Ferien im Höllenschlund

James Wood über das „Problem des Bösen“…

Nietzsche sagte, wenn ein Mensch sein Ohr an die Herzkammer des Weltwillens lege, um den donnernden Strom des Daseins zu hören, die „zahllosen Lust- und Weherufe“, dann würde er sicher in Stücke zerbrechen. Aber eine Zeitung, die ihren Tintenfluss der Verzweiflung hinaus pumpt, könnte hierfür ebenso dienen.

An einem einzigen Tag, Donnerstag dem 15. Mai, enthielt die Times das Folgende: Der Leitartikel handelte vom Erdbeben in China, das nun schätzungsweise mehr als 50 000 Menschen tötete. Er trug den Titel „Kleine Körper im Leichenschauhaus und unaussprechliche Trauer in China“ und wurde begleitet von einem Foto zweier Eltern, die neben ihrem toten Kind saßen. Eine Meldung über den neuesten Wirbelsturm in Myanmar schätzte die Zahl der Toten auf 68 833 bis zu 127 990. Der Journalist erwähnte einen 27-jährigen Mann namens Zaw Ayea, der den Körper seiner Schwester fand, seine Mutter und seine beiden jüngeren Brüder werden vermisst. Er kann nicht sprechen: „Er starrt mit einem seltsam gelassenen Gesichtsausdruck vor sich hin. Seine Freunde sagen, dass er seit dem Wirbelsturm an einem Schock leidet.“

Einen Großteil unseres Lebens verbringen wir mit der Weigerung, unser Ohr an die Herzkammer des Weltwillens zu legen, aus Furcht, dass wir nicht an den „Weherufen von der anderen Seite des Schweigens“ sterben. Man sieht es schon fast als hinterhältig an, die Flagge des allgemeinen Leidens in die Gesichter anderer Menschen wehen zu lassen, wie es Dostojewski wiederholt in seinen Romanen tut, am eindrucksvollsten in „Die Gebrüder Karamasow“, wo der rebellische Ivan seinen strenggläubigen Bruder Alyosha mit einer Liste von Herabwürdigungen konfrontiert, von denen Dostojewski einige aus wahren Begebenheiten übernahm – türkische Soldaten, die vor den Augen der Mütter Babies auf Bayonetten aufspießen, Eltern, die ihre fünfjährige Tochter für Bettnässerei bestrafen, indem sie sie die ganze Nacht lang in ein eiskaltes Klohäuschen einsperren und ihr Gesicht mit Exkrementen einschmieren.

Für die wenigen Glücklichen gibt es Grund zur Hoffnung, dass das Leben eine Angelegenheit ausgeglichen verteilten Leids sein wird: Strenge Eltern vielleicht, einige Demütigungen in der Schule, ein oder zwei Liebesaffären, die fehlschlagen, vielleicht eine zerbrochene Ehe. Unsere Eltern werden sterben und weiter entfernt, idealerweise verschoben, wird unser eigenes, ruhiges Ableben folgen. Viel Leid für ein Leben, gewiss, aber die meisten von uns nähren sich von der plausiblen Erwartung, dass das Schicksal um diesen persönlichen Teil einen Kreis ziehen wird und dass das wirklich Unerträgliche – Mord, Vergewaltigung, tote Kinder, Folter, Krieg – außerhalb der Absperrkette bleiben wird. Norman Rush nennt dies in seinem Roman „Sterbliche“ den „Höllenschlund“: „Das Öffnen des Höllenschlunds direkt vor dir, ohne Warnung, ohne eigene Schuld.“ Ohne Warnung und doch stets gefürchtet. Hiob, den Gott in den Höllenschlund steckt, um ihn zu testen, kannte das Paradoxon: „Denn das, was ich sehr fürchtete, ist mir zugestoßen und das, vor dem ich Angst hatte, hat mich heimgesucht.“

Theologen und Philosophen sprechen über das „Problem des Bösen“ und dieser klinisch reine Satz zeugt bereits selbst von einer gewissen Distanz zu äußerstem Leid, von einer Sicht des Lebens aus der Innenperspektive des magischen Kreises. Sie reden vom klassischen Problem, die Existenz von Leid und Ungerechtigkeit mit dem Glauben an einen Gott zu vereinbaren, der uns erschaffen hat, der uns liebt und der im Sinne der göttlichen Vorsehung die Welt lenkt. Der Begriff für diese Rechtfertigung lautet „Theodizee“, was heutzutage wie eine sehr altmodische Übung klingt, die entblößte Schraube der theologischen Scholastik immer weiter herum und herum zu drehen. Dennoch müssten, insofern die Umfragen der Wahrheit entsprechen, 80% der Amerikaner noch immer mit solchen Antiquiertheiten beschäftigt sein. Die Union Universität in Jackson, Tennessee, könnte von Intensivklassen in Theodizee profitieren. „Gott beschützt diesen Campus“, sagte einer der Studenten, weil niemand aufgrund der Tornados umkam, die Teile von Tennessee am 5. Februar verwüsteten. Da gewöhnliche Tennessianer in dieser Nacht getötet wurden, besteht die Logik eines solchen Schamanismus darin, dass Gott diese Unglücklichen entweder nicht von etwas beschützen konnte oder wollte, was der Gouverneur des Staates einmal als „den Zorn Gottes“ bezeichnet hatte.

So antiquiert und abstrakt sie auch sein mag, so hat das Nachdenken über die Theodizee doch noch immer die Macht, Leben zu verändern. Ich weiß das, weil ich auf diese Weise begann, mich von der geradezu asketischen christlichen Umwelt, in der ich aufwuchs, zu trennen. Ich erinnere mich an den Tag in meiner späten Jugend, an dem ich in der Mitte eines Stück Papiers eine Linie zeichnete und meine Gründe für den Glauben an Gott auf die eine Seite und meine Gründe gegen den Glauben an Gott auf die andere Seite schrieb. Ich erinnere mich nicht mehr an die Reihenfolge meiner Negativpunkte, aber die Zwecklosigkeit des Betens stand sicherlich ganz oben. Man machte überprüfbare Versprechen (wenn du Glauben hast, kannst du einen Berg versetzen), aber man hielt sie nicht (der Berg bleibt nicht nur stehen, sondern bricht auf einmal aus und verschlingt einige Dörfer). In meiner Jugend starben zwei Mitglieder der Gemeinde meiner Eltern, trotz der Gebete, die man für sie sprach, an Krebs. Wenn ich die Gemeindemitglieder betrachtete, wie sie auf den Auflagen knieten und mit ihren Köpfen die hölzernen Bankreihen berührten, dann kam es mir so vor, als ob sie im wörtlichen Sinne ihre Köpfe gegen eine offensichtliche Unmöglichkeit stemmten. Und das war Jahre bevor ich Samuel Butler’s Bild für die Zwecklosigkeit von Gebeten in seinem Roman „Der Weg allen Fleisches“ entdeckte – die Biene, die sich in ein Wohnzimmer verirrt und dort immer wieder gegen eine bemalte Tapete stößt, während sie versucht, aus den gezeichneten Rosen Nektar zu extrahieren.

(via hpd.de)