Jüdisch-christlicher Wertequark

Jüdisch-christlicher MuslimWenn ich nichts Dummes mehr hören will, sollte ich wohl der Universität fernbleiben. Leider habe ich das heute mal wieder nicht getan und wurde Zeuge und Beteiligter an einer Debatte über die „jüdisch-christlichen Werte des Abendlandes“, denen „doch wohl niemand widersprechen kann“.

Falls Sie in Bayern einen ganzen Hörsaal in trauter Einigkeit erleben möchten, müssen Sie nur „unser jüdisch-christliches Erbe“ ansprechen. Nicht in einem Theologieseminar, wohlgemerkt, sondern auch, wie in diesem Fall, in den germanistischen Sprachwissenschaften. Die Frage lautete, ob das „christliche Menschenbild“ ein Miranda sei oder nicht. „Miranda“ ist ein Fachbegriff für gruppenübergreifend positiv konnotierte Symbolwörter oder Schlagwörter aus der Ideologiesprache.

Mit anderen Worten: Es geht um weltanschauliche Begriffe, welche die absolute Mehrheit einer Gesellschaft für positiv hält. In diese Kategorie gehören in Deutschland  „Freiheit“, Gleichheit“, „Toleranz“ und (wahrscheinlich) „soziale Gerechtigkeit“. Angeblich nun auch das „christliche Menschenbild“ und unsere „jüdisch-christlichen Werte“. Dies könne „doch wohl niemand bezweifeln“ sagte sogar ein Kommilitone unter allgemeiner Zustimmung. Natürlich sind das vielleicht tatsächlich Miranda, auch wenn mir das nicht passen würde. Glaube ich aber bei einem Drittel Konfessionsloser in Deutschland nicht. Wirklich schlimm fand ich allerdings, dass alle meiner Kommilitonen dieses jüdisch-christliche Zeug für überaus positiv hielten (selbst wenn sie mit Dogmen und Kirche nichts anfangen konnten)!

Interessanterweise habe ich etwas über den gewaltigen Einfluss der „jüdisch-christlichen Werte“  in den Literaturwissenschaften, deren Professoren sich offenbar weitaus besser in der Ideengeschichte auskennen, noch niemals vernehmen müssen. Nun denn: Selbstverständlich habe ich dies bezweifelt, was doch niemand bezweifeln könne, und zusätzlich auf die „extreme Abneigung“ aufmerksam gemacht, die Parteien bei mir auslösen, die mit dem „jüdisch-christlichen“ Wertepaket für sich werben. In der Tat würde ich niemals ein Individuum wählen, das es auch nur ansatzweise wagt, den Begriff „jüdisch-christliches“ Irgendwas in den Mund zu nehmen. Zumindest ein Unwohlsein dürften die meisten Konfessionslosen empfinden bei einem solchen Begriff aus Politikermündern.

Jüdisch-schmüdisch!

Zunächst einmal deshalb, weil Christen auf die „Gottesmörder“ jahrtausendelang nicht gut zu sprechen waren. Die „jüdisch-christliche“ Begriffsallianz ist einzig ein Ergebnis der vorgeblichen Political Correctness der letzten paar Jährchen. Vorgeblich, weil hier 1. alle anderen Gruppen ausgeschlossen werden (etwa Atheisten) und 2. weil dieser Begriff weder politisch korrektisch noch sonstwie Sinn ergibt. Das Christentum war zwar eine jüdische Sekte, hat sich dann aber bei durchaus relevanten Unterschieden vom Judentum abgetrennt. Das Alte Testament ist für die meisten Christen nur, obwohl Jesus eigentlich etwas anderes sagte, das Vorwort und die Ankündigung zum Neuen Testament. Ein „jüdisch-christlich“ existiert überhaupt nicht.

Was ist mit Antike, Renaissance und Aufklärung?

Aber egal. Das eigentliche Problem besteht darin, dass unsere Kultur eben gerade nicht auf jüdisch-christlichen Werten basiert, sondern überwiegend auf den Werten der Aufklärung, darunter vor allem Toleranz, Selbstbestimmung und Menschenrechte. John Locke spielte die Hauptrolle bei der Begründung dieser modernen Werte, andere Aufklärungsphilosophen wie Thomas Paine („Die Rechte des Menschen“) und Thomas Jefferson (Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung) haben diese Werte sinnvoll ergänzt. Die Gewaltenteilung unserer Demokratie geht bekanntlich auf den Aufklärungsphilosophen Baron de Montesquieu zurück. Die Menschenrechte finden ihren Ursprung über den Umweg des Naturrechts, begründet durch den Philosophen Hugo Grotius, bei John Locke und wurden von Thomas Paine weiterentwickelt und von Thomas Jefferson erstmals in ein politisches Dokument aufgenommen (Unabhängigkeitserklärung). Wichtig ist auch der französische Aufklärer Marquis de la Lafayette, der schon sehr früh die Gleichberechtigung von Frauen einforderte. Gesetzlich verankert wurden die Reformen in Frankreich übrigens unter der Terrorherrschaft von Robespierre, ein gerne verschwiegenes Detail.

Durchgesetzt wurden die Werte der Moderne in mehreren Kriegen zwischen den Mächten des Ancien Régime und den Vertretern der Aufklärung. Am bekanntesten sind der amerikanische Unabhhängigkeitskrieg gegen das monarchistische England und die französische Revolution. Die herrschenden Klerikalfaschisten jener Tage hatten nämlich keineswegs vor, ein solches Unding wie die Menschenrechte zu akzeptieren. Der Vatikan erkennt sie heute noch nicht an.

Dieser Einwand wurde sogar zum Teil akzeptiert, dann allerdings stellte man allgemein fest, dass das, was die Kirche aus dem Christentum gemacht habe, ja nichts damit zu tun habe, was in der Bibel steht. Da ich ziemlich gut weiß, was in der Bibel steht, fühlte ich mich genötigt, meinen christlichen Gesprächspartner zu bitten, das Ding doch vielleicht auch einmal zu lesen. Dann würde er nämlich feststellen, dass die Bibel explizit die Sklaverei legitimiert. Daraufhin warnte er mich mit dem Ausspruch „Vorsicht!“ vor weiterer Heiliges-Buch-Kritik, als würden mich seine religiösen Gefühle irgendwie kümmern (welch absurder Gedanke!). Man könnte auch noch darauf hinweisen, dass die Bibel dazu aufruft, allerlei Völker auf Gottes Anordnung hin auszurotten, dass sie von uns verlangt, Ehebrecherinnen, Homosexuelle, ungehorsame Kinder und Leute, die am Sabbat Stöcke sammeln, öffentlich zu steinigen. Jesus selbst bittet im Lukasevangelium darum, man möge doch all jene, die nicht an ihn glauben, vor ihm niedermetzeln.

Jene barbarische Groteske namens „Die Bibel“ ist nicht einmal die ethische Grundlage von sogenannten „Christen“ (die ihre ungehorsamen Kinder höchstens schlagen, sie aber nicht steinigen), wie könnte sie dann die ethische Grundlage der modernen Zivilisation sein?

Liebe deinen Nächsten oder fahr zur Hölle!

Natürlich musste der Quatsch mit der „Nächstenliebe“ wieder aufkommen. Die Nächstenliebe ist, bitteschön, nicht das säkulare Konzept, das wir heute überwiegend darunter verstehen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist vielmehr ein Befehl Gottes, der uns dazu auffordert, bestimmte Emotionen gegenüber anderen Mitgliedern der selben Sekte zu empfinden, um nicht in die Hölle zu fahren. So jedenfalls war das ursprünglich gedacht (und offensichtlich ist es absurd, jemandem zu befehlen, dass er etwas Bestimmtes empfinden soll!). Doch selbst wenn man „Nächstenliebe“ säkular versteht, halte ich sie noch immer für keine gute ethische Richtlinie. Man sollte seinen Nächsten eben nicht unbedingt lieben. Vielleicht hat er das ja gar nicht verdient? Vielleicht ist mein Nächster ein Terrorist, der die Mensa sprengen will? Oder er ist ein Macho, der täglich seine Frau verprügelt. Warum sollte es gut sein, solche Nächsten zu lieben?

Die Feindesliebe ist sogar noch absurder. Es ist schlichtweg unmöglich, seine Feinde zu lieben. Es steckt ja bereits im Begriff, dass man seinen Feind eben nicht liebt, sonst wäre er ja kein Feind. Und wenn ich ihn lieben könnte, warum sollte ich ihn lieben? Vielleicht ist mein Feind der iranische Präsident, der Homosexuelle aufhängen und minderjährige Mädchen steinigen lässt, weil sie vergewaltigt wurden (potenzieller Ehebruch! Sie könnte ja eines Tages heiraten…). Und den soll ich lieben? Christopher Hitchens drückte es so aus: „Der Erzbischof soll seine eigenen verdammten Feinde lieben! Ich hasse meine Feinde und ich will, dass sie getötet werden!“

Der Einfluss des Christentums auf unsere Kultur

Ich räume trotzdem ein, dass das Christentum einen gewissen Einfluss auf unsere Kultur hatte und immernoch hat. Dieser Einfluss ist für vieles von dem verantwortlich, was an unserer Kultur rückständig, heuchlerisch und unmoralisch ist. Ein Einfluss, auf den ich gut und gerne verzichten könnte. Außerdem ist es für kitschige Kunst verantwortlich, wie die Millionste Maria-Ikone. Oder für die immergleichen Barockkirchen in jedem kleinen Kaff. Und es ist verantwortlich für das jahrtausendelange Verbot jeder „entarteten“ Art von Kunst. Was das Christentum moralisch geleistet haben soll, ist mir derweil vollkommen schleierhaft. So weit ich das sehe, und ich sage das nicht (nur) aus Provokation, ist das absolut rein gar nichts.

2 Kommentare zu „Jüdisch-christlicher Wertequark

  1. Also dieser Hitchens gefällt mir von Mal zu Mal mehr..

  2. Sehr schöner Artikel. So eine Vorlesung kann ich mir lebhaft vorstellen.

    Was ich mich dabei schon immer gefragt habe, ist, was dieses jüdisch-christliche Menschenbild überhaupt sein soll? Meint es das Bild, nach dem jeder Mensch von Adam und Eva abstammt und deshalb mit der Erbsünde belastet ist/war und jetzt auch ständig in der Gefahr ist aufgrund von hahnebüchenden Regeln neue Sünden zu begehen? Geht es darum, dass Frauen nur Wesen zweiter Klasse sind? Homosexualität eine Todsünde? Sex vor der Ehe verboten ist? Verhütungsmittel auch? Wir alle aus Lehm/Ton geschaffen wurden? Was genau ist damit gemeint?
    (Ich vermute mal, dass diejeningen, die diesem Menschenbild immer bereitwillig zustimmen, es wohl auch nicht sagen könnten…)

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