Wir hatten ihn „Meister“ zu nennen

In der Waldorfschule werden auch “unterperformante” Schüler künstlerisch gefordert. Werden dort also alle zu kreativen Gesamtwesen? Verlebt man eine glückliche Kindheit? Glückliche Milch von glücklichen Kühen?

Das habe ich in meiner Kindheit anders erlebt. Glücklicherweise nur einige Wochen.

Meine Eltern waren finanziell aufgrund einiger betrügerischer Transaktionen Dritter in meiner Kindheit finanziell knapp gestellt: Taschengeld und Urlaub kannte ich nicht. Deshalb wollte man mir mal etwas Gutes tun: Ich durfte in den Sommerferien zur Familie meiner Patentante nach Graubünden in die Schweiz.

Die Patentante hatte sich von ihrem Mann getrennt und lebte nun mit einem neuen Herrn zusammen, einem Waldorflehrer. Dessen Name ist mir unbekannt: Wir hatten ihn MEISTER zu nennen.

Ich kam also nach Graubünden auf eine Berghütte. In Erinnerung blieb mir, daß wir Kinder barfuß über die Stoppelfelder gejagt wurden zwecks Abhärtung und daß ganz heiß gebadet wurde – schmerzhaft heiß. Aus dem Boiler wurde nur das heiße Wasser benutzt, pur. Ob es daran liegt, daß ich bis heute keine Kinder habe?

Ansonsten war das Ganze fürchterlich öde. Fröhlichkeit war dieser Familie unbekannt und mir nahm man Mitbringel ab, die ich auch nie wiederbekam. Außerdem hingen die Wände voller Kinderzeichnungen, die sich in X Variationen über den früheren Mann der Patentante lustig machten: “Wo ist denn nur mein Frühstücksei”? stand auf einer Zeichung mit einem traurig blickenden Huhn – der Mann hatte offensichtlich gerne ein solches gegessen, was alleine Grund genug war, die Kinder sich über diese “Charakterschwäche” beinahe täglich lustig machen zu lassen, ebenso wie ein Dutzend anderer Zeichnungen über den Ex-Mann, deren Inhalt mir längst entfallen ist und den ich wohl auch damals schon nicht verstanden habe.

Ich fühlte mich dort gar nicht wohl, es war schrecklich. Doch das konnte ich meinen Eltern nicht sagen: Telefon gab es nicht und die Post wurde von meiner Patentante und ihrem MEISTER überwacht: Da konnte ich nur reinschreiben, daß es mir gut geht und alles hier toll ist.

Deshalb konnte ich auch nicht verhindern, daß die mich auch noch zurück nach Frankfurt mitnahmen. Deren Schuljahr begann bereits wieder, meines noch nicht.

Ich freute mich zunächst, wieder zurück in der Zivilisation zu sein. Und ich sollte nun natürlich auch auf die tolle Waldorfschule kommen, an der Patentante und MEISTER lehrten.

Nun, es war nicht alles schlecht im Osten bei Waldorfs: Ich lernte ein Musikinstrument – auch wenn das nur Blockflöte war – und litt sicher nicht unter Schulstreß. Meine Interessen – Technik und Naturwissenschaft – waren natürlich nicht vertreten, doch das wäre auch anderswo nicht anders gewesen: Es war ja noch Grundschule.

Schlimm war es allerdings “zu Hause”: Da lernte ich erstmals das kennen, das man später auch mit “Blut & Boden-Grünen” oder ähnlichen Formulierungen bezeichnete. Doch “Grüne” waren damals noch in weiter Ferne, von den Herren mit dem Wappen an der Mütze mal abgesehen.

Es gab einen Hausaltar. Nein, das war kein Fernseher, den gab es selbstverständlich nicht. Es gab nur ein kleines Kofferradio in der Küche. Damit durfte man aber nur Nachrichten hören, keinesfalls Musik. Weil der 18jährige Sohn mal damit in seinem Zimmer heimlich Musik gehört hatte, bekam er Hausarrest. Achja: Rundfunkgebühren zahlte man selbstverständlich nicht. Das Radio war ja nur für Notfälle. Nicht zum Spaß.

Plastikspielzeug – aus der ersten Ehe – war verboten und eingesammelt. Wenn doch mal ausnahmsweise, durfte es nur Plasticant sein, keinesfalls Lego oder gar – bäh – Fischer-Technik!

Süßigkeiten, gar Schokolade, waren streng verboten. Die Kinder gruben diese deshalb im Garten ein.

Das Schlafzimmer der Eltern war auch tabu. Wahrscheinlich hätte die Sammlung aus Peitschen, Zwingern und anderen Sextoys des MEISTERS (warum sonst hatte ihn selbst seine Frau so zu nennen?) die Kinder noch mehr verstört, als sie eh’ schon waren.

Da ich noch nicht Fahrrad fahren konnte, beschloß man, das mir beizubringen: Man setzte mich auf ein großes Herrenrad, schob an – und sah zu, wie ich schlingernd in einen Busch raste. “Sonst lernst Du es ja nicht”.

Abends gab es Graubrot mit Quark, auf den man wahlweise Spaghetti-Gewürz (weil rot), Curry (weil gelb) oder gemahlene Petersilie (weil grün) streute.

Zu trinken gab es abends und nachts nichts. Die Kinder pinkelten nachts nämlich allesamt ins Bett. Wohl das einzige Vergnügen, das ihnen keiner nehmen konnte, so sehr man es auch versuchte. Aber dafür wurde mit Weleda zähnegeputzt.

Ich war ziemlich froh, als der Spuk schließlich vorbei war und ich wieder bei meinen eigenen Eltern war. Die mir glaubten und den Kontakt zu dieser Familie abbrachen. Die anderen Kinder dort hatten dieses Glück nicht.

Soviel zur Frage, welche Voraussetzungen man haben muß, um Waldorflehrer zu werden

Quelle: Ruhrbarone

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