Macht die Finanzkrise religiös?

Die Finanzkrise hat viele Menschen arm gemacht und psychologische Anspannung begünstigt den Gottesglauben. Macht die Finanzkrise also religiös? Ja – aber auf eine interessante Weise, wie der Forscher Tom Rees anhand einiger Studien erläutert. Zusammengefasst:

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod steht nicht prinzipiell mit weniger Stress in Verbindung, aber er reduziert die Anspannung von armen Menschen. Das führt so weit, dass sich die Armen den wohlhabenden Menschen, die generell recht entspannt sind, im Grade ihrer Anspannung angleichen. Religion dient also wirklich als „Opium des Volkes“. Der Glaube an ein gutes Leben nach dem Tod betäubt die Frustration über das schlechte Leben im Diesseits. Auch der Besuch des Gottesdienstes hat diesen Effekt.

Allerdings sind arme Menschen, die regelmäßig beten, ebenso angespannt wie jene, die nicht beten. Zugleich reduziert Beten die Anspannung unmittelbar nach einem finanziellen Absturz. Offenbar tritt ein Entzauberungseffekt ein: Wer kurz nach seinem finanziellen Ruin betet, erwartet vielleicht, dass Gott ihn aus der Krise herausholt. Da dem aber nicht so ist, hilft Beten irgendwann nichts mehr.

Bei Meditation sieht die Lage anders aus: Generell reduziert das Meditieren nicht die Anspannung, aber Menschen, die nach finanziellen Einbußen meditieren, sind weniger angespannt. Vielleicht bemessen Menschen, die meditieren, ihren persönlichen Wert einfach seltener an ihrem Einkommen. Somit liegt der Effekt nicht an der Praxis der Meditation, sondern an einer Lebenshaltung, die materielle Güter geringschätzt.

Aus dem Evo-Magazin