Egoismus, Macht und Strategie

Egoismus, Macht und StrategieDas Buch „Egoismus, Macht und Strategie. Soziobiologie im Alltag“ von Andreas Kilian befasst sich mit der Bedeutung unseres evolutionären Erbes für den Alltag und versucht sich zugleich an linker Gesellschaftskritik. Der Biologe Stephen Jay Gould war berüchtigt für seine Verteidigung des Marxismus vor soziobiologischen Angriffen. Kilian geht in die andere Richtung und bietet nach Anerkennung unserer äffischen Natur ein paar Vorschläge, wie wir ihr entgegenwirken könnten. Aber leider hinterlässt der Versuch einen zwiespältigen Eindruck.

In der Einleitung steht, der Leser würde sich vielleicht über das Buch ärgern und ein Kissen erstechen, weil er seine eigene Natur nicht anerkennen will. Mir ging das nicht so, weil ich schon viele soziobiologische Werke gelesen habe und weil überall dasselbe drinsteht, nämlich dass wir Affen sind, die von egoistischen Genen gesteuert werden. Wir haben jedoch Potenzial aufgrund unserer großen Gehirne, mehr daraus zu machen. Das war bereits in einem der ersten soziobiologischen Werke zu lesen, in Dawkins Das Egoistische Gen.

Formelles

Man muss Kilian immerhin lassen, dass sein Buch verständlicher ist. Allerdings kommt das zu einem Preis: Das Egoistische Gen war darum so kompliziert, weil Richard Dawkins die Belege für seine jeweiligen Behauptungen erklärt hat. Von ihm war zu erfahren, wie Wissenschaftler arbeiten und woher wir wissen, dass Gene versuchen, unser Leben zu kontrollieren. Von Kilian erfahren wir das nicht. Im Text gibt es nur inkonsequent Zitate und Quellenangaben. Im Literaturverzeichnis stehen zwar die Quellen, aber die werde ich mir nicht alle durchlesen, wenn ich eine konkrete Behauptung überprüfen will. Dafür wären Seitenzahlen und Fußnoten oder ein Anhang mit Erläuterungen wie in Das Egoistische Gen willkommen gewesen. Zugegeben ist es aber nicht ungewöhnlich für populärwissenschaftliche Bücher, obwohl es auch besser geht, wie in Steven Pinkers Das Unbeschriebene Blatt. Dort gibt es Fußnoten, Zitate, Studien, Namen und eine offene Auseinandersetzung mit anderen Positionen. Trotzdem ist es sehr gut lesbar. Aber das ist vielleicht nur eine persönliche Vorliebe.

Frauen wollen Alphatiere

Wer es immer noch nicht wahrhaben will, wie sehr er durch sein evolutionäres Erbe beeinflusst wird, der erhält mit diesem Buch eine kleine Brachialaufklärung. Zum Beispiel fand ich es sehr aufschlussreich zu erfahren (S. 72), dass für Frauen wirklich nur der soziale Status von Männern zählt. Ein Schauspieler sprach in einem Versuch Frauen an und gab jeweils vor, einen anderen sozialen Status zu haben. Sagte er, er wäre Medizinstudent, wollten sich 90% der Frauen wieder mit ihm treffen und fanden ihn nett, intelligent und attraktiv. Sagte er, er sei arbeitslos, wollte sich keine Frau mehr mit ihm treffen und sie empfanden die Anmache als dumme Nötigung. Es war immer der selbe Kerl, identisch gekleidet und er drückte sich genauso aus. Kilian hat außerdem recht, wenn er darauf hinweist, dass sich Frauen bei ihrer angeblichen sozialen Überlegenheit mal überlegen sollten, warum sie immer die Alphamännchen heiraten wollen, selbst wenn sie Stalin und Hitler heißen.

Böse Kapitalisten

Leider ist die linke Gesellschaftskritik meistens nicht so treffsicher, weil sie einfach zu simplistisch und idealistisch ausfällt, im krassen Gegensatz zu den harten Fakten, die oft im Satz zuvor dargestellt werden. Auf S. 39 regt sich Kilian zum Beispiel darüber auf, dass „Eroberer und Geschäftsleute“ die Regenwälder abholzen würden, „um kurzfristige Gewinne zu erzielen“ und die Vertreibung der Ureinwohner nähmen sie dabei billigend in Kauf. In Brasilien sind es aber keine Geschäftsleute und Eroberer, welche die Regenwälder abholzen, sondern die ansäßigen Gemeinden selbst! Brasilianer holzen ihre eigenen Regenwälder ab. Das bringt ihnen zwar nichts, aber es bringt noch weniger, sich einzureden, sie wären die hilflosen Opfer irgendwelcher Eroberer.

Jeder mit jedem

Auf S. 40-41 heißt es: „Aber viele Menschen bleiben partner- und kinderlos. Mit ihnen enden nicht nur ihre Lebensläufe, sondern auch fast vier Milliarden Jahre ununterbrochenen Genflusses. Eine ganze Genlinie stirbt somit aus, weil wir ‚Nein‘ gesagt haben und glaubten, etwas ‚Besseres‘ verdient zu haben.“

Ja. Und das ist die letzten vier Milliarden Jahre immer wieder so gewesen. Und gut so. Einige Leute müssen sich nicht unbedingt fortpflanzen. Es gibt Psychopathen da draußen und wir wissen heute, dass psychopathisches Verhalten in den Genen liegt. Hätte sich Saddam Hussein unbedingt fortpflanzen müssen? Angesichts dessen, dass seine Söhne noch grausamere Sadisten waren als er selbst, wage ich das zu bestreiten.

Krieg ist schlecht

Sehr zweifelhaft finde ich auch Kilians Ausführungen zu Kriegen. Die werden angeblich gesellschaftlich anerkannt (das bezweifle ich), weil beide Kriegsparteien durch Krieg ihre schwächsten Mitglieder ausselektieren können. Die Schwächsten werden erschlagen. Zudem reichen nach einem Krieg Resourcen und Revier für alle Beteiligten aus. In Kriegen sollen junge, unverheiratete Männer und soziale Verlierer verheizt werden, während es sich Politiker und Generäle in ihren Bunkern bequem machen (vg. S. 108-109). Aber wie sollen wir bitte Kriege gewinnen, wenn wir diejenigen an die Front schicken, die Feldzüge planen und organisieren? Wenn die Generäle tot sind, wissen die Soldaten nicht mehr, wo sie kämpfen sollen und wie. Und dann verlieren sie und werden gekillt.

Außerdem nehmen die Menschen in modernen Demokratien freiwillig an Kriegen teil. Natürlich gibt es Lockmittel wie einen hohen Sold und eine gute Ausbildung, sonst würde ja keiner in den Krieg ziehen. Und wenn keiner in den Krieg zieht, dann gewinnen Leute wie Saddam Hussein, Milesovic, Stalin oder die Taliban. Es gibt gefährliche Ideologen da draußen, die nicht verhandeln wollen! Die interessieren sich überhaupt nicht für solche Bücher, sondern sie wollen uns einfach nur töten, weil wir nicht in ihre jeweilige Utopie reinpassen! Andreas Kilian scheint der Meinung zu sein, dass Kriege auch heute noch nur um Rohstoffe und zur Tötung wertloser Gesellschaftsmitglieder geführt werden. Also sind die Alliierten nur gegen Hitler in den Krieg gezogen, um ein paar junge Männer und soziale Verlierer loszuwerden? Laut Kilian könne moderne Kriege „nichts mehr rechtfertigen“ (S. 110). Na, dann lassen wir uns einfach von Islamisten in die Luft sprengen, wenn wir einen Krieg zu unserer Verteidigung nicht mehr rechtfertigen können.

Richard Dawkins Kommentare zu politischen Themen sind immer wieder peinlichst uninformiert und so war das bislang bei allen soziobiologischen Autoren (außer Steven Pinker), deren Bücher ich gelesen habe. Man kann sich nicht Michael Moore anschauen und dann meinen, man wüsste alles über Politik. Im Gegenteil weiß man dann eher weniger als gar nichts.

Zinsen sind schlecht

Und so geht das einfach weiter. Interessante, wenn auch beizeiten überinterpretierte, Erkenntnisse der Soziobiologie werden vermischt mit linker Gesellschaftskritik. Zum Beispiel dient das Zinssystem für Kilian nur der Ausbeutung der Armen (der Omega-Tiere). Als ob sich die Menschen unbedingt Geld leihen müssten, um sich irgendeinen Unsinn zu kaufen. Als ob sie nicht auch selbst daran schuld wären, wenn sie ihre Schulden nicht zurückzahlen können. Natürlich kann es der Fall sein, dass jemand so arm ist, dass er keine Wahl hat, als sich Geld zu leihen, auch wenn er weiß, dass er es niemals zurückzahlen kann. Aber in den entwickelten Ländern ist das in der Regel eben nicht so. Kleinanleger sind auch selbst schuld, wenn sie hinter dem schnellen Geld her sind. Kaufe ich mir etwa Aktien, nur weil ich es könnte? Nein.

Religion ist schlecht

Religion dient angeblich vor allem der Sicherung von Macht, aber wir wissen es inzwischen einfach besser. Wir wissen, dass Religiosität eine gesellschaftliche Krankheit ist, die durch persönliche Unsicherheit ausgelöst wird und die gesamtgesellschaftlich eng zusammenhängt mit hohen Einkommensungleichheiten. Natürlich ist auch die Sicherung der Macht „verrückter“ Beta-Tiere, wie Kilian den Klerus nennt, ein wichtiges Element. Aber eben nicht das einzige. Zu allem Überfluss basiert Kilians Erklärung des angeblichen evolutionären Erfolgs der Religiosität auch noch auf Daten von Michael Blume, also auf der Idee, dass Religiöse reproduktiv besonders erfolgreich sind, was einfach nicht stimmt (respektive nichts mit Religion zu tun hat). Zwar nennt Kilian auch viele der Argumente, die man normalerweise von Nebenproduktlern hört, aber er fügt das alles nicht in ein kohärentes Ganzes zusammen.

Die Moral von der Geschichte

Es ergibt wenig Sinn, wenn er auf S. 184 auf einmal Ethik und Moral unterscheidet, obwohl er das vorher in dem Buch nie getan hat. Aber nun zu Kilians Fazit (S. 190-192), zu dem, was wir angeblich aus der Soziobiologie lernen sollten. Einige Vorschläge sind einsehbar, andere sind völlig abgehoben. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle ist eine schöne Idee, von der man die Leute aber nicht überzeugen wird ohne konkrete Umsetzungsvorschläge. Forschung hat keineswegs immer Vorrang vor jedem Militärhaushalt. Wenn ein neuer Hitler kommt, soll Herr Kilian das noch einmal behaupten.

Katastrophal finde ich den Vorschlag, wir sollten das Land in verschiedene Gesellschaftsformen aufspalten und jeder könne in der leben, die ihm am besten gefällt. Die Balkanisierung Deutschlands war ja schon Wahlziel der Anarchistischen Pogopartei APPD. Wer auf Autobahnen rumrasen will, soll in die Raserzone gehen, wer Krieg mag, kann in die Kriegszone. Wir arbeiten ja leider schon an der Balkanisierung Deutschlands, siehe muslimische Parallelgesellschaften. Wer von seinem Bruder ermordet werden will, weil er sich mit einem deutschen Mann trifft, der soll in die Muslimen-Zone gehen. Natürlich will das aber keiner. Wenn Teilgesellschaften ihre eigenen Regeln erfinden können, dann wird das zum Leidwesen der Beteiligten und auch der Mehrheitsgesellschaft geschehen. Schöne neue Welt.

Laut dem letzten Vorschlag sollten wir ein neues Orakel von Delphi aufbauen, ein neutraler Schiedsort für die Herrscher der Welt. Konkret könne man das per Internet machen, sodass alle Menschen eine Stimme haben. Gefällt mir überhaupt nicht. Die Leute haben keine Ahnung von Politik. Kalifornien ist durch Basisdemokratie kaputt gewirtschaftet worden. Es haben erheblich mehr Menschen an der Abstimmung teilgenommen, dass das neue Gesicht auf der Kinderschokolade wieder verschwinden soll, als an jeder Volksabstimmung in Deutschland. Hier in Würzburg gibt es immer wieder Volksentscheide. Entweder es gehen nicht genügend Wähler hin oder sie entscheiden sich für den blödesten Vorschlag. Das war jedes einzelne Mal so. Dann doch lieber repräsentative Demokratie.

Fazit

Insgesamt kann ich das Buch als Einführung in die Soziobiologie empfehlen. Wer wissen möchte, wie sehr er ein Affe ist und wer seinen primitiven Gelüsten entgegenwirken möchte, der kann sich „Egoismus, Macht und Strategien“ durchaus zulegen. Aber die linke Sozialkritik ist überwiegend zu simpel, weltfremd und uninformiert. Sie erinnert mich zu sehr an das, was ich vor sechs Jahren noch selbst gepredigt habe.

6 Kommentare zu „Egoismus, Macht und Strategie

  1. Anarchistische Pogopartei
    mit „P“

    Psychopathisches Verhalten in den Genen?
    Hättest du da evtl ne Quelle

  2. Habe noch nie gehört, dass man mit Soziobiologie, die die Natur des Menschen realistisch zu betrachten versucht, ausgerechnet linke Utopien begründen will. Aber der Mensch kann eben auch große Widersprüche gedanklich zusammenkonstruieren.

  3. Also bei dem Text brauche ich irgendwie eine Erklärung für die Doofen. Weil, wenn Zinsen nur ein Mittel wären die aus zu beuten, die nichts haben, dann wären sie erstens ziemlich sinnlos, weil bei denen die nichts haben ist nichts zu holen und außerdem, um Zinsen zu zahlen hat man üblicherweise einen Kredit bekommen. Leute die nichts haben kriegen aber üblicherweise keine Kredite. Wenn das jemand nicht glaubt, dann empfehle ich ein praktisches Experiment mit einer Bank seiner Wahl. Und wie ist es zu erklären, wenn zinsen nur zur Ausbeutung der Armen dienen, dass auch sagen wir mal Unternehmen, deren Anteile im DAX sind immer wieder Zinsen zahlen, einfach, weil man einmal etwas zwischenfinanzieren muss.

    1. Mit den „Armen“ sind in diesem Fall Leute gemeint die auf ihr Gehalt/Rente o.ä. angewiesen sind, im Gegensatz zu den Reichen die von ihrem Vermögen leben können.

      Ich finde den Absatz über die Zinsen nicht sehr gelungen, man mag ja das Zinssystem für gut befinden, doch Kritik daran einfach weg zu wischen, mit dem Hinweis, es wäre ja niemand dazu gezwungen Kredite aufzunehmen, halt ich für bedenklich kurz gedacht.

      Ansonsten ein schönes Blog, lese gerne hier.

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