Privater Glaube?

Don Addis über Religion und Krieg

Religion sei keine Privatsache, meint Bundestagsvizepräsident Wolfang Thierse. In gewisser Hinsicht hat er sogar recht: Die Religion kann ihre Hände einfach nicht von der Politik lassen. Es widerspricht ihrem innersten Wesen. Also muss sie verschwinden.

Ich habe in zwei länger zurückliegenden Essays argumentiert, dass Religion faktisch keine Privatsache ist und niemals sein wird. Hier sind die relevanten Auszüge aus diesen Essays zum Thema:

Wenn Menschen nur „privat“ glauben

Viele Atheisten meinen, dass wir in einer Art paradiesischem Zustand leben würden, wenn doch nur der Glaube „Privatsache“ wäre. Was gedacht war, um Konfessionskriege zu verhindern, wurde umlängst zum Gipfel aller Weisheit erklärt. In Hinblick auf die Gesetzgebung wäre das Ziel „Privatglaube“ zwar erstrebenswert, aber die Aufklärung begnügt sich nicht damit! Das Ziel der Aufklärung ist die Bekämpfung jeglichen Aberglaubens, „Ecrazez l’infame“ nach Voltaire, sowie die Etablierung einer kritisch denkenden Gesellschaft. Es scheint fast so, als würde man stattdessen annehmen, dass der Glaube in seiner „Privatsache“-Variante gar nichts mehr anrichten würde. Als befände er sich dann wohlbehütet in den versiegelten Gummizellen gläubiger Gehirne.

Wer „nur“ in seinem Gehirn glaubt, dass Homosexualität eine Krankheit ist, wird ein solcher Mensch diesen Glauben einfach da drinnen konservieren wie den Wurm in einer Tequila-Flasche? Oder wird er Homosexuelle auch herablassend behandeln? Wer „nur als Privatsache“ glaubt, dass Frauen minderwertig sind und dass der Mann über sie herrschen solle, wird er seine Frau nicht tatsächlich halten wie ein Nutztier? Mag wohl sein, dass manche Frau selbst so verblendet ist, sich das gefallen zu lassen. Gesetze werden damit also nicht unbedingt gebrochen. Aber ist das erstrebenswert aus der Sicht der Aufklärung?

Wenn es um den Nationalsozialismus geht, scheint das „aufgeklärte Bürgertum“ nicht der Meinung zu sein, dass man so etwas nur in seinem Kopf glauben kann. Sie sprechen sich offen und deutlich dagegen aus, gehen sogar so weit, rechte Demonstrationen zu verbieten und begeben sich damit selbst an die Grenzen des Rechtsstaats. Doch alle anderen Irrationalitäten haben Narrenfreiheit. So lange sie nur „Privatsache“ sind, ist alles in Butter. Wir wollen es ja nicht Gottes Schafen gleichtun und missionierend durch die Straßen ziehen, nur um den armen Menschen ihren „Glauben zu nehmen“.

Alleine diese Formulierungen beweisen, dass religiöser Neusprech schon in den Reihen der Ungläubigen angekommen ist. Aufklärer missionieren nicht, sie ent-missionieren. Es ist nicht unsere Aufgabe, den wenigen Menschen, die ihn wirklich brauchen, „ihren Glauben zu nehmen“, aber es ist seit 250 Jahren sehr wohl unsere Aufgabe, die Mehrheit von ihrem Glauben zu befreien und ihren Blick auf die Realität zu schärfen. Hätten die Aufklärer des 18. Jahrhunderts auch diese weichgespülte Haltung vertreten, dann hätte die Enzyklopädie niemals das Licht in die Welt getragen. Sie wäre ihnen viel zu missionarisch vorgekommen. Und Menschenrechte gäbe es auch keine.

Der halbierte Verstand

Es ist in jeder Hinsicht seltsam, wie man in Deutschland mit diesem Thema umgeht: Man redet über Religion, als ginge es um Hämorrhoiden im Genitalbereich.

Bei einem Vortrag über die Bibel als Literatur in meiner Universität stellte ein Student dem Dozenten sinngemäß die folgende Frage: „Ich hoffe, es ist kein zu persönliches Thema, Sie müssen das auch nicht beantworten, aber ich habe mich gefragt, ob Ihre Erkenntisse in der Bibelforschung ihren Glauben verändert haben. Kann man denn noch seinen Glauben leben, wenn man weiß, dass die Bibel auf alten Mythen basiert?“

An sich eine gute Frage, aber was ist daran persönlich? Sollte ein Wissenschaftler seine „persönlichen“ Glaubensvorstellungen nicht dem Forschungsstand anpassen? Nehmen wir einmal an, es ginge um ein anderes Thema, etwa Phränologie. Diese Pseudowissenschaft (sie hatte berühmte Anhänger wie E.A. Poe) ging davon aus, dass man den Charakter eines Menschen an seiner Schädelform ablesen könne.

Stellen Sie sich vor, dass ein Student einen Neuropsychologen nach dessen Vortrag über die Unwissenschaftlichkeit der Phränologie das folgende fragt: „Ich hoffe, es ist kein zu persönliches Thema, Sie müssen das auch nicht beantworten, aber ich habe mich gefragt, ob Ihre Erkenntnisse in der Hirnforschung ihren Glauben an die Phränologie verändert haben. Kann man denn noch seinen Glauben leben, dass man den Charakter eines Menschen an seiner Schädelform ablesen kann, wenn man weiß, dass er auf alten Mythen basiert?“

Wer als Wissenschaftler glaubt, die Phränologie (oder die Religion) sei unwissenschaftlich, aber privat glaubt, sie wäre stichhaltig, der sollte zum Psychiater gehen, denn es besteht die Gefahr, dass er an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet (vielleicht geht man in der empirischen Psychologie fälschlicherweise davon aus, dass so etwas gar nicht existiert?). So bedauerlich dieser mentale Defekt auch sein mag, aber sollte man für die Zweiteilung seines Verstandes mit besonderem Respekt belohnt werden oder mit professioneller Hilfe?