Financial Times auf Idiotenfeldzug

Financial Times

In der aktuellen Financial Times gibt es einen Beitrag mit dem Titel „Die Anti-Gotteskrieger“ über eine New Yorker Atheistenkampagne. Und was genau machen die New Yorker Atheisten, dass sie auf einer assoziativen Ebene stehen sollen mit islamistischen Gotteskriegern? Antwort des Artikels: „In New York gründen sie eine eigene Organisation und gehen saufen.“

Saufen gehen und Babys in die Luft sprengen, wo ist der Unterschied? Es gibt keinen. Jedenfalls nicht für die Verantwortlichen der Financial Times. Lest euch mal die letzten zwei Absätze durch:

Jason Torpy dagegen ist nicht nur wegen des Spaßes hier. Torpy ist Präsident von MAAF, einer Organisation für atheistische Ex-Soldaten. Er war im Irak stationiert, in Kuwait, in Deutschland, und immer wieder nervten ihn missionarische Vorgesetzte, die ihn für irgendeine religiöse Gruppierung gewinnen wollten. „Das schlimmste Christentum wurde da verbreitet“, sagt Torpy.

Nun kämpft er für eine stärkere Trennung von Kirche und Staat. „In Deutschland spielt das alles keine Rolle, weil die Gesellschaft dort säkular geprägt ist. Hier aber glauben Leute tatsächlich, dass Gebete etwas bewirken.“ Ob Torpy und den anderen auffällt, dass Religion an diesem Abend den gleichen Raum einnimmt wie bei einem Bibeltreffen? Nur eine der Anwesenden mag sich den sprichwörtlichen Gott-und-die-Welt-Gesprächen nicht so recht anschließen: Torpys Freundin. Aber die ist ja auch Protestantin. Kein Wunder, dass sie beim Thema Religion einfach nur entspannt bleibt.

Offenbar ist dem Autor Felix Wadewitz die inhaltliche Diskrepanz zwischen diesen beiden Absätzen gar nicht aufgefallen. Zuerst stellt er jemanden vor, der sich gegen fundamentalchristliche Missionierung durch Vorgesetzte in der US-Armee engagiert und dann macht er sich über die Atheisten lustig, weil sie so viel über Religion reden und lobt die Protestantin, weil es ihr egal ist, ob die Soldaten der größten Armee der Welt zu christlichen Gotteskriegern ausgebildet werden oder nicht. Ist der Mann noch ganz bei Trost?

Und das ist das Fazit eines Beitrags, in dem mehrere gute Gründe genannt werden, sich gegen Religion zu engagieren:

Ungläubig zu sein ist in den USA fast so schlimm wie Satan zu huldigen.

[….]

Das Ziel dieser Kampagnen: Atheisten und Agnostiker sollen sich endlich trauen, zu ihrem Nichtglauben zu stehen. Denn das sei in den USA selbst in einer Stadt wie New York keine Kleinigkeit, so die Organisation.

[….]

„Europa ist uns weit voraus“, sagt Jane Everhart von den New York City Atheists. „Das liegt an unserem schlechten Bildungssystem und den vielen Fundamentalisten.“ In einem Land, in dem selbst die katholische Kirche noch zu den gemäßigten christlichen Kräften zähle, sei es schwer, an die Vernunft zu appellieren. Besonders im Job hätten es Atheisten häufig schwer. Zum Beispiel, wenn der Chef die komplette Belegschaft am Sonntag in die Kirche einlade. Wer da dankend ablehne, müsse mit hochgezogenen Augenbrauen rechnen – und Mobbingaktionen der Kollegen.

[….]

„Das Problem in Amerika ist, dass es bei wirklich ernsten Debatten immer schnell darum geht, wer an was glaubt. Die Position irgendeiner Kirche gilt dann als Argument.“

Bäh, diese blöden Atheisten gehen nur saufen und reden so viel über Gott wie die in einer Bibelstunde. Besser, wir wären alle Protestanten, weil denen Religion voll egal ist. Wie Luther.

10 Kommentare zu “Financial Times auf Idiotenfeldzug

  1. thogoen sagt:

    Unterschwellig schwingt zwar eine feine Note Hohn mit, aber einen „Feldzug“ gegen Atheisten kann ich darin nicht erkennen. Das von dir zusammengefasste Fazit ist doch sogar überaus vernünftig.

    Dass Protestanten die Religion egal ist, kann der aufgeklärte Leser sogar als Kritik am Kuschel-Christentum werten frei nach Sam Harris:
    „To speak plainly and truthfully about the state of our world – to say, for instance, that the Bible and Koran both contain mountains of life-destroying gibberish – is antithetical to tolerance as moderates currently conceive it.“

    • derautor sagt:

      Da steht nichts von einem Feldzug gegen Atheisten.

      • thogoen sagt:

        Pardon, dann habe ich was falsch verstanden. Was für ein Feldzug ist denn der Idiotenfeldzug?

      • derautor sagt:

        Der Idiotenfeldzug ist ein Feldzug von Idioten zur Förderung der allgemeinen Idiotie. Ich denke nicht, dass die Financial Times irgendeine Agenda in diesem Artikel vertritt. Sie verteidigen einfach den Status Quo – Religion darf man nicht grundsätzlich kritisieren – und fertig. Reflektiert ist diese Position nicht, eher instinktiv, wie der Drang zu urinieren.

  2. Trinculo sagt:

    Dieses ständige „Atheisten reden doch auch soviel über Religion!“ ist ungefähr so, als würde man Mitglieder in einem Verein zur Drogenbekämpfung und -aufklärung vorwerfen, sie würden doch genauso oft an Drogen denken, wie die Süchtigen. Und dann die zugedröhnten Junkies loben, weil ihnen alles egal ist und sie doch so entspannt sind.

  3. Francis sagt:

    Nichts gegen den maßvollen Gebrauch von Genussmitteln bitteschön. So ist es mit der Religion auch.
    Zum Artikel: Ich bin kein Atheist, sondern Agnostiker. Aber trotzdem versuche ich meist, mir eine differenzierte Wahrnehmung und Interpretationsfähigkeit zu bewahren. Der Schreiber des FT-Artikels hat hier undifferenziert bzw. durchaus unangebracht eine Schlagzeile fabriziert, die sich boulevardesk gut macht, weil sie mit griffigem Wort „(Anti-)Gotteskrieger“ verstärkt wurde. Dass er aber damit sehr verschiedene Verhaltensweisen bzw. Handlungen in einen wörtlichen Zusammenhang bringt ist sachlich falsch und keine wirklich informative Berichterstattung. Vielleicht hat der Autor sich gar nicht mehr dabei gedacht, als dass sich das gut anhört bzw. ein „eye catcher“ ist. Aber inhaltlich angebracht ist es deshalb nicht.

    • derautor sagt:

      Ja, er hat sich vielleicht gedacht, dass es Aufmerksamkeit erregt, aber man erregt eben keine Aufmerksamkeit durch solche irrsinnigen Vergleiche.

  4. schokoholix sagt:

    „Die Europäer sind uns weit voraus“ (bzw. die säkulären Staaten)
    Ich habe in den USA,(Die „We trust in God“ sogar auf ihre Geldscheine drucken) in der Mitte der 80er Jahre ein halbes Jahr in Illinois verbracht. Mein Eindruck von der Gesellschaft dort war nicht so wild. Die Familie bei der ich lebte ging Sonntags nie zur Kirche und schien trotzdem gut integriert. Generell bin ich kein Freund verallgemeinernder Aussagen. Aber, dass das Bildungssystem und die Allgemeinbildung happert ist auch mir unübersehbar ins Auge gesprungen: Mir ist nur eine einzige Person in den 6 Monaten in Erinnerung, welche WUSSTE dass Österreich in Europa liegt und selbst die erklärte mir, Europa sei im Süden der USA… Was ich so mitbekam wurde nur die amerikanische Geographie und die amerikanische Geschichte (und die ist ja nicht sonderlich lang) gelehrt. Aber genau das ist der Knackpunkt: die Mehrzahl der ersten freiheitsliebenden Siedler (=Protestanten) ist aus religiösen Gründen aus Europa nach Amerika GEFLÜCHTET um ihren Glauben leben zu können. Und nur weil bei uns in Europa die Gegenreformation nicht erfolgreich war (den Protestanten sei`s gedankt) konnte sich neben der allgemeinen Religionsfreiheit auch der Geadanke der Aufklärung (und damit auch Atheismus im breieren Sinne, über Säkularisierung bis hin zu Darwinismus) durchsetzen, während diese Entwicklungen die breite Masse der (in die unterschiedlichsten protestantischen Gruppierungen unterteilten)amerikanische Bevölkerung nie in dem Ausmaß erreichen konnte, dass diese Wirksam werden konnte. Das selbe gilt für sozialistische und kommunistische Strömungen, was letztlich (aus meiner Sicht) mit der Grund dafür ist, warum gewerkschaftliche Zusammenschlüsse sich in den USA nie wirklich durchsetzen konnten und in der Folge Arbeitnehmerrechte sowie Sozialversicherungssysteme weitestgehend fehlen. Denn der Protestantismus fördert Leistungsorientierung des Einzelnen und prägt noch immer überproprtional die USA, die tritt nur nach außen hin als EINE NATION auf (Das schafft die EU dafür niemals…) und selten nach innen. Nur selten findet sich der innere Zusammenhalt, das zeigt sich auch z.B. bei Katastrophen. Denn jede („christliche“) Gemeinde schaut zuerst auf sich. Randgruppen bleiben meist sich selbst überlassen. Und bekennende Atheisten sind wohl eher eine Randgruppe…

  5. _ SKY BAR _ sagt:

    Dramolette…

    Muslime raus aus Deutschland, aber zügig! Das Dramolett mit dem Minarett – Sind wir bereit, unsere Religionsfreiheit auf das Niveau von Gottesstaaten zu senken? Idiotenfeldzug von Idioten zur Förderung der allgemeinen Idiotie – denn Religio…

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