Ist Alternativmedizin wichtiger als Religion?

"Ich habe meinen Körper der traditionellen chinesischen Medizin vermacht."

Es ist wirklich seltsam. Ich kann über Religion – sogar über den Islam – hier praktisch sagen, was immer ich will (und sollte ich eine Beleidigung religiöser Gefühle ausgelassen haben, weise man mich bitte darauf hin), ohne dass es irgendwen sonderlich kümmern würde, abgesehen von ein paar Fundis. Aber sobald ich über Alternativmedizin rede – ein Bereich, der so offensichtlich verrückt ist, dass sich dieser Blog nur am Rande damit befasst – tauchen auf einmal unzählige Anhänger von Globuli und co. auf! Es ist fast so,  als würde sie jemand dafür bezahlen, mich zuzutexten und meine Videos (Nr. 1 und 2) über das Thema abzuwerten.

Dasselbe gilt  für die Gentechnik-Gegner, von denen viele gar nicht christlich motiviert sind („Eingriff in die Schöpfung“), sondern Greenpeace-motiviert, also der Meinung, dass gentechnisch verändertes Essen irgendwie giftig wäre, ihre Gene verändern würde oder etwas in dieser Richtung.

Besonders schlecht aufgenommen wurde offenbar meine Meinung, dass 2/3 der Schweizer „bescheuert“ sind, weil sie für die Aufnahme der Alternativmedizin in die Verfassung gestimmt haben. Sorry, aber die Alternativmedizin ist ein wunderbares „Easy Target“ für Skeptiker. Ich würde zum Beispiel nicht behaupten, dass religiöse Menschen durch die Bank bescheuert sind, weil einige von ihnen, gerade in Deutschland, die Religion nur als eine Art kulturellen Rahmen ohne dogmatischen Inhalt gebrauchen, unter dem sich nicht notwendigerweise ein (allzu) unsinniges Weltbild verbirgt. Davon halte ich zwar nichts, trotzdem sind solche „Christen“ nicht bescheuert in dem selben Sinne, wie es Flache-Erde-Kreationisten sind.

Im Gegensatz dazu gibt es essenziell nur drei Sorten von Menschen, die Homöopathie, Antroposophische Medizin, schwingende Kristalle und so weiter (ich meine hier nicht Omas Hausrezepte wie Kamillentee und Honigmilch gegen Erkältung!) befürworten – und das sind diejenigen, die entweder 1. keine Ahnung haben, 2. verrückt sind, 3. böswillig sind. Wahrscheinlich gehören die meisten Komplementär-Fans zur ersten Kategorie, wobei einige Rädelsführer der „Alternativen Szene“ wohl bei den Nummern 2 und 3 zu verorten sind.

Nun, eigentlich hatte ich ursprünglich gar nicht vor, mich noch länger mit diesem Unsinn zu befassen, aber wenn das Thema denn auf so große Beliebtheit stößt, dann biete ich im folgenden eine kritische Zusammenfassung der drei wichtigsten Alternativ-Schamanereien aus Materialien der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) an, die auch skeptische Zeitgenossen als hilfreiche Information gewiss wertschätzen können:

Anthroposophische Medizin

Die Anthroposophische Medizin geht auf Rudolf Steiner (1861–1925) und die Ärztin Ita Wegman (1876–1943) zurück.

Die anthroposophische Medizin unterteilt den Menschen in vier „Wesensglieder“: physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich-Organisation. Durch deren Zusammenwirken entstehen drei Funktionssysteme: das Nerven-Sinnes-System (Träger des Denkens), das rhythmische System (Träger des Fühlens) und das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System (Träger des Wollens). Krankheiten erklärt die anthroposophische Medizin durch ein Ungleichgewicht dieser Systeme. Entsprechend werden anthroposophische Arzneimittel mit dem Ziel eingesetzt, dieses Gleichgewicht wieder herzustellen und damit die Krankheit zu überwinden. Karma gilt als unüberwindbare Krankheitsursache.

Die theoretischen Grundlagen der Anthroposophie, wie die Existenz eines Äther- und Astralleibes, sind nicht belegt und als Fantasiegebilde einzustufen. Solche Gedankengebäude sind durch theoretische Isolation gekennzeichnet, d.h., sie weisen keine Berührungspunkte mit wissenschaftlichen Disziplinen auf.

Sehr bedenklich ist ferner die Ablehnung von Schutzimpfungen durch viele anthroposophisch beeinflusste Ärzte und Schulen. Die Ablehnung auch risikoarmer Impfungen, wie gegen Masern, Mumps und Röteln, bis hin zu sogenannten „Masernpartys“, an denen erkrankte und (noch) gesunde Kinder teilnehmen, haben zur Zunahme von Epidemien mit den damit verbundenen Risiken von dauerhaften Schäden bis hin zu Todesfällen geführt (5).

Insgesamt ist festzuhalten, dass nichts für die anthroposophische Medizin spricht. Ihre theoretischen Grundlagen sind wissenschaftlich unhaltbar. Und empirisch konnten in wissenschaftlichen Studien weder die Wirksamkeit belegt noch eine Unbedenklichkeit bestätigt werden (6) (7) (8) (9). Insbesondere wegen der fehlenden Daten zur Unbedenklichkeit muss im Gegensatz zu hochpotenzierten homöopathischen Mitteln von einer Nutzung auch als Placebo abgeraten werden.

Edelsteintherapie, Kristallmedizin, Lithotherapie

Esoterik-Shops verkaufen Amulette und Edelsteine, und sie geben unterschiedliche therapeutische Wirkungen an. Auf so genannten Bewusstseinsmessen werden Kristalle und Halbedelsteine angeboten, die am Körper getragen werden sollen – nicht selten sind es synthetische Imitate. Heute werden Heilsteine nur noch selten zerrieben angewendet, manchmal im Ganzen in Wasser eingelegt, von dem man einige Tropfen einnimmt. Meist aber werden die Steine rituell und in bestimmter Reihenfolge auf den ruhenden Körper des Heilsuchenden gelegt, bevorzugt auf die „Chakren“, angebliche Energiezentren zwi- schen Scheitel und Unterleib. Diese entspannende Zeremonie kann mit Musik und Düften untermalt werden, und nennt sich dann „Kosmotherapie“. Manchmal wird Steintherapie durch eine Visualisierung ergänzt – wobei man sich eine heilende „Reise durch den Körper“ fantasiert. Die Steine werden intuitiv oder mit der Wünschelrute ausgewählt, oder nach altem Sympathieglauben – so sollen etwa gelbe Steine bei Gelbsucht wirken.

Das Ziel der Anwendungen ist entweder eine Verhaltens- oder Persönlichkeitsveränderung, etwa: „Achat hilft gegen Aggressivität“, „Beryll macht sanft und verträglich“, Magnetit sei angezeigt bei „Personen, die das Gespräch ständig auf sexuelle Themen“ lenkten etc. Oder die Steine sollen eine Besserung definitiver Krankheiten bringen. Zum Beispiel wirke Achat bei Epilepsie – aber auch gegen die Folgen von Zeckenbissen -, Bergkristall bei Funktionsstörungen der Schild- drüse, und Jaspis sei gar ein „Herzschrittmacher“ – andere Quellen meinen dagegen, er könne gegen Fehl- geburten helfen. Oft werden diese Ratschläge – zur Absicherung – in Form von suggestiven Erzählungen oder Fragen formuliert.

Die alten Quellen verraten, dass man den Steinen immer schon beliebige Eigenschaften und Heilwirkungen zugeschrieben hat. Das ist heut nicht anders, oft widersprechen die Angaben einander. Die Konzepte der verschiedenen Lithotherapien beruhen auf magischen Vorstellungen und Aberglauben, und sie widersprechen heutigem Wissen: Von der Mineralogie werden die Edelsteine – wie die übrigen Mineralien auch – nach chemischen Gesichtspunkten klassifiziert. Edelstein-Heiler vermischen auf unzulässige Weise magische Ideen mit physikalischen oder Fantasie-Begriffen, oft geben sie Wissenschaftlichkeit nur vor. Sowohl für die zugeschriebenen Eigenschaften als auch für die Heileffekte fehlen wissenschaftliche Nachweise.

Homöopathie

Homöopathie ( von griech. homoios, ähnlich) ist ein verbreitetes Verfahren der Komplementär- und Alternativmedizin. Begründer der Homöopathie ist der Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843). Hahnemann stellte folgende Prinzipien der Homöopathie auf, die sich bis heute erhalten haben:

  1. Das Simile-Prinzip sieht vor, dass „Ähnliches mit Ähnlichem“ behandelt wird. Gegen Fieber beispielsweise setzt man Mittel ein, die Fieber hervorrufen. Dies geschieht in äußerst niedriger Dosierung, wodurch sich die Wirkung umkehren soll.
  2. Bei der Arzneimittelprüfung am Gesunden werden alle Symptome aufgezeichnet, die nach Einnahme des Mittels beim Probanden auftreten.
  3. Die homöopathische Verdünnung des Wirkstoffs („Potenzierung“) soll dessen Wirkung erhöhen. Die Verdünnung geschieht durch Verschütteln in einem Lösungsmittel oder Verreiben mit Milchzucker. Die Verdünnungen werden mit den Buchstaben „D“, „C“ und „Q“ bzw. „LM“ gekennzeichnet. Dabei steht D für Dezimalpotenzen (Verdünnungen im Verhältnis 1:10) und C für Centesimalpotenzen (Verdünnungen im Verhältnis 1:100). Mit LM werden 50 000-fache Verdünnungen bezeichnet.

Medizinhistoriker betrachten die Entwicklung der Homöopathie als Reaktion auf die rigorosen Behandlungsmethoden des 18. Jahrhunderts, bei denen regelmäßig Aderlässe angewandt und giftige Substanzen verabreicht wurden. Neben pflanzlichen Substanzen werden auch Stoffe tierischer Herkunft, etwa die Spinnenart Schwarze Witwe, giftige Mineralien, wie Arsen- und Quecksilber und Krankheitsstoffe wie Eiter verwendet.In der rund 200-jährigen Geschichte der Homöopathie haben sich verschiedene Formen herausgebildet. Alle gehört zu den „besonderen Therapierichtungen“, deren Präparate jenseits der Verdünnung D 4, anders als bei der konventionellen Medizin, ohne Wirksamkeitsnachweis für den Markt zugelassen werden.

Bislang liegt kein wissenschaftlicher Beweis für eine über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirkung der Homöopathie vor. Auch bei den Versuchen, ihre Theorie rational zu erklären, ist die Homöopathie bisher gescheitert. Kritiker weisen auf die teils enormen Verdünnungen der Wirkstoffe hin. Die Potenz D3 enthält meist etwa 1g Wirkstoff pro Liter. D20 entspricht bereits einer Verdünnung von 1:1020, was einer Tablette des Wirkstoffes im gesamten Atlantik entspricht. Ab D23 ist rein rechnerisch kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr enthalten. Scheinbare Therapieerfolge erklären sich, wie bei anderen „alternativmedizinischen“ Verfahren, durch den Placebo-Effekt sowie durch den natürlichen Krankheitsverlauf.

8 Kommentare zu „Ist Alternativmedizin wichtiger als Religion?

  1. die entweder 1. keine Ahnung haben, 2. verrückt sind, 3. böswillig sind.

    Du vergisst: 4. die gierig sind… die, die damit Geld verdienen.

  2. Ja, ich denke auch, dass das Thema Religion hierzulande überschätzt wird. Dem Ottonormalgläubigen sind die Fundis ja selber mehr als suspekt und die Kirchen haben durchaus die Funktion, das Weltbild der Menschen in relativ moderate Bahnen zu lenken. Für mich ist das kein Grund, Mitglied einer Kirche zu sein, aber die Frage ist schon, was eigentlich passiert, wenn die Leute verstärkt außerhalb der Kirchen ihr Weltbild zusammenzimmern. An dieser Stelle tut Aufklärung Not. Die Oma mit dem Papstbild an der Wand ist gegen die Pseudowissenschaftler und deren geistigen Verwirrung doch total harmlos.

    1. Hallo Stefan, Du solltest bedenken, dass die Oma Enkel hat, somit ist sie nicht mehr als harmlos einzustufen.

  3. Allerdings haben wir bei den Kirchen das Problem, dass sie ungemein viel Macht und Einfluss besitzen, außerdem natürlich, dass wir für sie in einem perversen Ausmaße bezahlen müssen. Die herkömmlichen Dogmen werden von einer Minderheit geglaubt, aber dass wir in einer „christlichen“ Gesellschaft leben würden und dass die „christliche“ Moral das überhaupt beste sein, diesen weithin akzeptierten Fluch müssen wir brechen.

    Ich werde mir aber weiterhin auch diese anderen Irrationalismen vornehmen.

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