Der richtige Biss

"Humanist" (Cover des New Humanist)Frieder Otto Wolf hat jüngst eine Positionsbestimmung des Humanistischen Verbandes verfasst. Sie ist in vielerlei Hinsicht erstaunlich, positioniert man sich doch in gezielter Abgrenzung von den Neuen Atheisten, die man gleichzeitig für unwichtig erklärt. Das erinnert an die South-Park-Folge über Richard Dawkins, in der sich verfeindete Atheistengruppen in einer gottfreien Zukunft bekämpfen.

Die Realität sieht gewiss ein wenig anders aus, so gibt es tatsächlich relevante Unterschiede zwischen den atheistischen Strömungen, die weit über die Frage der Lilliputaner aus Gullivers Reisen, an welchem Ende man das Ei aufbrechen solle, hinausgehen. Offenbar werden wir damit leben müssen, dass es nun zwei atheistische Konfessionen gibt, so zuckersüß unseren Gegnern diese Vorstellung auch auf der Zunge liegen mag.

In diesem Bild spielt der HVD die Rolle des Vatikans und die Neuen Atheisten jene der Protestanten. Der HVD ist eine gesellschaftliche Institution mit offenbar recht klaren Vorstellungen, wie der Laden zu laufen hat und die Neuen Atheisten sind vergleichsweise ein Chaotenhaufen, der gerne „die da oben“ ärgert, der allerdings auch sehr gute Gründe hat, dies zu tun. Um diese Rolle gut zu spielen, hat der HVD gleich ein paar Begriffe besetzt, die er auch gerne behalten kann, jedenfalls, was mich betrifft:

„Strategische Option“, „Bekenntnis-Humanismus“, „praktischer Humanismus, der die Menschen erfasst und wärmt“, „Bündnispartner“, „hegemonial“, „antihumanes Bündnis“, „islamophobische Propaganda“, „gemeinsame Kultur der Menschheit“ (?), „Humanistik“, „antihumane Polarisierungen“, „atheistischer Fundamentalismus“, „Propagierung der Gottlosigkeit“, „atheistische Rechtsradikale“, „Spaßguerilla“, „säkulare Szientisten“, „Feindbestimmung“ und schließlich „Humanismus“, denn wenn das, was der HVD hier betreibt, „Humanismus“ sein soll, dann bin ich kein Humanist und will auch nichts mehr davon hören.

Der Humanismus des Tages ist offenbar ein organisiertes Gutmenschentum, das meint, es sei besser als der Rest der Welt, vor allem natürlich als diese bösen Krawallatheisten, die sich noch immer im philosophischen Schlamm des 18. Jahrhunderts suhlen und solchen obskuren Ideologien wie der „Wissenschaft“ anhängen, die ja schon so viele Verbrechen heraufbeschworen hat. Darum möchte ich im folgenden auch anderen Atheisten nahelegen, sich nicht mehr als „Humanisten“ zu bezeichnen, selbst wenn ich dabei auf diese garstige „Wissenschaft“ zurückgreifen muss.

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15 Kommentare zu „Der richtige Biss

  1. Mal eine (oder mehrere) doofe Frage:

    Was genau ist ein neuer Atheist?
    Was ist der Unterschied zum alten, oder nichtmehr ganz so neuen Atheisten?
    Wozu überhaupt muss Atheismus neu, alt, humanistisch oder sontwie sein? Würde es nicht einfach reichen es doof zu finden an irgendwelche übernatürlichen was auch immer zu glauben um ein Atheist zu sein?

  2. Kommt darauf an, was man damit erreichen will. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es genügt, Religion nur doof zu finden, so lange sie noch akzeptiert wird und überall Schaden anrichtet.

    Die Neuen Atheisten (mindestens Richard Dawkins, Christopher Hitchens, Sam Harris) argumentieren öffentlich gegen die Religion und verteidigen die Werte der Aufklärung.

    Was die alten Atheisten sind, kannst du am HVD erkennen.

  3. Hallo Andreas,

    ich bin der Autor des auch von Dir angesprochenen Artikels „Humanismus mit Biss“ (im BrightsBlog unter einem etwas boshafteren Titel erschienen) – und möchte Dich gern auf die Diskussion mit FOW in den Kommentaren meiner Seite hinweisen http://tinyurl.com/pgl67l.

    Nic

  4. Auf Nics Blog hat Frieder Otto Wolf sogar selbst geantwortet, nicht, dass mich irgendwas davon überzeugen würde, er seine Meinung klarifiziert oder sonst etwas Brauchbares gesagt hätte. Trotzdem: Jeder ist eingeladen, dort mal vorbeizuschauen.

    Er sagt zum Beispiel:
    „Ich meine keineswegs, dass die Unterstützer der Buskampagne rechtsradikal sind – was mir wichtig ist, ist nur dass ihre Message keine Abgrenzung von den Rechtsradikalen enthält“

    Ja, das ist schon klar. Nur: Warum sollte die Buskampagne eine solche Abgrenzung, und in welcher Form und von wem konkret, benötigen? Und wer sind denn nun genau genommen diese zahlreichen, rechtsradikalen Atheisten?

    Überhaupt redet er die ganze Zeit vom Atheismus, als wäre das eine Ideologie. Atheismus ist einfach der natürliche Zustand des Menschen, ein Zustand, in dem er nicht an Gott glaubt. Mehr bedeutet das Wort einfach nicht.

  5. Dem zufolge, was ich bisher über die Neuen Atheisten gelesen habe, sollten sie sich eher Anti-Theisten oder (Gott vergebe mir XD) Antichristen nennen. Oder habe ich mal wieder was falsch verstanden? ^^

  6. Nein, das stimmt. Christopher Hitchens nennt sich auch „Antitheist“, die Tugend hab ich glatt übernommen.

  7. Zugegeben: Die Gerichte der Neuen Atheisten sind nach meinem Geschmack manchmal etwas zu scharf gewürzt. Aber der seltsam-absurde Bekenntnisbrei, den Frieder Otto Wolf uns hier aufgetischt hat, verursacht Übelkeit und Erbrechen. Die Antwort auf dem hpd hat genau “den richtigen Biss”. Für diesen Text und auch all die anderen, die ich in den vergangenen Monaten gelesen habe, herzlichen Dank!

  8. Also Antitheist ist das bessere Wort als Antichrist, weil normalerweise will man ja, dass einen alle Anderen mit ihrem übernatürlichen was auch immer in frieden lassen. Als antichrist würde man nur Leuten, die einen mit Christus belästigen mitteilen, dass sie eines mit der Tröte drüber kriegen können, aber Zeus, Thor, Allah und Shiva wären in Ordung (um nur einige zu nennen). Beim Antitheiste können alle eines mit der Tröte kriegen.

    P. S.
    Jetzt gehe ich essen kochen und da auch Rechtsradikale essen distanziere ich mich ausdrücklich von allen essenden Rechtsradikalen.

  9. Pingback: Nics BlogHaus
  10. „Der HVD spricht von ‚Feindbestimmung‘ und von ‚feindlichen Kräften‘.“

    ‚feindliche negative Kräften‘ waren in der DDR permanent am Werk und haben das Arbeiter und Bauer Paradies schwer beschäftigt. Einige SED Bonzen im HVD können ihren Jargon halt nicht ablegen.

  11. Sorry Frank,
    aber das war ein verbaler Tiefschlag, der hier IMHO fehl am Platze ist. Solche Sprüche passen besser auf die Seiten der CDU oder der Birthler-Behörde, die in diese Tute blasen.

  12. Insgesamt wirkte Herrn Wolfs Beitrag extrem harmoniesüchtig, eine Art unterwürfiger, sklavischer vorauseilend kuschender Anbiederei, mit der ich wirklich gar nicht kann.
    Vermutlich ein starker Schub von Onkel Tomeritis.

      1. Mit „Onkel Tomeritis“ meinte ich Frieder Otto Wolf und den von mir so wahrgenommenen Unterton seines Beitrags: „Schaut liebe moderate Christen, wir sind ganz harmlos und wir sagen, denken, zeigen ganz bestimmt auch nicht das kleinste bischen, was bei Euch auch nur das geringste bischen anstoßen könnte.“

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