Es ist die Kultur und nicht die Religion

Ich bin eine NomadinEin immer wiederkehrendes Argument lautet, dass nicht die Religion des Islams das Problem wäre, sondern bestimmte kulturelle Praktiken in oder aus islamischen Ländern. Die Kultur soll verantwortlich sein für Steinigungen, Zwangsheiraten, Kopftuch und so weiter. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt: Ich verstehe das Argument nicht. Entweder ich bin zu blöde, oder das Argument ist zu blöde.

Ich komme darauf, weil Susan Jacoby (deren kritischer Beitrag über Evangelikale aus bayerischen Schulbüchern rauszensiert wurde) in einem aktuellen Artikel Ayaan Hirsi Ali gegen ihre Gegner verteidigt. Damit sind nicht die Islamisten gemeint, die sie umbringen wollen, sondern eine Reihe von Pseudo-Linksliberalen, die ich „postmodernistische Linke“ nenne. Das sind die Leute, die nicht an universelle Menschenrechte und an die Validität von Wissenschaft glauben, sondern an von Kulturen abhängige, relative Wahrheiten.

Jacoby nennt ein Erlebnis, wo eine 17-jährige High-School-Schülerin von ihrer muslimischen Familie mit einem 40-jährigen Mann verheiratet werden sollte. Der Schülerin wurde von ihrer Familie untersagt, ein Studium zu beginnen. Eine Freundin von Jacoby hat der jungen Frau den Rat erteilt, sich an Hilfsorganisationen für die Opfer von Zwangsheiraten zu wenden. Jedoch widersprach jemand, der die Diskussion vernommen hatte, mit dem Argument „Wir haben kein Recht, in ihre Kultur, ihre Religion, ihre Familie einzugreifen.“

Dann stellt Jacoby die Frage, warum keine linksliberale Organisation Hirsi Ali einen Job angeboten hat, als sie einen benötigte, um in den USA unterzukommen, nachdem ihr Freund Theo Van Gogh von einem Islamisten ermordet wurde. Nur das konservative American Enterprise Insitute nahm sie als Mitarbeiterin in ihre Denkfabrik auf. Darum wird sie nun von Linksliberalen angefeindet.

Die Behauptung, kulturelle Praktiken und nicht die Religion wären für Menschenrechtsverletzungen im Namen des Islams verantwortlich, scheint irgendwie politisch korrekter zu sein als die Behauptung, die Religion wäre schuld. Das hängt wohl mit dem Tabu zusammen, Religionen zu kritisieren. Aber es gibt überhaupt keinen Grund für dieses Tabu, außer jenem, dass Gläubige nicht kritisiert werden möchte, da ihnen sonst auffällt, mit welchem Unsinn sie ihr Leben verschwenden.

Doch wie Jacoby treffend bemerkt: „Was ist wichtiger für die Weltkulturen als Religion?“

In der islamischen Welt sind Religion und Kultur überwiegend dasselbe. Vergleichbar wenige kulturelle Eigenschaften (Wasserpfeifen?) resultieren dort nicht aus der Religion und haben nichts mit der angeblichen Lebensweise des „Propheten“ zu tun. Aber nehmen wir mal an, das würde stimmen, und alle Probleme, die fälschlicherweise mit dem Islam verbunden werden, sind eigentlich „kulturell“ (was heißt das eigentlich? säkular?) begründet. Wieso ist es akzeptabler, die Kultur zu kritisieren, als die Religion zu kritisieren?

Vielleicht besteht die Sorge, dass man zu viele Dinge über einen Haufen wirft, wenn man „die islamische Religion“ kritisiert. Aber das tut man gewiss auch, wenn man „die islamische Kultur“ kritisiert. Nimmt man eine Unterscheidung vor, zum Beispiel „die kulturelle Praxis der Genitalverstümmelung in Somalia“ müsste man diese Unterscheidung einer vergleichbaren gegenüberstellen, zum Beispiel „die religiöse Praxis der Steinigung von Frauen im Wahhabismus“. Das eine ist ebenso differenziert wie das andere, wenn man die Argumentationweisen anständig vergleicht.

Das ist der Grund, warum ich überhaupt nicht verstehe, wo der auch nur annähernd rationale Grund dafür liegen soll, lieber die Kultur in islamischen Ländern zu kritisieren als die Religion in islamischen Ländern. Das ist überhaupt nicht besser oder schlechter.

Zugegeben: Vielleicht reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, insofern sie nur kulturelle Praktiken, nicht etwa die Anordnungen des Propheten kritisieren, dass unseren Kulturrelativisten mit Krummsäbeln die Köpfe abgehackt werden. Überzeugender wird ihre Argumentation darum allerdings nicht.

7 Kommentare zu „Es ist die Kultur und nicht die Religion

  1. Linke sind für mich genau so wenig Spinner wie Rechte. Ultralinke sind für mich genau so gefährlich wie Ultrarechte oder sonst welche Ultras.

    Ich verstehe auch die Aussage, verschiedene gesellschaftliche Extreme sind Teile der Kultur, nicht der Religion. Solche Extreme, teilweise durchaus vergleichbar mit islamischen Kulturen, gibt es ja auch in christlichen.

    Allerdings, wie schon Andreas sagt, werden Kulturen ganz, ganz maßgeblich von der jeweiligen Mehrheitsweltanschauung bestimmt. Je restriktiver diese Weltanschauungen, egal ob religiös oder nicht, um so stärker diese Prägung der Kultur durch die sie.

    Somit ist für mich Kulturkritik immer auch Weltanschauungskritik. Da leider doch noch, selbst in säkularen Staaten, religiöse Weltanschauungen deutlich vorherrschen, lässt sich das Ganze für mich auf die einfache Formel bringen:

    Kulturkritik = Religionskritik

  2. „Pseudo-Linksliberalen, die ich „postmodernistische Linke“ nenne.“

    Ich nenne sie Dummlinke. Sie sind nicht nur dumm, sondern auch feige, aber eine schöne Zusammenziehung fehlt mir da noch. Vielleicht Dufeilis 😉
    Es gibt erfreulicherweise auch eine Menge Andere, aber ärgerlicherweise scheinen die Dummlinken doch bei weitem die Mehrheit zu stellen. Dazu kommt, das auch Dummlinke Standpunkte, wie der Anti-Amerikanismus, die Palästinensophilie und dergleichen Widerwärtigkeiten mehr, im Mainstream angekommen sind.

  3. Es kommt immer auf die Definition von Kultur an. In der Soziologie ist es üblich Religion als Teil der Kultur zu betrachten. Entscheidend ist also wie einflussreich die Religion in einem Kulturkreis ist. Andreas Einschätzung, dass in der islamischen Welt Religion und Kultur überwiegend dasselbe sind, teile ich.
    @ Lichtecho: So einen unzutreffenden Kommentar habe ich schon lange nicht mehr gelesen, es gibt keine „die Linke“. Andreas hat das diesmal auch korrekt differenziert. Die Tatsache, dass es in linken Kreisen tatsächlich viele Kulturrelativisten gibt, rechtfertigt noch lange kein Pauschalurteil. Primitive pauschale Beleidigungen wie „Spinner“ sagen ohnehin mehr über den Sender als die Adressaten aus.

    1. „Unter Linken“ ist eine Streitschrift und insofern zu verallgemeinernd. Ich finde das Buch trotzdem gut. Weitaus besser ist „What’s left?“ von Nick Cohen, wo er sehr genau differenziert, da sich Cohen selbst noch als links sieht.

      @Tepes: Martin nennt allerdings die postmodernistische Linke „Dummlinke“, nicht die Linke allgemein.

  4. in der letzten samstagsausgabe, der sueddeutschen zeitung, gab es gab es einen artikel, 2. seite, von einer aufgeklärten muslimen die an der herausgabe eines kinderkorans arbeitet. eine aufgeklärte muslime die an der herausgabe eines kinderkorans arbeitet, das muss so etwas ähnliches sein wie ein aufgeklärter nazi der an der kinderausgabe von „mein kampf“ arbeitet. zur zeit lese ich den koran. die hauptaussage der ersten 160 seiten lautetet: wer nicht an allah glaubt und sich ensprechend verhält kommt in die hölle. das kommt mir vom hiesigen religionsunterricht irgendwie bekannt vor.

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