Existiert die Welt?

Matrix Reloaded

Ist die Welt wirklich hier, oder ist sie nur eine subjektive Illusion unseres jeweiligen Gehirns? Die meisten Aufklärungsphilosophen des 18. Jahrhunderts, darunter John Locke und David Hume, waren der Meinung, dass sie nur eine Illusion ist. Leider wird der gesunde Menschenverstand in der Philosophie gemeinhin unterschätzt.

Die Meinung von zahlreichen Philosophen, dass die Welt nur Vorstellung sei, trägt nicht unbedingt zur Wertschätzung dieses Fachgebiets seitens Nicht-Philosophen bei. Letztlich gibt es, das muss man diesen Philosophen allerdings zugute halten, tatsächlich keinen handfesten Beleg dafür, dass die Welt keine Illusion ist, sondern dass sie wirklich existiert. Selbst die evolutionäre Erkenntnistheorie, derzufolge wir Tiere sind, die mit ihren Sinnesorganen die reale Welt wahrnehmen, um Futter sammeln zu können und ihre Partner zu finden, führt letztlich nicht aus dem Dilemma. Vielleicht hängen wir nämlich nur an der Matrix und sie gaukelt uns vor, wir wären Tiere mit entsprechenden Sinnesorganen.

Allerdings ist die Annahme plausibler, dass wir nicht in der Matrix leben, träumen, oder dass wir uns in einem dauerhaften Drogenrausch befinden. Ich behaupte nämlich, dass wir das Rätsel mit Hilfe von Ockhams Rasiermesser lösen können: Die einfachste Erklärung ist meist die richtige. Und es ist einfacher, nicht von der Existenz einer zusätzlichen Welt auszugehen oder davon, dass wir uns die Welt nur einbilden, obwohl wir mit ihr so real zu interagieren scheinen.

Die Idee, dass wir an die Matrix angeschlossen sind, ist so ähnlich wie die Idee, dass ein rein übernatürlicher Gott die Welt erschaffen hat. Ebensowenig wie die reale Welt außerhalb der Matrix wäre für uns die übernatürliche Welt wahrnehmbar, in der Gott seine Zeit verbringt. Angenommen die Matrix/natürliche Welt weist keinerlei Fehler oder Hinweise auf, die uns die Existenz der Matrix-Programmierer oder die Existenz Gottes erraten lassen könnten (und ganz so sieht es aus), dann wäre damit immernoch nicht die Existenz der Matrix-Programmierer oder die Existenz Gottes widerlegt. Daran erkennt man übrigens auch, dass man sich wirklich jeden Quatsch ausdenken kann, der angeblich außerhalb unserer Wahrnehmungsfähigkeit existiert.

Nun ist es allerdings so, dass derjenige, der eine Behauptung aufstellt, diese auch belegen muss. Es gibt keine Belege dafür, dass die Welt nur Vorstellung ist, also gehen wir davon aus, dass sie wirklich existiert, bis sich das ändert. Wie Bertrand Russel feststellte: Nur weil etwas möglich ist, heißt das nicht, dass es auch wahr ist.

Die Plausibilität können wir an einem konkreten Beispiel abwägen, das ich mir, leicht modifiziert, von Joshua F. Leach ausborge: Ich gehe die Straße entlang und sehe eine Frau, die an mir vorbeispaziert. Zwanzig Jahre später sehe ich sie zufällig wieder und sie sieht zwanzig Jahre älter aus. Was ist plausibler? Dass ich mir die Frau nur eingebildet habe und dass ich mir zwanzig Jahre später die selbe Frau einbilde, wie sie um zwanzig Jahre gealtert ist und auch genau so aussieht – was meine fantastische Vorstellungskraft unter Beweis stellt. Oder, dass die Frau wirklich existiert und mit ihr die reale Welt und alle Menschen darin?

Andererseits würde die Existenz der Matrix die Möglichkeit eröffnen, dass wir der Erlöser der Bewohner Zions sind und Gottes Existenz würde die Möglichkeit eines übernatürlichen Jenseits eröffnen. Verlockend…

7 Kommentare zu “Existiert die Welt?

  1. H. Lektor sagt:

    sag mal, welche behauptung war eigtl. zuerst da: die der „real“-existierenden Welt oder die Gegenthese?
    Und wer müßte unter Berücksichtigung dessen mit dem Belegen anfangen?

    (und nur für alle Fälle werd ich mich in der rar gesäten „Freizeit“ auf die Suche nach Argumenten begeben)

  2. derautor sagt:

    Früher war jeder der Meinung, dass die Welt wirklich existiert und nur ein paar Individuen mit Narrenhüten auf den Köpfen zweifelten daran. In „Intellectual Impostures“ von Bricmont/Sokal gibt es ein paar nette Anmerkungen dazu.

    Die unnötig komplizierte und unplausible These muss belegt werden.

  3. Reason sagt:

    Mit Argumenten wird man keinen radikalen Konstruktivisten oder Solipsisten überzeugen können, denn ihre Standpunkte sind absolut und damit unverhandelbar.

  4. ZeroMatter sagt:

    „Früher war jeder der Meinung, dass die Welt wirklich existiert und nur ein paar Individuen mit Narrenhüten auf den Köpfen zweifelten daran.“

    Na, DAS kann ja wohl kaum ein Kriterium für Wahrheit sein…

    „Die unnötig komplizierte und unplausible These muss belegt werden.“

    In Sachen Komplexität und Plausibilität würde ich in solchem Fall kein eindeutiges Votum abgeben.

    Allerdings würde ich meinen, dass es praktisch nicht sinnvoll ist, davon auszugehen, dass unsere Welt nicht „real“ ist.
    Es ist auch eigentlich völlig irrelevant…
    (Solange man nicht versucht, diese „Matrix“ zu konktrisieren.)

  5. H. Lektor sagt:

    „Früher war alles so einfach: Der Mond war aus Käse, die Erde war eine Scheibe, und Leute, die das bezweifelten, hat man verbrannt. Heute ist die Erde eine Kugel, der Mond ungenießbar, und Leute, die das bezweifeln, haben früher die Zeifler verbrannt“ (Bill Tür).

    Und was die These angeht: Da wird man sich ja darüber schon streiten wollen und sagen „gib acht, daß Du Dir mit Okhams Razor nicht ausversehen die Hand abschneidest“ 😉

  6. webbaer sagt:

    Ich behaupte nämlich, dass wir das Rätsel mit Hilfe von Ockhams Rasiermesser lösen können

    Na! – Das Messer oder das Sparsamkeitsprinzip sind dafür da Rat zu geben, wenn es sich in bestimmten Fällen (die keine „engen“ Zweifelsfälle sein müssen) für oder gegen eine Theorie zu entscheiden gilt.
    Rätsellösen und Wahrheit werden nicht berührt, nicht einmal die Richtigkeit.
    BTW, der Gottesbegriff leitet sich aus solchen oder ähnlichen Denkübungen ab, die Spiritualität der Menschen ist also ganz natürlich. Gott oder der Schöpfer oder der Betreiber beweisen sich ja so zu sagen jeden Moment selbst.

  7. Sophie sagt:

    Da wir nicht genau wissen ob die Welt exestiert und wir real sind, wissen wir auch nicht ob alles was wir mit Argumenten belegen automatisch richtig ist. Wir können also nur vermuten!

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