Das naturalistische Weltethos

Sonnenaufgang

Religiöse Autoritäten behaupten gerne, dass die von ihrem jeweiligen Gott angeblich vorgegebene Moralität eine für jeden Menschen gültige Grundlage sein könne, jede Sekte hat praktisch ihr eigenes, kleines „Projekt Weltethos“. Warum das nicht funktionieren kann und warum eine naturalistisch fundierte Ethik eine geeignetere Grundlage für ein „Weltethos“ ist, versuche ich im folgenden zu erläutern.

Religiöse Moralität

Eine religiöse (und weltlich-ideologische) Moralität basiert auf Autorität, Tradition und Offenbarung, die eine übernatürliche Grundlage für sich behaupten (Religion), oder eine idealistisch-weltliche Grundlage (Ideologie). Sie gibt Gesetze und Regeln vor, die auf ewig wahr und gültig sein sollen, die aber von religiösen oder ideologischen Führern interpretiert werden.

Konkret:

a) Von Anhängern der jeweiligen Religion oder Ideologie wird erwartet, die Autorität religiöser Führer (Bischöfe, Mullahs, Rabbis), oder weltlicher Führer (Stalin, Hitler, Pol Pot) bei der Auslegung von heiligen Texten (Bibel, Koran, Mao-Bibel, Kommunistisches Manifest) anzuerkennen und die Überwachung der Einhaltung der aus diesen abgeleiteten Regeln durch die Gemeinde seitens der genannten Autoritäten mitzutragen.

b) Religiöse oder ideologische Glaubenssätze und mit ihnen verbundene moralische Inhalte werden von Generation zu Generation, von Lehrern, Eltern, Geistlichen an die Kinder weitergegeben, die sie wiederum an ihre Kinder weitergeben. Für religiöse oder ideologische Menschen ist oftmals bereits die bloße Existenz einer solchen Tradition ein Argument für die Wahrheit, die Übereinstimmung mit der objektiven Realität, ihres Glaubens.

c) Offenbarung erfolgt entweder durch einen heiligen Text, oder durch angebliche Propheten, oder beides. Propheten sind Menschen, die behaupten, mit Gott gesprochen zu haben und Botschaften von ihm zu übermitteln. Entsprechend gibt es weltliche Propheten wie Lenin oder Mao Zedong, welche die Lehre ihrer (möglicherweise unfreiwilligen) Ideologiebegründer (Marx, Engels) modifizieren, verändern und erweitern.

Naturalistische Ethik

Eine naturalistische Ethik dagegen basiert auf der objektiven Realität, wie sie die kritische Methode der Wissenschaften beschreibt, also auf der natürlichen Welt. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind undogmatisch und widerlegbar, allerdings sind sie nur durch Theorien zu revidieren, welche besser durch Belege gestützt sind als ihre Vorgänger. Eine naturalistische Ethik geht von grundlegenden Fakten über die Natur und den Menschen aus und entwickelt auf diesem Fundament eine Ethik, deren Ziel wie folgt lautet:

Vermehre das Glück leidensfähiger Lebewesen (Goldene Regel der naturalistischen Ethik)

Oder negativ formuliert:

Verringere das unnötige Leid von leidensfähigen Lebewesen

Unnötig ist ein Leid, welches verringert werden kann. Zum Beispiel kann das Leid, das durch unvorhersehbare Naturkatastrophen erzeugt wird, nicht verhindert werden und nicht unmittelbar verringert.

Die naturalistische Ethik leitet aus der Natur des Menschen seine grundlegenden Bedürfnisse und Interessen ab und hat das Ziel, diese zu erfüllen. Die grundlegenden Bedürfnisse und Interessen des Menschen entsprechen den Menschenrechten, minimal das Recht auf Leben, Eigentum und freiem Streben nach Glück, wie sie von Thomas Jefferson in der amerikanischen Unabhhängigkeitserklärung formuliert wurden, erweiterte Menschenrechte sind in der französischen Menschenrechtserklärung und jener der Vereinten Nationen niedergeschrieben. Von den garantierten Menschenrechten abgesehen, geht es der naturalistischen Moralphilosophie um die faire Abwägung von Interessen auf Grundlage der Goldenen Regel der naturalistischen Ethik.

Die beiden Modelle im Vergleich

Religiöse und ideologische Moralitäten setzen voraus, dass die menschliche Natur ihren jeweiligen, dogmatisch festgelegten Vorstellungen entspricht. Ihre Vorstellungen sind dabei unabhhängig von den wissenschaftlichen Erkenntnissen, welche wir über die menschliche Natur besitzen und stehen oft im Widerspruch zu diesen. Exemplarisch sei die christliche Behauptung genannt, der Mensch besitze eine unsterbliche Seele und die Sorge für diese habe sein höchstes Anliegen zu sein. Im ideologischen Bereich könnte man die Behauptung des Marxismus anführen, der Mensch sie von Natur aus am Gemeinwohl interessiert oder die Behauptung des Nationalsozialismus, es gäbe fundamentale Unterschiede zwischen den menschlichen Rassen.

Die naturalistische Ethik hingegen beruht auf den aktuellen wissenschaftlichen Vorstellungen über die menschliche Natur, die stets durch realistischere Modelle abgelöst werden können, die im Kern allerdings bereits stark durch Belege abgesichert sind. Der Mensch ist ihnen zufolge nicht Gottes Schöpfung, sondern ein Produkt der Evolution, ein Säugetier, das von einem frühen Affen abstammt und das im Prinzip selbst ein Affe ist (Homo Sapiens, Trockennasenaffe), der sich allerdings in einigen Eigenschaften von seinen nächsten Verwandten, den Menschenaffen, graduell unterscheidet.

Die vorausgesetzte zentrale Grundlage der religiösen Moralität (Gott), und dadurch unterscheidet sie sich von der naturalistischen Ethik, besitzt Eigenschaften, die im Widerspruch stehen zu unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen (zum Beispiel funktionieren Gebete nachweislich nicht, was die Eigenschaft Gottes, er erhöre Gebete, widerlegt. Das Leid in der Welt widerlegt einen allguten Gott. Dass etwas Komplexes wie Gott aus etwas Einfachem in einem Prozess ähnlich dem der Evolution hervorgegangen sein muss und nicht am Anfang eines solchen Prozesses stehen kann, widerlegt einen Schöpfergott).

Ein großes Problem in Hinblick auf ein religiös fundiertes Weltethos besteht darin, dass sich anderen Religionen und Weltanschauungen die Glaubensinhalte der Konkurrenz nicht erschließen. Wenn in einer Gesellschaft die Glaubensinhalte nicht von Generation zu Generation weitergegeben werden, kann diese Gesellschaft nicht oder nur durch Gewalt von diesen Glaubensinhalten überzeugt werden, weil sie aus kritisch-rationaler Sicht, sowie aus Sicht der jeweils eigenen Religion der jeweiligen Gesellschaft, absurd erscheinen. Die natürlichen Bedürfnisse und Interessen werden dagegen von allen Menschen geteilt, auch wenn sie durch religiöse oder ideologische Vorgaben in Form von zum Beispiel mangelhaft fundierten Extremstrategien (Märtyrertum, um Interessen im übernatürlichen Paradies erfüllt zu bekommen) oder Verleugnung (Zölibat, befördert sexuelle Abweichungen) pervertiert werden können.

Fazit

Ein Weltethos, eine für alle Menschen verbindliche, grundlegende Ethik, kann erst dann realisiert werden, sobald Religionen und Ideologien nicht mehr existieren oder ein unbedeutendes Randphänomen geworden sind und sobald sie in der Konsequenz ein solches Weltethos nicht mehr zu Gunsten ihrer eigenen, gruppenbezogenen, unwissenschaftlichen und irrationalen Moralität, verhindern können. Religionen und Ideologien müssen zu Gunsten einer gemeinsamen Ethik auf naturalistischer Grundlage in einem Wettkampf der Ideen bezwungen werden.

Andreas Müller

10 Kommentare zu “Das naturalistische Weltethos

  1. apothecarius sagt:

    Exzellenter Grundlagentext

    Werde ich jedem empfehlen, der „Wieso Atheist?“ frägt.

  2. Stefan sagt:

    Nur eine Anmerkung am Rande:
    Angesichts dessen, dass es nur spekulative Hypothesen über das „Vor dem Urknall“ gibt und selbst die Annahme eines Davors bisher reine Spekulation ist, ist „Die identische Gesamtenergie vor und nach dem Urknall widerlegt einen Schöpfergott“ doch fragwürdig, auf keinen Fall jedoch wissenschaftlich fundiert.

  3. Aeternitas sagt:

    Das–> „Ethik auf naturalistischer Grundlage“

    kann ich so Unterschreiben, aber eine Ethik direkt aus dem ontologischen Naturalismus heraus begründen erscheint mir kaum möglich.
    Ich denke der Naturalismus kann höchstens ein Rahmen Werk sein was uns durch die Wissenschaft sagt was möglich ist und was funktioniert, ob dies dann allerdings Ethisch vertretbar ist sollte man nicht dadurch Entscheiden ob es mit dem Naturalismus vereinbar ist.

    „Die naturalistische Ethik leitet aus der Natur des Menschen seine grundlegenden Bedürfnisse und Interessen ab und hat das Ziel, diese zu erfüllen.“

    Nein, nicht jede naturalistische Ethik hat das Ziel diese zu erfüllen, aus der naturalistischen Weltsicht lässt sich nicht das Prinzip folgern das es Wünschenswert ist diese Bedürfnisse zu erfüllen.

  4. Julia sagt:

    „Vermehre das Glück leidensfähiger Lebewesen“
    Leidensfähig ist ja nun nicht nur der Menschen und da sieht man auch gut die Probleme einer utilitaristischen Ethik, es muss meist das Leid/Glück des einen gegen das Glück/Leid des anderen abgewogen werden. Tierversuche zum Beispiel erhöhen möglicherweise das Glück kranker Menschen, die auf eine Heilung hoffen können, aber das der Tiere eher nicht.
    Und sollten wir nicht auch Tierversuche mit Menschen machen?
    Wie urteilt jetzt die „naturalistische“ Ethik? Wie misst man Leid?
    Ich denke diese Goldene Regel reicht nicht aus um eine Ethik zu begründen, da sie ja eigentlich keine Anleitung gibt wie das Glück aller Beteiligten gegeneinander abgewogen werden muss und wie dann im konkreten Fall entschieden werden muss. Das heißt nicht, dass ich eine deontologische Ethik bevorzuge, aber überzeugend finde ich das noch nicht.

    lg Julia

  5. derautor sagt:

    Eben, ich habe ja geschrieben: „Leidensfähige Lebewesen“, was nicht nur der Mensch ist, der allerdings leidensfähiger ist als andere Lebewesen, weil er nicht nur das Hier und Jetzt erlebt, sondern auch Pläne für die Zukunft schmieden und aus der Vergangenheit lernen kann. Außerdem ist sein Bewusstsein, unter anderem darum, besonders weit entwickelt.

    Tierversuche kann man nicht so schwarz/weiß sehen, sie schaden Tieren nicht unbedingt (in der Natur werden sie einfach gefressen, mal ganz davon abgesehen) und sie helfen erheblich dabei, Medikamente für schwerkranke Menschen (und Zootiere) zu entwickeln.

    Ansonsten muss man in der Tat von Situation zu Situation abwägen, auf Grundlage der naturalistischen Ethik. Die Welt ist eben kompliziert und ich glaube nicht, dass es einfacher geht.

  6. Oberclown sagt:

    Leidensfähigkeit ist in dem Zusammenhang aber kein sehr hilfreicher Begriff. Man kann eine Leidensfähigkeit kaum objektiv messen. Meiner meinung nach finde ich, dass man, wenn man anderen Lebenwesen Rechte zuweist oder nicht das ganze auch nach dem Kriterium benennen sollte, nach dem man vorgeht und das ist nicht Leidensfähigkeit, sondern Menschenähnlichkeit.

  7. Twn sagt:

    Was der Text nicht scharf benennt – und als nicht wissenschaftliche Arbeit wohl auch gar nicht muss, ist die Tatsache, daß es keine „naturalistische Ethik“ gibt.

    Es gibt in der Meta-Ethik die Position des Naturalismus. Aber das wird hier scheinbar nicht gemeint.
    Jedenfalls sind die „goldenen Regeln“, wie z. B. unnötiges Leid zu verringern, ein Bestandteil der normativen Ethik. Das wird bisschen zusammengemixt – und klingt dann für mich nach einer utilitaristischen Position.
    Man kann durchaus ein naturalistisches Weltbild vertreten und dennoch widerspruchsfrei von einer anderen Meta-Ethischen Position her argumentieren, als dem Meta-Ethischen Naturalismus.

    Und um das Klugscheissen wieder gut zu machen, noch etwas konstruktives an „Oberclown“: Das Problem mit dem Leidens- bzw. Glücksbegriff stellt sich nur den klassischen Utilitaristen. Moderne Varianten schlagen vor, keine solchen spezifischen Zustände, sondern personengelöste Präferenzen zu berücksichtigen. Mit Sicherheit ist das Kriterien dann auch nicht die „Menschenähnlichkeit“, sondern eher der Grad von Reflexionsvermögen und Bewusstsein eines Wesens. Das „Menschsein“, also die Spezieszugehörigkeit besitzt danach keine eigene moralische Qualität. Peter Singer dürfte der bekannteste Vertreter einer solchen modernen Position sein.

  8. Julia sagt:

    Zur Zukunftsplanung:
    http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-9630-2009-03-12.html
    (Wirklich ein cooler Affe).

  9. derautor sagt:

    Eine naturalistische Ethik ist eine Ethik auf Grundlage des Naturalismus. Ich sehe nicht, warum es das nicht geben soll.

  10. Aeternitas sagt:

    Naja Naturalismus schliesst das Vorhanden sein von übernatürlichem aus, damit auch allem was eine Ethik auf dieser Grundlage begründet, aber nur weil man nicht mit Übernatürlichkeiten Argumentiert folgt daraus nicht eine bestimmte Ethik, es folgen nun mal aus deskriptiven keine normativen Sätze, (Wenn du anderer Meinung bist würde mich Interessieren wieso, also wie du das begründest.) man müsste eine normative Prämisse einführen wie etwa: leiden ist zu verhindern
    aber das folgt nicht logisch aus dem Naturalismus

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