Der Kampf um Wörter

Snob. Das ist eine elitistische Sache. Würdest du nicht verstehen.Politiker investieren viel Zeit und Aufwand in ein Unterfangen, dass sich „Begriffe Besetzen“ oder „Kampf um Wörter“ nennt. Sie besetzen Wörter für ihre Partei, sie bewerten Wörter und sie etablieren Begriffe, die Referenzobjekte in ihrem Sinne beschreiben. Zum Beispiel assoziieren wir aufgrund dieser Strategie die CSU mit „sozialer Marktwirtschaft“ und die SPD mit „sozialer Gerechtigkeit“.

Zuerst dürften meine Ausführungen etwas schwer zu verstehen sein, aber ich erkläre alles im weiteren Verlaufe genau:

Man unterscheidet drei Arten des „Kampfes um Wörter“:

1. Denotative Lesarten-Konkurrenz

Die „Denotation“ ist die Hauptbedeutung eines Wortes und die „Konnotation“ ist die Nebenbedeutung. Eine Brücke ist zum Beispiel von der Hauptbedeutung her ein materieller Gegenstand, kann aber im Sinne der Nebenbedeutung metaphorisch verstanden werden als Mittel der Versöhnung. Es geht bei der denotativen Lesarten-Konkurrenz um die parteispezifische Besetzung von Mirandas. „Mirandas“ sind positiv konnotierte Symbolwörter aus dem Ideologievokabular. Symbolwörter stehen in einer langen kulturhistorischen Tradition und haben die Funktion, die Wirklichkeit verdichtend darzustellen.

Mirandas sind konkret Begriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.

Um diese Begriffe für die eigene Partei zu vereinnahmen, bedienen sich Politiker dem Mittel der „denotativen Kontextualisierung“. Sie verbinden die Mirandas, die sie haben wollen, mit anderen Begriffen, wobei die Kombination mit der eigenen Partei assoziiert werden soll.

Diese Strategie wurde zum Beispiel im Bundestagswahlkampf 1998 von der SPD angewandt. Ihr Slogan lautete damals „Innovation und Gerechtigkeit“. Innovation wurde als Voraussetzung für Gerechtigkeit verstanden. Damit strebte die SPD eine Versöhnung ökonomischen Fortschrittsdenkens mit der sozialen Gerechtigkeit an. Wo die Vorteile liegen, ist klar: Die SPD spricht Unternehmer an, ohne ihre alte Arbeiterklientel zu verlieren.

Definitionen: Sie ordnen bereits konventionalisierte oder neue inhaltliche Merkmale einem Symbolwort zu. Z.B. „Soziale Gerechtigkeit ist die Frage der Verteilung; aber es ist auch die Frage der Arbeitsplätze“ (Franz Müntefering, SPD). Mit Definitionen können Parteien explizit ausdrücken, was ein Begriff für sie bedeutet.

Eigengruppenreferenz: Eine politische Partei identifiziert sich mit einem bestimmen Symbolwort, z.B. „Da gibt es eine große Partei, die wie keine andere für den Grundwert der sozialen Gerechtigkeit steht“ (Oskar Lafontaine, damals SPD).

2. Evaluative Lesarten-Konkurrenz

Bei der evaluativen (bewertenden) Lesarten-Konkurrenz geht es um die Bewertung von Schlagwörtern im Sinne der eigenen Partei-Ideologie. Schlagwörter (Abwrackprämie, Ökosteuer, Sozialabbau) gehören zum Ideologievokabular, sind im Unterschied zu Symbolwörtern (Freiheit, Frieden) aber kurzlebig. Man unterteilt Schlagwörter in Fahnenwörter (von der eigenen Partei positiv besetztes Schlagwort) und Stigmawörter (dient zur Herabsetzung der gegnerischen Partei).

Zum Beispiel war „Sozialismus“ einmal ein Fahnenwort der SPD, wurde dann aber von der CDU als Stigmawort verwendet und am Ende hat sich die Verwendung als Stigmawort durchgesetzt. Nicht so beim Pazifismus, der ebenfalls Fahnenwort der SPD und Stigmawort der CDU war, nun überwiegt jedoch die Verwendung im Sinne der SPD.

Evaluative Kontextualisierung: Um eine positive Bewertung ihrer Fahnenwörter durchzusetzen, verbinden die Parteien die Fahnenwörter mit anderen, positiv bewerteten Begriffen, etwa Hochwertwörter aus der Alltagssprache (Stabilität, Zukunft, Fortschritt, Optimismus) oder Mirandas (Frieden, Freiheit).

Im Schröder/Blair-Papier von 1999 liest man zum Beispiel: „Fairneß, soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Chancengleichheit, Solidarität und Verantwortung für andere: diese Werte sind zeitlos“.

Das parteieigene Fahnenwort „soziale Gerechtigkeit“ wird aufgewertet durch seine Verbindung mit den Hochwertwörtern „Fairneß“ und „Verantwortung“, sowie den Mirandas „Chancengleichheit“, „Freiheit“ und „Solidarität“.

Deontische Kontextualisierung: Hier kommt eine Handlungsanweisung hinzu, zum Beispiel: „Imperativ der sozialen Gerechtigkeit“. Dieser Ausdruck will uns sagen, dass wir uns für soziale Gerechtigkeit einsetzen sollen (indem wir die SPD wählen).

Exemplifizierungsakte: Hier wird eine direkte Beziehung zwischen einem Referenzobjekt und dem Symbolwort hergestellt. Es soll hierdurch der Eindruck erweckt werden, dass das Symbolwort den Sachverhalt objektiv widerspiegelt, z.B. „An die Renten zu gehen ist nicht nur sozial ungerecht, nein, es ist auch unanständig“ (Bernhard Vogel, CDU). Als ein Beispiel für soziale Ungerechtigkeit wird hier das Herangehen an die Renten angeführt. Hiermit will die CDU bestimmen, was sozial gerecht ist und was nicht.

Metaphorisierung: Dient der Veranschaulichung und Aufwertung der eigenen Position, z.B. die Weg-Metapher: „Unser Weg ist der Weg von Innovation und Gerechtigkeit, von Freiheit und Solidarität (Schröder/Blair-Papier 1999).

3. Nominationskonkurrenz

Zur Einleitung:

„Referenz“ meint den Bezug sprachlicher Ausdrücke auf die außersprachliche Welt. Das Wort „Blumentopf“ bezieht sich zum Beispiel auf einen Topf mit Erde darin, in dem Blumen wachsen. Die „Nomination“ ist die wertende Form der Referenz. Man könnte sich „Unkrautsbehausung“ statt dem neutralen „Blumentopf“ als Nomination vorstellen. „Konkreta“ sind sinnlich wahrnehmbare Gegenstände, wie eben dieser Blumentopf, und „Abstrakta“ sind Dinge, die man nicht sinnlich wahrnehmen kann, wie „Freiheit“ und „Solidarität“. „Prädikationen“ sind Aussagen über Gegenstände und Sachverhalte. Referenz und Prädikation ergeben zusammen die „Proposition“, also den Aussagegehalt einer Äußerung. Beispiel: „Ich bin gegen Steuersenkungen auf Pump“. „Ich“ und „Steuersenkungen auf Pump“ gehören zur Referenz und „bin gegen“ ist die Prädikation, der ganze Satz die Proposition.

Ein Lexem (Wortschatzelement, bekommt einen eigenen Eintrag im Wörterbuch, z.B. das Verb spielen) besteht aus vier Aspekten:

1. Ausdruck: Worform, Lautgestalt

2. Referenz: Mit dem Wort jeweils bezeichneter Gegenstand oder Sachverhalt

3. Deskriptive Bedeutungselemente: Inhaltlich darstellende Merkmale

4. Konnotative evaluativ-deontische Bedeutungselemente: Assoziationen, Implikationen, Emotionen und Evaluationen, die eine Einstellung des Zuhörers gegenüber dem Sachverhalt auslösen können.

Beispiel: Mindestlohn

1. Ausdruck: Mindestlohn

2. Referenz: Verpflichtend zu zahlende Lohnuntergrenze

3. Deskriptive Bedeutungselemente: Ein Lohn, der mindestens gezahlt werden soll

4. Vom Adressaten abhängig, z.B. Gerechtigkeit / Sozialismus

Die Nominationskonkurrenz ist Lesern dieses Blogs schon einmal begegnet, als es um Political Correctness ging. „Mensch mit schwarzer Hautfarbe“ ist das Referenzobjekt, das man entweder mit dem Ausdruck „Schwarzer“ oder „Nigger“ bezeichnen kann. Beide Begriffe beziehen sich auf das selbe Referenzobjekt, es herrscht also Referenzidentität. Auf der Ausdrucksseite unterscheiden sich die beiden Begriffe jedoch, also gilt Ausdrucksdivergenz. Nun der Knackpunkt: „Schwarzer“ und „Nigger“ unterscheiden sich auch auf der Inhaltsseite, also spricht man von Inhaltsdivergenz. Obwohl sich beide Begriffe auf das selbe Referenzobjekt beziehen, bedeuten sie etwas anderes. Insgesamt herrscht Nominationskonkurrenz, also Konkurrenz um Begriffe, die sich auf das selbe Referenzobjekt beziehen, die jedoch eine andere Wertung tragen.

Während „Schwarzer“ neutral ist, handelt es sich bei „Nigger“ um ein Stigmawort. Eine bestimmte politische Gruppierung (Rechtsradikale) verwendet es, um das Referenzobjekt abzuwerten. In diesem Fall kann man gewiss feststellen, dass diese Gruppierung keine Chance hat, sich mit ihrer Nomination durchzusetzen.

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