Mark Twain über Alternativmedizin

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain (Tom Sawyer, etc.) wäre ein begnadeter Blogger gewesen. Seine Essays und Artikel sind als die treffsichersten Satiren und Polemiken in die Literaturgeschichte eingegangen (ernsthaft: Ein paar davon stehen auf der Leseliste von meinem Englisch-Institut!). In einem urkomischen Brief an einen Alternativmediziner machte er seiner Wut über diesen Unsinn Luft.

Damals war (und ist heute teils wieder) die Patentmedizin die erste Wahl für die Vermarktung von Schlangenöl und co. gewesen. Einer dieser Quacksalber hat den Fehler gemacht, Twain einen Brief und ein paar Werbesprospekte zu schicken, in der Hoffnung, dass er das Mittelchen bewerben würde. Hier der von mir übersetzte Antwortbrief:

Nov. 20. 1905

J. H. Todd
1212 Webster St.
San Francisco, Cal.

Sehr geehrter Herr,

Ihr Brief ist für mich ein unlösbares Rätsel. Die Handschrift ist gut und zeugt von einem bemerkenswerten Charakter und es gibt sogar Anzeichen von Intelligenz in dem, was Sie sagen, jedoch bekunden der Brief und die beiliegenden Werbeprospekte, aus ein und derselben Hand zu stammen. Die Person, welche die Werbesprospekte verfasst hat, ist ohne Zweifel die ignoranteste Person, die heute auf diesem Planeten lebt; auch ist sie ohne Zweifel ein Idiot, ein Idiot des 33. Grades und ein Nachkomme einer langen Ahnenreihe von Idioten, die bis zum Missing Link zurückreichen.

Es ist mir ein Rätsel, wie die selbe Hand Ihren Brief und Ihre Werbeprospekte konstruiert haben kann. Rätsel ärgern mich, Rätsel nerven mich, Rätsel erschöpfen mich; und stets erwecken sie in mir eine unfreundliche Geisteshaltung der Person gegenüber, die mir ein Rätsel aufgegeben hat. Ein paar Augenblicke später wird sich meine Feindseligkeit aufgelöst haben und vorrüber sein und ich werde wahrscheinlich sogar für Sie beten; aber während noch Zeit ist, beeile ich mich, Ihnen zu wünschen, dass Sie selbst aus Versehen eine Dosis Ihres Giftes nehmen mögen und in die Verdammnis eintreten, die Sie und all die anderen Patentmedizin-Meuchelmörder sich so gewissenlos erarbeitet und die sie so redlich verdient haben.

Adieu, adieu, adieu!

Mark Twain

(Anm: Mark Twain gebraucht Beten und Verdammnis nur rhetorisch, er verachtete das Christentum.)

10 Kommentare zu “Mark Twain über Alternativmedizin

  1. donald sagt:

    Da ist mir Mark Twain nicht sympathischer geworden. Der schimpft ja nur und bringt keine sachlichen Argumente.
    Und außerdem sind Rätsel spannend. Gollum.

    • Stefan sagt:

      Dann tut es mir leid für dich…der Brief ist überaus erheiternd und zeugt von einer Ahnenreihe bemerkenswert intelligenter Individuen in Twains Stammbaum, die bis zum Missing Link zurückreicht.
      Ich werde für dich beten donald^^

      • donald sagt:

        Ich würd den lieber versuchen, ihn zu überzeugen anstatt ihn „erheiternd“ zu beschimpfen. Es ist wirklich gefährlicher Betrug, was an angeblich heilsamen Mitteln verkauft wird.
        Naja, das sehe ich natürlich aus der Perspektive moderner evidenzbasierter Medizin. Wahrscheinlich hatte man zu Mark Twains Zeiten noch nicht diese Möglichkeiten.

      • Stefan sagt:

        …evidenzbasierte Wissenschaft war damals zumindest teilweise bereits realisiert. Der ausschlaggebende Punkt, der Twain dazu bewog den Vertreter zu beleidigen dürfte sein, dass es um einiges schwerer ist einen Homöopathen zur Vernunft zu bringen als Schweinen das Fliegen beizubringen…

        Ich meine, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein religiöser Mensch (=Homöopath), der sich jahrelang jeder vernünftigen Argumentation enthalten hat, auf wundersame Weise plötzlich von ein Paar Argumenten überzeugt wird???

      • donald sagt:

        „…evidenzbasierte Wissenschaft war damals zumindest teilweise bereits realisiert.“ –sehr rudimentär, denn das statistische Werkzeug stand damals noch überhaupt nicht zur Verfügung.

        Wenn es schwierig ist, jemanden zu überzeugen, dann darf man ihn beleidigen? In meiner Wissenschaft ist es jedenfalls nicht üblich, sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf zu werfen, aber ich weiß ja nicht, von welcher Fakultät Du kommst.

  2. Nina sagt:

    Mark Twain hat trotzdem tausendmal Besseres geschrieben. Es ist nicht alles Gold, was glänzt… und erst recht nicht, wo Gold draufsteht.

    „Missing Link“ ist natürlich sehr traurig in der Übersetzung. Dann lieber das Original dort lassen oder sich die Mühe machen, einen passenden deutschen Begriff zu finden. Ich nehme mal an, du weißt, was „missing link“ bedeutet…

    • derautor sagt:

      „Fehlendes Glied“, aber das ist mir zu sexuell konnotiert und niemand weiß, was ein „Fehlendes Bindeglied“ sein soll. Der Begriff „Missing Link“ dagegen ist allgemein bekannt und es gibt auch einen aktuellen Film, der so heißt. Also ist es keineswegs „natürlich sehr traurig“ in der Übersetzung für alle, die nicht unter notorischer Besserwisserei leiden!

      • Nina sagt:

        Es klingt in dem Brief aber sowas von komisch, dass der Brief besser im Original hätte belassen werden sollen.

        Ich weiß ja nicht, ob du Anglistik oder dergleichen studierst (hast hier wohl mal durchklingen lassen, du seist Literaturstudent?), aber mir sind schon oft Fehler in deinen Übersetzungen aufgefallen. Zum Beispiel fehlender Konjunktiv.

        Vielleicht finde ich ja mal eine Übersetzung des Briefes von jmd. anders. Mal sehen, ob er den Begriff auf Englisch hat stehen lassen oder eine Umschreibung ihm besser gefiel.

      • derautor sagt:

        Meine Übersetzungen sind super. Natürlich klingt ein 100 Jahre alter Brief heute etwas befremdlich.

  3. Al Maari sagt:

    Vor hundert Jahren war die Schulmedizin in vielen Bereichen nicht besser, als die Alternativemedizin, gefährliche Substanzen wie Quecksilber und Radium wurden als Medizin verwendet, außerdem wurde mit den neuentdeckten Röntgenstrahlen sehr leichtfertig umgegangen. Kokain wurde als Schmerzmittel und Heroin als Hustenmittel benutzt.

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