Duden für Alternativmedizin

Duden: Was jeder wissen mussDie Duden-Redaktion behandelt Alternativmedizin in ihrem neuen Allgemeinwissensbuch gleichwertig mit „Schulmedizin“, wenn nicht sogar bevorzugt. Der Band „Was jeder wissen muss“ führt alternativmedizinische Methoden auf, ohne die Frage zu stellen, wie es mit der Wirksamkeit aussieht. Der Leser könnte sogar schlussfolgern, dass Alternativmedizin die Schulmedizin ablösen wird.

Wer gerne in diesen Buchläden-Erlebniscentern (z.B. Hugendubel) herumläuft, dem wird vielleicht ein neues Allgemeinwissensbuch von der Duden-Redaktion aufgefallen sein: „Was jeder wissen muss“. Wie zu erwarten, besteht es aus allerlei Zahlen und Details, die kein Mensch wissen muss. Erst recht erlauben solche Werke kein tieferes Verständnis der Zusammenhänge. Allgemeinwissen an sich wird völlig überschätzt, da es sich um Wissen handelt, das die meisten Leute zwar zufällig besitzen, aber das sie oft nicht brauchen.

Es geht in solchen Büchern um Fragen, wie ich sie von dem Test aus einem Assessment-Center kenne: „Welcher Künstler hat sich das Ohr abgeschnitten?“. Nun, das war (angeblich, vielleicht war es auch Körperverletzung durch einen Zweiten) Vincent van Gogh, aber warum sollte man eine so nutzlose Information überhaupt besitzen müssen, nur weil sie allgemein bekannt ist? Die wirklich relevanten Dinge gehören leider gar nicht zum Allgemeinwissen, zum Beispiel:  Welchen Aussagewert haben Umfragen und Statistiken? Wie findet man heraus, ob eine Behauptung wahr oder falsch ist? Wie funktioniert kritisches Denken?

Doch dieses neue Allgemeinwissens-Buch ist noch schlimmer als nutzlos, denn: Alternativmedizin wird darin auf einer Ebene mit der sogenannten „Schulmedizin“ behandelt. Im Eintrag „Medizin allgemein“ (S. 405) erfahren wir: „Wurden Krankheiten, etwa in den frühen Hochkulturen, sehr häufig als von einer Gottheit gesandte Strafen oder Prüfungen verstanden, setzt sich seit Hippokrates die Vorstellung von natürlichen Krankheitsursachen mehr und mehr durch.“ Zur Medizin allgemein gehört für Duden wohl auch die Alternativmedizin, obgleich es dieser gar nicht um natürliche Ursachen geht, sondern um Geistwesen, Karma, Seelen und anderen esoterischen Unfug.

Im Eintrag „Alternativmedizin“ heißt es (S. 407-408): „Im Gegensatz zur modernen Medizin, die auf die körperlichen Auswirkungen von Krankheiten konzentriert ist, beziehen alternative Methoden den ganzen Menschen als Leib-Seele-Einheit in die Therapie ein. Neben der europäischen Volksmedizin stützen sich die Heilverfahren auch auf die traditionelle ostasiatische, indische und islamische Heilkunst.“

Es folgt die Auflistung fünf bekannter „Vertreter der Naturheilkunde“: Paracelsus, Sebastian Kneipp, Samuel Hahnemann, Edward Bach, Hildegard von Bingen. Zu Paracelsus heißt es: „In seinen Schriften bekämpfte er die Schulmedizin und löste sich von den damals anerkannten medizinischen Autoritäten. Seine Heilkunst basierte auf Erfahrung, Experiment und Beobachtung.“ Und worauf basiert dann die Schulmedizin?  Über Edward Bach erfährt man: „Sieben Jahre später hatte Bach weitere 35 heilkräftige Pflanzen gefunden und die Heilkraft des Quellwassers erforscht, das für die Herstellung der Pflanzenauszüge erforderlich ist – die Bach-Blütentherapie war geboren.“

Was Alternativmediziner laut Duden also tun, hängt zusammen mit „Erfahrung“, „Experiment“, „Beobachtung“, „heilkräftig“, „erforscht“. Sind Alternativmediziner also die wahren Wissenschaftler? Es folgt die Auflistung der bekanntesten alternativmedizinischen Herangehensweisen, die natürlich alle wirkungslos sind, was aber mit keinem Wort erwähnt wird. Der Alternativmedizin widmet der Duden ganze drei Seiten, ohne jeden kritischen Einwand.

Duden, das ist ein markwirtschaftliches Unternehmen, das sich einen Ruf dadurch erworben hat, uns auf Basis unnachvollziehbarer Regeln (die meine Sprachwissenschafts-Professoren deutlich kritisieren) vorzuschreiben, was „richtige“ deutsche Rechtschreibung und Grammatik sein soll. Nun schreibt es uns vor, was wir wissen müssen: Dass Pseudowissenschaft gleichwertig ist mit echter Wissenschaft.

Tipp: GWUP zum Thema Alternativmedizin

4 Kommentare zu „Duden für Alternativmedizin

  1. Unglaublich dass dieses Wörterbuchunternehmen erste Wahl bei Scrabble ist^^

    Aber im Ernst, das ist einfach nur traurig!

  2. Im Gegensatz zu diversen Kardinälen von denen man nichts als Gülle erwartet, wenn sie den Mund öffnen, fügen solche vermeindlich seriösen Werke der Gesellschaft ernsthaften intellektuellen Schaden zu.
    Gibt es keinen Weg, so etwas zu unterbinden oder zu ahnden?

  3. „Was jeder wissen muss“ sollte das volle Bild geben und den Tatsachen entsprechen. Da ist die Stiftung Warentest weiter.

    Duden ist für mich gestorben.

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