Der seltsame Spott des Dr. Blume

Ausgeknockte BlumeMein Erznemesis, der notorische Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume, wurde gerade mal wieder aus der Hölle ausgespuckt und nutzt seinen Ausflug in irdische Gefielde, um seltsame Kommentare über die Neuen Atheisten abzugeben. So beklagt er sich in einem aktuellen Blogartikel darüber, dass unsere Argumente nicht „auf seriöser Evolutionsforschung“ beruhten.

Meiner Auffassung nach ist der allgute, allmächtige Gott seit rund 2500 Jahren widerlegt, also schon bevor das Christentum überhaupt mit einer eigenen Version davon angekommen ist. Damals stellte ein griechischer Philosoph der skeptischen Schule nämlich eine Frage, die Religiöse seitdem niemals beantworten konnten:

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
oder er kann es und will es nicht:
dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
oder er will es nicht und kann es nicht:
dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht weg?

Philosophisch können wir den bösen Atheisten nicht beikommen, was tun wir, die leichtgläubige Mittelalter-Fraktion, also stattdessen? Klare Sache: Wir schlagen sie durch biologische Ausmerzung! Wir bekommen einfach so viele Kinder, und sie bekommen so wenige, dass wir total in der Überzahl sind! Total!

Jedenfalls besagt das die  „Theorie“ von Michael Blume, die er für ungemein seriös hält: Religiöse bekommen mehr Kinder und Atheisten sterben aus. Dabei nimmt er an, dass Religiosität in der menschlichen Natur liegt und Atheisten demnach irgendwie keine echten Menschen sind (oder sowas). Das war es auch schon. Und um diese furchtbare Theorie zu verbreiten, darauf verwendet er ungemein viel Energie. Er nervt inzwischen sogar schon die Angelsachsen damit.

Atheisten können ihm da leider nicht viel entgegenhalten – weil er angedroht hat, unsere Kommentare zu zensieren. Aber zumindest hier kann ich schreiben, was ich will, und das ist folgendes:

1. Seine Theorie basiert auf dem Prinzip der Gruppenselektion. Gruppenselektion existiert nicht.

2. Seine Behauptung, dass die Verehrung einer übernatürlichen Kreatur kooperatives Verhalten begünstige (wg. deren Wächterfunktion), ist falsch. Atheisten verhalten sich genauso kooperativ wie Theisten. Das schreibt er sogar in seinem eigenen Buch: „Das Experiment bestätigt die Hypothese, dass Religiosität die zwischenmenschliche Kooperation fördert – genauso wie die weltliche Moral […]“. (S. 171). Gläubige und Atheisten verhalten sich gleichermaßen ethisch, großzügig und kooperativ (für Religiöse gibt es ein Paar Abstriche wegen ihrer Heuchelei, Arroganz und Intoleranz. Von mir gibt es noch zusätzlich Punkteabzug für dieses widerliche Gutmenschentum, das liberale Religiöse an den Tag legen.)

3. In „Gott, Gene und Gehirn“ erfahren wir zudem, dass verschiedene Konfessionen unterschiedlich reproduktiv sind. Aber warum? Sind manche Religionen etwa religiöser als andere Religionen? Laut Michael Blumes These müssten sie das sein. Demnach wären z.B. die römischen Katholiken religiöser als die Zeugen Jehovas (vgl. S. 86). Auf S. 87 steht, dass das Dogma der Enthaltsamkeit zum Aussterben der Shaker geführt habe. Waren ausgerechnet die Shaker weniger religiös als andere? Wohl kaum. Sonst hätte ja nicht ihr konsequent eingehaltenes Dogma der Enthaltsamkeit zu ihrem Aussterben geführt.

4. Auf S. 94 steht über die !Kung San: „Religiöse Überlieferungen ermutigten sie, Kinder zur Welt zu bringen […]“. Wie bitte? Ich dachte, es wäre die genetisch vererbte Religiosität, die zu Kinderreichtum führt! Warum sind es jetzt auf einmal die religiösen Überlieferungen, also ein kulturelles Erzeugnis?

5. Schließlich erklärt Herr Blume ausführlich selbst, warum seine Theorie Quatsch ist: „Unter diesen tausenden von Religionen haben sich nur jene durchgesetzt, die in ihrer Morallehre den Glauben an das Sondereigentum und den Glauben an die Familie vertreten haben. […] Aus den Tausenden von religiösen Gemeinschaften, die jedes Jahr durch Abspaltung oder Neugründung überall auf der Welt entstehen, verschwinden die meisten wieder, noch bevor sie überhaupt die Wahrnehmungsschwelle von Öffentlichkeit oder Wissenschaft erreicht haben.“ (S. 95-96). Na also: Es ist nicht die (natürliche) Religiosität, die zu Kinderreichtum führt, sondern bestimmte (kulturelle) Glaubensinhalte!

6. „Einige Staaten“, heißt es ferner, „wie Frankreich, Irland und Schweden“ haben „inzwischen mit starker staatlicher Familienförderung die Geburtenrate in die Nähe der Bestandserhaltungsgrenze gehoben […]“ (S. 100). Aber warum können die das? Ich dachte, Religiöse haben mehr Kinder als Atheisten? In Schweden gibt es doch 80% Atheisten. Komisch!

7. Schließlich führt er die Kriterien, die zu Kinderreichtum führen, selbst an: „Religiöse Lehren“, „Soziale Einbindung“, „Familiendienste“, „Stressbewältigung“, „Partnerwahl“ (vgl. S. 104-105). Was haben diese rein kulturellen Kriterien bloß mit religiösen Genen zu tun!?

Wer noch nicht genug hat, kann sich zudem die Argumentation von dem Biophilosophen Dr. Edgar Dahl gegen die wilden Thesen des notorischen Dr. Blume reinziehen. Da hilft ihm auch die Kohle von der Templeton-Foundation nicht mehr, wenn die Argumente versagen.

Finde ich immer wieder klasse, wie sich Gläubige selbst widerlegen. Und es nicht einmal bemerken. Und es auch dann nicht wahrhaben wollen, wenn man es ihnen tausendmal erklärt.

14 Kommentare zu „Der seltsame Spott des Dr. Blume

  1. Die Frage ist natürlich auch, inwiefern die Kinder religiöser Eltern automatisch auch selbst wieder religös sind, insbesondere in der religiösen Tradition der Eltern. Über wie viele Generationen setzt sich denn das Religiössein stabil fort? Umgekehrt können ja aber auch areligös erzogene Kinder gläubig werden.

    Die Aussage „Gruppenselektion existiert nicht“ ist so aber sicher falsch (da nützt auch kein Dawkins), sondern ein Thema biologischer Grundlagenforschung, siehe zum Beispiel: http://www.spektrum.de/artikel/974634

  2. Dawkins richtet sich ja eben genau gegen die Autoren dieses Artikels im Spektrum. Ich finde seine Argumentation erheblich besser als die seiner Kollegen.

  3. „Atheisten können ihm da leider nicht viel entgegenhalten – weil er uns von seinem Blog verbannt hat und unsere Kommentare zensiert.“

    Dies ist in der Form falsch, denn Atheisten können dort Beiträge schreiben.

  4. Er hat jedenfalls angekündigt, eine entsprechende Ausfilterung vorzunehmen:

    „Aber Orte, in denen Menschen schon aufgrund ihrer jeweiligen Glaubenshaltungen verhöhnt werden oder in denen Leute, die z.B. noch nie eine eigene, physikalische Studie geleistet haben, meinen die Existenz von Schwarzen Löchern mal eben locker bestreiten zu können [Er meint damit, dass wir seine Theorie bestreiten!], gibt es im Internet schließlich genug. Dafür ist mir (und Ihnen sicher auch) die Zeit dann doch zu schade. Da ist Sven schon Recht zu geben: In einem Klima der Polarisierung lernen die Leute eh nichts – und wer es gerne deftig gegen religiöse Menschen und Minderheiten mag, kommt bei seinem Blog, dem von Andreas Müller und vielen anderen ja bereits voll auf seine Kosten. Viel Spaß!

    Entsprechend schließe ich hier die Kommentarfunktion und werde ab dem nächsten Beitrag (kommende Woche) streng auf Sachlichkeit hin moderieren, also Kommentare nach Feierabend freischalten oder löschen. Schließlich ist das hier mein Blog und unsere Zeit – und ich würde gerne auch die leiseren, bedächtigeren und gerade dabei oft interessanteren Stimmen zu Wort kommen lassen.“

    …und nicht etwa Stimmen, die von seiner Meinung abweichen. Die vorangegangene Diskussion wurde sehr wohl sachlich geführt, es passt ihm lediglich nicht, dass wir gute Argumente gegen seine Theorie haben.

  5. „…und nicht etwa Stimmen, die von seiner Meinung abweichen.“

    Diese Tatsache solltest du erstmal beweisen, also austesten. Die Tatsache, jeden Beitrag vor der Veröffentlichung zu beurteilen und nur geeignete zu veröffentlichen, bedeutet keinesfalls, dass er andere Meinungen unterdrückt. Jede Redaktion macht es außerdem mit Leserbriefen ebenso.

  6. Ich finde es schade, dass man bei Michael Blume nicht mehr direkt Kommentare posten kann. Der Vergleich mit dem Leserbrief einer Zeitschrift hinkt, denn anders als bei Zeitschriften ist die Diskussion bei den Blogs ein ganz wesentliches Element. Der Reiz bei Blogs besteht doch gerade darin, dass man eben nicht einfach nur konsumiert, sondern auch reagieren kann, wenn man denn will, und oft ist der Diskussions-Thread in einem Blog interessanter als der eigentliche Post.
    Andererseits verstehe ich Michael Blume aber auch sehr gut, denn die ausufernden Diskussionen um den ewig selben Brei sind ja auch nicht konstruktiv und 99% der Leser werden da sowieso abgehängt.

  7. „Der Vergleich mit dem Leserbrief einer Zeitschrift hinkt, denn anders als bei Zeitschriften ist die Diskussion bei den Blogs ein ganz wesentliches Element.“

    Wie jeder Vergleich hinkt. Die Tatsache einen Blog zu kultivieren, ist eine andere Herangehensweise, die keinesfalls schlechter oder besser ist, sondern nur anders. Bestimmte Zielgruppen wird dieses Vorgehen ansprechen, andere weniger.

  8. Ich finde es schlechter, aber ich gebe zu, es war wohl in Hinblick auf die Kultivierung seines Blogs die richtige Entscheidung. Diskussionen in Blogs sind wichtig, dürfen aber auch nicht ausufern, weil dann die Diskutierenden unter sich sind. Daher schreibe ich jetzt auch nichts mehr zu diesem Post 😉

  9. Wie viele Nemeses hast du eigentlich?
    Weil zwei Beiträge weiter unten wird noch ein anderer „Erznemesis“ erwähnt.

  10. Das habe ich mich auch schon gefragt.Den Blume und eine gewissen Gingi Edwards.Hast du die Fundamentalistin persönlich kennengelernt?

  11. Gingi Edwards ist eine junge Frau und christliche Fundamentalistin. Sie ist meine amerikanische Erznemesis, Dr. Blume (keine junge Frau) ist mein deutscher. Gingi Edwards habe ich darum so bezeichnet, weil ich sie mir bereits in dem „Empfängnis ist Mord“-Artikel vorgenommen hatte. Das wird allmählich Tradition. Die beiden sind die Gläubigen, die mir von allen am meisten auf die Nerven gehen.

  12. Mal gewagt gefragt:

    Wieso sollte die Geburtenrate ein brauchbarer Indikator für den evolutionären Erfolg sein? Wenn die Theorie dieses Blume wirklich darauf aufbaut (hab sie nicht gelesen), müßte er dies erstmal erklären.

    Denn je nach Umweltgegebenheiten kann eine niedrige Geburtenrate mit einer besseren Brutpflege aufgrund gezielterem Ressourceneinsatz doch einen viel höheren, langfristigen Erfolg bedeuten. (Quasi Qualität, statt Quantität)

  13. Der Evolutionsbiologe Prof. Thomas Junker hat in einem Vortrag in der Uni Köln am Mittwoch vor zwei Wochen genau dies bestätigt: Die menschliche Fortpflanzung ist viel eher auf Qualität als auf Quantität ausgelegt.

    1. Meine ich auch. Gerade mit zunehmenden technischen und wissenschaftlichen Fortschritt lohnt es sich für Menschen immer mehr ihre knappen Ressourcen in die bessere Ausbildung von weniger Kindern zu stecken.
      Sicherlich spielt da auch die Entwicklung der Pille(und anderer Verhütungsmittel) und eine zunehmende Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau eine große Rolle, da Frauen so viel selbstständiger entscheiden können, wieviel Nachwuchs sie haben wollen.
      .
      Ich erinner mich in diesem Zusammenhang noch grob an einen Themenkomplex in meinem Bio-LK. Da ging es um verschiedene Fortpflanzungsstrategien. Zum einen gab es da, wenn ich mich richtig erinner, eine sog. „Stellvertreterstrategie“(?) wie sie z.B Elefanten praktizieren, indem sie nur wenig Nachwuchs kriegen und dieser quasi langfristig die Stelle der Eltern übernehmen und die Population der Elefanten relativ konstant bleibt.
      Und zum anderen gab es da eine Strategie, deren Namen ich leider nicht mehr weiß. Sie wird zumindest von kleinen Tieren wie Nagern, Insekten & Co praktiziert, indem sie möglichst viel Nachwuchs mit relativ geringer Qualität produzieren und es nur darauf ankommt, dass möglichst einige sich wieder fortpflanzen, während viele sterben.

      Worauf ich damit in etwas überspitzt und nicht ganz ernst gemeint hinaus will: Religion bzw. Religiösität würde dann wohl eher die zweite Strategie bewirken 😉 , wenn sie denn wirklich so wirkt, wie hier von Blume behauptet.

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