Die Grünen sind unwählbar geworden

Die grünen KriegsheldenFür mich als Wähler geht es unlängst nur noch darum, herauszufinden, welche Partei momentan am wenigstens reif für die Irrenanstalt ist. Bei der Europawahl habe ich mich gerade für die Sozialdemokraten entschieden. Ursprünglich sollten es die Grünen werden, doch deren Haltung zu Gentechnik und Alternativmedizin hat sie unwählbar gemacht.

Die heldenhaften Wissenschaftler von den ScienceBlogs, die vorne an der Aufklärungsfront mitkämpfen, leisten sich gerade eine Auseinandersetzung mit den Grünen, weil diese in einer Presseerklärung bekanntgaben (siehe Grüne für Quacksalberei), die unwissenschaftlichen „Alternativheilmethoden“ zu unterstützen. Zu diesen gehört die anthroposophische Medizin und zur auf der Anthroposophie aufbauenden Waldorfschule sagt der Grünenpolitiker Peter Alberts auf Abgeordnetenwatch (diese Plattform wird übrigens laut diesem Artikel selbst von den Anthroposophen organisiert):

„Aber ich würde jederzeit die Waldorf-Schulen vor einer pauschalen und einseitigen Kritik in Schutz nehmen. Da gibt es genau so gute und schlechte Schulen, wie im staatlichen Schulsystem.“

Nehmen wir einmal an, Herr Alberts hätte das über eine andere pseudowissenschaftliche Bildungseinrichtung gesagt, zum Beispiel über die „Freien Evangelischen Schulen Berlin“ (FESB), die den Kreationismus, den wörtlich ausgelegten Schöpfungsmythos der Bibel, lehren:

„Aber ich würde jederzeit die Kreationistenschulen vor einer pauschalen und einseitigen Kritik in Schutz nehmen. Da gibt es genau so gute und schlechte Schulen, wie im staatlichen Schulsystem.“

Manche dieser Schulen unterrichten die Erschaffung der Welt in sechs Tagen nämlich auf eine qualifiziertere Weise als andere. Ist die Lehre von den Fossilien als Ergebnis der Sintflut auf einer Schule zu kurz angesprochen worden, so wird sie auf einer anderen gewiss breiter dargestellt. Auch die Vernichtung der Stadt Sodoms, weil sie Gott zu schwul geworden ist, kommt manchmal etwas zu kurz, sodass die Schüler spontan gar nicht verstehen, was am Schwulsein eigentlich falsch sein soll.

So etwas könnte Herr Alberts niemals sagen (er wird das auch nicht so sehen), aber die gleichermaßen pseudowissenschaftliche Anthroposophie mit ihren Seelen, Karma, Geistern und Dämonen ist gesellschaftlich viel akzeptierter, wodurch es ein Leichtes für ihn ist, diesen Irrsinn weitgehend widerspruchslos zu verteidigen.

Weiter schreibt Herr Alberts (dessen Meinung trotzdem gewiss nicht so schlimm ist wie die Positionen der Grünen Birgit Bender und Hiltrud Breyer):

„Nach meinem Verständnis der Aufklärung gehört zu den elementaren Menschenrechten auch die Bekenntnisfreiheit, und die beinhaltet ausdrücklich, dass alle Menschen selbstverständlich das Recht haben und haben müssen, an Dinge zu glauben, die andere Menschen, die Naturwissenschaft oder andere Bekenntnisse und Weltanschauungen für Aberglauben oder Spinnerei halten.“

Niemand bezweifelt die Bekenntnisfreiheit und es ist ein äußerst billiger und lahmer Trick der Esoterikfraktion, immer wieder so zu tun, als würden sie von bösen Wissenschaftlern verfolgt werden (Alberts wirft der Debatte bei den ScienceBlogs inquisitorischen Eifer vor). Nein, wir üben lediglich öffentlich Kritik, was der absolute Kern des Aufklärungsgedankens ist. Sehr viel schwerwiegender finde ich aber die folgende Darstellung, laut der die Naturwissenschaft wie ein Bekenntnis oder eine Weltanschauung zu werten sei und die Betonung, dass alle Menschen das Recht haben, bestimmte Theorien oder Glaubenssätze, egal was die Naturwissenschaft dazu sagt, für „Aberglauben und Spinnerei“ zu halten. Das Recht mögen sie wohl haben, aber wer einen derartigen Erkenntnis- und Wahrheitsrelativismus ernsthaft vertritt, der hat entweder keine Ahnung, ist bösartig oder er ist reif für die Klappsmühle.

Die Wissenschaft an sich, auch die Geisteswissenschaft, ist keine Weltanschauung. Wir versuchen lediglich, mittels der kritischen Methode objektive Erkenntnisse  über die Welt zu gewinnen. Dabei kann jederzeit eine Theorie zu Gunsten einer besseren verworfen werden, wenn die Faktenlage uns dazu nötigt. Gemeinhin gehen wir zum Beispiel davon aus, dass Johann Wolfgang von Goethe 1749 geboren wurde. Sollten Dokumente auftauchen, die die bisherigen Belege als Fälschungen entlarven und ein anderes Datum nahelegen, dann werden wir in Zukunft von einem anderen Geburtsdatum ausgehen. Bei Ideologien und Religionen ist dies bekanntlich nicht der Fall. Dort glaubt man entweder dran, oder man muss dran glauben.

Für die Grünen dagegen ist alles ein und dasselbe, lediglich eine Frage des individuellen Geschmacks, seien es Religionen, Ideologien oder die Wissenschaft. Nur die Nazis sind natürlich böse, auch wenn sie das auf diesem Fundament nicht mehr begründen können.

22 Kommentare zu „Die Grünen sind unwählbar geworden

    1. FDP? Wohl eher F“D“P oder FP. Denn nach der Aktion des Antidemokraten Niebel kurz vor der Wahl kann diese Partei die Bezeichnung „demokratisch“ nicht mehr glaubwürdig im Namen tragen.

      Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass eine Partei, die sonst immer öffentlich für Bürger- und Freiheitsrechte eintritt, die Presse- und Meinungsfreiheit dermaßen mit Füßen tritt.

      1. Doch doch Bebu, bei mir war es die FDP, genau wegen den Freiheitsrechten. Aaaaaaaaber Du hast natürlich mit Deiner Kritik völlig recht. Ich mache meine Kreuzchen nur noch mit Bauschmerzen, denn irgendwo liegt immer ein Niebel begraben. Das Gute ist, man ist ja nicht festgelegt. Wenn die FDP weiter rumniebelt und Silvana lieber talkshowed als arbeitet, dann hab ich auch kein Problem, das nächste mal wo anders zu kreuzen.

  1. Ich hatte tatsächlich in Erwägung gezogen, die Grünen zu wählen, aber deine Argumente haben mich davon abgebracht. Was die Union für die Christen ist, sind die Grünen für die Esoteriker!
    Habe übrigens die Linken gewählt. Vor allem, damit die SPD sich wieder ihren sozialistischen Wurzeln annähert. Irgendwann wird der Druck vielleicht groß genug – wie einst bei den Grünen.

  2. Um Himmels Willen, nein, er hat uns nicht mit der Inquisiton verglichen, nur inquisitorischen Eifer vorgeworfen, soviel semantische Trickserei muss sein 🙂

  3. Die Grünen waren mir immer suspekt, weil viel zu dogmatisch. SPD fand ich früher mal gut, aber seit ich selber Steuern zahlen muss habe ich eher eine liberale Staatsauffassung 😉
    Ich denke Eso-Spinner gibt es vermutlich in jeder Partei und der Herr Albers tut mir fast ein bißchen leid. Er steht in der Kritik, weil er halt auf abgeordnetenwatch geantwortet hat, obwohl die Angriffe doch eher anderen Grünen gelten, oder?
    Ich finde es aber gut, dass dank der Blogs Parteien und vor allem ihre führenden Mitglieder mal auf ihr Weltbild abgeklopft werden. Die klassischen Medien machen so was ja komischerweise nicht. Die Grünen stehen jetzt schlecht da, aber auch nur, weil sie uns enttäuschen. Bei den C-Parteien nachzufragen käme uns ja erst gar nicht in den Sinn.

  4. Warum wählt ihr nicht die Piratenpartei? Und ja, die Frage ist ernstgemeint.

  5. Peter Alberts:

    Der Politiker von Bündnis 90/die Grünen heisst Peter Alberts. Mit »T«. Wurde auch bei ScienceBlogs oft falsch geschrieben.

    Wir wollen doch nicht, dass google bei der Suche nach diesem Spitzenpolitiker scheitert …

  6. Nja… bei mir wurde es dann nach etwas Recherche die FBI. Die Grünen sind für mich seit geraumer Zeit aufgrund ihrer Affinität zu allem möglichen Glaubensdreck völlig indiskutabel.Schade eigentlich. Aber Frau Göring-Eckardt ist mir da einfach zu typisch für die -mir grünentypisch scheinende- verschwiemelte Dummgläubischkeit:
    Anus einem Brigitte-Interview:

    BRIGITTE.de: Ich bekenne: Mir persönlich ist jede Art von Glauben völlig fremd. Warum sollte es einen Gott geben, der sich für unser individuelles Handeln interessiert?

    Katrin Göring-Eckardt: Ich finde es im Gegenteil völlig logisch, dass da noch was sein muss: Es gibt Dinge, die wir nicht sehen, Zusammenhänge, die wir nicht begreifen, und doch sind sie da. Und es gibt Wunder. Damit meine ich jetzt gar nicht weinende Madonnen oder Wunderheilungen. Ich meine diese besonderen Momente, in denen etwas Unerwartetes geschieht, etwas, das keiner Logik folgt. Wir begegnen zum Beispiel einem Menschen hundert Mal und beim 101. Mal wird genau dieser Mensch total wichtig für uns. Klar, man kann versuchen, das alles zu begründen, man kann auch den eigenen Lebensweg als logische Abfolge sehen. Aber das erklärt nicht die Zusammenhänge. In meinem Leben gab es so viel, wozu weder ich noch die Umstände beigetragen haben, da muss es noch etwas anderes gegeben haben…

    Igitt. Ne danke, brauche ich nicht.

    Und bei der Linken widert mich inzwischen der immer wieder durchscheinende Antisemitismus und das blind-blöde Pro-Palästinensertum an.

  7. Als der Tag sich dem Ende neigte, merkte ich, dass ich die Wahl vergessen hatte. Ein Gefühl der Befreiung und Genugtuung machte ich in mir breit.

  8. Ach, das ist doch nichts Neues. Der „Fundi“-Flügel der Grünen war schon immer ein Sammelbecken für alternative Spinner.
    Auf die Realpolitik haben sie zum Glück wenig Einfluß. – Wohl auch, weil die Partei sehr gut weiß, dass das den vernunftbegabten Wähler abschrecken würde. Leider sind die Fundis nicht ganz auszurotten. Ich hab die Grünen trotzdem gewählt. Die anderen Parteien sind nämlich nicht besser.

  9. Wir wollen doch nicht, dass google bei der Suche nach diesem Spitzenpolitiker scheitert …

    Hmm dann ist wohl eine kleine Editier-Session fällig heute abend…

  10. Die gesundheitspolitische Sprecherin ist aber nicht irgendwer und offizielle Stellungnahmen in Pressemitteilungen sind nicht irgendwas.

  11. Die CDU scheint mir jedoch am normalsten von allen zu sein, vor allem im politischen. Die Tatsache, dass das C für christlich steht, musste ich aus Mangel besserer Parteien schmerzlich schlucken. Aber es gibt kein Problem, dass nicht gelöst werden kann.

  12. @Achter
    „Welche Aktion, bebu?“
    –> Nun die Spitzenkandidatin der FP macht wohl lieber Lobbyarbeit oder hat aufgrund von Mutterschutz recht geringe Anwesenheitszeiten im Parlament. Was auch immer der Grund für die niedrigen Zeiten ist, soll mir wurscht sein.
    Problematisch ist nur, dass es dazu eine Berichterstattung gab (u.a. FAZ-Artikel mit Klage von Koch-Mehring dagegen usw. usw.) und im Rahmen dieser Berichterstattung gab es bei einer Sendung 2+Leif bei SWR (ich kenn die Sendung nicht, weil ich hier kein SWR krieg) eine Frage an Frau Koch-Mehrin zu diesem Thema, da sie sehr kurz nur beantwortete. Der Niebel hat sich dann nach Aufzeichnung der Sendung mit einem bösen Brief an die Verantwortlichen gewandt, sich über einen herbeirecherchierten Fragenkomplex beschwert und verlangt, dass diese Teil der Sendnung nicht ausgestrahlt wird.

    Nebenher gab es noch einige unschöne Aktionen gegen Blogbetreiber, die z.B. unbequme Fragen zu einer eidesstattlichen Versicherung von Koch-Mehrin hatten, usw usw.

    Leider weiß ich nicht mehr genau, wo ich das alles gelesen habe (hab mich da kurz vor der Wahl durch einige Links geklickt).
    Aber bei Zapp war da ein interessanter Beitrag zu:

    http://www3.ndr.de/sendungen/zapp/media/zapp3320.html

    —-

    Ich hätte zumindest so ein Verhalten von der F“D“P nicht erwartet und das macht sie nach der ProReli-Anbiederei und ihrer Programmarmut (immer und überall Steuersenkungen fordern wirkt auch ein wenig…) für mich derzeit nicht wählbar. (Gilt irgendwie leider für alle großen Parteien… *grummel*)

  13. @Bebu,
    danke für die Info, derlei war mir nicht bekannt. Man weiß nicht mehr welches „die Guten“ sind, es gibt sie wohl nicht. Ende der Illusion.

    1. WOW! „Schutzbedürfnis elektrosensibler Menschen“, echt erstaunlich, was bei den Grünen so alles schutzbedürftig ist.

      1. Solche Menschen zum Beispiel:

        Zum Glück gibt es aber auch dies:

        Trotzdem ist das Elend groß:

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