Sprache in der Politik

Obama-Fans: Sie sind überall

Endlich der krönende Abschluss meiner berühmt-berüchtigten Reihe über Politik aus sprachwissenschaftlicher Perspektive. Mit diesem Teil sollten meine Leser einen wirklich brauchbaren Überblick über das Verhältnis von Sprache und Politik haben. Jetzt wisst ihr also, wie man euch zu manipulieren versucht.

Hier also der ganze Rest:

1. Die Funktionen des sprachlichen Zeichens

Laut dem Agitationsmodell der politischen Sprache hat ein sprachliches Zeichen drei Funktionen:

a) Designative Komponente: Ein Wort bezeichnet Dinge und beeinflusst den Leser oder Hörer, indem es Dingen Eigenschaften zu- oder abspricht. „Demokratie“ bezeichnet zum Beispiel eine bestimmte Staatsform.

b) Appraisive Komponente: Ein Wort bewertet ein Ding und erzeugt Vorliebe oder Abneigung dafür. „Demokratie“ ist positiv bewertet.

c) Preskriptive Komponente: Ein Wort schreibt vor und fordert auf, es erzeugt bzw. verstärkt die Bereitschaft zum Handeln. „Demokratie“ veranlasst die Menschen dazu, für diese Staatsform einzutreten.

Das lexikalisch-argumentative Modell dient derweil zur Analyse des Gebrauchs von Ideologiesprache. Vor allem parlamentarische Debattenreden lassen sich damit gut analysieren. Man unterscheidet:

Destination: Außersprachliche Gegenstände, die in der öffentlich-politischen Kommunikation thematisiert werden

Fundation: Politische Theorie und Philosophie

Motivation: Sprachliche Mittel zur Erreichung eines politischen Zieles

Kausation: (Historische) Begründung einer Destination

Konsekution: Die zu erwartenden Folgen aus der Realisierung einer bestimmten Destination

Damit kann man zunächst wohl nicht viel anfangen, also werde ich das lexikalisch-argumentative Modell an einem Beispiel demonstrieren, nämlich an der preisgekrönten „Rede des Jahres 2007“:

Oskar Lafontaine: Rede in der Debatte zum Bundeshaushaltsplan 2008

Destination: Reformen, Gesetzlicher Mindestlohn, Rentenformel wiederherstellen, Dämpfungsfaktoren zurücknehmen, Gleicher Lohn für Leiharbeiter wie für die Stammbelegschaft, Erhöhung des Kindergeldzuschlags, Lebensbedingungen der Menschen verbessern, linearer Steuertarif, Spitzensteuersatz anheben, Wiedereinführung der degressiven Abschreibung, investierende Unternehmer belohnen, spekulierenden bestrafen und zur Kasse bitten, Quote der öffentlichen Investitionen anheben, Höhere Bildungsausgaben als OECD-Durchschnitt, Gegenmaßnahmen auf die Auswirkungen der amerik. Hypothekenkrise, internationaler Ordnungsrahmen, Stabilisierung der Wechselkurse, Tobin-Steuer, EZB auf Wachstum und Beschäftigung verpflichten, europäische Wirtschaftsregierung, Lohnpolitik, Investitionen und Finanzpolitik aufeinander abstimmen, Steuerharmonisierung in Europa

Fundation: Anspruch auf armutsfeste Rente, Land der Dichter und Denker, Völkerrecht, Gewaltverzicht, Geschichte des letzten Jahrhunderts

Motivation: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Rentnerinnen und Rentner, Empfänger sozialer Leistungen, 2,5 Millionen Kinder, die in Armut leben, Millionen Menschen mit niedrigen Löhnen, Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben, viele Kollegen der Koalitionsfraktionen, Diskussionen der Koalitionsfraktionen über die Erhöhung des Kindergeldzuschlags, Bildungsergebnisse von Dänemark, Finnland und Schweden, Maß der Europäischen Gemeinschaft, Vorschläge des franz. Staatspräsidenten

Kausation: Ausbreitung der prekären Beschäftigung, kein realer Lohnzuwachs, permanente Lohnsenkung, Mindestlohn in Frankreich, Ausbeutung, Zögerlichkeit, Handlungsunfähigkeit, Nullrunden, Preissteigerung, totales Scheitern der Rentenpolitik der Regierung, seriöse Prognosen für Armutsrenten, Rückschritt in das vorletzte Jahrhundert, sozialer Kahlschlag ersten Ranges, verfehlte Politik der Regierung, Kürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengelds, Durchsetzung von Hartz IV, Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, Wegnahme der Altersvorsorge, Leiharbeit, Politik der Umverteilung von unten nach oben, Leistung lohnt sich nicht mehr, Quote der öffentlichen Investitionen zu niedrig, schlechte PISA-Ergebnisse, amerik. Hypothekenkrise, Dumping an der Steuerfront, Bruch des Völkerrechts (Irakkrieg), Umbringen unschuldiger Menschen (Afghanistan)

Konsekution: Humanes Land, Zuversicht, Entlastung von Facharbeitern und Kleinbetrieben, Leistung muss sich lohnen, Frieden, nie wieder Krieg von Deutschland aus, mehr als 20% Armutsrenten, weitere Verarmung, keine Zuversicht

Parlamentsreden haben eine informativ-persuasive Sprachfunktion, dienen also der Bewusstseinsbildung (vor allem der Öffentlichkeit). Lafontaine benutzt darum mehrmals das inklusive „Wir“, um die Bevölkerung oder seine Partei miteinzuschließen, ebenso benutzt er Präsuppositionen, spricht also im Namen anderer (seiner Partei), Zwischenrufe der Linken (zustimmend) und der CDU (ablehnend) sind mehrmals zu vernehmen, es gibt auch Applaus und einige von Lafontaines Aussagen fordern ihn gezielt heraus. Einige Male greift Lafontaine zur Adression, also zur Kontaktaufnahme mit der Hörerschaft und der Kontakterhaltung („Herr Präsident!“, „Frau Bundeskanzlerin“, „Wo leben wir eigentlich?“). Er verwendet Clausula, also appellative Sätze („Von deutschem Boden darf niemals wieder Krieg ausgehen“) und wir finden weitere rhetorische Stilmittel wie rhetorische Fragen.

Stärken, Schwächen und Inhalt der Rede werden durch diese Analyse sehr deutlich. Es mangelt der Rede vor allem an der Fundation und das ist auch das Hauptproblem der Linken, wie ich das sehe. Es ist ein schrecklich plattes, allgemeines Zeug: Dichter und Denker (Klischee), Gewaltverzicht (zu allgemein), Geschichte (die man auch anders interpretieren kann) und irgendein „Anspruch“ (viel zu vage). Nur das Völkerrecht hat Hand und Fuß. Kurz gesagt weiß die Linke nicht genau, wofür sie steht und warum.

Die Konversationsmaximen

Die Einhaltung der Konversationsmaximen ist für alle Redebeiträge empfehlenswert und sie erhöht ihre Qualität ganz erheblich. Politiker halten sich praktisch nie an die Konversationsmaximen (geradezu ein Naturgesetz).

1. Quantität

Mache deinen Beitrag so informativ wie (für die gegebenen Gesprächszwecke) nötig. Mache deinen Beitrag nicht informativer als nötig.

2. Qualität

Versuche deinen Beitrag so zu machen, dass er wahr ist. Sage nichts, was du für falsch hälst. Sage nichts, wofür dir angemessene Gründe fehlen.

3. Relation

Sei relevant, angemessen und adressatenorientiert.

4. Modalität

Sei klar. Vermeide Dunkelheit des Ausdrucks und Mehrdeutigkeit. Sei kurz (vermeide unnötige Weitschweifigkeit). Der Reihe nach!

Politiker brechen die Konversationsmaximen absichtlich und systematisch. Man spricht in diesem Fall von einer „Implikatur“, der Verletzung einer Konversationsmaxime. Das gehört zur Sprachhandlungskompetenz von Politikern.

Beispiel:

Journalist: Sie könnten sich ja ein Premiere-Abo leisten.

Schröder: Man muss ja nicht alles tun, was Leo Kirch will. Im Übrigen bin ich überzeugter Marktwirtschaftler: Ich gehe davon aus, dass diese Frage vom Markt entschieden wird.

Hier verletzt Schröder die Relevanzmaxime (es interessiert gar nicht, ob er Marktwirtschaftler ist). Das tut er aufgrund der Mehrfachadressiertheit des Interviews: Er spricht zur Öffentlichkeit, nicht mit dem Interviewpartner.

Merkmale politischer Sprachverwendung

1.) Öffentlichkeit: Die Rechtfertigung von im nicht-öffentlichen Raum getroffenen Entscheidungen findet öffentlich statt

2.) Gruppenbezogenheit: Positiv bewertete Eigengruppe gegen negativ bewertete Fremdgruppe

3.) Mehrfachadressiertheit / Inszeniertheit: Politiker sprechen auch zur Öffentlichkeit, nicht nur mit ihren Gesprächspartnern (z.B. in Talkshows, wo man von mehreren „Realitätsebenen“ spricht)

4.) Konsens-/ Dissensorientiertheit: Konsens wird vor allem innerparteilich angestrebt, mit dem Gegner soll in der Regel der Zustand des Dissens aufrechterhalten werden

Politische Handlungsfelder und Sprachfunktionen

1.) Öffentlich-politische Meinungsbildung (Poskative Sprachfunktion)

Textsorten: Leitartikel, Kommentar, Aufruf, Petition, …

2.) Innerparteiliche Willensbildung (Integrative Sprachfunktion)

Textsorten: Parteiprogramm, Parteitagsrede, Gedenkrede, …

3.) Politische Werbung (Informativ-persuasive Sprachfunktion)

Textsorten: Wahlkampfrede, Wahlslogan, …

4.) Gesetzgebungsverfahren (Regulative Sprachfunktion)

Textsorten: Gesetz, Gesetzentwurf

Das politische Lexikon

1.) Institutionsvokabular

Bezeichnungen für die einzelnen Institutionen und Organisationen eines Gemeinwesens, ihre Gliederung, Aufgaben und Prozesse

Beispiele: Bundesrat, Parlament, Fraktion, Parteivorstand, Verfassungsschutz, Entwicklungshilfe, Bundeskanzler, Minister, Abstimmung, konstruktives Misstrauensvotum

2.) Ressortvokabular

Fachsprache des verwalteten Sachgebietes, Fachbegriffe aus der Wirtschafts-, Sozial-, Bildungspolitik, etc.

Beispiele: Bruttoinlandsprodukt, Konjunktur, soziale Marktwirtschaft

3.) Allgemeines Interaktionsvokabular

Beispiele: Kraftanstrengung, Kompromiss, Krise, Affäre

4.) Ideologievokabular

Symbolwörter (Miranda, Anti-Miranda) und Schlagwörter (Fahnenwörter, Stigmawörter)

Frieden, Freiheit, Abwrackprämie, Sozialabbau

Funktionen politischer Metaphern

1.) Ornamentale Funktion: Ästhetik, Klarheit und Schärfe

2.) Evokative Funktion: Unmittelbares Wachrufen von bestimmten Situationen im Bewusstsein des Hörers

3.) Konstitutive Funktion: Enge Verbindung der Metapher mit der politischen These

Z.B. Weg an die Macht, Netz sozialer Sicherheit, Fundament sozialdemokratischer Politik

Die anderen Teile der Reihe

Kann man Gläubige überzeugen?

Sprache und Ideologie

NS-Deutsch

Political Correctness für mental Herausgeforderte

Sprache im Terrorismus

Der Kampf um Wörter

Literatur

Heiko Girnth (2002): Sprache und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die linguistische Analyse öffentlich-politischer Kommunikation. Tübingen (= Germanistische Arbeitshefte; Bd. 39).

Im jeweiligen Artikel verlinkte Literatur