Wiedersehen mit Brideshead (2008)

Das hätte dem konservativen Katholiken Evelyn Waugh nicht gefallen: Sie haben einen religionskritischen Film aus seinem „besten Roman“ gemacht. Wo die armen Sünder im Buch an ihrem mangelnden Glauben leiden, bis sie endlich zu Gott zurückfinden, leiden die Protagonisten in der neuesten Verfilmung an ihrem Glauben und daran, dass sie ihn nie wirklich verlassen können.

Abgesehen natürlich vom dezidierten Atheisten (im Roman noch ein Agnostiker) und Hauptcharakter Charles Ryder. Er entkommt seinem gleichgültig-konservativen Vater und besucht die Oxford-Universität, wo er Sebastian Flyte kennenlernt, den jüngsten Sohn der Marchioness of Brideshead, aristokratische Matriarchin des Familienanwesens. Er entwickelt zu Sebastian ein homoerotisches Verhältnis. Der Film scheint suggerieren zu wollen, dass Sebastian homosexuell ist, was auf Charles eigentlich nicht zutrifft, der aber trotzdem nichts gegen ein gelegentliches Schmusen unter Männern einzuwenden hat.

Sebastians Mutter ist eine fundamentalistische Katholikin, die keinerlei Zweifel daran hat, wie die Welt aussehen muss. Ihr Sohn Sebastian leidet unter seiner Homosexualität. Einerseits, weil ihn seine Mutter überwachen lässt, andererseits, weil er selbst dem katholischen Glauben nicht entkommt und dementsprechend Schuldgefühle wegen seiner sexuellen Orientierung auf sich lädt. Er wird zum Trinker und möchte über Charles seiner Familie und seiner Religion entkommen. Dieser allerdings verliebt sich in Sebastians Schwester Julia, die zwar Glaubenszweifel hat und sich an einer Stelle „Heidin“ nennt, aber tatsächlich ihre Bindung an den ihr anerzogenen Katholizismus nicht überwinden kann. Sebastian verlässt schließlich das Land und findet endlich seine Ruhe, unbelässtigt von jeglichem Christentum.

Julias Zuneigung zu Charles wird offensichtlich motiviert von sexueller Begierde. Sobald sie diese bei einem Kuss mit Charles in Venedig erstmals empfindet, beichtet sie sofort ihre garstige Wollust in einer nahen Kapelle. Spätestens an dieser Stelle hätte ich an Charles Stelle schon gar nichts mehr von Julia wissen wollen, doch Charles Liebe treibt ihn weiter. Es gelingt ihm sogar, sie zur Scheidung zu bewegen, doch macht er sogleich den großen Fehler, sie nach Brideshead zurückzubringen. Charles empfindet das Anwesen Brideshead als „schönsten Ort der Welt“, für die dort beheimatete Familie ist es jedoch ein Gefängnis, ein Gefängnis des Glaubens.

Gerade als Charles das Anwesen mit Julia verlassen will, wird ihr Vater Alexander dorthin gebracht. Er ist schwer krank und möchte im Kreise der Familie sterben. Da er selbst nicht an Gott glaubt, lehnt er den Priester ab, den ihm seine Familie aufzwängen will. Im Gespräch mit Charles macht er sich jedoch schwere Vorwürfe, dass er seine Kinder so sehr im Stich gelassen hat und dass er seiner hyperkatholischen Frau alle Entscheidungen treffen ließ. Um diese „Sünden“ zu bereuen, und um seinen Kindern nun einen Gefallen zu tun, konvertiert er mit den letzten Atemzügen doch noch zum Katholizismus. Julias Rückkehr nach Brideshead und der Tod ihres Vaters haben ihr Schicksal besiegelt: Sie verlässt Charles und bleibt ihrem Glauben treu.

Gegen Ende des Films kehrt Charles als Soldat nach Brideshead zurück, das inzwischen von der Familie verlassen wurde und als Militärstützpunkt dient. Als er dort in der Kapelle eine Kerze brennen lässt und davor zurückschreckt, sie auszulöschen, hatte ich schon befürchtet, er würde nun auch noch konvertieren (wie im Roman). Doch ändert die Kerze in diesem Moment ihre symbolische Bedeutung. Sie steht für das Andenken an die Familie Flyte und dient gleichsam als Warnung vor den tragischen Konsequenzen des religiösen Glaubens. Jedenfalls hoffe ich das, andernfalls werde ich dem Regisseur bei nächster Gelegenheit eins reinwürgen.

Fazit: Wer ausnahmsweise mal einen guten Film ertragen kann, der möge sich Wiedersehen mit Brideshead ansehen. Die deutsche DVD erscheint am 16. April.

Und danke an Edgar Dahl für den Filmtipp!