Wissenschaft und Glaube

Kuschelatheisten

Nun hat sich auf die Humboldt-Stiftung mit dem Verhältnis von Religion und Wissenschaft befasst. Ergebnis: Die Überschriften der Einzelartikel suggerieren, dass Glaube und Wissenschaft vereinbar sind: „Forschung und Glaube sind kein Widerspruch in sich“, „Forschung – eine Frage des Glaubens“, „Über den fehlerhaften Glauben an Objektivität“ und „Was du glaubst, ist wahr, sogar wenn du es nicht beweisen kannst?“.

Liest man die Texte selbst, gelangt man allerdings zum gegenteiligen Ergebnis, wann immer sie nicht – wie „Forschung und Glaube sind kein Widerspruch in sich“ – von Theologen geschrieben wurden. Echte Wissenschaftler sind eben tendenziell der Meinung, dass Glaube und Wissenschaft unvereinbar sind.

Zum Beispiel Georg Scholl, Autor von „Forschung – eine Frage des Glaubens“. Er erklärt, warum Wissenschaftler nicht an Wunder glauben und warum für sie letzten Ende Belege zählen und nicht der Glaube. Gleichzeitig berichtet er über einige Ansätze in der aktuellen Religionsforschung und stellt fest: „Seit Darwin und dem Siegeszug der Wissenschaft hat der Anspruch auf absolute Wahrheiten von Seiten religiöser Dogmatik stets abgenommen. Irgendwann werden die Leute fragen, ob es überhaupt einen Gott gibt, wenn alles ohne ihn erklärt werden kann.“

In dem Artikel „Über den fehlerhaften Glauben an Objektivität“ geht es nicht um die Naturwissenschaften, sondern um Objektivität in der Literaturwissenschaft. Selbst dort widerspreche ich dem Autor deutlich. Wenn er meint, Literaturwissenschaft wäre beinahe rein subjektiv, ist das sein Problem, mit der Realität hat das nichts zu tun. Wenn jemand beispielsweise behauptet, es gehe Bert Brecht um Kunst zum Selbstzweck (l’art pour l’art), wird er in praktisch keiner Universität eine gute Wertung für sich verbuchen, weil sich diese These nicht belegen lässt. Und zwar objektiv.

„Was du glaubst, ist wahr, selbst wenn du es nicht beweisen kannst“ ist schließlich keine Feststellung, sondern eine Frage, welche die Redaktion von „Humboldt Kosmos“ an Wissenschaftler gerichtet hat. Weder die befragten Natur-, noch die befragten Geisteswissenschaftler sind der Meinung, dass etwas wahr ist, selbst, wenn man es nicht beweisen kann (besser ausgedrückt: Wenn es keinerlei empirische Belege dafür gibt, dass es wahr ist, noch keine logischen Gründe, davon auszugehen). Im Gegenteil sind sie so perplex von der Frage, dass sie sie nicht einmal verstehen und stattdessen über Intuition sprechen, über den Glauben an empirische Daten oder von Wahrheit in der Ethik. Kein Mensch glaubt in der Forschung, dass der Glaube an ewige, religiöse Wahrheiten irgendeinen Wert hat. Diese Idee ist Wissenschaftlern so fremd, dass sie nicht einmal die Frage verstehen, ob sie das glauben.

Daraus könnte man folgern, dass diese ewigen Anbiederungen an die Religion, wie auch hier durch missverständliche Überschriften und Artikel von Nicht-Wissenschaftlern (Theologen), im Grunde keinerlei Daseinsberechtigung haben. Wissenschaft und Glaube sind nicht vereinbar und es ist Hochstapelei, Irreführung der Leser und Verrat an der wissenschaftlichen Methode, wenn wissenschaftliche Zeitschriften wie „Nature“ und „Humboldt Cosmos“ etwas anderes suggerieren.

(ein Auszug aus meiner aktuellen Darwin-Presseschau)

6 Kommentare zu „Wissenschaft und Glaube

  1. „Weder die befragten Natur-, noch die befragten Geisteswissenschaftler sind der Meinung, dass etwas wahr ist, selbst, wenn man es nicht beweisen kann.“

    Nur gegeben diesen Satz, also angenommen, es ist wirklich exakt so, wie dieser Satz sagt, dann wäre das ein ausgesprochenes Armutszeugnis für die befragten Wissenschaftler. Denn die Wissenschaft weiß schon seit geraumer Zeit, dass es immer etwas gibt, das wahr ist, ohne dass man es beweisen kann. Vollkommen egal, wieviel man weiß oder wie ausgefuchst man ist. Das ist der Unvollständigkeitssatz von Gödel.

    Eigentlich wollte ich mich jetzt auf die Suche nach dem Beitrag über künstliche Intelligenz, Gehirne und deren Simualation machen, sowie der Diskussion in deren Verlauf du mich auf einen unsäglichen Autor aufmerksam gemacht hast, der keinen blassen Schimmer von dem hatte, womit er Geld verdient *hust*Halteproblem*hust* … denn ich habe gerade einen netten Film gesehen, der das Thema aufgreift, dankenswerterweise aber auch gleich hier her passt. Gerade aber auch das Ende des Films willst du unbedingt ganz, ganz sicher sehen. Wird dir gefallen. Da bin ich mir sicher 😉

    Darum geht’s: http://video.google.de/videoplay?docid=-5122859998068380459&hl=de#

    „Dangerous Knowledge“ von der BBC.

    1. Das Ende habe ich mir schon einmal angesehen. Stört mich gar nicht, der Erzähler sagt nur, dass wir nicht an eine absolute Wahrheit glauben sollten. Toll, als ob ich schon einmal etwas anderes gesagt hätte. Bist du Relativist oder was ist dein Punkt?

  2. Punkt 1: Das Ende sollte dir gefallen, da es um Turing geht, dessen Werk (auch besagtem Autor zu empfehlen), um die Frage, ob wir Maschinen sind und zu guter Letzt einen Seitenhieb auf Religion und deren Gewissheiten, welche so nicht existieren. Warum sollte das Ende dir gefallen, wenn es einen Angriff auf dich darstellen sollte?

    Punkt 2: Ich habe keine Kritik formuliert, sondern ohne die Quellen zu lesen den Satz aufgegriffen. Da ich die Quellen nicht gelesen habe, muss ich betonen, dass ich den Satz nun als einzige Grundlage nehme. Das ist keine Kritik und erst recht kein persönlicher Angriff auf dich. Aber davon abgesehen. Bitte sag mir, dass „mal wieder unverschämt formulierte Kritik“ nicht ernst gemeint ist. Denn wenn es das ist, dann ist es einfach nur armselig. Und das darfst du dann auch persönlich nehmen. Denn im krassen Gegesnatz zu dir greife ich keine Personen per se an. Bei besagtem Buchautor habe ich z. B. lediglich Aussagen Unsinn genannt, von gravierenden Fehlern gesprochen und darauf hingewiesen, dass die Dinge eigentlich in jedem Einführungsbuch behandelt werden. Das sind keine unverschämten Beleidigungen, sondern entsetzte Hinweise. Wenn man dennoch publiziert(!), ohne noch nicht einmal die Grundlagen zu kennen, muss man mit entsprechenden Reaktionen rechnen – und sollte damit umgehen können. Gerade weil du nicht mit Beleidigungen gegenüber anderen geizt, habe ich ja mittlerweile die Vermutung, dass für dich jede Kritik unverschämt ist, die – selbst wenn auch nur dem Anschein nach – gegen dich oder deine Freunde gerichtet ist. Ist das wirklich so?
    Hoch anrechnen tu ich dir auf jeden Fall, dass du – anders als, schon wieder, ein gewisser Buchautor – auch Kommentare veröffentlichst lässt, die dir offensichtlich überhaupt nicht gefallen. Das ist souverän und finde ich super.

    Falls wir den Zwist beigelegt haben sollten. Der Anfang des Films ist übrigens auch interessant. Die ersten paar Minuten nennen epxlizit und der restliche Film implizit, was ich auch schon einmal hier sagte. Und zwar die Beziehung Mathmatik-Physik. Der Rest zwischen Anfang und Ende ist übrigens auch sehenswert *grins*

    1. „Warum sollte das Ende dir gefallen, wenn es einen Angriff auf dich darstellen sollte?“

      Weil du mir gegenüber seit der EP-Sache sehr konfrontativ aufgetreten bist.

      „Das sind keine unverschämten Beleidigungen, sondern entsetzte Hinweise“

      Es kommt auch darauf an, auf welche Weise man seine Kritik vorbringt. Ich wage zu behaupten, dass Freidenker wie Bernd und ich willens sind, ihre Fehler zu korrigieren, also ist eine scharfe Formulierung unangebracht. Bei Ideologen mit einer absoluten Wahrheit ist das anders. Bislang habe ich noch jeden Kritikpunkt, den du vorgebracht hast, ernstgenommen und habe Artikel entsprechend verbessert. Bernd hat auch den Text verbessert, den du angekreidet hast.

      „Gerade weil du nicht mit Beleidigungen gegenüber anderen geizt“

      Ich beleidige niemanden. Ich formuliere scharfe Kritik an bestimmten weltanschaulichen und politischen Positionen.

      Außerdem bist du unwillens, meine Positionen überhaupt richtig zu verstehen, wenn sie dir intuitiv nicht gefallen. Ich habe zum Beispiel kein Problem damit, wenn sich ein paar Physiker mit der String-Theorie befassen und das ist per se auch keine Zeitverschwendung oder Ideologie.

      Meine Kritik richtete sich stattdessen gegen die exklusive Rolle, welche die String-Theorie in amerikanischen Physikfakultäten eingenommen hat und das dort vorzufindende Gruppendenken und die Autoritätshörigkeit. Die Stringtheorie sollte darum nicht die exklusive Beschäftigung der Forschung sein, weil seit ihrer Formulierung keine empirischen Belege für sie vorgebracht wurden und nicht einmal überprüfbare Vorhersagen.

Kommentare sind geschlossen.