Gott gut, Evolution schlecht

Erzähl deinen Kindern nicht, dass sie vom Affen abstammen!Thomas D. Williams, der ehemalige Vatikan-Pressesprecher, bedient eine aktuelle Strategie christlicher Apologeten, die darauf hinausläuft, die Evolutionstheorie aus „moralischen Gründen“ zu diskreditieren. Diese Strategie ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt, weil die Evolutionstheorie faktisch, empirisch wahr ist, ganz egal, was Gläubige aus moralischen Gründen von ihr halten oder nicht halten.

Der Vatikan kann die Evolutionstheorie nicht anerkennen und gleichzeitig von uns verlangen, dass wir sie aus moralischen Gründen ignorieren!

Zwar könnten auch Atheisten gute Menschen sein, findet Herr Williams, aber irgendwie auch wieder nicht, denn: „ ‚Wenn der Mensch nur über seine rein biochemische Zusammensetzung definiert wird‘, so Williams, ‚dann wäre sein Wert sehr reduziert.‘ Er glaube, dass alle Menschen, die an ein Leben nach dem Tod glauben, ihre Mitmenschen besser behandeln würden“, heißt es in diesem Bericht. Alle Menschen, die an ein Leben nach dem Tod glauben, sollen ihre Mitmenschen besser behandeln! Das gilt doch wohl offensichtlich nicht für die islamistischen Selbstmordattentäter, die sich für das paradiesische Leben nach dem Tod auf überfüllten Marktplätzen in die Luft jagen! Außerdem gilt es allgemein statistisch nicht, im Gegenteil.

Wir sollen außerdem aus moralischen Gründen an die Schöpfung und an den freien Willen glauben. „Auch an den freien Willen würden Materialisten nicht glauben“, sagt Williams weiter. „Sie sagen, dass alle Handlungen nur Reaktionen auf äußere Umstände seien“.

Nein, das sagt kein Mensch. Aber mal ganz langsam: Ein freier Wille wäre ein Wille ohne Ursache, ein freier Wille eben, ein Wille, der außerhalb des Determinismus steht. Wir würden, hätten wir einen freien Willen, ohne jeden Anlass etwas wollen. Das ergibt keinerlei Sinn. Wenn wir ein Glas Wasser trinken möchten, dann ist das so, weil wir durstig sind und es ist nicht einfach das willkürliche Resultat eines freien Willens. Herr Williams bleibt uns eine Erklärung dafür schuldig, wie wir überhaupt dazu in der Lage sein sollen, an etwas zu glauben, das offensichtlich nicht wahr sein kann. Aber wie dem auch sei: Warum müssen das überhaupt? „Wenn der freie Wille aber im Leben eines Menschen fehle, dann fehle auch die Möglichkeit, moralisch zu handeln“, lautet die Antwort von Herrn Williams. Also sind Atheisten eben doch nicht in der Lage, moralisch handeln?

Natürlich kann die Frage nur lauten, ob der freie Wille objektiv existiert oder nicht. Wenn er existiert, dann fehlt er auch nicht im Leben eines individuellen Menschen. Wenn er nicht existiert, dann haben auch Gläubige keinen freien Willen. Da wir nun offenbar in der Lage sind, moralisch zu handeln, muss das so oder so auf jeden Fall möglich sein.

„Auch die Moral sei dann das Ergebnis der Evolution“, meint Herr Williams. ‚Sie [Materialisten] glauben, dass Gott damit nichts zu tun hätte.‘ Aber mit diesem Ansatz sei Moral nicht möglich.“

Warum soll Moral nicht möglich sein, wenn sie das Ergebnis der Evolution ist? Evolution führt zu unserer Moralfähigkeit, also ist Moral möglich. Wie kann Evolution uns zu moralfähigen Menschen machen und gleichzeitig uns von moralischem Verhalten abhalten?

„Werte wie Demokratie, Gleichheit und Freiheit sind biblische Werte“, sagt Herr Williams schließlich. Nein, das sind sie definitiv nicht. Demokratie ist zunächst einmal kein Wert, sondern ein Regierungssystem, das der griechischen Antike entstammt und in den Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts in Amerika und Europa durchgesetzt wurde. Gleichheit und Freiheit sind Werte der französischen und der amerikanischen Revolution, deren philosophisches Fundament von Aufklärungsphilosophen wie John Locke und Thomas Paine gelegt wurde. Wenn es nach der Bibel ginge, würden wir ungehorsame Kinder und Leute, die am Sabbat Stöcke sammeln, öffentlich steinigen oder sie von unseren Sklaven steinigen lassen. Man hätte ja angenommen, dass ein langjähriger Vatikan-Bediensteter einmal die Zeit findet, einen Blick in sein heiliges Buch zu werfen.

„Deswegen würden Christen großzügiger mit ihrem Geld und mit ihrer Zeit umgehen“, stellt Williams schließlich fest. Das stimmt zwar nicht, aber da sowieso nichts von dem stimmt, was der Herr Ex-Pressesprecher hier von sich gegeben hat, kommt es wohl auch nicht mehr darauf an. Atheisten sind, jedenfalls in der realen Welt, ebenso großzügig wie Gläubige. Allerdings behaupten Gläubige in allen Studien von sich, sie wären die besseren Menschen, obwohl sie das tatsächlich gar nicht sind. Und wie nennt man das? Heuchelei.

6 Kommentare zu “Gott gut, Evolution schlecht

  1. yilo sagt:

    Tippfehler im zweiten Abschnitt:verlagen.

  2. Alex_AC sagt:

    Wie immer sind die religösen Wortführer nicht im geringsten gebildet, was fundamentale Ethik angeht. Was Atheisten können und nicht können, hört sich nach kaum mehr als einem Bauchgefühl an. Freier Wille meint auch keines Falls ein „Wollen ohne Anlass“. Viel mehr bezeichnet der „freie Wille“ sich für oder gegen die Vorgabe der Vernunft in der betrachteten Situation zu entscheiden. Wie schon richtig bemerkt, macht ein Wille ohne jeglichen Anlass (also frei von jedweder Empirie) keinen Sinn. Ohne Empirie bleibt lediglich fundamental logisches wie z.B. die Mathematik. Dass Mathematik etwas will, ist schwer zu bezweifeln.
    Die Vernunft (und nicht etwa die Bibel. Wer das behauptet, der hat wohl nicht wirklich reingeschaut.) dient Atheisten (und sollte auch Handlungsgrundlage für alle anderen sein) zur Moralfindung. Dass wir wiederum vernunftfähig sind, ist offensichtlich eine evolutionäre Entwicklung.
    Viel bedenklicher ist doch gerade die Willkür-Moral, wie man sie aus Religionen kennt. Den einen Tag heißt es „Auge um Auge“, den nächsten soll man die andere Wange hinhalten. Man kann sich quasi sein biblisches Vorbild aussuchen und als moralische Grundlage missbrauchen, je nachdem, worauf man gerade Lust hat.
    Ich empfehle Herrn Williams, sich ein wenig mit Immanuel Kant zu beschäftigen. Unfundierte Polemik braucht wirklich niemand…

    • Bebu sagt:

      „Viel mehr bezeichnet der “freie Wille” sich für oder gegen die Vorgabe der Vernunft in der betrachteten Situation zu entscheiden.“
      –> Ist so eine Wahl denn überhaupt möglich? Ich habe vor einiger Zeit mal einen Beitrag bei 3sat über die Erkenntnisse der Neurowissenschaften gesehen und da wurde diese Möglichkeit von einem der Neurowissenschaftler als Illusion bezeichnet.

      Vielleicht ist das ja eine Einzelmeinung. Kann ich leider nicht beurteilen, da ich von dem leider noch viel zu unreichende Kenntnisse habe.

      „Ich empfehle Herrn Williams, sich ein wenig mit Immanuel Kant zu beschäftigen. “
      –> Auch da habe ich bisher nur in Auszügen etwas von gelesen… jedoch schien es mir da so, als wäre Kant der Ansicht, dass man einen Gott für die Moral/Ethik bräuchte.
      Nicht gerade sehr durchdacht, finde ich.

    • rotegraefin sagt:

      Unfundierte Polemik braucht wirklich niemand…?

      Doch alle die noch fundiert Denken können brauchen sie um sie wie hier entlarven zu können. Damit das Fundament allen Glaubens und aller Irrationalität der Mensch wieder in den Mittelpunkt kommt.
      Diese These – Antithese Spiel bin ich ziemlich leid, wann kommen wir zur Synthese und packen die wichtigsten Probleme Armut, Hunger und Krieg in dieser Welt an?

  3. Bebu sagt:

    Oh man…

    „„Werte wie Demokratie, Gleichheit und Freiheit sind biblische Werte“, sagt Herr Williams schließlich“
    –> Solche Aussagen kann er (und wer das von kirchlicher Seite sonst noch ständig macht) doch nur von sich geben und dafür nicht von allen Seiten ausgelacht werden, weil viel zu wenig Menschen wirklich wissen, was in der GANZEN Bibel drin steht.

    Da könnte man doch glatt mal auf die Idee kommen, dass die moderne Religionskritik die Bibel einfach mal KOMPLETT VORLESEN sollte. Der Aha-Effekt wäre in einigen Köpfen sicherlich enorm.

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