Wir sollten nicht an den Glauben glauben

Es ist in Ordnung, nicht zu glaubenGestern hat Jerry Coyne einen englischen Namen für die Kuschelatheisten gefunden: „Faitheists“. (Mein deutsches Pendant war früher da, ätsch!). So lautet der Gewinner eines Wettbewerbs zur Frage. Doch warum sollten wir nun eigentlich mit dem „Glaube an den Glauben“ aufhören?

Daniel Dennett hat einen sehr guten Essay zu dieser Frage geschrieben: „Die Torheit der Vortäuschung. Wir dürfen den Mythos Gottes nicht bewahren – er war eine nützliche Krücke, aber wir sind ihr entwachsen.“ Hier der relevante Teil des Essays (der Rest ist spezifisch amerikanisch):

Manchmal wird die Aufrechterhaltung eines Glaubens als so wichtig angesehen, dass beeindruckende Propagandasysteme errichtet und energisch verteidigt werden von Leuten, die eigentlich gar nicht den Glauben teilen, von dem sie meinen, es wäre so wichtig, dass die Gesellschaft ihm beipflichtet. Zum Beispiel hat man schwachsinnigen Monarchen den Platz auf ihren Thronen mit Hilfe von weitverbreiteten Verschwörungen des Vergessenmachens und der Täuschung gesichert, wenn man es für zu zerstörerisch für die Gesellschaft empfand, der Bevölkerung zu bestätigen, was jeder ahnt: Der König ist ein Idiot.

Religion ist ein Extremfall dieser Art. Heute ist eine der hartnäckigsten Kräfte, die sich in Opposition zu uns lautstarken Atheisten positioniert, jene der „Ich bin ein Atheist, aber„-Fraktion, die öffentlich unsere „Feindschaftlichkeit“, unsere „Unfreundlichkeit“ (die eigentlich nur Aufrichtigkeit ist) beklagt, während sie privat zugibt, dass wir recht haben. Sie glauben selbst nicht an Gott, aber sie glauben gewiss an den Glauben an Gott.

Es ist nicht immer einfach festzustellen, wer nur an den Glauben glaubt, weil sich die Handlungen durch den Glauben an den Glauben (während man nicht wirklich an Gott glaubt) – abgesehen von diesen seltenen, mit gedämpftem Ton vorgetragenen Beichten – praktisch ununterscheidbar sind von den Handlungen wahrer Gläubiger: Sag die Gebete, sing die Hymnen, zahl das Kirchenzehnt, beteure deine Loyalität, melde dich freiwillig für Kirchenprojekte, und so weiter. Manchmal frage ich mich, ob auch nur 10% der Leute, die behaupten, an Gott zu glauben, auch wirklich an Gott glauben. Ich bin besonders wenig beeindruckt von jenen, die ihren Glauben am lautesten kundtun; sie demonstrieren gerade durch ihren Aktivismus, dass sie den Effekt einer Religionserosion fürchten und sie müssen denken, dass eine Erosion wahrscheinlich ist, wenn sie sich nicht ordentlich reinhängen.

Wären sie zuversichtlicher und sicherer in ihren religiösen Überzeugungen, dann würden sie wahrscheinlich ihre Zeit nicht damit verschwenden, ein paar Atheisten zu diskreditieren. Da sie zum Beispiel zuversichtlich sind, dass die Mondlandungen wirklich geschehen sind, kümmern sie sich nicht darum, die Mondlandungs-Skeptiker zu diskreditieren, die das Internet heimsuchen, obwohl diese Leute eine gewisse Gefahr für das öffentliche Vertrauen in die Wahrhaftigkeit der Medien und der Regierung darstellen.

Ich bin mir sicher, dass jene, die an den Glauben glauben, Unrecht haben. Das heißt, dass wir den Gottes-Mythos nicht länger bewahren müssen, um eine gerechte und stabile Gesellschaft zu bewahren, genausowenig, wie wir am Goldstandard festhalten müssen, um unsere Währung solide zu halten. Er war eine nützliche Krücke, aber wir sind ihr entwachsen. Dänemark ist laut einer aktuellen Studie die vernünftigste, gesündeste, glücklichste, kriminalitätsärmste Nation der Welt und im Großen und Ganzen ignorieren die Dänen einfach die Gottesfrage. Wir sollten gewiss hoffen, dass diejenigen, die an den Glauben glauben, Unrecht haben, weil der Glaube schnell abnimmt und das Gebäude einzustürzen droht.

Daniel Dennett