Religionswissenschaftler untersuchen Neuen Atheismus

Dawkins, Harris, DennettIn einem von der deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekt wollen Religionswissenschaftler den Neuen Atheismus untersuchen. Bislang bin ich keineswegs angetan von dem Vorhaben.

Mit Religionswissenschaftlern hatte ich bislang keine guten Erfahrungen. Vor allem bei den Auseinandersetzungen, die ich und andere atheistische Blogger, darunter gestandene Philosophen wie Dr. Edgar Dahl, mit dem Religionswissenschaftler Michael Blume hatten, wurde klar, dass dieses Fachgebiet weit davon entfernt ist, in irgendeiner Weise neutral gegenüber seinem Forschungsgegenstand zu sein. Im Gegenteil wird es stark von religiösen Menschen beherrscht, die ein Interesse daran haben, die angebliche Natürlichkeit und Nützlichkeit der Religion nachzuweisen. Herr Blume hat atheistische Kritiker einfach kurzerhand von seinem Blog verbannt, weil ihm die wissenschaftlichen Gegenargumente nicht gepasst haben.

Überhaupt ist es ein Witz, wenn wissenschaftlicherseits behauptet wird, neutral gegenüber der Religion zu sein, ist die Religion doch dezidiert antiwissenschaftlich, sind Wissenschaft und Religion doch Gegenpole. Eine neutrale, wissenschaftliche Untersuchung der Religion würde wahrlich kein gutes Haar an ihr lassen. In religionswissenschaftlichen Publikationen klingt das aber oft ganz anders.

Der Grund, warum ich von diesem Projekt nicht angetan bin, liegt vor allem darin, dass bei der bisherigen Recherche gepfuscht wurde. So wird auf der Website des Projekts der Neue Atheismus synonym als „brights movement“ bezeichnet, was 1. lächerlich und 2. sachlich falsch ist. Lächerlich ist es, weil es die Brights Bewegung auch in Deutschland gibt (ich werde es wissen, da ich sie hier mitbegründet habe), und man sie daher nicht „movement“ nennen müsste, sondern sie einfach „Bewegung“ nennen könnte (wozu unnötige Anglizismen? Es sei denn, die Verantwortlichen wissen gar nicht, dass es die Brights hier auch gibt!).

Weitaus schwerwiegender ist aber der zweite Punkt: Die Brights haben im Gegenteil zu den Neuen Atheisten einen dezidierten Nichtangriffspakt mit der Religion geschlossen. Die Brights sind von ihrem Konzept her eben gerade nicht religionskritisch, sondern es handelt sich um eine basisdemokratische Bürgerrechtsorganisation für Naturalisten, die in mehreren Projekten mit Religiösen zusammenarbeitet. Das habe ich jahrelang gepredigt, bis ich bei den Brights ausgestiegen bin und das steht auch in den offiziellen Prinzipien, die ich damals von der US-Website übersetzt hatte:

„Die Brights-Bewegung ist vom Prinzip her keine anti-religiöse Kraft in der Gesellschaft.“

Offenbar ist es noch immer nicht deutlich genug für unsere Religionswissenschaftler. Schließlich sind sie problemlos in der Lage, die Brights mit den Neuen Atheisten gleichzusetzen.

Die Hauptziele kenne ich inzwischen fast so gut, als wären es religiöse Gebote:

Die drei Hauptziele der Bewegung sind:

* Das Verständnis und die gesellschaftliche Anerkennung des naturalistischen Weltbilds, das frei von übernatürlichen und mystischen Elementen ist, zu fördern.

* Die öffentliche Aufmerksamkeit darauf zu richten, dass Personen mit einem solchen Weltbild wichtige gesellschaftliche Entscheidungen mit positiven Aktionen beeinflussen können.

* Die Gesellschaft dazu zu bewegen, dass sie die vollständige und gleichberechtigte Teilhabe solcher Individuen an der Gesellschaft akzeptiert.

Wo, bitteschön, steht da etwas von Religionskritik und Atheismus!?

Ebenfalls bananig finde ich die Linkliste zum Neuen Atheismus. Dort wird Richard Dawkins als „Produzent“ der Dokus „The Root of All Evil?“ und „The Enemies of Reason“ bezeichnet, obwohl er das nicht ist. Vielmehr wurden die Dokus vom britischen Channel 4 produziert und finanziert. Dawkins moderierte sie lediglich. Schwerwiegender ist die Bezeichnung von Dawkins als „Inhaber des „Charles Simonyi Chair in the Public Understanding of Science an der University of Oxford“, was er schon seit Monaten nicht mehr ist! Dies kann man auf der dort verlinken Website auch nachlesen: „Professor Richard Dawkins was the first holder of the Charles Simonyi Chair in the Public Understanding of Science at the University of Oxford.“

Dan Barker und Richard Carrier kann man zwar, wenn man darauf besteht, zu den Neuen Atheisten zählen (ich bin sicherlich ein Fan von Carrier), viel wichtiger und einflussreicher sind allerdings Ayaan Hirsi Ali, P.Z. Myers, Johann Hari und A.C. Grayling. Dies wird kaum einer bestreiten, der sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Unsere Religionswissenschaftler bestreiten es leider schon.

Noch absonderlicher ist die Auflistung der Gegner des Neuen Atheismus, zu denen unbedingt die Literaturwissenschaftler (Schande über sie!) Terry Eagleton und Stanley Fish gehören. Unerlässlich wäre auch Chris Hedges gewesen. Stattdessen listet man eine Reihe unwichtiger Apologeten auf, deren Bücher so absolut doof sind, dass sie nicht einmal von ihren Autoren ernst genommen werden (hoffe ich mal).

Dass meine Reihe über die Neuen Atheisten beim Humanistischen Pressedienst nicht verlinkt wird, ist verständlich, weil sie eine geringere Breitenwirkung hat als die Berichte in den Mainstream-Medien. Allerdings sehen unsere Religionswissenschaftler nicht nur von einer Verlinkung ab, sondern sie haben offensichtlich keine Ahnung, dass diese Reihe, die als erster Treffer auftaucht, wenn man bei google „Neue Atheisten“ eintippt, überhaupt existiert! Andernfalls hätten sie die oben genannten, teils schwerwiegenden Fehler, schließlich nicht gemacht. Und dass sie bei google nicht einmal das neue Phänomen eintippen, das sie erforschen wollen, zeugt dann schon von einer beeindruckenden Kompetenz.

Nein danke, liebe DFG, da erforschen wir uns doch lieber selbst.

3 Kommentare zu „Religionswissenschaftler untersuchen Neuen Atheismus

  1. Der Begriff „Religionswissenschaftler“ schockiert mich ja immer – wie ungeniert man doch solch absolut gegensätzliche Begriffe zusammensetzen kann…

  2. Naja, es gibt immerhin noch ein paar mehr Religionswissenschaftler als Michael Blume. Dennett und Carrier sind ja selbst auch eher Religionswissenschaftler bzw. -historiker. Gerade bei letzterem wäre ich aber auch nicht darauf gekommen, ihn unter den Neuen Atheisten einzureihen.

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