Ich begrabe das Kriegsbeil

Das Reue-Kätzchen (Foto: morguefile.com)

Alles neu macht der Mai – oder der Ende Juli. Wie auch immer, auf jeden Fall wird es Zeit für eine stilistische Neuausrichtung dieses Blogs. Selbst, wenn es Beda Stadler Tränen auf die Wangen zaubern wird, so gedenke ich, meine Kampfrhetorik ein paar Gänge runterzuschalten und in Zukunft ganz lieb und kuschelig und knuddelig zu sein. Auch möchte ich die Qualität der Beiträge steigern.

Woher der Sinneswandel? Nun, zunächst, weil mir mein Verleger gestern ins Gewissen geredet hat. Er mich darüber informiert, wie einige meiner Beiträge von manchen Lesern verstanden und rezipiert werden. Eine andere Wortwahl sollte unnötige Missverständnisse vermeiden. Schließlich sind meine Meinungen bereits provokativ genug, wenn man sie nicht missversteht.

Konzeptuelle Unstimmigkeiten

Aber es kommen weitere Faktoren dazu. Ich habe „Aufklärung 2.0“ mit einem klaren Konzept eröffnet, nämlich als deutsche Version der amerikanischen Neo-Atheistenblogs, wie etwa jener von P.Z. Myers (Pharyngula). Diese zeichnen sich durch spontane, von Emotionen beeinflusste und somit oft scharfe Meinungsäußerungen aus, die geprägt sind vom amerikanischen Kulturkampf, inklusive seiner Polarisationen und Übertreibungen. Einige Leser haben mich darauf hingewiesen, dass es in Deutschland einen solchen Kulturkampf nicht gibt und es insofern einigermaßen an der Sache vorbeigeht, was ich hier mache. Selbstverständlich habe ich diese Einwände höflich ignoriert. Das tue ich jetzt nicht mehr.

Mehr noch hat sich geändert. Unter anderem habe ich diesen Blog gegen meinen ewigen Widersacher, den notorischen Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume, eröffnet. Zugegeben macht es mich immer noch rasend, seinen Blog zu lesen oder mit ihm zu diskutieren, darum habe ich das vor einer Weile eingestellt. Jemand hat mir geschrieben, dass er eines Erznemesis im Grunde unwürdig ist, da er unablässig Atheisten mit dem Stalinismus in Verbindung bringt und sich ähnlich billiger Argumente bedient, ohne jemals auf seine Kritiker zu hören oder sich und seine fragwürdigen religionswissenschaftlichen Positionen irgendwie weiterzuentwickeln. Das stimmt und insofern werde ich in Zukunft auf einen Erznemesis verzichten (was ohnehin nie so ernst gemeint war, wie es leider verstanden wurde). Ein weiterer Faktor waren meine früheren Streitereien mit dem Humanistischen Verband, in dem es eine Reihe von Leuten gab, die es darauf anlegten, die Neuen Atheisten, die Giordano Bruno Stiftung und darunter vor allem mich anzufeinden. Aber jetzt habe ich mich mit dem HVD versöhnt und schreibe gelegentlich für das Magazin wissenrockt.de, das von HVD-Leuten gegründet worden ist.

Die meisten Blogs haben kein Programm, sondern die Autoren schreiben einfach, was ihnen in den Sinn kommt. Da es hier um Aufklärung geht, will ich das aber nicht machen. Bislang sah das Konzept einen provokativen und polemischen Angriff auf Religionen und Ideologien aller Art vor. In Zukunft möchte ich mich darauf konzentrieren, was ich am besten kann, nämlich einerseits wissenschaftsjournalistische oder philosophische Beiträge zu schreiben (wie ich das im Evo-Magazin sowieso schon tue) und andererseits satirisch-humoristische Beiträge zu fabrizieren, oder eine Kombination von beiden. Gerade diese werden nämlich auch von der „Gegenseite“ durchaus ernstgenommen und gewürdigt. Eine meiner früheren Satiren findet sogar im Religionsunterricht Verwendung. Und ich denke, das bringt in Hinblick auf aufklärerische Zwecke mehr als Beiträge, welche zwar Gleichgesinnte bejubeln, aber die ansonsten auf Ablehnung stoßen.

Der ist für den Krieg

Ein weiteres Problem ist Politik. Natürlich werde ich nicht einfach so meine Haltung ändern, sondern bleibe weiterhin ein „Liberaler Falke/Decent Lefty“, also Anhänger einer kleinen, freidenkerischen Strömung mit linksliberaler Ausrichtung, die sich durch eine gegenüber totalitären Regimen und Terroristen aggressive Außenpolitik und eine größere Nähe zu USA und Israel auszeichnet (was manche zu falschen Gleichsetzungen verleitet hat; tatsächlich geht es mir um die Verteidigung der freien Welt und um die Durchsetzung der Menschenrechte – nicht um Rohstoffe oder Imperialismus). Ansonsten empfehle ich immer wieder, dass wir uns an den skandinavischen Wohlfahrtsstaaten orientieren sollten, was diejenigen, die mir eine Nähe zu „Politically Incorrect“ vorgeworfen haben, eigentlich verunsichern müsste, da dies sicher keine rechte Idee ist.

Vor diesem Hintergrund habe ich in einigen Beiträgen die Kriege in Afghanistan und im Irak verteidigt, die ich nach wie vor als Befreiungskriege betrachte, die sich gegen Diktatoren und Terroristen richten oder gerichtet haben. Leider haben meine Beiträge diesbezüglich nicht viel gebracht und wohl so ziemlich niemanden überzeugt; einerseits, weil gerade bei diesen Themen extreme Lagerkämpfe stattfinden, aber andererseits auch, weil meine Beiträge zu kurz ausgefallen sind und ich sie eher nutzte, um auf Bücher und lange Arbeiten zu verweisen, da ich meine, dass das Thema zu komplex ist für kleine Blogbeiträge. Allerdings liest niemand die Literaturhinweise. Sollte ich also noch einmal über diese Themen schreiben, dann nur ausführlich, streng sachlich und umfangreich belegt.

Die Früchte des Zorns

Schließlich war mein Umgang mit meinen Kritikern auf diesem Blog nicht immer der netteste. Dies liegt einerseits an der hohen Dichte von wirklich durchgedrehten Kommentatoren, die hier ihren Senf zu allem abgeben müssen (zeitweilig landete die Hälfte der Kommentare im Spam-Ordner), sodass sich meine Wut leider manchmal auf die Falschen übertragen hat. Ferner habe ich eigentlich keine Zeit für Diskussionen, also fielen meine Antworten oft zu knapp und unfreundlich aus. Daraus haben manche offenbar geschlussfolgert, dass auch meine Vorträge so aussehen würden wie einige Diskussionen hier im Blog. Tatsächlich sind meine Vorträge „sehr moderat und sachlich“, wie Constanze Cremer über den letzten Vortrag in Köln urteilte. Und auch persönlich bin ich eher das Gegenteil von meinem Blog-Charakter (der aus dem ursprünglichen Konzept resultierte), wie Jochen Beck einmal erstaunt festgestellt hat.

All dies bedeutet letztlich auch, dass es wahrscheinlich weniger Beiträge von mir geben wird, denn Polemiken sind relativ schnell geschrieben und Analysen und Satiren gestalten sich viel schwieriger und zeitaufwändiger. Immerhin kann ich jetzt auch nette Dinge schreiben, die mir zuvor niemand abgekauft hätte.

Wird der ein Kuschelatheist?

Jetzt hat mich gerade jemand auf Facebook gefragt, ob das heißt, dass ich jetzt selber zum Kuschelatheisten mutiere (ein Begriff, den ich erfunden habe, um die „Ich bin ein Atheist, aber…“-Fraktion zu bezeichnen). Natürlich nicht. Kuschelatheisten sind der Meinung, man müsse der trüben Masse die Religion lassen, während man selbst im aufgeklärten Elfenbeinturm derer nicht bedarf. Ich bleibe ein Neuer Atheist und an meinen inhaltlichen Positionen ändert sich nichts, lediglich an meinem Stil.

24 Kommentare zu „Ich begrabe das Kriegsbeil

  1. Manchmal treiben mich ähnliche Gedanken um (insbesondere was Diskussionen mit
    Leuten angeht, die eh nicht argumentativ beeinflussbar sind). Warum tue ich mir das nur an? Vieleicht ist dein Schritt der Klügste?

  2. Na, solange du weiterhin schön provokativ bleibst, ist das i.o. Gerade in Zeiten, in denen eine Eva Hermann behauptet, dass die Toten an der Loveperade die gerechte Strafe Gottes für den Moralzerfall seien, brauchen wir solche provokativen Stimmen.

  3. …also ich fand deine politischen beiträge (gerade die zum irak/afghanistan – KRIEG!!!) äußerst informativ…
    mir ging die standard erklärung dazu schon immer auf den geist („der krieg im irak ist sowieso nur wegen dem öl dort unten angefangen worden“)
    dein beitrag war mir dann sozusagen die machete im dickicht der ignoranz (ums mal polemisch auszudrücken)
    naja…viel erfolg mit dem neuen stil ;P

    1. Ich sage ja nicht, dass ich nichts mehr darüber schreibe, nur wenn, dann viel ausführlicher und mit umfangreicheren Belegen und weniger polemisch.

  4. … oder, wie der Francophile sagt: C’est le ton qui fait la musique…

  5. Find ich alles gut und nachvollziehbar! Was ich an der „Kampfrhetorik“ besonders problematisch finde, ist, dass sie letztlich nur dazu führt, dass sich die Leser der anderen Seite angeekelt abwenden und nur noch die Hardcoreatheisten übrig bleiben. Das ist aber langweilig. Die Diskussionen sind viel interessanter, wenn sich möglichst viele Leute mit unterschiedlichen Ansichten daran beteiligen.

    1. @Lichtecho

      Was ich an der „Kampfrhetorik“ besonders problematisch finde, ist, dass sie letztlich nur dazu führt, dass sich die Leser der anderen Seite angeekelt abwenden und nur noch die Hardcoreatheisten übrig bleiben.

      Erstens. Gehört Deiner Meinung nach der Begriff „Hardcoreatheist“ zur Kampfrhetorik? Wenn ja, findest Du dann Deinen eigenen Kommentar problematisch? Wenn nein, darf ich Dich dann Antihardcoreatheist nennen, ohne mir aber nachher von Dir den Gebrauch von Kampfrhetorik vorwerfen lassen zu müssen?

      Zweitens. Logischer Fehlschluss: Falsche Dichotomie. Hardcoreatheist vs. „die andere Seite“.

      Drittens und Wichtigstens. Ich wage arg zu bezweifeln, dass ein argumentativ unterlegter jedoch polemisch-emotionaler Stil nur dazu führt, dass sich die andere Seite (alle außer Hardcoreatheisten) angeekelt abwendet. Du – und ich unterstelle Dir einfach mal, dass Du Dich nicht als Hardcoreatheist siehst – bist zB noch hier.

  6. Hey. um was geht es? Auch wenn ich noch mal nerve, bin weder so gebildet noch rethorisch so fit. Neue Bloggerin. Aber Dein Styl hat gepasst. provokant. zum Nachdenken anregend. Was ist Los? zu wenig kommerziell? gewinnversprechend? Ich versteh euch nicht!!!! ihr lasst Euch immer wieder die zähne ziehn!

  7. Saufrech ist saugut.

    Machen Sie weiter wie bisher, das war gut. Ihre Vorsätze schätze ich auch – sier werden einfach zu noch wirksameren Voten führen. 🙂

  8. Weißt Du was Du brauchst?! – Einen Mäzen, jemand der Dir Geld gibt damit Dich den wichtigen Sachen wie dem hier widmen kannst und nicht darauf achten musst das es gefällt oder verkäuflich ist.

    Ich würde mich beteiligen…

      1. Jemand hat das doch schon mal vorgeschlagen. Du brauchst so ein Flatter-Dings. Da käme sicher einiges zusammen für dich.

  9. Schade.

    Sollte die Zahl der Beiträge wirklich geringer und die Zeitspanne zwischen einzelnen Beiträgen damit wirklich größer werden, könnte es passieren, dass ich mit der Zeit selten, irgendwann vielleicht gar nicht mehr vorbeischaue. Denn gerade dadurch, dass hier ständig etwas neues zu finden war, hat sich ein häufiger Besuch gelohnt.

    Ich würde aber noch gerne wissen, welche deiner früheren Satiren im Religionsunterricht Verwendung findet?


  10. Andreas, Dein Verleger hat recht.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, das man ohne „Kampfrhetorik“ mit guten Argumenten und gelassener Freundlichkeit eine viel größere Wirkung beim Diskussionspartner und beim Publikum erzielt.

    Ein gutes Beispiel ist Phillip Möller (und Schmidt-Salomon sowieso).

  11. Hi. Das sind mal gute Nachrichten. Unter manchen, niveaulosen und gleichzeitig überheblichen, Artikeln habe ich gelitten, sodass ich nun immer seltener vorbeischaue.

  12. Wow, wer hätte damit gerechnet. Da schaut man mal wieder rein, ob es inzwischen noch schlimmer geworden ist und wird überrascht. Gute Sache, das.

  13. Ich scheine wohl eher zu den „Hardcoreatheisten“ zu zählen… mir hats hier jedenfalls bisher immer ausgesprochen gut gefallen, und ich hab nahezu täglich geschaut obs was neues gibt.

    Aber da sich ja an den Inhalten nix ändert, sie eher noch qualitativ hochwertiger werden sollen mach ich mir da eigentlich auch keine Sorgen.

    Nur dass es nun seltener Updates geben soll stimmt mich etwas traurig…

Kommentare sind geschlossen.