Ist Harry Potter böse?

In seinem neuen Buch „Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind“ spricht sich Michael Schmidt-Salomon gegen die Vorstellung eines metaphysischen „Bösen“ aus. Dabei erwähnt er einige Beispiele aus der Popkultur, die aber nur bedingt zu diesem Zwecke geeignet sind.

Zunächst einmal ist „Jenseits von Gut und Böse“ eine gute Diskussionsgrundlage für aktuelle philosophische Themen und insofern sollte es jeder lesen, der sich nicht ohnehin schon mit naturalistischer Philosophie befasst. Für mich war nicht viel Neues dabei und trotzdem empfinde ich den Drang, das Buch zu kommentieren und der muss ja auch irgendwo herkommen.

Fangen wir an mit den Beispielen, die MSS für das metaphysische Böse in der Popkultur nennt: Star Wars, Harry Potter, Herr der Ringe, End of Days, Buffy, Angel und Charmed. Letztgenannte Serie habe ich noch nicht gesehen, aber die anderen Beispiele nehme ich hier einmal auseinander:

Die Interpretation von Herr der Ringe ist m.E. richtig. Tolkien hatte eine christliche-reaktionäre Agenda und verwendete das metaphysische Gut-Böse-Schema, obgleich die Verfilmungen schon mehr Humor aufweisen, als MSS meint („dem Werk fehlt jener bodenständige, britische Humor“). End of Days übernimmt das Schema zwar auch, aber wenn die teuflische Zeremonie mit Musik von „Korn“ unterlegt wird, darf man sich schon fragen, wie ernst man das alles überhaupt nehmen kann und ob es nicht doch nur bloße Unterhaltung ist und Gut und Böse eine reine Spielerei.

Star Wars erscheint mir halb-richtig interpretiert zu sein – MSS übersieht jedoch die Werbung für eine humanistische Jedi-Ethik und für die demokratische Republik, die auch zu Star Wars gehören. Außerdem sind die Sith vor allem im Rollenspiel-Klassiker „Knights of the Old Republic“ im Prinzip einfach Faschisten. Und die gibt es ja wirklich und können insofern nicht zum metaphysischen Bösen gerechnet werden. Anakin ist anfangs noch ein guter Jedi (obgleich m.E. schon immer völlig unsympathisch) und gerät erst aufgrund der Horrorvisionen über seine Frau in die Fänge der „Dunklen Seite“, wird aber nicht von ihr „besessen“, wie man sich das von Dämonen vorstellte.

Die Interpretationen von Buffy und Harry Potter sind m.E. falsch. Wir haben es hier nicht mit einem metaphysischen Gut-Böse-Dualismus zu tun. Bei Buffy gibt es dieses pure Böse zwar auch in Form der seelenlosen Dämonen und Vampire und das ist eine offene Übernahme christlicher Metaphysik, die aber kaum eine Rolle spielt. Wann immer in dieser Serie ein Mensch getötet wird, ändert sich der Diskurs radikal. Das Töten von Menschen wird stets problematisiert und der Bibliothekar Giles sagt sogar deutlich „Bei Dämonen ist das einfach. Die sind böse. Bei Menschen ist die Sache sehr viel komplizierter“. Kein Wunder, schließlich wurde die Serie von dem bekennenden Atheisten Joss Whedon geschrieben, der auch Regie führte! Gleiches gilt für den Spin-Off „Angel“.

Was zeichnet nun „die Bösen“ bei Harry Potter aus? Oberflächlich betrachtet sind es „dunkle Magier“, was schon arg metaphysisch klingt. Näher betrachtet sind das schlicht und ergreifend Nazis. Sie sorgen sich um die selbst im HP-Universum als unwissenschaftlich betrachtete Reinhaltung des Blutes von „pure bloods“, also reinblütigen Magiern, ihre Ideologie dreht sich um die Durchsetzung des Starken gegen die Schwachen (Sozialdarwinismus), sie sind autoritär und traditionsorientiert (etwa an Salazar Slitherin und seiner Ideologie) und ordnungsvernarrt. Außerdem gebrauchen sie Folter, Betrug und Mord als legitime Methoden, um sich durchzusetzen.

Die Todesser (Anhänger des „Dunklen Lords“) sind zudem nicht von Natur aus Böse, sondern einige von ihnen ringen mit sich selbst, waren ursprünglich gut (Wormtail), etc. Im letzten Band wenden sich sogar die Malfoys von Voldemort ab.

MSS schreibt: „Dass ‚das Böse‘, und zwar das ‚abgrundtiefe, metaphysische Böse‘ existiert, daran lassen diese Kassenschlager keinen Zweifel aufkommen.“ In dieser Form kann man die Aussage m.E. nicht stehen lassen. MSS will sagen, dass eine sogenannte „apokalyptische Matrix“ wiedergekehrt sei, was man unter anderem an diesen Filmen und Serien erkennen könne. Dabei handelt es sich um eine Theologie des Guten und des Bösen, die viele fundamentalistische Gruppierungen und angeblich die Bush-Regierung vertreten oder vertreten haben.

Aus der Medienwirkungsforschung wissen wir allerdings, dass Horror-, Fantasy- und brutale Actionfilme immer dann populär werden, wenn die Bevölkerung unsicher ist und sich fürchtet. Wovor sie sich warum fürchtet, ist gleichgültig. Hier ein Auszug aus meinem Artikel über Killerspiele:

Gewalt ist nicht das Resultat blutiger Unterhaltung, sondern die Nachfrage nach blutiger Unterhaltung ist, neben anderen Faktoren, das Resultat echter Gewalt! Lassen Sie uns Gerard Jones das Wort erteilen, Autor eines der besten Bücher über fiktive Gewalt. Er analysiert die Korrelation zwischen den Ereignissen der 1960er Jahre und den Filmen dieser Zeit:

„[…] steigende Verbrechensraten, Auftragsmorde und der Krieg in Vietnam haben die Ängste der Öffentlichkeit vor Gewalt zu unvorhergesehenen Ausmaßen ansteigen lassen – worauf äußert brutale, schockierende Filme wie Bonnie und Clyde, The Wild Bunch und Rosemary’s Baby alle Box-Office-Erwartungen weit hinter sich gelassen haben.“ (Übersetzt aus dem Englischen: Gerard Jones: Killing Monsters, Seite 97-98)

So ganz will die Interpretation von MSS also nicht funktionieren. Aber im Kern hat er natürlich recht, dass ein metaphysisches Gut und Böse nicht existiert und dass wir Menschen als natürliche Lebewesen sehen sollten und nicht als Behälter von Teufeln und Dämonen.

5 Kommentare zu „Ist Harry Potter böse?

  1. Dass die Bevölkerung sich fürchtet und das die finale Entscheidungsschlacht bevorsteht, schliesst sich ja nicht unbedingt aus.
    Ich denke, man darf seine Beispiele auch nicht überstrapazieren, sondern muss sie mit der Frage im Hinterkopf lesen, warum solche Serien/Filme so erfolgreich sind. Eben weil die simple Aufteilung der Welt in Gut-Böse(Axiom II) so herrlich funktioniert. Ob nun wirklich jede Filmfigur alle Kriterien des absolut Bösen erfüllt, ist mir in dem Zusammenhang eigentlich nicht das Wichtgste

    1. Ja, aber genau das ist es doch, was ich bestreite! In Star Wars, vor allem aber Harry Potter, wird die Welt eben nicht einfach in Gut und Böse unterteilt! Nimm z.B. den Vater von Luna in Harry Potter, der aus Furcht mit den Todessern kooperiert, nicht, weil er mit dem „Bösen“ infiziert wurde.

      1. Was Harry P. angeht, muss ich meine Unwissenheit gestehen und mich auf Hörensagen berufen, aber dass es Zwischengestalten in Form des Vaters gibt, hebelt ja nicht den grundsätzlich angelegten Dualismus aus.

        Imho beisst du zu sehr auf den vorgegebenen Kriterien der Matrix herum. Es mag MSS nicht astrein aufgedröselt haben, aber es geht ja auch nicht darum, die Matrix in jedem der Beispiele 1:1 wiederzufinden.

        Entscheidend ist die Frage, ob das vom Menschen unabhängige BÖSE existiert, egal wie es verkörpert wird. Und da sprechen die von MSS genannten Beispiele eine klare Sprache soweit ich das beurteilen kann.

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