin. Selbst wenn ich einen moderaten Gläubigen auftreibe, der subjektiv willens ist, mich als gleichberechtigten Kommunikationspartner anzunehmen, so ist er in der Regel faktisch davon überzeugt, sowieso alles besser zu wissen. Schließlich hat ihm Mami jahrelang eingetrichtert, dass Gott den Menschen die Seele eingehaucht hat.

2. A ist an einer argumentativ erzielten Verständigung (Konsens) mit B ernsthaft interessiert.

Sind Gläubige ernsthaft interessiert daran, angesichts besserer Argumente der Gegenseite ihren Glauben aufzugeben? Warum gibt es dann noch Gläubige? Es scheint meist doch eher um Gefühle zu gehen als um Argumente. Man müsste eine neue, gefühlsbasierte Argumentationsweise erfinden. Du fühlst dich nämlich besser, wenn du glaubst, dass die Seele nicht existiert.

3. A geht gegenüber B die Verpflichtung ein, die Entscheidung von B in jedem Fall zu respektieren und nicht durch persuasionsfremde Mittel zu beeinflussen.

Das funktioniert sogar noch weniger als die ersten beiden Punkte. Irgendwann hat noch jeder Gläubige Strohmänner gebaut, persönliche Angriffe vom Stapel gelassen, das „Stalin und Hitler“-Argument zum tausendsten Mal wiederholt, zu Fluchen, zu Lachen oder zu Weinen angefangen.

4. B ist in der Lage, sich mit den von A vorgebrachten Argumenten auseinanderzusetzen und sich gegebenenfalls überzeugen zu lassen.

Bei Nicht-Fundamentalisten können wir davon ausgehen, dass sie in der Lage dazu sind. Ansonsten könnten wir uns Aufklärung ja gleich ersparen.

5. B ist bereit, sich gegebenenfalls von den Argumenten des Kommunikationspartners überzeugen zu lassen.

„Ich werde ab jetzt nicht mehr daran glauben, Gottes geliebte Schöpfung zu sein, weil deine Argumente superklasse sind.“ Haben Sie das schon einmal gehört?

6. B verpflichtet sich, gemäß seiner Überzeugung zu handeln.

B wird sicherlich seiner Überzeugung gemäß zu handeln meinen – nach der Überzeugung, die er am Anfang des Gesprächs schon hatte.

7. Die Proposition bezieht sich auf Sachverhalte, deren strittiger Charakter einen Dissens zwischen den Kommunikationspartnern zulässt.

Logische und wissenschaftliche Gesetze gelten dabei als nicht strittig. Gläubige sehen das aber oft ganz anders. Das heißt, Atheisten stehen vor dem Problem, dass sie Gläubige von Sachverhalten überzeugen müssen, die eigentlich unstrittig sind, wie zum Beispiel das ungefähre Erdalter, die Evolution des Menschen ohne Seelen-Einhauchung, neurobiologische Erkenntnisse…

Fazit: Man kann mit religiösen Menschen nicht vernünftig reden. Von daher schlage ich vor, dass wir uns so lange über ihren Glauben lustig machen und ihre Macht einschränken, bis sie bescheiden genug geworden sind, mit Atheisten auf Augenhöhe zu sprechen. Dies erscheint notwendig, da ein enger Zusammenhang zwischen Demokratie und Persuasion und Totalitarismus und Agitation besteht. Dabei ist es die Agitation, mit der Leute wie Kardinal Meisner und Bischof Mixa ihre Zeit verbringen.

[Persuasionsmodell zitiert nach: Heiko Girnth (2002): Sprache und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die linguistische Analyse öffentlich-politischer Kommunikation. Tübingen (= Germanistische Arbeitshefte; Bd. 39). S. 19-20.]

4 Kommentare zu „Kann man Gläubige überzeugen?

  1. 1. A ist nicht nur subjektiv willens, sondern auch faktisch in der Lage, mit B als gleichberechtigtem Kommunikationspartner zu interagieren.

    Das haut leider schon einmal gar nicht hin. Selbst wenn ich einen moderaten Atheisten auftreibe, der subjektiv willens ist, mich als gleichberechtigten Kommunikationspartner anzunehmen, so ist er in der Regel faktisch davon überzeugt, sowieso alles besser zu wissen. Schließlich ist alles, was Gläubige von sich geben, nur der Indoktrination von Mami geschuldet. Alles sei nur Wunschdenken!

    2. A ist an einer argumentativ erzielten Verständigung (Konsens) mit B ernsthaft interessiert.

    Sind Atheisten ernsthaft interessiert daran, angesichts besserer Argumente der Gegenseite den Glauben zu versuchen? Warum gibt es dann noch Atheisten?

    3. A geht gegenüber B die Verpflichtung ein, die Entscheidung von B in jedem Fall zu respektieren und nicht durch persuasionsfremde Mittel zu beeinflussen.

    Das funktioniert sogar noch weniger als die ersten beiden Punkte. Irgendwann hat noch jeder Atheist Strohmänner gebaut, persönliche Angriffe vom Stapel gelassen, das “Hitler war Katholik!”-Argument zum tausendsten Mal wiederholt und hat versucht, den anderen persönlich zu verletzen.

    4. B ist in der Lage, sich mit den von A vorgebrachten Argumenten auseinanderzusetzen und sich gegebenenfalls überzeugen zu lassen.

    Bei Nicht-Fundamentalisten können wir davon ausgehen, dass sie in der Lage dazu sind. Ansonsten könnten wir uns Diskussionen ja gleich ersparen. Zum Glauben wird man aber nur durch Öffnung/Erfahrung kommen, durch logische Argumente allein wird man nur zum Schluß kommen, dass man letztlich weiss, dass man nichts weiss, und auch dass ist nicht sicher.

    5. B ist bereit, sich gegebenenfalls von den Argumenten des Kommunikationspartners überzeugen zu lassen.

    “Ich werde ab jetzt daran glauben, Gottes geliebte Schöpfung zu sein, weil deine Argumente superklasse sind.” Haben Sie das schon einmal gehört?

    6. B verpflichtet sich, gemäß seiner Überzeugung zu handeln.

    B wird sicherlich seiner Überzeugung gemäß zu handeln meinen – nach der Überzeugung, die er am Anfang des Gesprächs schon hatte.

    7. Die Proposition bezieht sich auf Sachverhalte, deren strittiger Charakter einen Dissens zwischen den Kommunikationspartnern zulässt.

    Logische und wissenschaftliche Gesetze gelten dabei als nicht strittig. Leider verstehen Atheisten religiöses Sprechen und überlieferte Texte oft nur als wissenschaftliche Abhandlung. Das heißt, Gläubige stehen vor dem Problem, dass sie Atheisten etwas nahebringen müssen, was sich nicht durch sprachliche Mittel vollständig erfassen lässt, da Gefühle/Erfahrungen nur erlebt, aber nicht in Buchstaben wiedergegeben werden können. Seeleneinhauchung wird von Atheisten z.B. als materieller Vorgang gedacht, der in das Schema bekannter Naturgesetze passen müsse.

    Fazit: Man kann mit atheistischen Menschen nicht vernünftig reden. Das sollte uns aber nicht dazu verführen, sie als Untermenschen zu behandeln, ihre Freiheit einzuschränken, ihnen die Würde abzusprechen oder sie arrogant/herablassend zu behandeln.

  2. „Alles sei nur Wunschdenken!“

    Da ist ein Konjunktiv zu viel.

    „Schließlich ist alles, was Gläubige von sich geben, nur der Indoktrination von Mami geschuldet.“

    Die allermeisten Gläubigen teilen die Religion ihrer Eltern. Das ist eine statistische Tatsache. In Deutschland gibt es zum Beispiel kaum Hinduisten, was einzig dem Mangel an hinduistischen Müttern zuzurechnen ist.

    „Warum gibt es dann noch Atheisten?“

    Weil Gläubige keine guten Argumente haben.

    „Zum Glauben wird man aber nur durch Öffnung/Erfahrung kommen“

    Gehirn abschalten und Gott einfach akzeptieren. So viel zu den guten Argumenten von Gläubigen.

    „Gefühle/Erfahrungen“

    Genau so ist es: Beim Glauben geht es einzig um Gefühle und subjektive Erfahrungen.

  3. Hachje, und das schöne Gefühl, dass wir immer beim Glauben haben. Achherrje und eididei. Da geht es dann anderen Menschen wohl anders.

    Und natürlich muss man daraus den logischen Schluss ziehen auf die reale Existenz des Übernatürlichen und muss andere damit belabern, dass dann auch als real anzusehen.

    @Motörfett:
    Satan wird kommen und Dich an den Haaren in die Hölle schleifen für die Verdrängung der Realität.

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