Primo Levi und Gott im KZ

Primo LeviDer Chemiker und Schriftsteller Primo Levi (1919-1987) verzichtete selbst in Ausschwitz auf den falschen Trost des Glaubens . Hier zwei Auszüge aus seinen Erfahrungsberichten, die sich mit seiner Zeit im Konzentrationslager und der Rolle der Religion darin befassen.

„Die Stille setzt sich langsam durch und von meinem Bett in der oberen Etage sehe und höre ich den alten Kuhn laut beten, mit seiner Baskenmütze auf dem Kopf, kräftig vor und zurück schwankend. Kuhn dankt Gott, weil er nicht ausgewählt worden ist.

Kuhn hat den Verstand verloren. Sieht er nicht Beppo den Griechen im Bett neben ihm, Beppo, der zwanzig Jahre alt ist und der übermorgen in die Gaskammer kommt und es weiß und der da liegt, mit seinem Blick auf das Licht fixiert, der nichts sagt und nicht einmal mehr etwas denkt? Ist es möglich, dass Kuhn nicht realisiert, dass er nächstes Mal an der Reihe sein kann? Versteht Kuhn nicht, dass das, was heute geschehen ist, ein Grauen darstellt, das kein versöhnliches Gebet, keine Entschuldigung, keine Sühne der Schuldigen, das nichts in der Macht des Menschen jemals wieder bereinigen kann?

Wäre ich Gott, ich würde auf Kuhns Gebet spucken.“

(Levi, Primo. If This Is a Man. 1959)

„Ich betrat das Lager ebenso als Nichtgläubiger und als ein Nichtgläubiger wurde ich befreit und als ein solcher lebe ich bis auf den heutigen Tag. Die Erfahrung des Lagers mit seiner schrecklichen Widerrechtlichkeit hat mich sogar in meinem Nichtglauben bestärkt. Sie hat mich davon abgehalten, und hält mich noch davon ab, mir irgendeine Form von Vorhersehung oder transzendenter Gerechtigkeit vorzustellen.

[…] Ich muss trotzdem einräumen, dass ich (und wiederum nur einmal), die Neigung verspürte, nachzugeben und Zuflucht im Gebet zu suchen. Dies geschah im Oktober 1944, in dem Moment, als ich die Nähe des Todes klar fühlte […] nackt und zusammengepfercht mit meinen Kameraden und mit meiner persönlichen Identitätskarte in der Hand, wartete ich darauf, an der ‚Kommission‘ vorbeizudefilieren, die mit einem Blick entscheiden würde, ob ich direkt in die Gaskammer gehen sollte oder ob ich noch stark genug war, um mit der Arbeit fortzufahren. In diesem einen Moment fühlte ich den Drang, um Hilfe und Asyl zu bitten; dann, trotz meiner Anspannung, setzte sich die Gelassenheit durch: Man ändert nicht die Regeln am Ende des Spiels, auch nicht, wenn man am Verlieren ist.

Ein Gebet unter diesen Umständen wäre nicht nur absurd gewesen (welche Rechte könnte ich einfordern? Und von wem?), sondern blasphemisch, obszön, mit der gröbsten Unfrömmigkeit beladen, zu der ein Nichtgläubiger fähig ist. Ich widersetzte mich der Versuchung: Ich wusste, dass ich mich andernfalls, sollte ich überleben, dafür geschämt hätte.“

(Levi, Primo. The Drowned And the Saved. 1986)

Übersetzt aus Hitchens, Christopher. The portable atheist. Essantial readings for the nonbeliever. Da Capo Press. U.S.A., 2007.