Sollten wir Gläubigen mit Verachtung begegnen?

Weil sie blöde sind. Das ist der Grund, warum jeder alles tut.„Spott und Verachtung“ sei es, was die Religion Christopher Hitchens (Der Herr ist kein Hirte) zufolge verdient habe und womit wir ihr begegnen sollten. Nicht nur ungläubige Allversöhner sind der Meinung, dass dies keine gute Strategie ist. Sehen wir uns die Argumente näher an.

Absonderliche Kritik

Nach einer unschönen Diskussion mit ein paar Kuschelatheisten (die keinen relevanten Konflikt sehen zwischen Religion und Vernunft oder die sich zumindest so verhalten), bin ich ein wenig schlauer geworden. Ich weiß jetzt, wie die Gegenargumente lauten, die „alte“ Atheisten gegen die Neuen Atheisten hierzulande vorbringen. Zusammengefasst mit früheren Argumenten aus dieser Ecke lauten sie so:

Die Neuen Atheisten sind rechtsradikale, neokonservative Ideologen und Rassisten, die niemand ernstnimmt und die allerlei Menschen verachten und sinnlos deren Gefühle verletzen. Jeder ist religiös, der das von sich behauptet, was in der Konsequenz dazu führt, dass sehr viele Religiöse sehr vernünftig sind und zum Teil nicht einmal an Gott glauben. Religionwissenschaft und Soziobiologie denken sich ganz und gar alberne (weil von dieser abweichenden) Definitionen von „Religiosität“ aus, die zu erforschen nichts ist als arroganter, biologistischer Kulturimperialismus. Außerdem steckt Religiosität in der menschlichen Natur, wie Religionswissenschaftler und Soziobiologen zweifellos nachgewiesen haben. Und es ist ja sinnlos, die menschliche Natur zu kritisieren.

So ganz kapiere ich das nicht. Zum Beispiel ist mir nicht klar, wie man gleichzeitig rechtsradikal und neokonservativ sein kann. Vermutlich sind das einfach linke Stigmawörter, die gegen den politischen Gegner verwendet werden, egal, ob das Sinn ergibt. Das allerdings ist auch nicht ganz nachvollziehbar, weil alle Neuen Atheisten linksliberal sind und also nicht wirklich politische Gegner. Sicherlich gefällt den Kuschelatheisten Christopher Hitchens Unterstützung des Irak-Kriegs nicht, andererseits steht er mit dieser Position auch ziemlich alleine da. Ich denke, das ganze Zeug, auch die Sache mit den Rassisten, hängt vor allem mit der Islamkritik der Neuen Atheisten zusammen. Demnach glauben unsere Kritiker, dass man Muslime als Anhänger einer bestimmten Rasse definieren müsse, die besonders schützenswert wäre und sich selbst nicht verteidigen könne. Kritik an deren Glaubensüberzeugungen, die schließlich Bestandteil der muslimischen Natur sind, wäre somit ein Zeichen von Rassismus. Diese obskurantistischen Meinungen resultieren aus einer kultur- und wahrheitsrelativistischen Position, die vor einer Weile in den Geisteswissenschaften populär war und teils noch immer verbreitet ist.

Vernünftige Kritik

Bei der Gelegenheit habe ich mich gefragt, ob es nicht auch vernünftige Menschen unter den Reihen der Atheisten mit versöhnlichem Ansatz gibt. Ich hatte mir erhofft, geradezu mit psychologischen Studien und philosophischen Argumenten erschlagen zu werden, die zu entkräften einen gewissen Aufwand bedeuten würden. Also habe ich einen Blick in die USA gewagt, wo ich tatsächlich auf naturalism.org auf eine anständige Kritik an den Neuen Atheisten gestoßen bin.

Dort wird auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Studien argumentiert, wie sich das gehört. Die Argumentation läuft darauf hinaus, dass das menschliche Verhalten determiniert ist und wir somit religiösen Menschen ihre Blödheit auch nicht vorwerfen können. Ferner erzeuge man eine Abwehrreaktion mit herablassender Religionskritik, welche die Gegenseite in ihrem Wahn nur weiter festige.

Ja, das sehe ich auch so. Bereits in Teil 2 meiner Kuschelatheisten-Reihe sage ich:

„Es ist unsinnvoll, Religiösen alle Vernunftfähigkeit absprechen und sie von oben herab zu behandeln. Das tun bereits ihre Priester und Päpste.“

Ferner:

„Hauptsache man schämt sich nicht für seine weltanschauliche Haltung und fühlt sich anderen unterlegen, nur weil man die Gottesbeweise nicht überzeugend findet. Und man sollte nicht so tun, als wären Vernunft und Glauben miteinander vereinbar, wenn sie das gar nicht sind.“

Im ersten Teil der Krawallatheisten-Reihe sage ich:

„Ob jemand polemisch oder sachlich Religionskritik betreiben möchte, ist abhängig von der persönlichen Veranlagung und dem, was und wen er erreichen will, und war nicht Bestandteil der Kritik […]. Beide Stile sind richtig und wichtig. Sie erreichen verschiedene Zielgruppen und ergänzen sich gegenseitig.“

Wie kann man den Naturalismus verkaufen?

Der zentrale Punkt besteht also darin, dass man nicht so tun sollte, als wären Vernunft und Glaube vereinbar (und bereits damit stimmen viele Kuschelatheisten gar nicht überein!). Wie man diese Tatsache nun zum Ausdruck bringen könnte, hängt von der konkreten Sprechsituation ab. Natürlich schreit man nicht in einen Gottesdienst hinein, dass man die dort Anwesenden für leichtgläubige Idioten hält. Und in einem persönlichen, privaten Gespräch mit Gläubigen sollte man zwar seine Position in der Sache deutlich, aber formell freundlich vertreten. Das ist sonnenklar und niemand bezweifelt das.

Nur wird die Sache ungemein komplizierter, wenn wir uns in die Sphäre der Öffentlichkeit begeben. Bei Fernsehtalkshows spricht man von einer „Mehrfachadressiertheit“. Das bedeutet, dass die Diskutanten, insofern sie Erfahrung mit dem Fernsehen haben, nicht nur mit ihrem Diskussionspartner und dem Moderator sprechen, sondern auch – und vor allem! – mit den Fernsehzuschauern, einem anonymen Massenpublikum. Nun steht man vor der Herausforderung, das Interesse dieses Publikums aufrechterhalten und ihnen allgemeinverständlich die eigene Botschaft vermitteln zu müssen. Mit distanzierter, akademischer Sachlichkeit funktioniert das in der Regel nicht. Ein besonders abschreckendes Beispiel war die Diskussion zwischen Joachim Bauer und Axel Meyer, die beide direkt miteinander fast exklusiv mittels Fachvokabular und unter Voraussetzung von Fachwissen gesprochen haben. Dem Moderator gelang es nicht, die Diskussion in eine allgemeinverständliche Richtung zu lenken.

Ein weiteres Beispiel für die Öffentlichkeitswirksamkeit sind Buchveröffentlichungen. Wie beim Fernsehen sind uns auch hier die genauen Zahlen bekannt, die wir brauchen, um die Wirksamkeit einzuschätzen. Wir können zum Beispiel feststellen, dass sich Dawkins polemischer Gotteswahn hervorragend verkauft und dass Norbert Hoersters sachlich-philosophische Religionskritik in seinem Buch „Die Frage nach Gott“ ungemein schlecht verkauft hat. Man erreicht die Öffentlichkeit also nicht, wenn man schön brav bleibt.

Das heißt, wir stehen nun vor vollendeten Tatsachen: Entweder wir bringen Religionskritik witzig und/oder polemisch an den Mann, oder wir erreichen die Öffentlichkeit gar nicht.

Sollte diese Art von Religionskritik nun bei Gläubigen keine Wirkung, oder sogar eine abschreckende Wirkung auslösen, so erreichen wir zumindest die Unentschlossenen und die Intelligensia. Letztlich wird auf diese Weise ein Rechtfertigungsdruck aufgebaut und die Religiösen müssen ihren Glauben öffentlich verteidigen. Und auf argumentativer Ebene haben sie letztlich keine Chance, wodurch das Ansehen der Religion und ihrer Vertreter schwindet.

Die große Masse der (wirklich und nicht nur „moderat“) Gläubigen bleibt dabei möglicherweise außen vor. Das ist aber ohnehin der Fall, weil Gläubige schlichtweg keine Bücher lesen, jedenfalls nicht außerhalb ihres eng umgrenzten Interessensgebietes, und sich auch keine Fernsehdiskussionen gegen böse Atheisten ansehen. Wahrhaft Religiöse kann man also höchstens in der Schule erreichen, weshalb dort kritisches Denken gelehrt werden muss. Das wiederum lässt sich nur dann realisieren, sobald die kritische Öffentlichkeit erreicht ist. Und hier schließt sich der Kreis.

12 Kommentare zu „Sollten wir Gläubigen mit Verachtung begegnen?

  1. Puh, langer Artikel. Aber wie immer spannend. Nur über die Sache mit der politischen Haltung bin ich gestolpert:

    „… weil alle Neuen Atheisten linksliberal sind …“

    Alle A sind gleich B? Kannst du das bitte kurz erläutern? Danke!

  2. Für die öffentliche Diskussion ist es sicherlich wichtig, dass klar Stellung bezogen und nicht gekuschelt wird, weil erstens nur so ein Rechtfertigunsdruck entsteht und zweitens der Zuschauer auch klare Positionen sehen will, mit denen er sich dann auseinandersetzen kann. Man sieht ja an der SPD, wohin es führt, wenn alle in die kuschelige Mitte wollen und sich niemand mehr getraut eine klare Aussage zu treffen. Die Leute wissen dann nicht mehr, zwischen was es zu wählen gilt. Die meisten Atheisten bewegen sich aber nicht im öffentlichen Raum (mit ihrer Meinung) und da ist Höfflichkeit und Respekt vor den Mitmenschen oft vorrangig. Ich kann ja nicht anfangen meine Arbeitskollegin mit Missachtung zu strafen, nur weil sie in der Kirche aktiv ist. Ich muss darüber hinaus auch mit ihr arbeiten. Es geht also nicht nur um kuscheln, sondern auch um Diplomatie und Lebenspraxis.
    Schlimm finde ich es aber auch, wenn Glaube und Wissen vermischt wird. Mein Lieblingsausatz hierzu stammt von Kanitscheider „Es hat keinen Sinn die Grenzen zu verwischen“: http://www.spektrum.de/artikel/825875

  3. Meines Wissens nach sind tatsächlich alle Neuen Atheisten das, was wir in Deutschland „linksliberal“ nennen. Orientierung an Menschenrechten, soziale Marktwirtschaft… Die Positionen, die säkulare Humanisten in der Regel vertreten.

  4. Hmmm… also ich weiß nicht, ob Hitchens oder Harris besonders glücklich darüber wären, linksliberal genannt zu werden.

  5. @Stefan: Ich kann ja nicht anfangen meine Arbeitskollegin ….. Diplomatie und Lebenspraxis.

    Stimmt. Da gilt halt für mich der m.E. im Zwischenmenschlichen recht gut bewährte Grundsatz, die Menschen so zu behandeln, wie sie selber handeln. Gläubige, die meinen sich abwertend über Nichtgläubige oder Andersgläubige äußern zu müssen, kriegen eben eine entsprechende Antwort. Das ergibt nicht immer ein kuschliges Miteinander, schafft aber zumindest klare Verhältnisse und zieht klare Grenzlinien.

  6. Vielleicht schimmert eine solche Haltung bei den Meinungsführern durch – „So wenig Regulierung des Staates wie nötig“ kommt immerhin einer freiheitlich-aufgeklärten Gesellschaft irgendwie entgegen.

    Nur, für eine Kausalität reicht das nicht aus. Gibs zu, du wolltest nur mal wieder provozieren ;o)

  7. Hitchens und Harris sind mit ziemlicher Sicherheit nach unseren Begriffen linksliberal. In den USA werden die alle mit „liberal“ über einen Haufen geschert.

    Hitchens hat ja explizit den Irak-Krieg als einen Kampf gegen ein faschistisches Regime verteidigt. Rechts ist so etwas bestimmt nicht.

    1. Hmmm…

      Ich habe von beiden jeweils nur ihren Bestseller zum Thema Atheismus/Religion gelesen und weiß nicht so recht, ob man sie hier alls links oder gar liberal nach deutschem Verständnis einsortieren würde. (Wenn die F“D“P wirklich liberal ist, ist sie zumindest in Wirtschafts- und Finanzfragen sicherlich nach us-amerikanischer Bezeichnung republikanisch und nicht demokratisch bzw. liberal.)

      Insbesondere Harris hanebüchende Argumentation zur Anwendung von Folter macht eine eindeutige Positionierung schwierig.
      (Wie insgesamt sein Beitrag zum Thema Ethik in „Das Ende des Glaubens“ schwach war, war auch die Argumentation zu Gunsten von Folteranwendungen nicht gerade durchdacht oder überzeugend. Es gibt sicherlich eng abgegrenzte Bereiche (eigentlich nur 2 Fallkonstruktionen), wo man für eine leichte Anwendung von körperlichem Zwang argumentieren kann. Aber diese pauschale Möglichkeit verborgenen Wissens ist keine.)

  8. Naja…bezogen auf die USA vielleicht. Die deutsche Linke versteht den Irak-Krieg ja eher als „faschistisch-imperialistische Agression“.
    Und steht in ihrer blinden Unterstützung aller möglichen Diktaturen, so sie nur anti-amerikanisch und/oder anti-israelisch und pro-Hamas genug sind und auch teils in ihrem Antisemitismus der extremen Rechten ja kaum noch nach.

    Paradoxerweise müsste der in den USA linksliberale Hitchens aus hiesiger Sicht also ein ganzes Stück nach rechts rutschen um einen aus hiesiger Sicht linken Standpunkt einzunehmen 😉

    1. „Paradoxerweise müsste der in den USA linksliberale Hitchens aus hiesiger Sicht also ein ganzes Stück nach rechts rutschen um einen aus hiesiger Sicht linken Standpunkt einzunehmen“
      –> Das ist auch nicht so verwunderlich, da in den USA die Spannweite des politischen Spektrums größer ist (oder verschoben). Zumindest nach rechts geht es dort ganz weit, wenn man stellenweise verfolgt, was bei Fox News alles vertreten wird. Da wären selbst rechte CSUler wie Geis noch nicht das Extremum.

      1. Na, das seh ich nicht so. Auch hier werden höchst extreme Positionen vertreten, man sehe sich „Bath Simpson“, „Jürgen Elsässer“ etc. an.
        Interessant ist eher, das sich große Teile der „deutlich linken“ Linke hierzulande nur noch wenig von der extremen Rechten unterscheiden.

  9. @derautor
    „Nur wird die Sache ungemein komplizierter, wenn wir uns in die Sphäre der Öffentlichkeit begeben. Bei Fernsehtalkshows spricht man von einer “Mehrfachadressiertheit”. Das bedeutet, dass die Diskutanten, insofern sie Erfahrung mit dem Fernsehen haben, nicht nur mit ihrem Diskussionspartner und dem Moderator sprechen, sondern auch – und vor allem! – mit den Fernsehzuschauern, einem anonymen Massenpublikum. Nun steht man vor der Herausforderung, das Interesse dieses Publikums aufrechterhalten und ihnen allgemeinverständlich die eigene Botschaft vermitteln zu müssen.“
    –> Oh ja… da habe ich nach der letzten Sendung im SWR zum Thema „Glaubwürdigkeit der Kirche“ ein paar Anmerkungen.
    Wäre es möglich, dass von Seiten der gbs oder einer der anderen säkularen Organisationen dafür gesorgt wird, dass Talkshowteilnehmer, die die säkulare/atheistische Position vertreten sollen, etwas geschult werden? Dabei möglichst mit Argumentationsstrategien und Gegenargumente gegen Standardscheinargumente der religiösen Seite versorgt werden und vielleicht auch noch gute Quellen an die Hand kriegen?
    Mich hat es bei besagter Sendung nämlich etwas gestört, dass sich Philipp Möller von Seiten der Kirche an einigen Stellen auf der Nase hat rumtanzen lassen. Gut, der Weihbischof war schon ein ganz aufgewecktes Kerlchen, der mit bestimmenden Ton und schlechten Manieren das Wort ergriff bzw. hineinredete. Gegen den kann man wohl nur mit etwas „Bühnenkampferfahrung“ bestehen.
    Was aber nicht sein mußte, war, dass dieses billige „Woher weißt du, dass deine Freundin dich liebt“-Argument der EKD-Vertreterin und auch das ad-populum-Argument bzgl. Glauben vom Bischof stehenbleiben konnte, obwohl beide eigentlich recht leicht zu widerlegen sind.
    Auch wäre z.B. für eine nächste Sendung ein Quellenmaterial wichtig, wenn man mit Zahlen über die Finanzierung von miserior o.ä. die Zuschauer aufschrecken will. Die Kirchenvertreter dürfen derartiges nicht mit einem: kann nicht sein o.ä. abbügeln dürfen.

    Da du ja einen gewissen Draht zu besagter Organisation zu haben scheinst, wäre dieser Vorschlag vielleicht etwas.

    Ansonsten stimme ich aber zu, dass man entweder witzig und/oder polemisch auftreten sollte, wenn es der Rahmen hergibt (z.B. Talkshows bei ARD/ZDF).
    Nüchterner wäre wohl höchstens bei Diskussionen bei Phoenix, 3Sat & Co angebracht, wo man bei den Zuschauern eine gewisse Vorbildng voraussetzen kann.

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