Der anti-naturalistische Fehlschluss

Naturalismus

Der naturalistische Fehlschluss besagt, dass man aus dem Ist kein Soll ableiten darf. Wenn also irgendwelche Kinder verhungern, dann sollte man nicht daraus schließen, dass dem auch gut so ist. Doch gibt es auch einen anti-naturalistischen Fehlschluss

W.D. Casebeer hat diesen Begriff 2003 geprägt. Er besagt: Obwohl nicht alle Fakten über die natürliche Welt für den ethischen oder moralischen Diskurs relevant sind, so sind alle Fakten, die für den ethischen oder moralischen Diskurs relevant sind, trotzdem Fakten über die natürliche Welt. Wer sagt, dass Werte Fakten über die nicht-natürliche Welt sind, begeht den anti-naturalistischen Fehlschluss.

Die Moraltäten der Religionen beruhen auf dem anti-naturalistischen Fehlschluss, also auf einem Denkfehler. Sie besagen schließlich, dass Werte Fakten sind, die von einer übernatürlichen Kreatur vorgegeben werden.

Der ethische Realismus und Utilitarismus

Der ethische Realismus besagt, dass sich „ethische Aussagen auf reale natürliche Eigenschaften von Dingen beziehen“. Der utilitaristische Realist geht einen Schritt weiter. Er sagt: „Ethische Strukturen werden zu dem Zwecke erschaffen, soziale Kooperation zu ermutigen, weil soziale Kooperation zum Wohle der Gesellschaft nötig ist.“

Ich bin auf jeden Fall ein ethischer Realist, aber ich bin mir nicht sicher, was den Utilitarismus angeht. Leider ist es auch ein sehr vages Konzept, denn was ist das „Wohl der Gesellschaft“? Und ist wirklich alles, was eine größere Gruppe von Menschen glücklich machen würde, auch ethisch gerechtfertigt? Ich könnte mir vorstellen, dass es eine große Gruppe von Menschen glücklich gemacht hat, als sie im Mittelalter Juden ermordet haben, weil diese angeblich Hostien schlecht behandelten.

Vielleicht funktioniert der Utilitarismus aber trotzdem, wenn man ihn so modifziert, wie ich das in meiner „Goldenen Regel der naturalistischen Ethik“ getan habe: „Vermehre das Glück leidensfähiger Lebewesen“, negativ formuliert: „Verringere das unnötige Leid von leidensfähigen Lebewesen“. Beides wären Richtlinien für Individuen und für die Gesellschaft gleichermaßen.

Ein Unterschied besteht auch darin, dass ich die Anerkennung der Menschenrechte für alle Menschen, die ihnen zustimmen, für notwendig erachte. Wer die Menschenrechte anderer Menschen in der Praxis nicht anerkennt, der wird selbst seine Menschenrechte in dem Maße einbüßen, wie es notwendig ist, um den Schaden abzuwenden, der durch sein Handeln entstehen würde.  Zum Beispiel muss man gefährliche Serienmörder einsperren, um die Gesellschaft vor ihnen zu schützen (was ja an sich ihren Menschenrechten zuwiderläuft).

Probleme mit dem offenen Utilitarismus

Natürlich bin ich auch ein „Evolutionärer Humanist“, aber dieses Konzept ist doch uneindeutiger als das hier vorgestellte, selbst wenn man die zehn Angebote des EH miteinbezieht. Darin findet sich zum Beispiel kein „dogmatisches“ Bekenntnis zu den Menschenrechten für alle Menschen, die sie anerkennen, sondern es handelt sich um eine flexiblere Form des Utilitarismus, siehe:

1. Diene weder fremden noch heimischen „Göttern“, sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern!

Die Vorgabe, das Leid in der Welt zu mindern, ist ein utilitaristisches Prinzip. Auf dieser Grundlage und der Grundlage des freien Strebens nach Glück, insofern andere nicht von diesem abgehalten werden („Humanistische Basissetzung“), geht es dem EH darum, in jeder Situation einzeln abzuwägen, was ethisch ist. Ich räume ein, dass auch die Festlegung auf die Menschenrechte zu Problemen führen kann, halte diese Festlegung aber, durchaus im Sinne des größtmöglichen Glücks für alle, für notwendig. Vom flexibleren Utilitarismus ausgehend, habe ich eine Weile lang Folter in bestimmten Fällen befürwortet und andere unschöne Dinge und ich befürchte, dass man auf diese Idee durch Anwendung von Logik auf Basis der Grundannahme gelangen könnte.

Ein Beispiel: Wäre es gerechtfertigt, einem Kind Säure ins Gesicht zu schütten, wenn andernfalls eine Gruppe sadistischer Gangster fünf Kindern Säure ins Gesicht schüttet? Laut meiner Ethik wäre das nicht gerechtfertigt und hier sehen wir Vor- und Nachteile einer „dogmatischen“ (eigentlich nicht wirklich, man könnte mich schon von etwas anderem überzeugen, aber mir fällt kein besserer Begriff dafür ein) Festsetzung der Menschenrechte. Allerdings dürfte man den fünf Gangstern Säure in die Gesichter schütten, um die Kinder zu retten.

Bald kommt übrigens Michael Schmidt-Salomons neues Buch heraus, „Jenseits von Gut und Böse. Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind.“ Er geht von der mangelnden Willensfreiheit aus und von einem religiösen Begriff von Gut und Böse. Ich glaube allerdings nicht, dass der Begriff der Moral, noch der Begriff von Gut und Böse, jemals verschwinden wird, so wie MSS sich das vorstellt. Wir können diese Begriffe nur umdefinieren, es ist illusionär, sie auflösen zu wollen.

Gut und Böse im Sinne des Naturalismus

Deshalb definiere ich „Gut“ als jede Handlung, die im Dienste der Goldenen Regel der naturalistischen Ethik steht und „Böse“ als jede Handlung, die der Regel entgegensteht. Das „reine Gut“ wäre eine altruistische Handlung im Dienste der Regel und das „pure Böse“ wäre eine rein destruktive Handlung entgegengesetzt zur Regel. Der Egoismus kann sowohl im Dienste des Guten, wie des Bösen stehen, darum kann man den Egoismus nicht einfach mit dem Bösen assoziieren.

Natürlich stimmt es, dass ein freier Wille nicht existiert, aber das hat für meine Ethik keine Bedeutung, weil ich davon ausgehe, welche Auswirkungen Handlungen haben und nicht davon, wie sie motiviert sind. Von diesen Auswirkungen müssen wir Strafen und Belohnungen abhängig machen. Darum müssen wir Kriminelle weiterhin bestrafen. Strafe vereitelt weitere kriminelle Taten und sorgt dafür, dass sich unerwünschtes Verhalten nicht lohnt. Strafe ist vollauf kompatibel mit dem Determinismus, als auch mit soziobiologischen Erkenntnissen und ich verstehe die Neurowissenschaftler nicht einmal im Ansatz, die meinen, wir müssten Strafe abschaffen, weil es keinen freien Willen gibt.

10 Kommentare zu “Der anti-naturalistische Fehlschluss

  1. Bebu sagt:

    Interessant, interessant…

    Leider habe ich jetzt gerade keine Zeit, aber ich werde mich bemühen dazu heute abend oder morgen etwas zu schreiben, da ich doch einige Einwände und Kommentare dazu abgeben möchte. 🙂

  2. ZeroMatter sagt:

    Eigentlich wollte ich zuerst meine Zustimmung bekunden, aber nach einigen Absätzen fiel mir auf, dass mich mehr stört, als mir gefällt.

    1)Weil du nämlich Gut und Böse (so wie genügend andere) zu dir passenden, objektiven Kriterien machen willst und allen aufs Auge drücken – etwas das allerdings völlig unmöglich ist, da diese Begriffe rein subjektiv sind. (Etwas, dass auch M. S. S. verstanden hat und sie deswegen am Liebsten eliminieren will.) Allein deine goldene Regel der naturalistischen Ethik kann zu guten und schlechten (nach meiner Definition) Ergebnissen kommen – da Menschen nun einmal sehr unterschiedliche Vorstellung haben, was Leid und Freude für ihre Mitmenschen bedeutet.
    Zählt in einem solchen Fall nur die subjektive Lage des „Täters“ oder nur die subjetive Lage des „Opfers“? (Also „Motiv“ oder „Ergebnis“?)
    (Außerdem kann man „Gut“ und „Böse“ von vornherein nicht umdefinieren, da es niemals allgemeingültig definiert war.)

    2)Auch kann ich mit deiner „Regel der naturalistischen Ethik“ nichts anfangen. Die Utilaristische Ethik wird durch sie kein bisschen eingeengt und konkretisiiert – eigentlich ist sie nur eine Umformulierung, die zu genau demselben Ergebnis kommt. Auch die Formulierung „Verringere das unnötige Leid“ halte ich für absurd. Was soll das sein, „unnötig“. Es gibt gar kein „unnötig“. Zumindest nicht ohne auf etwas anderes bezogen zu sein. Z.B. ist es unnötig, zu beten, um (nicht) an einer Cyanidvergiftung zu sterben. Sterben tut man in jedem Fall.
    „Unnötig“ oder „nötig“ sind in solchen Konstellationen völlig leere, lediglich durch persönliche, subjektvie Maßstäbe aufgefüllte, Begriffe. Insofern sind sie ziemlich wertlos und machen eigentlich mehr Probleme als sie helfen.

    Eigentlich kannst du natürlich nichts machen, um Jemanden wie mich zufrieden zu stellen. Ethik ist eigentlich eine ziemliche Fehlkonstruktion, da sie versucht (die unvernünftige) Moral mit der Ratio in Einklang zu bringen und am Ende ein allgemein gültiges Prinzip aus dem Boden zu stampfen – was nie im Leben funktionieren kann.
    Aber gibt’s eine bessere Alternative?

    Ach ja, noch zu der Sache mit den Strafen für die Verbrecher. Das ist vielleicht die bedenklichste Einstellung, da in einem Recht, in dem nur das Ergebnis zählt und nicht das Motiv, jeder der einem anderen umbringt, egal aus welchem Grund, gleich lang hinter Gitter kommt. Denn das Ergebnis ist dasselbe.

    Aber eine Strafe erfordert dem heutigen Recht nach immer eine Schuld (oder zumindest Fahrlässigkeit) – sonst gibt’s keine Strafe.
    Aber wenn es keinen freien Willen gibt, was ist dann überhaupt Schuld? Wenn man nichts dafür kann, wenn Jemand stirbt, wie z.B wenn man eine Blumenvase aus dem Fenster wirft (sagen wir mal, nicht fahrlässig), wo ist dann der Unterschied, aus dem man nichts dafür kann, wenn Jemand stirbt, weil man halt falsch erzogen wurde (und den dann erschossen hat.) Weder in dem einem noch dem anderen Fall kann man etwas dafür – da man ja nie eine Wahl hatte, anders zu halten.
    Da man insofern Schuld abschaffen müsste und unser Rechtssystem halt darauf basiert, würde man defacto damit auch das Rechtssystem und seine Strafen abschaffen.

  3. derautor sagt:

    Das ist schon eine äußerst verworrene Kritik. Worauf willst du eigentlich hinaus? Dass Ethik rein subjektiv ist? Dann darf ein Psychopath auch rumlaufen und Leute töten, wenn es sowieso kein intersubjektiv nachvollziebares Kriterium dafür gibt, warum er das nicht tun sollte. Und dieses Kriterium ist für mich eben der Verstoß gegen die Goldene Regel der NE.

    „Etwas, dass auch M. S. S. verstanden hat und sie deswegen am Liebsten eliminieren will.“

    MSS ist aber auch kein Relativist und wenn du dir mal seine gar nicht begründete (wie er findet, nicht begründbare) Humanistische Basissetzung ansiehst, ein Axiom, dann kann man zumindest feststellen, dass in meiner Ethik keine Axiome vorkommen. Auch die Menschenrechte begründe ich mit der GRNE, die aus unseren Bedürfnissen und Interessen abgeleitet ist. (Gut, es gibt einen kleinen Schritt von Sein zu Sollen, vlt. ist das so ein bisschen wie ein Axiom.)

    In der Tat denke ich, dass Gut und Böse sinnvolle Konzepte sind oder sein können. Wenn du in einen Kindergarten einbrichst, Benzin über die Kids schüttest und sie anzündest, dann ist das böse.

    „da Menschen nun einmal sehr unterschiedliche Vorstellung haben, was Leid und Freude für ihre Mitmenschen bedeutet.“

    Ich leugne diese Behauptung.

    „eigentlich ist sie nur eine Umformulierung, die zu genau demselben Ergebnis kommt“

    Unsinn. Der klassische Utilitarismus schließt nur Menschen mit ein und meine Fassung auch andere, leidensfähige Lebewesen.

    „Auch die Formulierung “Verringere das unnötige Leid” halte ich für absurd. Was soll das sein, “unnötig”.“

    Nötiges Leid kann nicht verhindert werden. Zum Beispiel Leid, das durch unvorhergesehene Naturkatastrophen erzeugt wird.

    „(die unvernünftige) Moral mit der Ratio in Einklang zu bringen“

    Warum sollte Moral unvernünftig sein?

    „Recht, in dem nur das Ergebnis zählt und nicht das Motiv, jeder der einem anderen umbringt, egal aus welchem Grund, gleich lang hinter Gitter kommt.“

    Keineswegs. Zu dem Ergebnis gehören auch die Umstände. Aus Notwehr zum Beispiel darf man jemanden töten, falls nötig. Wie man nun motiviert war, mit freiem Willen oder ohne, ist egal.

    „Aber wenn es keinen freien Willen gibt, was ist dann überhaupt Schuld?“

    Also bitte! Es kann doch nicht sein, dass heutzutage noch jemand für den freien Willen argumentiert. Was soll das überhaupt sein? Ein Wille, der keine Ursache hat, der völlig aus dem Nichts entsteht? Frei von was genau ist denn der freie Wille?

    „Schuld“ in diesem theologischen Sinne gibt es tatsächlich nicht. Aber das ist egal. Wenn, sozusagen, ein individueller „Körper“ eine Tat begeht, dann ist er und nicht ein anderer Körper für diese Tat verantwortlich, das kann er frei oder unfrei tun.

    „Da man insofern Schuld abschaffen müsste und unser Rechtssystem halt darauf basiert, würde man defacto damit auch das Rechtssystem und seine Strafen abschaffen.“

    Unser Rechtssystem basiert nicht auf dem theologischen Schuldbegriff.

  4. Bebu sagt:

    @derautor
    Ich habe jetzt im Prinzip einen Kommentar zu deinen Ausführungen hier fertig. Da dieser aber recht lang geworden ist, wollte ich damit nicht unbedingt den ganzen Kommentarbereich vollstopfen. Wenn du daran ein Interesse haben solltest, könnte ich dir dieses mailen. Leider kenne ich deine E-Mailadresse nicht, weshalb du mir vielleicht einfach eine an die hier von mir angegeben schreibst und ich dann entsprechend antworte?
    Zur Not stell ich den Kommentar auch hier rein, aber er ist schon ziemlich geworden.

    @ZeroMatter
    „Eigentlich kannst du natürlich nichts machen, um Jemanden wie mich zufrieden zu stellen. Ethik ist eigentlich eine ziemliche Fehlkonstruktion, da sie versucht (die unvernünftige) Moral mit der Ratio in Einklang zu bringen und am Ende ein allgemein gültiges Prinzip aus dem Boden zu stampfen – was nie im Leben funktionieren kann.
    Aber gibt’s eine bessere Alternative?“
    –> Also das ist meiner Ansicht nach einfach nicht richtig. Ethik ist eine leider notwendige Sache, da wir nicht einer alle Bedürfnisse befriedigenden Schlaraffenlandwelt leben und es deshalb zwischenmenschliche Konflikte (bzw. Konflikte zwischen Subjekte mit Interessefähigkeit) gibt und diese Konflikte müssen gelöst werden. Damit diese Lösungen möglichst gut im Sinne von ertragreich, die Interessen aller berücksichtigend, usw. gelöst werden, braucht es eine möglichst rationale Vorgehensweise.
    Und da sind (oftmals komplexe) konsequentialistische Ethikformen, die z.B. Spiel- und Entscheidgungstheorie und andere wissenschaftliche Ergebnisse berücksichtigen, einfach sinnvoll. Zumindest sinnvoller als recht willkürliche religiöse Moralsysteme.
    Sicherlich sind sie nicht perfekt und es gibt Bereiche, wo sie versagen oder nicht zum gewünschten Ergebnis führen. Aber so lange man von ihren Schwächen weiß und diese nicht verschweigt, ist es mir alle mal lieber man erarbeitet eine Ethik, als man hält sich an eine willkürliche Moral, handelt vollkommen impulsgesteuert oder was auch immer.
    Auch hat die Erstellung einer Ethik beileibe nichts damit zu tun, ein allgemein gültiges Prinzip zu konstruieren. Dies wäre aufgrund der Vielschichtigkeit von möglichen Entscheidungssituationen auch kaum möglich und deshalb kann man nur gewisse Leitlinien angeben, die dann im konkreten Einzelfall verbessert und modifiziert werden müssen. Anders kann man auch gar nicht vorgehen, da sich die Welt und die möglichen Entscheidungssituationen ändern und ständig neue hinzukommen. (Beispiel: Schwangerschaftsverhütung. Kann man durch religiöse Moral nur mittels hahnebüchender Textexegesen verbieten, die meines Erachtens an verschleierte Willkür grenzen.)

    „Aber wenn es keinen freien Willen gibt, was ist dann überhaupt Schuld? Wenn man nichts dafür kann, wenn Jemand stirbt, wie z.B wenn man eine Blumenvase aus dem Fenster wirft (sagen wir mal, nicht fahrlässig), wo ist dann der Unterschied, aus dem man nichts dafür kann, wenn Jemand stirbt, weil man halt falsch erzogen wurde (und den dann erschossen hat.) Weder in dem einem noch dem anderen Fall kann man etwas dafür – da man ja nie eine Wahl hatte, anders zu halten.
    Da man insofern Schuld abschaffen müsste und unser Rechtssystem halt darauf basiert, würde man defacto damit auch das Rechtssystem und seine Strafen abschaffen.“
    –> Also ich kapiers langsam nicht mehr. Diesen Einwand hört man ständig. Aber: Der freie Wille wird durch wissenschaftliche Erkenntnisse nicht abgeschafft. Sollte es ihn nicht geben, was ich nach allem, was ich bisher gehört und gelesen habe, für am vernünftigsten halte, ändert sich an der Wirksamkeit von Strafe kaum etwas, da der freie Wille nie existierte. Nur an der Art ihrer Begründung muss sich etwas ändern. Dann geht es nicht mehr darum, dass man wie bisher von einigen Seiten vertreten eine Schuld sühnen muss und Reue für die Tat entwickeln soll. Sondern dann geht es darum, dass man zum einen wie bisher vor Taten abschreckt, was meines Erachtens sehr gut, wenn auch nicht perfekt, funktioniert und andererseits darum die Gesellschaft zu schützen und je nach Möglichkeit unter Berücksichtung der neuen Erkenntnisse bessere Resozialisierungsmaßnahmen auszuarbeiten.
    Alle mal besser als ein imagniäres Schuldenkonto bei einem imagniären Alphamännchen oder der Gesellschaft(?) durch Sühne/Buße einer Schuld auszugleichen.

  5. derautor sagt:

    Den Kommentar kannst du schon hier reinstellen, mach halt ein paar Absätze.

  6. Bebu sagt:

    Gut, dann will ich mal den Kommentarbereich zumüllen:
    Da zwei Kommentare dazu gekommen sind und ich mir auch noch deinen Artikel zum naturalistischen Weltethos durchgelesen habe, wird dieser Kommentar etas länger und aufgrund meines „roten“ Fadens nicht in chronologischer Form der zitierten Beiräge erfolgen, sondern entsprechend auf Aussagen in den einzelnen Beiträgen eingehen:
    (Vorweg: Ich habe leider bisher noch nicht so viele Vorlesungen zu Ethik gehört. Aber das, was ich bisher gehört habe, klang sehr vernünftig und ich möchte dieses Wissen hier einmal einfließen lassen):

    „Dass Ethik rein subjektiv ist? Dann darf ein Psychopath auch rumlaufen und Leute töten, wenn es sowieso kein intersubjektiv nachvollziebares Kriterium dafür gibt, warum er das nicht tun sollte. Und dieses Kriterium ist für mich eben der Verstoß gegen die Goldene Regel der NE.“
    –> Also Ethik ist meines Erachtens wirklich subjektiv, da jeder einzelne Bewerter seine eigene Ethik hat. Ethik kann nur schwach(!) objektiv sein, wenn sich mehrere Bewerter über einen oder mehrere bestimmte Sachverhalte in ihrem Urteil einig sind.

    Zu dieser Feststellung komme ich, da ich eine metaethische Erkenntninistheorie des Wertens vertretete, die folgende Aussage aus deinem naturalitischen Weltethos zwar befürwortet, aber leider für unmöglich hält:
    „Eine naturalistische Ethik dagegen basiert auf der objektiven Realität, wie sie die kritische Methode der Wissenschaften beschreibt, also auf der natürlichen Welt“
    Diese objektive Realität (= „Welt an sich“) ist für uns Menschen leider nicht direkt zugänglich. Alles was wir über die Welt erfahren ist das Endprodukt der Verarbeitungsprozesse der Wahrnehmungssignale unserer Wahrnehmungsorgane im Gehirn. Dieses Endprodukt hängt dabei entscheidend von unserer individuellen Hardware (wie z.B. unsere Sinnesorgane und unserer Gehirn aufgebaut ist) ab und im Bereich des Wertens auch noch von unserer individiuellen Wertbildungsgeschichte. Dieses subjektive Endprodukt ist dann für jeden einzelnen seine Erlebniswelt, die er im intersubjektiven Austausch mit anderen Individuen zu einer schwach objektiven Erfahrungswelt ausbauen und mittels (natur-)wissenschaftlicher Erkenntnisse/Methoden erweitern kann. Nur ist diese schwach objektive Erfahrungswelt nicht gleich der stark objektiven „Welt an sich“, das was du vermutlich mit objektiver Realität meinst.

    Man muss hier meiner Meinung nach auch differenzieren, da wir als Menschen diese objektive Realität bei noch so guten (natur-)wissenschaftlichen Methoden und Theorien niemals ganz erreichen werden können. (Auch einige skeptische Szenarien (wie z.B.“Brain in a Vat) verhindern dies wohl vollkommen.)
    Und da wir dies nicht können, können wir auch leider keine stark objektive Ethik aus der Welt ableiten, da wir keinen 100%igen Zugang zu diesen Werten haben, wenn sie denn überhaupt existieren.
    Folglich ist es leider auch nicht möglich zu sagen, dass eine Ethik objektiv falsch ist. Sie ist immer nur aus der Sicht des jeweiligen Bewerters falsch, da dieser eine andere Ethik vertritt.

    Aus diesem Erkenntnisrelativismus folgt deshalb aber noch lange kein ethischer Relativismus, da jeder Mensch seine eigenen ethischen Werte aufgrund seiner individuellen Wertbildungsgeschichte besitzt und sich auf dieser Grundlage mit anderen Individuen auf eine schwach objektive Ethik einigen kann. (Sieht man z.B. in religiös-einheitlichen Gebieten oder in Zusammenschlüßen von humanistischen Vereinigungen, usw. usw.)

    Dabei ist auch noch festzuhalten, dass meines Erachtens Ethik nur dazu dient, um Konflikte zwischen zwei oder mehr Menschen bzw. berücksichtigungswürdige Individuen (Tiere, Außerirdische, usw. je nach Situation 😉 ) zu regeln. Deshalb ist es auch reichlich egal, dass es keine stark objektive Ethik gibt nach der sich jeder zu richten hat. Wichtig ist aus meiner individuellen Sicht nur, welche Ethik jemand vertritt. (Dazu aber später mehr.)

    Von dieser Feststellung des Erkenntnisrelativismus nun zu folgender Aussage in deinem naturalistischen Weltethos:
    „Die naturalistische Ethik leitet aus der Natur des Menschen seine grundlegenden Bedürfnisse und Interessen ab und hat das Ziel, diese zu erfüllen. Die grundlegenden Bedürfnisse und Interessen des Menschen entsprechen den Menschenrechten, minimal das Recht auf Leben, Eigentum und freiem Streben nach Glück, wie sie von Thomas Jefferson in der amerikanischen Unabhhängigkeitserklärung formuliert wurden, erweiterte Menschenrechte sind in der französischen Menschenrechtserklärung und jener der Vereinten Nationen niedergeschrieben. Von den garantierten Menschenrechten abgesehen, geht es der naturalistischen Moralphilosophie um die faire Abwägung von Interessen auf Grundlage der Goldenen Regel der naturalistischen Ethik.“
    –> Ich bezweifel, dass man diese grundlegenden Bedürfnisse so leicht vereinheitlichen kann, da einfach jeder Mensch aufgrund der verschiedensten Gründe unterschiedliche Bedürfnisse besitzt. Zum einen sind wir alle keine genetischen Klone und zum anderen wachsen wir alle in extrem unterschiedlichen Erlebniswelten auf, was in Kombination mit der unterschiedlichen genetischen Ausstattung auch noch oft zu einzigartigen Erfahrungen führt, die wiederum zu individuell unterschiedlichen Wertungen führt, die auf spätere Wertungen einwirken.

    Zwar gibt es wohl einen arg begrenzten, recht einheitlichen Moralsockel für bestimmte Handlungen in gewissen allgemein gehaltenen Situationen, wie man in interkulturellen Experimenten herausgefunden hat. (Ich kenne da jetzt auf die schnelle nur das Experiment der führerlosen Lock, die auf eine Gruppe von Gleisarbeitern zurast und die man auf verschiedene Weise stoppen kann.) Nur reicht auch eine derartige Sockelmoral kaum aus, um ethisch wirklich relevante Situationen zu lösen. Denn wenn z.B. fast alle Menschen einem ethischen Gebot wie „Du sollst keinen Menschen ohne Grund töten“ zustimmen, ist dieses Gebot noch dermaßen allgemein gehalten, dass man schon bei leicht ausführlicher gehaltener Situationsbeschreibung weniger Übereinstimmung findet. Von realen Situationen ganz zu schweigen.
    Ähnlich ist es auch bei Bedürfnissen. Du setzt diese quasi mit den Menschenrechten gleich. Aber kann man dies so einfach? Sind diese allgemein gehaltenen Bedürfnisse wirklich die Mehrheitbedürfnisse alle Menschen bzw. wenn ja, sind sie konkrekt genug formuliert, um damit ethische strittige Situationen wirklich zu entscheiden?

    Davon abgesehen würde ich persönlich für mich die Menschenrechte nicht als Ausgangspunkt einer Ethik ansehen, sondern als einen möglichen End- oder Zwischenpunkt bei der Formulierung einer Ethik aufgrund anderer metaphyischer Annahmen. Denn das ist leider das Problem bei Ethik, man braucht eine oder einige metaphyische Grundannahmen. Allein schon die hier von mir skizzierte Erkenntnistheorie des Wertens ist so eine metaphyische Grundannahme. Ich kann leider niemand „zwingen“ diese Sicht zu übernehmen. Wenn jemand von sich behauptet, dass er mit seinem Gehirn, die „Welt an sich“ direkt wahrnimmt, kann ich ihm nur Argumente liefern, warum dies meines Erachtens nicht der Fall ist.

    Ähnliche metaphyische Annahmen sind meines Erachtens MSS „Humanistische Basissetzung“ oder deine Goldene Regel. In gewissem Sinne kommt man um solche Festlegungen kaum herum. Man kann sie versuchen zu begründen. Es ist sogar möglich einen recht großen Umfang an ethischen Rechtsnormen rational (und mathematisch) für reine Egoisten so zu begründen, dass sie aus reinen egostischen Vorteilsnutzenerwägungen diesen Normen zustimmen. Aber leider stößt man auch da an Grenzen.

    Aber zu deiner Goldenen Regel und deinem scheinbaren(?) Problem mit dem Utilitarismus:
    „Vermehre das Glück leidensfähiger Lebewesen“
    bzw.
    „Verringere das unnötige Leid von leidensfähigen Lebewesen“
    –> Klingt auf dem ersten Blick nicht schlecht und eignet sich sicherlich für viele ethische Entscheidungssituationen. Hat ein wenig was, von einer stark konkretisierten klassichen Goldenen Regel.
    Aber ich würde sie aus einem guten Grund noch erweitern, um einen Zusatz:
    „Verringere das unnötige Leid von ethisch berücksichtungswürden, leidensfähigen Lebewesen.“

    Der Grund für diesen Zusatz möchte ich an einem Beispiel erläutern, das ich in einer Vorlesung im Zusammenhang mit der klassichen Golden Regel und anderen ethischen Prinzipien gehört habe und das mir auch hierfür einleuchtet:
    Angenommen es gab einen politisch motivierten Anschlag und dabei sind 3 Verletzte von einem Arzt mit begrenzter Medizin und Behandlungszeit zu versorgen. Entweder er kann 2 Verletzte retten oder 1. Je nachdem wie er sich entscheidet, sterben entweder 2 Personen oder 1. Nach diesem Punkt würden sicherlich viele und auch du nach deinem Prinzip eher die 2 Personen retten als den einen. Damit würde ja immerhin mehr Leid verhindert/beseitigt.
    Was ist aber, wenn es sich bei den 2 Verletzten um die Täter und bei dem einen um ein Opfer dieser beiden Täter handelt? Da könntest du dann, wenn du rein mathematisch dein Prinzip anwendest, nicht zu gunsten des Opfers entscheiden, obwohl du, so vermute ich mal, wie ich eher dem Opfer helfen würdest als den beiden Tätern.

    Deshalb denke ich mal, dass eine Einschränkung wie ethische Berücksichtungswürdigkeit (wie z.B. unverschuldet Opfersein) nicht ganz verkehrt wäre. Wahrscheinlich sind da noch andere Einschränkungen denkbar, aber derzeit fallen mir keine ein.

    Wenn du aber etwas derartiges aufnehmen würdest, wird das Prinzip noch weiter erklärungsbedürftig, da man z.B. anhand bestimmter Kritierien ethische Berücksichtungswürdigkeit definieren muss.

    Womit man z.B. beim Utilitarismus wäre und damit auch bei einer konsequentialistischen Ethik.
    Leider bin ich auf dem Gebiet noch nicht so gut bewandert, wie ich es gerne wäre. Aber ich weiß, dass es verschiedene Versionen von Utilitarimus gibt, die verschiedene Formen von Berechnungsverfahren einsetzen und je nachdem komplett oder auch nur partiell konsequentialistisch sind.
    Dein Beispiel mit dem Kindern und der Säure ist sicherlich für den klassichen Utilitarismus schlagend, da man nach diesem das unbeteiligte Kind zu Gunsten der 5 anderen allein aufgrund der größeren Menge Glück schädigen müßte.
    Ich weiß jetzt leider nicht so ganz, wie du dieses Dilemma mittels Bezug auf die Menschenrechte „löst“. (Könnte daran liegen, dass man ihr kompletter Wortlaut gerade nicht so geläufig ist. *hust*)
    Aber wenn die „Lösung“ für dieses Dilemma darin liegt, dass man das unbeteiligte (?) Kind nicht schädigt, ist dies meines Wissens nach auch über andere modifizierte Varianten des klassischen Utilitarismus möglich. Z.B. über den Gerechtigkeits-Utilitarismus von Trapp. (Habe ich selbst leider noch nicht gelesen und ist aufgrund seines für eine philosophische Arbeit recht mathematischen Anspruchs wohl auch nicht sehr bekannt. Aber was ich bisher dazu von ihm in seinen Vorlesungen gehört habe, klingt für mich recht vernünftig) In diese Variante des Utilitarismus sind bestimmte deontische (Gerechtigkeits-)Annahmen eingefloßen, die z.B. verhindern, dass unbeteiligte Dritte wie dieses Mädchen geschädigt werden dürfen.

    Da ich aber auf dem Gebiet wie gesagt noch nicht so bewandert bin, wie ich es gerne wäre, würde ich gerne mal wissen, wie man dieses extreme Beispiel deiner Meinung nach überhaupt lösen kann bzw. soll? So oder so passiert eine große (ethische) Schweinerei, da ein oder mehrere kleine Mädchen mit Säure verletzt werden und nach deiner Schilderung keine wie auch immer gearteten Abwehrmöglichkeiten bestehen, um alle Mädchen zu retten.

    In diesem Zusammenhang würde mich auch interessieren, woran sich deine Ethik sonst noch orientiert? Nur anhand deiner Goldenen Regel und der Menschenrechte? Wenn ja, wäre das ja schon eine rein deontisch Ethik, oder? Oder beziehst du auch konsequentialistische Elemente mit ein? Und wenn ja nach welchem Prinzip, wenn nicht nach einer Spielvariante des Utilitarismus? Leider kenne ich da sonst noch keine konsequentialitischen Alternativen zu.

    Da mir jetzt mein „roter Faden“ abhanden kommt, will ich noch auf einige weitere Aussagen in loser Reihenfolge eingehen:
    A.)“In der Tat denke ich, dass Gut und Böse sinnvolle Konzepte sind oder sein können. Wenn du in einen Kindergarten einbrichst, Benzin über die Kids schüttest und sie anzündest, dann ist das böse.“
    und
    „Deshalb definiere ich “Gut” als jede Handlung, die im Dienste der Goldenen Regel der naturalistischen Ethik steht und “Böse” als jede Handlung, die der Regel entgegensteht. Das “reine Gut” wäre eine altruistische Handlung im Dienste der Regel und das “pure Böse” wäre eine rein destruktive Handlung entgegengesetzt zur Regel. Der Egoismus kann sowohl im Dienste des Guten, wie des Bösen stehen, darum kann man den Egoismus nicht einfach mit dem Bösen assoziieren.“
    und zum Buch von MSS (das ich leider noch nicht gelesen habe, da es ja erst bald erscheint).
    –> Also ich finde diese Aussagen und Ansichten noch etwas verbesserungswürdig.
    Zum einen denke ich, dass man auf Begriffe wie „gut“ und „böse“ verzichten sollte, da sie einfach zu leicht mit diesem ominösen, religiösen Vorstellungen von einem real existierenden Bösen in Verbindung gebracht werden können.
    Wenn du also Kindergartenamokläufer klassifizieren und bewerten willst, würde ich auf einen anderen Begriff zurückgreifen.
    (Ich vermute, dass MSS in diese Richtung geht, wenn er sich u.a. gegen diese Begriffe wendet. Aber es kann auch sein, dass ich mich damit irre. Mal sehen, was er in seinem Buch schreibt.)

    Wenn du in der Ethik Handlungen definieren willst, würde ich eher auf deontische Operatoren wie „Geboten“, „Verboten“, „Erlaubt“ zurückgreifen, und die Handlungen entsprechend mit im Sinne deiner Regel/Ethik „förderlich“ oder „abträglich“ klassifizieren. Damit umgehst du die besagte Assoziation und kannst im vergleichbaren Maße differenziert ethische Normen aufstellen. Auf „Gut“ und „Böse“ wäre man dann nicht angewiesen.

    B.)““(die unvernünftige) Moral mit der Ratio in Einklang zu bringen”

    Warum sollte Moral unvernünftig sein?“
    –> Einem reinen Egoisten kann man gewisse ethische Normen, nicht vermitteln, da diese ihm keinen Nutzenvorteil bieten und ihn sogar schädigen. Z.B. könnte man diesem reinen Egoisten nicht vermitteln, dass er für von Geburt an behinderte Menschen Sozialabgaben zahlen soll. Denn wenn dieser Egoist von Geburt an nicht behindert ist, wird er aus rein rationelen Gründen gegen derartige Zahlungen sein.
    Deshalb braucht man für bestimmte ethische Normen und Problemstellungen ein gewisses Maß an Bereitschaft zum ethischen Handeln, das rein rational unvernünftig wäre. Mensch sei Dank gibt es derartige Egoisten aber praktisch nicht.

    So, meine Ausführungen zum Sinn von Strafe bei fehlender Willensfreiheit habe ich ja schon geschrieben. Auch wenn mir neu wäre, dass unser Strafsystem nicht mehr auf diesem absurden Schuld und Sühne Gedanken aufbaut oder wenigstens einige ihrer Vertreter so noch argumentieren.

    Zur Möglichkeit von (leichter) Folter in bestimmten Fällen würde ich gerne etwas sagen. Aber das würde definitiv zu weit führen, da man diesen Punkt nicht in nur einem kurzem Kommentar abhandeln kann.

  7. ZeroMatter sagt:

    @derautor

    „Worauf willst du eigentlich hinaus? Dass Ethik rein subjektiv ist?“

    Yup. Und gar nicht so viel weniger willkürlich ist wie z.B. religiös motivierte Moral. (wenn auch mit einer längeren Kette an Begründungen.)

    „Dann darf ein Psychopath auch rumlaufen und Leute töten, wenn es sowieso kein intersubjektiv nachvollziebares Kriterium dafür gibt, warum er das nicht tun sollte.“

    Es gibt Gründe, dies nicht zu tun, aber objektiv sind diese nicht.
    „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.“ – (viele Leute)

    „Gut, es gibt einen kleinen Schritt von Sein zu Sollen, vlt. ist das so ein bisschen wie ein Axiom.“

    Ja, versuch‘ es herunter zu spielen. Wie man ein ethisches Modell (oder überhaupt irgend ein Modell) ohne Axiome aufstellen will, würde ich zu gerne mal sehen…

    „In der Tat denke ich, dass Gut und Böse sinnvolle Konzepte sind oder sein können. Wenn du in einen Kindergarten einbrichst, Benzin über die Kids schüttest und sie anzündest, dann ist das böse.“

    Nein, ist es nicht. Es mag für dich persönlich böse sein, doch von anderen Menschen zu verlangen – besonders von der Person, die die Tat begangen hat, es ebenfalls als „böse“ zu betrachten, ist vermessen – besonders, da sie es offensichtlich nicht als böse erachtet hat – denn sonst hätte sie es nicht getan. Ich will nicht deswegen das Töten von Kindern sanktionieren (bevor mir solch ein Unsinn noch unterstellt wird) – das Töten von Kindern würde immer noch, wenn es erlaubt wäre, das Leben in unserer Gesellschaft unerträglich machen – daher muss es verboten bleiben. Gesellschaftliche Problematik ist allerdings kein Kriterium für „Gut“ und „Böse“. Oder sieht dein Modell etwa vor, dass „Gut“ und „Böse“ nach dem gesellschaftlichen Konsens ausgerichtet wird?

    Demnach könnte auch das von dir genannte Beispiel in der richtigen Gesellschaft (zumindest unter gewissen Umständen) durchaus als „gut“ verstanden werden, was wohl nicht in deinem Sinne sein dürfte. (obgleich es praktisch so gehandhabt wird.)
    Nein, du nimmst einfach deine persönliche moralische und ethische Einstellung und deklarierst sie zum absoluten Maßstab für alle Individuen auf diesem Planeten!

    „Ich leugne diese Behauptung.“

    Menschen tun die ganze Zeit Dinge, mit denen sie Freude schenken wollen, aber Leid verursachen. Aber bitte, ein Beispiel: (mal aus dem täglichen Leben): z.B. jemand kocht einem anderen etwas, dass ihm persönlich wunderbar schmeckt. Der andere findet es abstoßend. (Mir ist das einleuchtend, aber es gibt Menschen, denen fehlt in dieser Hinsicht einfach eine gewisse Empathie)

    „Unsinn. Der klassische Utilitarismus schließt nur Menschen mit ein und meine Fassung auch andere, leidensfähige Lebewesen.“

    Wow. Aber worauf basiert das überhaupt? (Axiom?)

    „Nötiges Leid kann nicht verhindert werden. Zum Beispiel Leid, das durch unvorhergesehene Naturkatastrophen erzeugt wird.“

    Achso, das betrachtest du also als nötiges Leid – interessant, aber ich sehe immer noch nicht, inwiefern deine Regel durch das Wort unnötig in irgendeiner Art und Weise bereichert wird.
    Dass man nur versuchen soll, Leid zu verhindern, dass man auch verhindern kann, ist ja wohl eine Selbstverständlichkeit.

    „Warum sollte Moral unvernünftig sein?“

    Weil sie „hardwired“ ist, in unseren Genen, in der Natur des Menschen. Sie mag insofern vernünftig sein, aus der Perspektive des Prinzips des kollektiven Überlebens, der Fortpflanzung (der Evolution), aber nicht zwangsläufig aus der Perspektive des Individuums. Ansichten, wie die Einstellung gegenüber Sex zwischen Geschwistern sind „hardwired“, können aber durch die Vernunft, da sie aus der individuellen Perspektive (die in diesem Fall zu anderen Schlüssen kommt) verändert werden. Aus dieser Perspektive sind diese Ansichten dann unvernünftig.

    „Keineswegs. Zu dem Ergebnis gehören auch die Umstände. Aus Notwehr zum Beispiel darf man jemanden töten, falls nötig. Wie man nun motiviert war, mit freiem Willen oder ohne, ist egal.“

    Nein. Die Motivation spielt schon eine Rolle. Wenn man sich absichtlich in Gefahr begeben hat, um dann Notwehr zu leisten, kann man das Notwehrrecht verwirken.

    „Also bitte! Es kann doch nicht sein, dass heutzutage noch jemand für den freien Willen argumentiert.“

    Das tue ich auch nicht. Ich bin keineswegs der Ansicht, dass der freie Wille existiert -halte ihn sogar ebenfalls für unrealistisch und geradezu phantastisch.

    „Wenn, sozusagen, ein individueller “Körper” eine Tat begeht, dann ist er und nicht ein anderer Körper für diese Tat verantwortlich, das kann er frei oder unfrei tun.“

    Nein, das stimmt absolut nicht. Zumindest nicht in im modernen Recht.
    Das moderne Recht beschließt nicht primär aufgrund von objektiven Umständen, sondern aufgrund von Subketiven.

    „Unser Rechtssystem basiert nicht auf dem theologischen Schuldbegriff.“

    Ja, versuch einem Jusstudenten, der sich unzählige hunderte Stunden mit dem Unsinn beschäftigen musste, zu erklären, worauf unser Rechtssytem basiert. Viel Spaß!

    @ Bebu:

    „Also das ist meiner Ansicht nach einfach nicht richtig.“

    Wieso? Ich bin ja nicht der Meinung, Ethik wäre nutzlos. Sie ist noch das beste System in einer Welt voller schlechter System.

    Ich sehe allerdings nicht den Unterschied zwischen:

    „Auch hat die Erstellung einer Ethik beileibe nichts damit zu tun, ein allgemein gültiges Prinzip zu konstruieren.“

    und:

    „Dies wäre aufgrund der Vielschichtigkeit von möglichen Entscheidungssituationen auch kaum möglich und deshalb kann man nur gewisse Leitlinien angeben“

    „Prinzip“ und „Leitlinien“? Ein derartiger Unterschied?

    Sonst stimme ich dem dargebrachten Text fast völlig zu.
    Zu einem großem Teil meine Gedanken besser und genauer ausformuliert. (Ich hätte nicht genug Zeit für einen Text dieser Länge…)

  8. derautor sagt:

    Wenn es eine gemeinsame menschliche Natur gibt, wie es die Soziobiologie besagt, wie kann Ethik dann rein subjektiv sein und keine intersubjektiven Elemente oder Grundlagen haben?

    Es ist kein Axiom zu sagen, dass Menschen von Natur aus ein Überlebensinteresse haben. Und es ist nur ein kleiner Schritt von der Anerkennung dieser Tatsache zu der Schlussfolgerung, dass eine funktionierende Gesellschaft dieses Interesse ernstnehmen muss.

    Vielleicht könnte man die GRNE so umformulieren: „Vergrößere das Glück leidensfähiger Lebewesen, insofern diese sich nicht gegenteilig verhalten“?

  9. HFRudolph sagt:

    Zum Thema „Konsequenzen für die Verantwortung“ weiter unten, selbe Seite:
    http://freenet-homepage.de/Naturalismus/Kausal.html#Konsequenzen_f%C3%BCr_die_Verantwortung

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