Der Unterschied zwischen menschlicher und tierischer Moral

Die Grenzen zwischen tierischer und menschlicher Moral werden zunehmend von Philosophen eingerissen. Die Evolutionstheorie dient dabei als Grundlage, da sie den Menschen im Tierreich verankert und Unterschiede zwischen ihm und anderen Tieren nur mehr graduell erscheinen lässt. Dies könnte jedoch zu weit geht, wie der Wissenschaftsjournalist Tim Dean argumentiert

Dean betont, dass die Behauptung, es gäbe keine „Kluft“ zwischen Menschen und Tieren im Bereich der Moral mit der Behauptung verglichen werden könne, es gäbe keine „Kluft“ zwischen Menschen und Tieren im Bereich der Sprache. „Schließlich geben Tiere Äußerungen von sich, die Konzepte an andere Tiere vermitteln – wie etwa „Gefahr“ oder „Ich bin hier“. Der Unterschied zur menschlichen Sprache sei nur ein gradueller, kein grundsätzlicher.

„Aber das ist einfach falsch“, stellt Dean fest. Der große Unterschied bestehe in der Eigenschaft der Rekursion (Die Einbettung von Sätzen in andere Sätze), welche die menschliche Sprache aufweist und die tierische Sprachen vermissen lassen. „Und dies macht die menschliche Sprache nicht nur graduell verschieden, sondern zeigt, dass sie einer komplett anderen Art angehört.“

In der Tag geht die Sprachwissenschaft von mehreren Unterschieden zwischen menschlicher und tierischer Kommunikation aus:

1. Tierische Kommunikation beschränkt sich auf die Hier-und-Jetzt-Situation.

2. Tiere planen nicht, haben kein Langzeit-Gedächtnis und geben keine Mitteilungen über weit entfernte Zeitpunkte.

3. Es gibt bei Tieren keine Metakommunikation (Sprechen über Sprache).

4. Tiere unterscheiden nicht zwischen Subjekt und Prädikation.

5. Tiere erfinden keine neuen Zeichen.

6. Tiere stellen keine Fragen.

In ähnlicher Weise sei nun davon auszugehen, dass sich die menschliche Moralität ebenso grundsätzlich von der tierischen unterscheide.

Allerdings muss man einräumen, dass die Unterschiede zum Menschen bei Menschenaffen geringer ausfallen als bei anderen Tieren. So kann man unseren nächsten Verwandten eine gewisse Planungsfähigkeit nicht mehr absprechen.

Dean betont, er stehe der Theorie wohlwollend gegenüber, dass wir einen großen Teil unserer moralischen Empfindungen und Einrichtungen mit vielen Tieren, vor allem mit anderen Primaten, teilen. Dennoch: „Wir Menschen haben eine zusätzliche Einrichtung, die beim Verständnis unseres moralischen Verhaltens zentral ist: Vernunft. Und damit meine ich bewusste Reflektion, Bedächtigkeit, Vorstellungskraft und die Abwägung diverser Fakten und moralischer Überzeugungen.“

So abstrahieren nur wir Menschen Dean zufolge moralische Prinzipien von vergangenen Erfahrungen und von den Ergebnissen unserer Reflektion. Diese Prinzipien kämen bei uns zur Anwendung, „wenn wir mit einem Dilemma oder einer Intuition konfrontiert werden, die mit ihnen im Konflikt stehen. Wir teilen diese moralischen Prinzipien und ermutigen andere dazu, sie aufzunehmen. Würden wir das nicht tun, konfrontierten wir jede Situation nur mit einer Ausübung unserer moralischen Intuitionen und Emotionen – wie es andere Tiere tun.“

Abschließend bemerkt Dean: „Ich möchte die Rolle der Vernunft bei moralischen Beurteilungen nicht übertreiben, aber man sollte sie auch nicht unterschätzen. Die Moralphilosophie mag zu lange explizit die Vernunft betont haben, aber übertreiben wir es nicht auf unserem Weg zu einer Korrektur.“

Siehe auch: Können Tiere denken?

18 Kommentare zu “Der Unterschied zwischen menschlicher und tierischer Moral

  1. Planungsfähigkeit ist nicht nur bei Menschenaffen nachgewiesen, sondern auch bei Rabenvögeln.

    Punkt 5 ist ebenfalls nicht korrekt: Die Erfindung neuer Zeichen wurde bei Schimpansen nachgewiesen

  2. Aeternitas sagt:

    Im großen und ganzen ist es aber korrekt, besonders die Metakommunikation stellt einen massiven Unterschied da.
    Allerdings halte Ich den Schluss das ist in der Sprach so also muss das auch bei der Moral sein für ungültig, es gibt genug andere gute Gründe warum sich unsere Moral von denen der Tiere Unterscheidet, hinzu kommt das es viel zu allgemein gesprochen ist da zwischen ALLEN Tierarten mehr oder minder massive Unterschiede vorherrschen.

  3. Thearcadier sagt:

    Ich könnte jetzt ganz böse sagen, dass wir Menschen auch eine Menge an Kommunikation haben, die schlicht Bullshit ist. Wenn sich der Mensch zB. unheimlich viele Gedanken darüber macht, was ein anderer Mensch mal für Gedanken gehabt haben könnte, als dieser ein bestimmtes Gedicht geschrieben hat. Man könnte auch sagen, dass der Mensch teilweise so viel redet, dass er am Ende nix mehr begreift. Da sind Tiere doch irgendwie ökonomischer.
    Außerdem möchte ich noch hinzufügen, dass diese 6 Regeln derart gemein gehalten sind, dass sie schon wieder Unfug sind. Für Punkt 2: Elefanten haben ein sehr gutes Gedächtnis…

  4. ZeroMatter sagt:

    Ich möchte mich lediglich dem Kommentar des Herrn Bjørn Østman aus dem ursprünglichen Blog anschließen:

    „There is lots of evidence that humans do not actually turn to reasoning when confronted with moral dilemmas. That we simply use our emotions or instincts. Reasoning is then deployed to explain why we are moral the way we are, after the fact.“

    Das stimmt meiner Meinung nach viel eher. Die Vernunft wird lediglich benutzt, um die Moral zu rechtfertigen.
    Oft ist die Moral aber auch schlicht unvernünftig, z.B wie es in meinem Leben oft der Fall ist.

  5. derautor sagt:

    Bjørn Østman schreibt weiter:

    „The dilemma of the four men on one railway track and one man on another, and you at the lever is a case in point. When the option is to throw a fat man on the track to stop the train, most agree, but have trouble explaining why that would be wrong.“

    Für mich ist es offensichtlich, dass wir über solche Dilemmata vernünftig nachdenken und zu einer von unseren Instinkten abweichenden Lösung kommen können. Das ist auch der Grund, warum ich die zugehörigen Fragen anders beantworte als 99% der restlichen Testsubjekte. Ich habe auch schon selbst an einigen psychologischen Tests als Versuchssubjekt teilgenommen und immer waren meine Ergebnisse stark abweichend von der Norm. Einfach weil ich mein Gehirn benutze und die meisten Menschen offenbar nicht. Aber der Punkt ist doch, dass wir unseren Verstand im Prinzip alle gebrauchen könnten!

    Oder willst du mir etwa erzählen, dass du diese moralischen Dilemmata nur wie ein Automat auf die erwartete Weise lösen kannst?

    Ein anderes Dilemma ist das bekannte Inzest-Szenario: Bruder und Schwester haben Sex, verhüten dabei, erzählen niemandem davon und bewerten die Erfahrung positiv. Die allermeisten Menschen finden dieses Verhalten falsch, ich definitiv nicht.

    Beim Zug-Dilemma bin ich ebenfalls der Meinung, dass es falsch wäre, den Mann runterzustoßen, aber nicht, den Schalter umzulegen. Ich kann dies jedoch mit Rückgriff auf die Menschenrechte und die Naturrechtsphilosophie sehr einfach begründen. Beim Schalter-Beispiel ist es nicht nötig, jemanden direkt zu ermorden, sondern man leitet nur eine unbeeinflussbare Katastrophe, für die man nicht verantwortlich ist, so um, dass wenige Opfer daraus resultieren. Das Selbe, was Feuerwehrmänner tun, wenn sie entscheiden, welcher Teil der Stadt gelöscht werden soll, wenn die Resourcen nicht erlauben, alle zu löschen. Du bist in diesem Fall nicht für den Tod der Menschen verantwortlich, die du nicht retten konntest. Wenn du aber jemanden abfackelst, um fünf andere zu retten, dann schon. In diesem Fall würdest du seine Menschenrechte missachten und das ist die Grenze der utilitaristischen Moralphilosophie.

  6. Der mit dem Glauben tanzt sagt:

    Bei deinem letzten Beispiel: Einen Menschen verbrennen (warum auch immer), um fünf weitere zu retten. Wenn dieser eine Mensch zustimmen würde, wäre es immer noch gegen die Menschenrechte?

  7. derautor sagt:

    Ja, er darf sich nur selbst umbringen, aber du darfst ihn nicht umbringen.

  8. Der mit dem Glauben tanzt sagt:

    Oh je, verzwickte Welt.

  9. ZeroMatter sagt:

    „Ein anderes Dilemma ist das bekannte Inzest-Szenario: Bruder und Schwester haben Sex, verhüten dabei, erzählen niemandem davon und bewerten die Erfahrung positiv. Die allermeisten Menschen finden dieses Verhalten falsch, ich definitiv nicht.“

    Ich auch nicht.

    „Ich kann dies jedoch mit Rückgriff auf die Menschenrechte und die Naturrechtsphilosophie sehr einfach begründen. Beim Schalter-Beispiel ist es nicht nötig, jemanden direkt zu ermorden, sondern man leitet nur eine unbeeinflussbare Katastrophe, für die man nicht verantwortlich ist, so um, dass wenige Opfer daraus resultieren.“

    Ich kann beim besten Willen keinen rationalen Unterschied zwischem direkten und indirektem Töten von Menschen sehen. Das Ergebnis ist ein und dasselbe.

    „Du bist in diesem Fall nicht für den Tod der Menschen verantwortlich, die du nicht retten konntest. Wenn du aber jemanden abfackelst, um fünf andere zu retten, dann schon.“

    Ich würde ihn vermutlich abfackeln. Und unter den richtigen Umständen würde das JEDER Mensch, dessen bin ich mir absolut sicher.

  10. Aeternitas sagt:

    Ja, er darf sich nur selbst umbringen, aber du darfst ihn nicht umbringen.

    Und wie willst du das begründen?
    Ich finde es völlig in Ordnung jemanden zu töten wenn er es will und dies nicht nur ein Krankheitssymptom ist, wie etwa bei schweren Depressionen.
    Freilich heisst das nicht das man dies dann auch machen muss.

    Zum Inzest Szenario
    Das das Leute verwerflich finden kann ich nicht wirklich nachvollziehen, jedenfalls nicht rational, solange kein anderer (oder zukünftiger) Mensch gefährdet wird, können die doch wohl machen was sie wollen.

  11. ZeroMatter sagt:

    „Und wie willst du das begründen?“

    Simpel dadurch, dass die Leben mehrerer (unbekannter) Menschen mehr Wert sind, als das Leben eines (unbekannten) Menschen. (nicht, dass ich unbedingt dieser Auffassung bin…)
    Aber bei so wenigen wie fünf Leuten wüsste ich eigentlich garnicht, ob ich den Typen abfackeln würde – die ganze Szene wäre dazu vermutlich zu egal
    Außer möglicherweise der Eine ist mir äußerst unsympatisch und die fünf äußerst sympatisch.

    Man kann aber leicht Konstellationen herstellen, in denen JEDER Mensch seine vorgefassten Vorstellungen über Bord wirft und den Typen erledigt. Z.B wenn ein geliebter Mensch im Zug ist, es nicht um fünf, sondern gleich um Milliarden Menschenleben geht, etc.
    Dies vernünftig zu begründen, ist kein Problem.

    Man kann nahezu alles vernünftig begründen, es kommt nur auf die Axiome an.

  12. Aeternitas sagt:

    „Man kann nahezu alles vernünftig begründen, es kommt nur auf die Axiome an.“

    Du meinst logisch, wirklich vernünftig wird es erst dann wenn die Axiome halbwegs der Realität entsprechen oder dieser zumindest nicht grundsätzlich Widersprechen

  13. derautor sagt:

    Das ist genau der alte theologische Einwand gegen die utilitaritische Philosophie, den ihr hier bestätigt. Man kann eben nicht Menschenleben einfach so mathematisch aufrechnen! Es gibt gewisse Grenzen – die Menschenrechte – die man rational verteidigen kann. Das ist ja eben auch der Grund, warum die Bundeswehr keine Passagierflugzeuge abschießen darf, um einen Terroranschlag zu verhindern.

    In dem Beispiel gehe ich davon aus, dass sich dieser Mensch nicht gerne von euch verbrennen lassen würde. Und selbst wenn er es will, dürft ihr es nicht einfach tun. Er kann sich selbst abbrennen, wenn er darauf besteht. Bezüglich Selbstmord allgemein würde ich aber darauf hinweisen, dass 97% der vom Selbstmord abgehaltenen Individuen sehr froh darüber waren, dass man sie davon abgehalten hat. Das sollte einem schon zu denken geben.

  14. ZeroMatter sagt:

    Man kann sehr wohl Menschenleben mathematisch aufrechnen. Dem Leben ist von Natur aus keinerlei Wert gegeben, erst der Mensch gibt ihm einen Beliebigen.

    Man kann die Menschenrechte sehr wohl rational verteidigen, aber auch rational angreifen.

    „In dem Beispiel gehe ich davon aus, dass sich dieser Mensch nicht gerne von euch verbrennen lassen würde.“

    Dass der Mensch sich nicht gerne verbrennen lassen würde, mag ein moralisches Dilemma sein, doch nicht unbedingt ein Vernünftiges.

    • doryphoros84 sagt:

      „Man kann sehr wohl Menschenleben mathematisch aufrechnen. Dem Leben ist von Natur aus keinerlei Wert gegeben, erst der Mensch gibt ihm einen Beliebigen.“
      Seh ich genau so: das Leid von 5 (beliebiger) Menschen, wiegt mehr als das Leid eines (beliebigen) Menschen.
      Deshalb kann und sollte die Bundeswehr entführte Flugzeuge (in extrem unwahrscheinlichen Ausnahmefällenn) abschießen. Die Leute im Flugzeug sind ethisch irrelevant – die sterben ja so wie so, einzig relevant sind die Opfer bzw. die Kollateralschäden.

      Das es (angeblich) einen Unterschied zwischen direkten und indirektem Töten gibt werde ich mir merken:
      „Nein Herr Richter, ich hab ihn nicht umgebracht, das war die Pistole; nein Herr Richter ich hab ihn nicht umgebracht das war die Pistole, von dem Typ, den ich dafür bezahlt hab.“
      Ich würd‘ den Fetten im Zug-Dilemma ohne mit der Wimper zu zucken runter stoßen…

      Noch ein Wort zu den Menschenrechten:
      Welcher Gott hat die den als unfehlbar und unabänderlich zu uns herab gesandt? 😉

  15. derautor sagt:

    „das Leid von 5 (beliebiger) Menschen, wiegt mehr als das Leid eines (beliebigen) Menschen.“

    Auch wenn die fünf Menschen der Taliban angehören und der eine beliebige Mensch eine Frau ist, die sie gerade steinigen wollen?

    „Die Leute im Flugzeug sind ethisch irrelevant – die sterben ja so wie so“

    Genau das ist einer der großen Denkfehler. Woher willst du wissen, dass sie sowieso sterben? Warum sollte nicht jemand die Terroristen im letzten Moment überwältigen und das Flugzeug wieder aus der Gefahr bringen? Außerdem kann man dem Staat nicht erlauben, Zivilisten umzubringen. Das nutzt der nämlich gerne aus.

    „Ich würd’ den Fetten im Zug-Dilemma ohne mit der Wimper zu zucken runter stoßen…“

    Dann wärst du ein Mörder. Er könnte selbst entscheiden, zu springen, du darfst nicht entscheiden, ihn zu töten. Ich sehe das so wie Lafayette: Wer die Menschenrechte nicht anerkennt, dem stehen sie auch nicht zu. Für deren Begründung braucht man keinen Gott und sie wurden auch nicht ursprünglich mit Gott begründet.

  16. Stefan sagt:

    Zu Punkt 1: Wie will man das beweisen?*

    Zu Punkt 2: * Wenn z. B. eine Maus plant,
    quer durch die Küche zu gehen um sich
    ein Stück Käse zu schnappen, das unterm
    Küchentischh liegt, wie will man
    beweisen, dass die Maus nicht geplant
    hat von der Katze gefressen zu werden?
    Theoretisch hätte die Maus doch auch
    einfach geplant haben können durch die
    Küche zu rennen und knapp zu entkommen!

    Zu Punkt 3: Wale haben doch eine Art Sprache, oder
    bin ich da fehlinformiert?

    Zu Punkt 4 + 6: *

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