Gegen böse Materialisten

Bild, das nichts mit Materialismus zu tun hat (Quelle: morguefile)

Der Theologe Dr. Hans Kessler, auf der Website des Bistums Trier als „Religionswissenschaftler“ bezeichnet (das ist übrigens etwas anderes), deutete die Evolution in Abgrenzung vom Kreationismus und einem „materialistischen Fundamentalismus“.

Damit wird das aktuelle Theologenspielchen weitergeführt, mit dem sie religiöse Fundamentalisten und Naturalisten auf eine Ebene stellen wollen.

„Der Schöpfungsglaube sei eine vernünftige Option“, heißt es. Ferner: „Wer aber nach Gott fragt, fragt nach dem Grund des ganzen und nicht nur nach einem Glied in einer unendlichen Ursachenkette.“ Die Schöpfung sei die Voraussetzung für die Evolution. Sehen wir uns das einmal näher an:

Theologen akzeptieren für gewöhnlich, dass das Universum mit dem Urknall begonnen hat. Gott sei für diesen verantwortlich und habe somit auch den Prozess der Evolution als seine Schöpfungsmethode eingeleitet. Aber wozu braucht Gott einen Urknall? Das ist ein extrem langsamer, komplizierter und verschwenderischer Weg, um ein Universum, geschweige denn Menschen, zu erschaffen. Warum erschafft Gott das Universum nicht einfach spontan, ohne große Umwege? Warum erschafft er unzählige Galaxien, darunter unermessliche viele schwarze Löcher (laut dem Physiker Lee Smolin ist das Universum sogar für schwarze Löcher, und nicht für Leben, „gemacht“)? Warum erschafft Gott nicht einfach nur Erde und Sonne, vielleicht noch den Mond, wenn es doch um uns geht? Warum erschafft er uns überhaupt auf eine Weise, dass wir die Sonne nötig haben?

Wozu benötigt Gott Quarks, Neutrinos und Milliarden Jahre mechanischer Prozesse? Wie gelangen wir von „Gott hat es gemacht“ zu einer Antwort auf die Frage, wie viele Arten von Quarks existieren? Wie gelangen wir auf diese Weise zu irgendeiner Antwort? „Gott“ erklärt gar nichts.

Warum sollte Gott existieren? Warum ein spezifischer Gott und nicht ein anderer? Woher kommt er? Wenn er schon immer da war, warum hat er die Form, die er hat, und keine andere? Wenn Gott schon vor der Existenz von Zeit und Raum existierte, wo und wann soll er existiert haben, was bedeutet in einem solchen Fall überhaupt „Existenz“? Sollte Gott in einem von der natürlichen Welt unabhängigen Ort existiert haben, wo bereits eine Art von Raum und Zeit existierte, wie sind diese dann entstanden und wie interagieren sie mit der natürlichen Welt?

Wenn Gott so einen großen Einfluss hatte, warum können wir überhaupt keine Belege für sein Wirken erkennen? Warum ist alles exakt so, wie es wäre, wenn kein Gott existierte?

Wissenschaftler vermeiden so genannte „Ad Hoc“-Erklärungen. Das ist etwas, was man erfindet, ohne dafür Belege zu haben. Das kann unter Umständen Sinn ergeben, wie bei Lee Smolins Idee einer „kosmologischen Vererbung“, weil die Belege schlicht nahelegen, dass noch etwas existiert (die Rede ist von einem weiteren Naturgesetz, nicht von Gott). Die einzigen Dinge, deren Existenz jemals tatsächlich bewiesen worden sind, sind Materie, Energie und Raumzeit – und selbst diese lassen sich wahrscheinlich weiter reduzieren auf bloße Raumzeit, weil Energie aus einer bestimmten Interaktion der Raumzeit resultiert und Materie aus einer bestimmten Anordnung von Energie. Die physikalischen Gesetze (Naturgesetze) sind eigentlich nur Beschreibungen der Art und Weise, wie sich die Raumzeit verhält und bereits in ihrer Beschaffenheit angelegt. Es gibt durchaus Naturalisten, die sehr viel mehr postulieren als bloße Raumzeit, aber sie geben dafür wengistens Gründe an und erläutern, inwiefern ihre Annahmen real existierende Phänomene erklären könnten.

Theologen tun dies mit Gott nicht. Sie erklären weder, was Gott eigentlich ist, noch, wie genau er die Welt erschaffen hat, noch, woher er kommt. Was sollen wir also mit ihm?

Aus der Presseschau vom Evo-Magazin

13 Kommentare zu „Gegen böse Materialisten

  1. Die einzigen Dinge, deren Existenz jemals tatsächlich bewiesen worden sind, sind Materie, Energie und Raumzeit.

    Wann – und ggf. wie – wurde jemals Materie „bewiesen“? Gehen wir nicht einfach von ihr in Form von „Dingen“, die wir vorfinden, aus – also von „Körpern“, abstrakter ausgedrückt?!

    Und wer hat wann (ggf. wieder wie) Energie jemals „bewiesen“? Ist der Engergie-Begriff nicht eine Abstraktion zum Begriff der Kraft, die aufgebracht werden muss, um sich selbst und andere Dinge bzw. Körper in Bewegung zu setzen – oder eine solche anzuhalten?!

    „Raumzeit“ ist nicht einmal was Vorfindliches wie Dinge, mit denen wir evtl. hantieren können, und Geschehnisse, die wir beobachten können, sondern die Bezeichnung für das von uns selbst geschaffene oder hergestellte, „axiomatisch“ gesetzte vierdimensionale Koordinatensystem, in dem wir Vorgänge „darstellen“.

    „Beweise“ und Beweisführungen sind nur in Denksystemen mit bekannten Regeln wie etwa in der Mathematik und Logik möglich.

    Empirische Fakten können dagegen nur auf geeignete Weise „gezeigt“ und damit auf- oder nachgewiesen werden!

    Dabei interessieren lediglich die Art einzelner Dinge „in der Welt“ sowie ihr ggf. dynamisches Verhältnis zueinander, also wie etwas ist und wie es sich zueinender verhält –

    …und nicht die darüber weit hinaus ins Unermeßliche ausgreifende Frage, warum das, was wir vorfinden, überhaupt ist, und nicht vielmehr nichts!

    1. „Und wer hat wann (ggf. wieder wie) Energie jemals “bewiesen”?“

      Der Energiebegriff ist tatsächlich etwas komplizierter als das Alltagskonzept Masse und Kraft und taucht daher erst relativ spät in der Physik auf. Energie versteht man am besten als Erhaltungsgröße, so wie es Richard Feynman in seinen Physikvorlesungen macht (man muss nicht die Vorlesungen lesen, es gibt ein schönen Auszug in Taschenbuchform: „Vom Wesen physikalischer Gesetze“). Jedenfalls ist Energie irgendwas, was in der Summe konstant bleibt, egal was in einem abgeschlossenen System (wie dem Universum) passiert. Außerdem ist Energie und Materie äquivalent, daher ist natürlich Materie durchaus „bewiesen“. Falls das nicht reicht, einfach mal einen Backstein auf den Kopf hauen, das beweist dann zumindest die träge Masse.

      Um zum Beitrag zurückzugehen: Der Satz „Wer aber nach Gott fragt, fragt nach dem Grund des ganzen und nicht nur nach einem Glied in einer unendlichen Ursachenkette.“ ist ja wahr. Gläubige Menschen suchen eben nach Antworten und das macht sie sympathischer als die dumpf vor sich hin lebenden Nachmittagstalkshowgucker. Es kommt aber nichts Vernünftiges dabei raus, wenn sich Theologen an Physik abarbeiten oder umgekehrt. Selbst wenn Gott die Ursache des Urknalls wäre, was wäre das denn für ein Gott? Was hat der mit mir zu tun? Letztlich ist er dann auch nur ein physikalisches Prinzip, fluktuierendes Quantenfeld oder was auch immer. Nein, wenn ich schon gläubig bin, dann will ich einen richtigen Gott, der Blitze schleudert, seine kriegerische Engel ausschickt, die ketzerische Blogger mit ihren Lichtschwerten aufschlitzen. Ich will Blut sehen, sonst ist es kein Gott! Unsere Vorfahren wussten das.

      Übrigens ist die Vorstellung, die Welt beginnt mit dem Urknall auch nur so eine Vermutung. Der Urknall markiert einen Zustand, über den wir mit den derzeitigen physikalischen Methoden nichts aussagen können. Dieser Zustand in der Naturgeschichte wurde leider etwas voreilig als Beginn der Welt interpretiert. Siehe dazu auch: http://literaturecho.blogspot.com/2009/04/zuruck-vor-den-urknall.html

  2. Habe ich trotz gezielt verwendeter Anführungszeichen und zusätzlicher Erläuterungen wirklich nicht klar machen können, dass ich auf den Unterschied von z.B. logischem oder mathematischen “Beweis” und „Nachweis“ etwa durch Messungen hinweisen wollte?

    1. Doch, aber auf diesen Aspekt wollte ich nicht eingehen. Es stimmt aber: „Physik ist eine messende Wissenschaft“, wie die ersten Worte im Gerthsen „Physik“ lauten. Das, was sich Theoretische Physiker wie Brian Green usw. alle so ausdenken hat sich weit von der wissenschaftlichen Methodik entfernt. Dazu gibt es ein neues herrliches Buch: „Vom Urknall zum Durchknall“ ( http://www.science-shop.de/artikel/1022116 )

      Eigentlich wollte ich dem Feuerbringer nur sagen:
      a) Die Kirche kann durchaus in der Biographie eines Menschen ein anregender Ort sein, um überhaupt mal an grundsätzliche Fragen herangeführt zu werden. Besonders auf dem ansonsten anregungsarmen Land ist die Kirche oft die einzige Institution, die einen „Studierten“ vorweisen kann.

      b) Ich habe nie verstanden, was so toll an einem Gott sein soll, der aus einer Zusammengelaberten Symbiose aus Naturwissenaschaft und Theologie hervorgeht. So ein Gott ist stinklangweilig.

      Mehr wollte ich nicht sagen.

  3. Ingo-Wolf Kittel schrieb:
    „“Beweise” und Beweisführungen sind nur in Denksystemen mit bekannten Regeln wie etwa in der Mathematik und Logik möglich. “
    Ja, dieser Beweisbegriff hat mit dem Artikel rein gar nichts zu tun, oder? Der mathematische „Beweis“ ist lediglich ein Gedankengang.

    1. Hältst Du den Artikel tatsächlich für „gut„? Ich finde ihn, um es mal so zu sagen: nicht gut genug. Um beim Beispiel zu bleiben und nur das anzuführen:

      Von „mathe. Beweisen“ steht da erstens nichts drin, ebenso wenig von (dann logischen!) Beweisverfahren, die Mathematiker bei der Prüfung von Axiommensystemen – beispielsweise auf Widerspruchsfreiheit, Entscheidbarkeit und dgl. – anwenden. Zweitens ist dort von „Wahrheiten der Mathematik“ die Rede, die sogar „absolute Wahrheiten“ sein sollen, übersetzt: „losgelöste“ Wahrheiten…

      …als wenn die richtige Anwendung von Rechenregeln zu (logisch!) wahren Aussagen führte und nicht zu korrekten (Rechen-)Ergebnissen!

      Usw.

  4. „Haben wir neben “Beobachtungen” denn jemals mehr als “lediglich” Gedankengänge?“
    Damit kann man jede Diskussion um Beweise topedieren. Der allgemeine Sprachgebrauch versteht etwas anderes unter Beweisen als die Mathematik. Fangen Sie mal vor Gericht mit soetwas an: Da fliegen Sie einfach raus.

    Warum? Es hat nichts mit dem Thema zu tun, weil offenkundig eine andere Art von Beweis gemeint ist.

    Das ist etwa so, als wollte Erich Honnecker eine Wahlergebnis in der BRD nach seinem Demokratiebegriff erörtern.

    1. Im Zusammenhang mit dem “offenkundig” Gemeinten hat der Blogautor – ein nach seinem „About“ langjähriger Student u.a. der Germanistik! – von “beweisen” gesprochen. Ich habe in meinem ersten Kommentar hier in „Aufklärung 2.0“ nur darauf hinweisen wollen, dass „beweisen“ im wissenschaftlichen Kontext, den er selbst bemüht hat, einen speziellen Sinn hat, während in den empirischen Wissenschaften, also in der Forschung eher von “nachweisen” gesprochen wird – neben zeigen, demonstrieren, aufweisen, belegen, dokumentieren, bestätigen und dgl.

      Was in der Umgangssprache alles unter „beweisen“ verstanden wird, bleibt davon ganz unberührt und wäre anderer Überlegungen wert. Ihr fachlicher Hinweis auf die Rolle von “Beweisen” in Gerichtsverfahren gibt mir allerdings Analass, auch noch darauf aufmerksam zu machen: “Beweise” aller Art – bis hin zu „Nachweisen“ in der empirischen Forschung – stellen spezifische Elemente in geltungsorientierten Argumentationen dar!

      (Die dafür vorgesehenen Verfahren in ihrem Fachbereich der Jurisprudenz sind meiner Kenntnis nach sogar eigens geregelt und festgelegt. Im Wissenschaftsbetrieb sind mir institutionell verankerte Regelungen ähnlicher Art nicht bekannt. Ich weiß auch von keinem akademischen Studium außer dem der Philosophie, dass selbst einfachste Logikkurse dazu gehören, von solchen verpflichtender oder gar prüfungsrelevanter Art nicht zu reden. In meinem Fachgebiet, der Medizin, gab es ursprünglich mal eine elementare Denkschulung, die ihren Abschluss in einem „Philosophicum“ fand; das ist aber schon vor über einem Jahrhundert zugunsten des bekannten „Physikums“ ersatzlos gestrichen worden… )

      Sind Argumentationen aber nicht auch Gedankengänge –noch dazu besonders typische, nämlich „rationale“, von jedem sachverständig Mitdenkenden mit- und nachvollziehbare Gedankengänge?!

  5. „…Ist der Engergie-Begriff nicht eine Abstraktion zum Begriff der Kraft, die aufgebracht werden muss, um sich selbst und andere Dinge bzw. Körper in Bewegung zu setzen – oder eine solche anzuhalten?!…“

    Wie bitte? Es dürfte wohl um den physikalischen Energiebegriff gehen und nicht um den von Tante Erna.

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