Der Appeasement-Streit weitet sich aus

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Was in den USA als „Didaktik-Streit“ begonnen hat, als Streit unter Wissenschaftlern um die Frage, wie man religiösen Menschen die Evolutionstheorie näherbringen könnte, hat sich inzwischen zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung um die Frage entwickelt, ob Religion und Wissenschaft vereinbar sind und welche Haltung Wissenschaftler sinnvollerweise zu dieser Frage vertreten sollten.

Der Evolutionsbiologe Jerry Coyne, der die Debatte angestoßen hat und die Meinung vertritt, dass Lehrer und wissenschaftsdidaktische Organisationen keine Position zur Gottesfrage einnehmen sollten und stattdessen einfach die Fakten unterrichten, streitet sich momentan mit dem einflussreichen theistischen Evolutionisten (Gläubige, welche die Evolutionstheorie anerkennen), Kenneth Miller. Coyne wirft ihm vor, seine Standpunkte falsch dargestellt zu haben, um ihn in ein falsches Licht zu rücken.

Zum Beispiel behauptete Miller: „In einem Text vergleicht er [Coyne] religiöse Wissenschaftler, welche die Evolution verteidigen, mit ‚Ehebrechern‘.“

Tatsächlich hat Coyne jedoch gesagt:

„Sicher, es gibt religiöse Wissenschaftler und evolutionistische Kirchgänger. Aber das heißt nicht, dass Glaube und Wissenschaft kompatibel sind, außer in dem trivialen Sinne, dass beide Standpunkte simultan von einem menschlichen Geist vertreten werden können. (Das ist so, als würde man sagen, dass Ehe und Ehebruch kompatibel sind, weil einige verheiratete Menschen Ehebrecher sind.“

Wie immer haben Religionsvertreter auf der argumentativen Ebene nichts zu bieten, auch die moderaten nicht.

Der Philosoph Michael Ruse, der zwar nicht an Gott glaubt, aber Kreationisten immer wieder verteidigt, hat derweil den Biologen P.Z. Myers zu einer recht wütenden Stellungnahme provoziert. Auf die Behauptung von Ruse, die Neuen Atheisten (die lautesten Nicht-Appeaser der Debatte), würden sich nicht für die Psyche und das emotionale Befinden der Kreationisten interessieren, antwortete er unter anderem wie folgt:

„Ich habe Mitleid mit ihnen [den Kreationisten], weil sie die Schönheit der Realität zu Gunsten der Schrecklichkeit irgendeines engstirnigen, theokratischen Bullshits aus der Bronzezeit verpassen.

Aber es gibt auch solche, für die ich überhaupt kein Mitleid empfinde.

Ich habe gar kein Mitgefühl mit intelligenten Menschen, die vor einem grandiosen Monument der Lügen stehen, einer Einrichtung, die antiwissenschaftlich ist, antirational und letztlich anti-human, einem Ort, wo Kinder aktiv fehlgebildet werden, ein Gebäude, das einer beständigen intellektuellen Bosheit gewidmet ist, und sich dazu entschließen, sich darüber zu beschweren, wie diese garstigen Atheisten alles ruinieren.

Diese Leute können sich einfach verpissen.“

Ein kleiner Einblick in einen typisch amerikanischen Diskurs. Das Thema selbst ist allerdings wichtig und man fragt sich, warum es in Deutschland kaum eine Rolle spielt. Die amerikanische Appeasement-Debatte hat inzwischen jedenfalls größere Ausmaße angenommen, darum werde ich bei Gelegenheit einen längeren Artikel speziell über dieses Thema schreiben.

3 Kommentare zu „Der Appeasement-Streit weitet sich aus

  1. soweit ich weiß, hat Obama sich elegant um alle „härteren“ Aussagen betr. Gott herumgemogelt; war jedenfalls bei der Frage nach Abtreibung so. Aber Nicht-Christen können nicht US-Präsident werden lt. Zeitgeist. Und in seiner Politik der offenen Hand erkenne ich mehr von dem, was ich unter christlichem Ethos verstehe, als bei GWB (u.a. die Unterscheidung von Tat und Täter, auch wen das aus existenzialistischer Sicht nat. nicht zulässig scheint)

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