Warum Religion demontiert werden muss

Die englischsprachigen Neo-Atheisten debattieren gerade über den sogenannten „Accommodationism“ oder „Faitheism“. Es handelt sich um die selbe Debatte, die ich ein paar Monate vorher über den Kuschelatheismus in Deutschland losgetreten hatte und die einigen innersäkularen Ärger auslöste und Verwunderung wie Schadenfreude von theistischer Seite. Versöhnliche Atheisten, die mit Gläubigen an der Lösung größerer Probleme zusammenarbeiten möchten, beschweren sich über die Neuen Atheisten und ihre Behauptung, Wissenschaft und Religion wären unvereinbar. Warum machen wir das alles eigentlich?

Als Vertreter der Kuschelatheisten tritt wieder Skeptic-Chef Michael Shermer auf, gegen den ich Richard Dawkins schon einmal in einem Kommentar verteidigt hatte. Doch haben die Kuschelatheisten Nachwuchs bekommen, vor allem die beiden Autoren Chris Mooney und Sheril Kirshenbaum. Auch auf der Seite der Neuen Atheisten sind inzwischen neue Aktivisten vertreten, darunter der australische Philosoph Russel Blackford, Schriftstellerin und Bloggerin Ophelia Benson und Evolutionsbiologe Jerry Coyne.

Zunächst einmal kann man feststellen, dass die Neuen Atheisten kein Problem damit haben, wenn andere Atheisten einen versöhnlicheren Ton anschlagen. Klar muss man Gläubige nicht ständig beleidigen, wie Dawkins das tut (neulich nannte er den Kreationisten Ray Comfort einen „Idioten“ und solche Dinge macht er durchaus öfter, auch wenn er das selbst offenbar nicht bemerkt). Chris Hitchens und Pat Condell haben sowieso einen Ton drauf wie eine Kettensäge. Aber um den Ton geht es einfach nicht.

Zum Beispiel drückt sich Russel Blackford stehts sachlich aus und unterstützt trotzdem die Neuen Atheisten aus seiner philosophischen Sicht, ebenso Daniel Dennett. Es geht wirklich um inhaltliche Fragen. Man kann Religionskritik sachlich äußern und trotzdem nicht die Position der Kuschelatheisten einnehmen.

Hier ein Beispiel für deren Position, formuliert von Shermer:

Wenn du darauf bestehst, dass gläubige Menschen jedes letzte bisschen ihres Glaubens aufgeben, bevor man ihnen gestattet, den gemeinsamen Kampf gegen diese Plagen der Menschheit [Armut, Globale Erwärmung, etc.] aufzunehmen, dann hast du gerade die große Mehrheit der Weltpopulation von deinem Projekt entfremdet.

Natürlich verlangen wir nichts dergleichen, aber wir tun nicht so, als würden wir mit Gläubigen in Punkto Religion übereinstimmen, wenn wir das einfach nicht tun, nur damit sie uns mögen und damit sie für andere unserer Positionen empfänglicher sind. Stattdessen appelliert Shermer für eine variantenreiche, strategische Herangehensweise: :“Es gibt keinen ‚richtigen Weg‘. Es gibt viele Wege, von denen alle funktionieren, je nach Kontext.“

An sich denke ich so etwas ähnliches auch, aber Shermer möchte diese verschiedenen Herangehensweisen in einer Person verkörpern. Er tritt mal als unversöhnlicher Streiter für die Vernunft auf, etwa wenn er gegen Kreationisten antritt, und mal als versöhnlicher Freund, wenn er mit moderaten Gläubigen spricht. So funktioniert das allerdings nicht. Im Prinzip ist das einfach Heuchelei, wenn Shermer je nach Situation so tut, als hätte er plötzlich eine andere, der jeweiligen Lage angepasste Meinung. Ich kann auch nicht auf einmal so tun, als wäre ich ein Kuschelatheist, das überzeugt niemanden (ich variiere zwar den Ton je nach Medium, aber nicht meine inhaltlichen Positionen).

Auf diese Weise vermittelt Shermer den Eindruck, er würde Gläubige im Grunde für Idioten halten, nur dass er manchmal ganz lieb zu ihnen ist, um sie für andere Themen zu gewinnen. Das ist schon sehr herablassend. Wäre ich ein Gläubiger, würde ich Ehrlichkeit bevorzugen. Gut, dann ist mein Gegenüber eben ein überzeugter Atheist, aber vielleicht sind wir uns ja einig, wenn es um Globale Erwärmung geht. Ferner sagt Shermer:

Manchmal ist Religion das Problem, aber normalerweise ist es etwas anderes – lokale politische Auseinandersetzungen, Regierungskorruption, mangelnde Bildungsmöglichkeiten, Resourcenerschöpfung, Währungsabwertung, Inflation, Armut, etc. Vergesst nicht das größere Bild dessen, was wir mit Hilfe von Wissenschaft und Vernunft erreichen möchten: Ein besseres Leben für die ganze Menschheit.

Klingt gut, oder? Was Theologen wie Hans Küng sagen, klingt auch gut, ergibt aber nach kurzem Nachdenken keinen Sinn. Religion ist ein sehr grundlegendes Problem, weil sie die Bedingungen anderer Debatten negativ beeinflusst. Solange Theologen bestimmen dürfen, welche Art von Argumentation akzeptabel ist, solange wird unsere Fähigkeit, ernsthafte Probleme zu lösen, fundamental eingeschränkt sein.

Religiöser Glaube beruht auf Tradition, Autorität und Offenbarung. Kritisches Denken basiert auf Logik und Belegen. Wenn es um Religion geht, akzeptieren die Menschen Argumentationen, die sie anderswo nicht akzeptieren würden oder akzeptieren sollten. Dafür gibt es keinen Grund und dies führt zu gefährlichen Invasionen religiöser Argumentationsmuster in die Debatten anderer Bereiche.

Zum Beispiel werden die Debatten über Gentechnologie, Gen-Food und Abtreibung immernoch stark mit religiösen Argumentationsmustern geführt, selbst von Menschen, die gar nicht religiös sind. Es geht bei der Abtreibungsfrage meist darum, wann ein menschliches Leben beginnt, was aus kritisch-rationaler Sicht von keinerlei Relevanz ist und ein ungeeignetes Kriterium um zu entscheiden, ob und wann Abtreibung legitim ist (ein geeigneteres Kriterium wäre die Leidensfähigkeit des Embryos). Ebenso hört man in der Gentechnikdebatte insbesondere von den Grünen, dass man „die Schöpfung bewahren“ müsse, obwohl die Grünen tendenziell nicht einmal glauben, dass überhaupt eine Schöpfung stattgefunden hat.

Diese religiösen Argumentationsmuster führen zu realen politischen Positionierungen und natürlich auch von Parteien wie der CDU/CSU, die vielleicht an irgendeine Art von Schöpfung glaubt, aber um ihre Feindlichkeit gegenüber Gen-Food verteidigen zu können, müsste sie andere Eingriffe des Menschen in Gottes Schöpfung, wie Zucht und Landwirtschaft, ebenfalls ablehnen. Die religiöse Argumentation jedoch erlöst sie von der Pflicht, bei ihrer Argumentation konsistent und rational zu bleiben.

Religion unterwandert die gesamte politische Debatte und verhindert rationale Problemlösungen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Das Tabu, Religion fundamental in Frage stellen zu dürfen, muss darum gebrochen werden. Und genau das tun die Neuen Atheisten. Man kann auch mit Gläubigen zusammenarbeiten, ohne so zu tun, als würde man viel von ihrem Glauben halten. Es wäre sogar respektlos, ihnen etwas vorzumachen, außerdem unterminiert es die eigene Position.

Was den Ton angeht, kann man durchaus sachlich und versöhnlich sein, aber inhaltlich verbietet sich gerade aus Respekt vor anderen Menschen jedwede Heuchelei.

6 Kommentare zu “Warum Religion demontiert werden muss

  1. verquer sagt:

    – Papa, warum gibt es Menschen die an Gott glauben?

    – Tja, mein Sohn. Hast Du schonmal eine Wolke gesehen, die wie ein Gesicht aussieht?

    – Jaha.

    – Siehst Du. Wir sehen Gesichter in den Wolken ohne das da wirklich ein Gesicht wäre und genauso sieht der Gläubige in der Welt einen Gott wo keiner ist.

    – Aber das Gesicht ist doch gar nicht wirklich da.

    – Stimmt.

    – Ist also Gott auch nicht da?

    – Ja.

    – Heißt das, dass die Gläubigen verrückt sind?

    – Nein. Sie sehen die Welt nur anders als wir. Die Gläubigen haben gute Gründe für ihren Glauben und das müssen wir respektieren.

    – Aber wenn Gott und Gesichter in den Wolken eigentlich das gleiche sind – wie kann man denn dann gute Gründe haben?

    – Nun, das kann ich Dir auch nicht so genau sagen. Wichtig ist jedenfalls, dass wir sie respektieren.

    – Die Gläubigen?

    – Ja.

    – Auch ihre Gründe?

    – Ja.

    – Papa? Das ist bescheuert.

  2. emporda sagt:

    Artikel:
    Auf diese Weise vermittelt Shermer den Eindruck, er würde Gläubige im Grunde für Idioten halten, nur dass er manchmal ganz lieb zu ihnen ist, um sie für andere Themen zu gewinnen. Das ist schon sehr herablassend. Wäre ich ein Gläubiger, würde ich Ehrlichkeit bevorzugen.

    Nun, Gläubige sind Idioten.
    Religiotie ist eine spezielle Form geistiger Behinderung durch Glaubensindoktrination vornehmlich im Kindesalter ausgelöst, die zu unterdurchschnittlich kognitiven Leistungen sowie spezifischen Einschränkungen des affektiven Verhaltens in Glaubensfragen führt. Im Unterschied zu anderen Formen der Intelligenzminderung bedingt Religiotie nicht immer einen generell reduzierten Intelligenzquotienten. Wie es z.B. beim autistischen Syndrom eine „Inselbegabungen“ gibt, so gibt es auch „Inselverarmungen“. Religiotie sollte deshalb vornehmlich als „partielle Entwicklungsstörung“ verstanden werden – ein Begriff, den der Entwicklungspsychologe Franz Buggle schon vor einigen Jahren vorgeschlagen hat, um die spezifischen Denkhemmungen religiöser Fundamentalisten zu fassen.

    Nach einer Gallup Umfrage von 1991 sind nur 5% der US-Ingenieure konservativ gläubig, während die Zahl bei den US-Bürgern bei 55% liegt. Das hat Folgen mit einem Glauben an Wunder und Engel durch 79% und einer göttlichen Antwort auf persönliche Gebete durch 31% der US-Bürger. Eine Studie der Universität Genf von 2006 auf der Basis von 3.000 Interviews ergibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Religiosität und extremer rassistischer, sexistischer und homophober Einstellung. Der Science and Engineering Indicators 2002 der National Science Foundation belegt, die Mehrheit der US-Bevölkerung ist unfähig zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft zu unterscheiden. Obwohl diese Leute vorgeben sich für Wissenschaft und Technik zu interessieren, wussten nur 54% der Befragten, dass die Erde 1 Jahr braucht die Sonne zu umkreisen. Nach einer Gallup Umfrage von 2004 glauben 45% der Amerikaner unbeirrt Gott hat die Menschen und die Dinosaurier in den letzten 10.000 Jahren erschaffen.

    Für Europa gibt es vergleichbare Umfragen mit ähnlichen Ergebnissen

  3. Der mit dem Glauben tanzt sagt:

    In Europa ist es ähnlich? Meine Güte, ich dachte, die Aufklärung hat etwas gebracht?

  4. Gwendolan sagt:

    Toller Text – Danke.

  5. martin sagt:

    Wer es noch einmal bildlich haben will:

  6. _ SKY BAR _ sagt:

    Gnade vor Recht…

    Was sagt die Bibel zu Hartz IV? Gnade vor Recht: Die Sonderrechte von Kirchen als Arbeitgeber – finden mittlerweile auch andere Arbeitgeber attraktiv Wer finanziert die Jesus GmbH? Es gibt keinen vernünftigen Grund für die weitreichenden Privileg…

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