Die Frage nach der Willensfreiheit

Philosoraptor

Ich schreibe gerade an einer längeren Arbeit über die Willensfreiheit, was sich als schwieriger herausstellt, als erwartet. Das Problem besteht darin, dass ich versuche, die Positionen des Kompatibilismus und des Inkompatibilismus neu zu definieren und meine eigene Position von der Haltung von Michael Schmidt-Salomon und Thomas Clark abzugrenzen. Leider gibt es Probleme mit der Terminologie und den Definitionen, was schnell zu Unklarheiten führen kann. Darum stelle ich hier den ersten Teil der Arbeit als Work in Progress zur Diskussion.

In seinem neuen Buch „Jenseits von Gut und Böse“ argumentiert Michael Schmidt-Salomon, dass die Akzeptanz der Willensunfreiheit eine „wunderbare Ergänzung“ des humanistischen Weltbildes sei, der Abschied von einem Folterinstrument, eine Quelle der Toleranz. Auf der anderen Seite kämpfen die heldenhaften Ritter der Willensfreiheit, die sie aus den Fängen des atheistischen Philosophen retten wollen. Und am Rande sitzen die Kompatibilisten.

Ein Essay von Andreas Müller

Auf der Reservebank

Die Akzeptanz der Willensfreiheit oder -unfreiheit hätte praktisch keine Auswirkungen auf die Gesellschaft. Unter der Überschrift „Willensfreiheit“ erzielen die zwei Teams Punkte, die nichts mit dem eigentlichen Spiel zu tun haben. Es ist so, als würden zwei Mannschaften bei der Weltmeisterschaft im Tischtennis lieber Völkerball spielen.

Nicht alle philosophischen Fragestellungen sind dermaßen unwichtig. Die Nichtexistenz Gottes, sowie die Nichtexistenz eines metaphysischen Bösen, haben reale Auswirkungen auf die Welt. Akzeptierten die Menschen diese Nichtexistenzen und die Gründe dafür, dann gelangten sie irgendwann selbst zu der Schlussfolgerung, dass ein nicht-kausaler freier Wille ebensowenig existieren kann. Die Frage nach dem freien Willen selbst ist aber nicht wichtig und ihre Vermittlung ist mit großen Stolpersteinen versehen.

Paradoxerweise muss ich zuerst erläutern, wie meine Position zur Willensfreiheit aussieht, bevor ich näher erklären kann, warum das Thema unwichtig ist. Leider ist die Thematik sehr kompliziert und es erfordert Platz, sie allgemeinverständlich und mit anschaulichen Beispielen zu erläutern, also dürfen sich meine Leser wieder an einem mehrteiligen Essay erfreuen. Weil es gerade aktuell ist, gehe ich dabei immer wieder einmal auf „Jenseits von Gut und Böse“ von Michael Schmidt-Salomon ein.

In- versus Kompatibilismus

Der begeisterte Freier-Wille-Bestreiter Thomas Clark vom Center for Naturalism glaubt noch mehr als Michael Schmidt-Salomon, dass es ungemein wichtig für die Menschheit wäre, die Nichtexistenz des freien Willens zu akzeptieren. Es würde unser Selbstbild und unser Bild von anderen Menschen, unser Bild von überhaupt allem, grundlegend verändern! Rache und Schuld wären sinnlos, Vergebung erste Wahl, das Strafrecht müsste reformiert werden und wir bräuchten uns nicht mehr über menschliche Schwächen und Verbrechen aufzuregen, weil sie im Prinzip dasselbe sind wie Naturkatastrophen.

Diese inkompatibilistische Interpretation der Willensunfreiheit habe ich in einem früheren Artikel mit der Behauptung verglichen, wir wären alle von Dämonen besessen, die uns wie Marionetten tanzen lassen. Leider entstand daraus das Missverständnis, ich würde an irgendeine Art von nicht-kausalem und auch nicht durch Zufall bestimmten freien Willen glauben. Keineswegs. Ich bezweifle lediglich, dass die Willens-Unfreiheit die Konsequenzen hätte, welche die Inkompatibilisten für sie behaupten. Außerdem denke ich, dass der Glaube an wenigstens eine bestimmte Art von „freiem Willen“ aus mehreren Gründen notwendig ist, wie psychologische Studien auf erschreckende Weise gezeigt haben (dazu später mehr).

Nun denn: Auf zur Entwirrung des Willensknäuels!

Gemeinsame Grundlage der diskussionswürdigen Positionen zur Frage nach der Willensfreiheit ist der Determinismus.

Determinismus: Laut dem kausalen oder physikalischen Determinismus funktioniert die Welt auf Grundlage von Ursachen und ihren Folgen. Alles, was geschehen ist, musste exakt so geschehen, wie es geschehen ist. Die Wahrheit des Determinismus ist eine empirische Frage, die man noch nicht beantworten kann. In der Wissenschaft wird als Ergänzung zum Determinismus der echte Zufall vertreten (im Gegensatz zum scheinbaren Zufall im deterministischen Chaos).

Zufälliger Wille (Sonderfall): Ein Wille, der auf einem echten (nicht-deterministischen) Zufall beruht. Im Extremfall würde eine Roulettekugel – die sich akausal verhält wie ein  Photon in bestimmten Experimenten – über unser Leben entscheiden und über alles, was wir tun. Ob wir beim Laufen einen Fuß vor den anderen setzen oder ob wir uns stattdessen im Kreis drehen und dann umfallen, wäre alleine vom Zufall abhängig. Wir könnten ebenso das eine tun, wie das andere.

Der Philosoph Robert Kane vertritt die Position, dass der echte Zufall unser Verhalten beeinflusst. Für ihn sind einige der Ursachen für unsere Handlungen zufallsbedingt, was aber trotzdem keine sinnlosen und irrationalen Handlungen zur Folge habe (z.B. im Kreis drehen und umfallen). Ganz im Gegenteil: Ihm zufolge geben uns Quantenprozesse eine echte Freiheit, laut der wir eigene Entscheidungen treffen können, die weder determiniert noch rein zufällig sind. Allerdings ergibt Kanes Position überhaupt keinen Sinn, da unklar bleibt, woher auf einmal diese echte Freiheit kommen soll. Aus zufälligen Quantenprozessen resultiert sie wohl kaum.

Es ist momentan nicht endgültig zu entscheiden, welchen Einfluss der echte Zufall auf unseren Willen hat oder ob er überhaupt einen hat. Aus Perspektive der Hirnforschung funktioniert unser Gehirn deterministisch und ich sehe keine Anzeichen für den Einfluss eines echten Zufalls auf Gehirnprozesse. Vielleicht wird sich das eines Tages ändern.

Und hier die (vereinfachten) Positionen, die klassischerweise zu der Frage nach der Willensfreiheit vertreten werden:

1. Kompatibilismus: Die These, dass Willensfreiheit und Determinismus vereinbar sind.

2. Inkompatibilismus: Es gibt keine Freiheit, weil der Determinismus wahr ist.

3. Libertarismus: Es gibt Freiheit, weil der Determinismus falsch ist.

27 Kommentare zu „Die Frage nach der Willensfreiheit

  1. Sehr elegant finde ich die Überlegungen von Thomas Metzinger. Bei ihm löst sich die Frage nach der Willensfreiheit einfach dadurch auf, dass es die ‚Selbste‘, welche diese Freiheit haben oder nicht haben, gar nicht gibt. Stattdessen gibt es vom Hirn entworfene Selbstmodelle, die das phänomenale Erleben autonomer Agentivität einschließen.

    Diese hoch integrierten Simulationen wiederum sind keine Illusionen, da es nirgends einen Homunculus gibt, der diese HÄTTE. Vielmehr SIND ‚wir‘ (mit all unseren Erlebnisqualitäten) diese Simulationen. Und das ist der Grund, warum ‚wir‘ von der empfundenen Willensfreiheit auch dann nicht absehen können, wenn wir vom Determinismus überzeugt sind.

    Wir sind Als-ob-Programme.

    1. Metzingers Grundgedanke, wie er von Ihnen geschildert wird, kommt mir bekannt vor: er scheint von dem vielseitigen Biologen Gerhard Roth zu stammen. Schon der erklärt sich in seinem seit 1994 vielfach aufgelegten Buch „Das Gehirn und seine Wirklichkeit“ ja zum „Konstrukt“ seines Gehirns (im TB stw 1275 S. 329 und 330). Dabei gibt er nur an, dass er wie überhaupt die ganze Wirklichkeit einschließlich seines von ihm erfundenen „wirklichen Gehirns“ eine Konstruktion seines „realen Gehirns“ sei, von dem er dort gleichzeitig erklärt, dass es ihm gar nicht „zugänglich“ sei. Ich habe mich schon bei diesem Autor gewundert, wie er über etwas Aussagen machen kann, was ihm nicht zugänglich ist, er also gar nicht kennt. Metzingers Spekulationen scheinen von derselben Qualität zu sein.

    1. Die Welt zu verstehen, ist ein hehres Ziel. Bei der Diskussion unserer Willensfreiheit würde bei weitem weniger genügen, nämlich die Voraussetzungen dieser Diskussion zu kennen.

      1. wäre wichtig, sich die schillernde Bedeutung der umgangssprachlichen Begriffe Wille und Wollen klar zu machen. Sprachlich handelt es sich bei ihnen nämlich um versubstantivierte Formen des Verbs „wollen“. Wie dies im Alltag gebraucht wird, wäre zu klären. Verwendet wird es hier ja häufig als Hinweis auf Entscheidungen, von denen ein Tun abhängig gemacht wurde, und keineswegs nur als Bezeichnung für irgendein „Bestreben“!

      2. wären die Voraussetzungen deterministischen Denkens genauer anzusehen. Wenn dabei das nicht vorkommt, was alltagssprachlich mit „wollen“ alles gemeint ist, ist es kein Wunder, wenn innerhalb des deterministischen „Denkmodells“ nicht einmal über das geredet werden kann, was „der Volksmund“ so alles mit wollen meint. Es mach keinen Sinn, deswegen etwas zur Illusion zu erklären, nur weil es von bestimmten Vorstellungen nicht impliziert wird. Eher liegt dann der umgekehrt Schluss nahe: dass das gewählte Denkmodell unzureichend ist.

      So viel ich weiß, ist deterministisches Denken nicht einmal mehr in der modernen Physik durchgehend anwendbar, schon gar nicht die Vorstellung von einer Prädetermination – mit der Determinismus noch dazu häufig gleichgesetzt wird: als wenn man sein eigenes Tun nicht selbst „determinieren“, wörtlich „be-, um- oder eingrenzen“, beschränken also oder besser gesagt bestimmen oder festlegen könnte.

  2. Sehr geehrter Herr Müller

    Wie ich die Sachlage überblicke, würde ich Ihre Angabe „Gemeinsame Grundlage der diskussionswürdigen Positionen zur Frage nach der Willensfreiheit ist der Determinismus.“ einschränken darauf, dass dies nur für eine Teilmenge derjenigen gilt, die sich an der Diskussion beteiligen: es sind zwar „viele“, aber nicht alle, die dabei von dem eigentlich logischen Denkmodell der Deduktion aus dem – worauf Sie völlig zu Recht hinweisen, was aber viel zu wenig beachtet wird: empirisch noch nie als zutreffend, ja nicht einmal als plausibel erwiesenen – Allsatz ausgehen, dass alles in der Welt oder wie Sie formulieren „die Welt auf Grundlage von Ursachen und ihren Folgen… funktioniert.“ (Die Problematik, wie die Wahrheit von Allsätzen bewiesen werden kann, dürfte oder sollte zumindest seit Poppers alter „Logik der Forschung“ allen bekannt sein, die sich an der Diskussion beteiligen.)

    Mich wundert immer, warum dagegen nur wenige die umgangssprachliche Verwendung unserer Begriffe und Ausdrücke, mit denen wir das Gemeinte sprachlich zum Ausdruck bringen, zur „Grundlage“ der Diskussion nehmen. Immerhin wäre doch erst einmal Klarheit darüber zu schaffen, was wir mit Willensfreiheit (WF), Freiwilligkeit und „freiem Willen“ meinen wie überhaupt mit Wille, Wollen und wollen! Ausdrücke wie fester, entschiedener, unbandiger und sogar letzter Wille, dann auch „aus freien Stücken“ oder „aus freiem Entschluss“ und dazu passender Wendungen wie „von sich aus“ – und nicht auf äußeren Reiz oder Druck oder inneren Impuls oder Zwang hin – etwas tun, helfen ja sogar dabei, den Sinn des normalen alltagssprachlichen Gebrauchs des Begriffs WF näher zu bestimmen.

    Andererseits scheint sehr wenigen der „vielen“ klar zu sein, dass in Denkmodellen nur vorkommt, was man vorher in sie hineingelegt hat. Wenn sämtliche Vorkommnisse in der Welt allein nach dem Ursache-Wirkungs-Modell beschrieben werden sollen, „gibt“ es keine, aber eben nur logische u.d.h. sprachliche Möglichkeit, sie anders als eben nach diesem Schema darzustellen. Bekanntlich ist das schon in der Physik unzureichend.

    Seitdem ist der alte umgangssprachliche Begriff des Zufalls wieder zu Ehren gekommen, der eigentlich „Widerfahrnis“ bis hin zum Unfall meint. Im Zusammenhang wird auch von „zufälligem Willen“ gesprochen, ein Ausdruck, der in der Umgangssprache nicht vorkommt. Dieser künstliche Ausdruck ergibt nach dem dort üblichen Verständnis von „wollen“ und „Wille“ auch keinen Sinn. Genau genommen ist er dazu sogar widersinnig! Ein aufgrund welcher Überlegungen und Entscheidungen auch immer zustande gekommenes „gewolltes“ Handeln ist per definitionem eben nie ein zufälliges Handeln. Jedes anderes „Reagieren“ ist kein Handeln, sondern wird in der Psychologie terminologisch als Verhalten bezeichnet und im Rahmen des „kausal“ genannten deduktiven Erklärungsmodells nach Hempel-Oppenheim, wie es ganz offiziell sogar heißt, als durch „Reize“ innerer oder äußerer Art „verursacht“ beschrieben. Für einen „Zufall“ irgendeiner Art ist hier nicht einmal eine Denkmöglichkeit. Die Rede von einem zufälligen Wollen oder Willen macht ohne weitere und vor allem begründende sowie und nachvollziehbare Angaben bis auf weiteres schlicht keinen Sinn.

    KURZ: die Voraussetzungen der mittlerweile in die Jahre gehenden aktuellen Diskussion über unsere WF sind viel zu wenig geklärt. Das übliche Aneinander-Vorbei-Reden wird solange weiter gehen, wie dem so bleibt. Dabei ist in der Willens- oder Volitionspsychologie schon in den 1980er Jahren etliches geklärt worden, wie die Entdecker des berühmten mBP’s, des „motorischen Bereitschaftspotentials“ Hans Kornhuber und Lüder Deecke in ihrem Buch „Wille und Gehirn“ darstellen.

  3. @feuerbringer:

    „…Paradoxerweise muss ich zuerst erläutern, wie meine Position zur Willensfreiheit aussieht, bevor ich näher erklären kann, warum das Thema unwichtig ist…“

    Metzinger spricht im Zusammenhang mit dieser Thematik von einem bevorstehenden „Downgrade“. Der Mensch wird vom unabhängig existierenden Entscheider mit freiem Willen und unsterblicher Seele zum unfreien und substanzlosen Subjekt herabgestuft. Diesen Vorgang intelligent zu begleiten und sinnvoll zu steuern wird DIE Aufgabe der westlichen Philosophen dieses Jahrhunderts sein. Immerhin geht es um eine grundlegende Neuausrichtung des Selbstverständnisses des Menschen inklusive seiner Beziehungen zu den anderen Lebewesen auf diesem Planeten. Da dieser Prozess sowohl wissenschaftlich als auch philosophisch noch ganz am Anfang steht, ist sein Ausgang zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig ungewiss. Die Auswirkungen der Forschungen zur Willensfrage auf das reale Leben werden beachtlich sein, soviel ist sicher.

      1. @feuerbringer:

        Bin mal gespannt, wie Du Deine Einschätzung argumentativ untermauern wirst.

      2. Völlige Zustimmung: Was ich über die Jahre von Metzinger in seinem Hausblatt Gehirn&Geist gelesen und dort schon mit vielen anderen kritisiert habe, hat mir eher den Eindruck verschafft, dass er ein Schwadroneur der Extraklasse und dabei nicht einmal besonders originell ist. Dass er auf den Wegen wandelt, die auch Gerhard Roth benutzt, habe ich oben schon erwähnt. Nur sind das bloß ausgetretene Uraltsackgassen: unter dem Stichwort „Maya“ gibt es gleichartige Lehren bereits im Hinduismus. Auch Metzingers These, wir seien No-Ones, hätten kein Selbst und Ego (schon als Begriffe völlig unklare bzw. vieldeutige Kreationen), klingt platt buddhistisch. Dass die moderne Hirnforschung real über La Mettrie und sein Maschinen-Modell des Menschen denkerisch noch nicht hinaus, also auf dem Stand des 17./18.Jh. ist, hat jüngst Peter Janich in seinem Beitrag zur „edition unseld“ Nr. 21 „Kein neues Menschenbild“ gezeigt – im Einklang mit dem australischen Hirnforscher Maxwell Bennett, der gleichartiges schon in seinem (mit P.M.S.Hacker erarbeiteten) Buch „Philosophical Foundations of Neuroscience“ schon ein Halbdutzend Jahre vorher festgestellt hat. (s.a. unten hier)

      3. @wolf-kittel:

        „…Auch Metzingers These, wir seien No-Ones, hätten kein Selbst und Ego…“

        Metzinger bestreitet nicht die Existenz des Egos.
        Siehe: Thomas Metzinger – Der Ego-Tunnel (2009)

    1. tischl: Die Auswirkungen der Forschungen zur Willensfrage auf das reale Leben werden beachtlich sein, soviel ist sicher.

      Jau, die – im ursprünglichen Wortsinn… – tollen Folgen davon sind jetzt schon zu besichtigen: überall dort, wo diese Forschungen falsch gedeutet und daraus auch noch weltanschauliche Folgerungen der Art abgeleitet werden, die schon die Stoiker im griechischen Altertum vertraten – allerdings ohne auch nur ein einziges Experiment durchgeführt zu haben!

      Über die reale und jahrzehntelange Forschungen zur Willkürmotorik (nur die ist bislang überhaupt untersucht worden!) und darüber, was ihre Ergebnisse tatsächlich besagen, informieren ihre Pioniere, die Neurophysiologen Hans Kornhuber und Lüder Deecke in ihrem Buch „Wille und Gehirn“ (2.Aufl. 2009).

      Und darüber, was das neueste Experiment dazu ergeben hat, wird in der soeben erschienenen November-Ausgabe von Gehirn&Geist berichtet, Jahre nach der Erst-Veröffentlichung seiner Ergebnisse in dem Buch „Bewusstsein“, das Christoph Herrmann mit Michael Pauen, Jochem W. Rieger und Silke Schicktanz 2005 als UTB 2686 im Fink-Verlag herausgegeben hat.

      Die Resultate dieses Experiments sind vielleicht sogar beachtlich, in jedem Fall aber beachtenswert.

  4. @wolf-kittel:
    @feuerbringer:

    Das Grundproblem scheint doch zu sein: Menschen die ihren Glauben(!) an den „freien Willen“ nicht verloren haben, kommen im Schnitt „besser“ durchs Leben. Auch religiöse Glaubenssysteme wirken ja unabhängig von der realen Existenz ihres Glaubensinhaltes. Glaubt ein Mensch an daran, frei und eigenständig entscheiden zu können und deshalb voll verantwortlich für sein Handeln zu sein, wird dieser mehr Optionen im Lebens wahrnehmen können, als einer, der denkt, ein determinierter Gefangener des Schicksals zu sein. Die Religion „freier Wille“ ist eben hochwirksam, sie kann ein evolutionärer Vorteil sein.

    Die Willensfreiheit bildet ein Eckpfeiler des Selbstverständnisses des modernen Menschen und damit des demokratischen Staates und dessen Justiz. Jedoch sind die neueren Forschungsergebnisse der Neurobiologie nicht mit unserem derzeitigen Menschenbild vereinbar, diesen Widerspruch hat die Philosophie zu bewältigen. Wie das geschehen soll, steht allerdings noch in den Sternen…

      1. Lieber Ingo,
        Du wirst doch nicht glauben, dass ich mich deinetwegen registrieren lasse, um diesen Artikel zu kaufen.

        Gegenvorschläge (kostenfrei):
        1) der Klassiker von Wolf Singer – Keiner kann anders als er ist
        http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~ED9866B74F679457B89BAA0808BEA0C9F~ATpl~Ecommon~Scontent.html

        2) der Klassiker von Thomas Metzinger – Die Selbstmodell-Theorie der Subjektivität

        Klicke, um auf SMT-light2.pdf zuzugreifen

      2. Singer’s Oldtimer hat ein Feuerwerk von Kritik nach sich gezogen – u.a. auch von meiner Wenigkeit hier; die in der FAZ erschienenen Stellungnahmen sind – mit einigen anderen Artikeln – von dem Redakteur Christian Geyer als TB bei Suhrkamp herausgegeben worden – Informatives dazu in den „Einleitenden Vorbemerkungen“ hier.

        Metzinger’s Auslassungen sind von derselben Qualität – er stützt sich ja u.a. auf Autoren wie Singer, Roth und gleich „Verschaltete„…

        Das Wesentliche des G&G-Artikels von Christoph Herrmann ist bereits 2005 in dem von ihm u.a. hsrg. Buch „Bewusstsein“ publiziert worden!

  5. Zwei Aspekte zu dem bisher Gesagten:

    1. Abgrenzung von wem und warum? Wenn sich naturalistisch denkende Menschen auf die beiden gemeinsamen Nenner

    a) es gibt keinen freien Willen im Sinne einer supranaturalistischen Entscheidungsinstanz (Seele & Co.)
    b) das Empfinden (!) von Willensfreiheit ist deshalb so verbreitet, weil es wahrscheinlich (zumindest zeitweise und speziesspezifisch) evolutionäre Vorteile hatte,

    einigen könnten, dann fiele die Abgrenzung von den Dualisten und Supranaturalisten leichter und eindeutiger aus. Haarspaltereien und Zweideutigkeiten dagegen bieten doch den Dualisten immer wieder Angriffsfläche, nach dem Motto: „Na ihr naturalistischen Monisten, seid ihr euch doch nicht so sicher?“

    2. Klar wären die praktischen Auswirkungen einer allgemeinen Anerkennung der fehlenden Willensfreiheit nicht sofort spektakulär, aber es gäbe doch, gerade im humanistischen Sinn, gewisse Verbesserungen:
    – Der Racheaspekt in Strafverfahren fällt weg (spielt in einigen Ländern eine riesige Rolle).
    – Viele (Klein-)Kinder werden extrem neurotisiert, weil sie von Bezugspersonen als „böse“ bezeichnet werden, in der Annahme eines „absichtlichen“ ungewünschten Verhaltens.
    – Aber auch in den Beziehungen unter Erwachsenen könnte man vieles, das bisher sofort der „Boshaftigkeit“ eines Menschen zugeschrieben wird, gelassener sehen.
    – Der ganze Erbsündenschwachsinn der Kirche ginge baden.
    – Die Exorzisten hätten wahrscheinlich auch weniger Klienten, weil es hier nichts Böses auszutreiben gibt 😉

    Ich vergleiche es gerne mit dem Kind, das den „bösen“ Hund schimpft, weil er die Wurst geklaut hat: Wird das Kind mit den Jahren klüger, lernt es, daß der stehlende Hund zwar schlecht erzogen war, aber keineswegs „böse“.

  6. @kittel:

    Interessant fand ich diesen Artikel:

    Ingo-Wolf Kittel – Beweis der Existenz der „Willensfreiheit“
    http://www.sprache-werner.info/Beweis-der-Existenz.24637.html?PHPSESSID=9df33d04d28255fc58ced76e168886e0

    „…Durch bewusstes Denken also „machen“ wir uns im wörtlichen Sinn dieses Wortes unabhängig von den Reiz-Reaktions-Zusammenhängen einer jeden momentanen Situation…“; „…Unsere Freiheit besteht also (..) in Vorstellungs- und Gedankenfreiheit…“

    Hier wird die Willensfreiheit, welche vom Autor natürlich niemals definiert wird, auf Gedankenfreiheit gegründet. Denken ist aber ein Produkt des Neocortex, dessen neuronale Verschaltungen vollständig determiniert sind, deshalb kann so etwas wie Gedankenfreiheit niemals existieren. Bewusst vorbereitete Entscheidungen (z.B. bewusstes Denken) sind nicht weniger determiniert als unbewusste, auch sie folgen zu 100% den Naturgesetzen. Gedanken wirken(!) nur für das Bewusstsein als selbstproduziert, tatsächlich werden die von den unbewussten Strukturen des Gehirns veranlasst.

    „…Durch eigenes Denken eröffnen wir uns (..) die Möglichkeit (..) so zu handeln (..) wie wir wollen…“

    Dies ist richtig, man nennt es Handlungsfreiheit, mit Willensfreiheit hat das nichts zu tun.

    „…Tiere scheinen sich nicht entscheiden zu müssen, sondern festliegenden Reiz-Reaktions-Zusammenhängen und -Mechanismen zu unterliegen…“

    Tiere bzw. deren Gehirne müssen sich selbstverständlich auch entscheiden. Der Mensch unterliegt zweifelsohne ebenfalls vollständig seinen Reiz-Reaktions-Mustern, nur sind diese viel komplexer(!) als bei den meisten anderen Tieren. Nur deshalb wirken(!) die Handlungen des Menschen frei, sie sind es jedoch nicht. Wir sind niemals unabhängig von Reiz-Reaktions-Zusammenhängen, auch nicht beim Unterlassen einer Tat.

  7. Ja klar ist mein Beitrag zum ersten Philosophy-Slam in Augsburg aus dem Jahre 2008 „interessant“ – finde ich prima, dass Du das auch findest ;-)! Danke für Dein Lob!

    Der Titel „Beweis der Existenz der ‚Willensfreiheit'“ ist ein Zugeständnis an die geläufigen Sprachgewohnheiten. Ich hatte damals ja ein unbekanntes Publikum vor mir, auf dessen Sprachverständnis ich Rücksicht nehmen wollte. Unüblicher Weise hätte ich statt „Beweis“ nämlich „Aufweis“ sagen müssen, habe aber befürchtet, das würde eher auf Unverständnis stoßen, zumindest aber auf Befremden.

    Im eigentlichen Sinn „beweisen“ kann man ja nur etwas aus bekannten Voraussetzungen her wie in der Logik oder Mathematik oder eben in einem logisch geschlossenen Theoriegebäude wie dem, dem Du offensichtlich anhängst: dem metaphysischen Determinismus. (Daher die Endung „-ismus“!)

    Real Vorhandenes kann man genau genommen nur „aufweisen“, darauf verweisen, ggf. darauf zeigen. Ich habe in aller Kürze von 10 Minuten damals versucht, aus – vom Text her ersichtlich – psychologischer Perspektive Art und Grundlage dessen aufzuzeigen, was m.W. umgangssprachlich mit dem Verb „wollen“ gemeint ist.

    Wenn Dich die allgemeine Verwendung dieses alltagssprachlichen Tatwortes bis in seine versubstantivierten Formen wie „das Wollen“ und „der Wille“ nicht interessiert, kann ich nichts machen – auch nicht, dass Du meine Hinweise darauf in meinen vorangegangenen Beiträgen bedauerlicher Weise nicht berücksichtigst. (Auch andere Hinweise nicht!)

    Leider bin ich – argumentativ! – jetzt genötigt, Dich darauf jetzt eigens hinzuweisen, weil Du ziemlich keck behauptest, dass der Sinn dieser Rede „vom Autor natürlich niemals definiert wird„. Dir scheint entgangen zu sein, dass mein „Beweis“ genau das leistet: den Hintergrund unserer umgangssprachlichen Rede vom „freien Willen“ aufzuzeigen und genau damit ihre Sinnhaftigkeit „in der Tat“ zu beweisen! (Deswegen habe ich kein schlechtes Gewissen, im Titel meines Slam-Beitrags das Wort „Beweis“ zu belassen.)

    Es wäre leicht, Deinen eigenen Satz einfach gegen Dich wenden, dass von Dir „natürlich niemals definiert wird„, was Du mit dem Ausdruck ‚Willensfreiheit‘ meinst, wenn Du ihn anders auffasst oder verstehst als das in der Alltagssprache üblich ist. Ich will Dir aber nicht meinerseits vor’s Schienbein treten und Dich lieber bitten anzugeben, was Du denn nu mit der Wortbildung von der Willensfreiheit meinst und warum Du diesem Ausdruck den der Handlungsfreiheit gegenüberstellst? Üblicherweise wird die nämlich, soweit ich in über sechzig Jahren unsere Umgangssprache kennengelernt habe, mit der Tatsache unserer Willensfreiheit begründet!

    Mit meinen Anführungszeichen bei dem Begriff „Willensfreiheit“ im Titel meines „Beweises“ habe ich übrigens andeuten wollen, dass ich sehr wohl weiß, dass es von diesem Begriff unterschiedliche Auffassungen gibt. Aber Subtilitäten sind nicht jedermanns Sache, wie ich weiß und wieder einmal bewiesen sehe.

  8. Bin erstaunt und erfreut, dass eine derart fruchtbare Diskussion zu diesem komplexen (interdisziplinären) Thema aufgekommen ist. Das zeigt doch, dass es zumindest – immer noch – recht willensstarke Menschen (abseits jedweder Religion oder Ideologie) gibt.

    haplif – Frank Kalder

  9. Ja, das ist wunderbar rhetorisch-tiefgründig hinterfragt resp. persifliert. Seien wir also mal auf weiteres “Dozieren“ gespannt… 🙂

  10. Pingback: Nics BlogHaus

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