Die Linke wird ihrer Geschichte ins Gesicht sehen

Nelson Mandela: Zumindest war er gegen die Unterdrückung seines eigenen Volkes (http://markhumphrys.com/left.tyranny.html)

Nelson Mandela: Zumindest war er gegen Rassismus (http://markhumphrys.com/left.tyranny.html)

In der Online-Ausgabe der FAZ gibt es einen Beitrag über die Grenzen der Meinungsfreiheit. Dort heißt es:

Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, der wiederum an der Anti-Heß-Gedenk-Gesetzgebung mitgewirkt hat, stellte sich erwartungsgemäß hinter diese Rechtsprechung: Der Nationalsozialismus sei „extrem singulär“ gewesen. Die Heß-Gedenkmärsche „verletzen jeden halbwegs intakten Menschen in Deutschland“.

Ich widerspreche beiden Behauptungen, ebenso wie der Grundaussage.

Der Nationalsozialismus war nicht singulär, schon gar nicht extrem singulär. Die Nazis haben rund 20 Millionen Menschen getötet, die Sowjetunion hat 60 Millionen auf dem Gewissen und Mao Zedong ganze 70 Millionen (Zahlen nach R.J. Rummel). Das sind mehr tote, unschuldige Menschen. Sorry, aber 60-70 Millionen Tote sind offensichtlich noch schlimmer als 20 Millionen. Oder nicht? Wenn ja, warum nicht? Ich höre immer wieder, dass man solche Zahlen nicht vergleichen dürfte, aber wieso? Sind Russen und Chinesen weniger wert als die Opfer der Nazis?

Sind die Opfer der Kommunisten weniger wert als die Opfer der Nazis?

"Nächtliche Durchsuchung", eine Zeichnung von Evfrosiniia Kersnovskaia, ehemalige Gulag-Gefangene (Courtesy of Evfrosiniia Kersnovskaia Foundation, Moscow)

„Nächtliche Durchsuchung“, eine Zeichnung von Evfrosiniia Kersnovskaia, ehemalige Gulag-Gefangene (Courtesy of Evfrosiniia Kersnovskaia Foundation, Moscow)

Ich warte gespannt auf eine Rechtfertigung, warum der „Nazis waren singulär“-Fraktion die über 100 Millionen Opfer des Kommunismus keine Erwähnung wert sind!

Die Opfer der roten Massenmörder sind in Gulags keineswegs unter weniger schrecklichen Bedingungen gestorben als die Juden in den Konzentrationslagern. Sie sind elendig verhungert, an Krankheiten zugrunde gegangen, erfroren, sie wurden erschossen, gefoltert, an ihnen wurden Experimente durchgeführt. Ihnen ging es ähnlich schlecht wie den Opfern der Nazis und den Opfern in heutigen Konzentrationslagern in Nordkorea – ein Umstand, welcher der Nazi-Ermahnermeute kein Wort wert ist, kein einziges, verdammtes Wort, obwohl heute, – heute! – Unzählige Menschen in Konzentrationslagern ermordet werden!

Es gibt heute noch Konzentrationslager, wo Millionen von Menschen sterben und keiner tut etwas dagegen!

Warum? Weil Nordkorea ein kommunistisches Land ist und kein nationalsozialistisches? Dürfen Kommunisten Menschen foltern und ermorden und nur Nazis dürfen es nicht? Oh, entschuldigt, dass mich das so wütend macht! Wir schauen ja nur einem Demozid geruhsam zu. Ist ohnehin unser Lieblingshobby, haben wir in Darfur schon getan, tun wir in mehreren Fällen, wir haben eine Tradition des Wegschauens und des Friedensgesülzes, an der Millionen und Abermillionen Menschen sterben!

George Bernard Shaw hat neben anderen heute noch populären Linken die Kommunisten und auch deren Massenmord unterstützt:

Ich hätte ja darauf kommen können, nachdem er in Die heilige Johanna die Inquisition verteidigt hat (das war eine sehr schräge Lektüre). Charlie Chaplin hat übrigens ebenfalls den Kommunismus verteidigt, sogar explizit die stalinistischen Säuberungen.

Bertold Brecht war einer der schlimmsten Stalinismus-Propagandeure. Über die Schauprozesse sagte er: „Je unschuldiger sie sind, desto mehr verdienen sie, erschossen zu werden“. Nick Cohen ist selbst links, aber jemand, der die Verbrechen der Kommunisten anerkennt und sie in mehreren Büchern und Artikeln klar benannt hat. Er schreibt mehr über Brecht in diesem Artikel.

Wer das leugnet und so tut, als wären die Nazis singulär gewesen und nicht etwa ein nationalistischer Ableger des Sozialismus (Nationalsozialismus, anyone?), der zuvor schon unter Lenin Millionen Tote hervorgebracht hat, der verharmlost die Verbrechen der Kommunisten. Außerdem können sich die Nazis nun als etwas „Besonderes“ vorkommen. Das nutzen sie für ihre Betonung, sie wären Opfer von Zensur und staatlicher Verfolgung. Das ist eine effektive Strategie, die bei Holocaustleugnern bereits funktioniert hat.

Die Heß-Gedenkmärsche sind für mich nur eines von vielen Beispielen, dass der Wahn keine Grenzen kennt und dass verblendete Schwachköpfe überall die Runde machen. Aber „verletzen“ tun sie mich nicht. Da müsste ich ja ständig verletzt sein angesichts all des Irrsinns überall und immerzu. Obwohl, vielleicht bin ich das und sie verletzen mich doch!

Die Grundaussage ist, dass eine „Sondergesetzgebung“ rund um die Nazi-Verbrechen in Deutschland gerechtfertigt sei. Das ist sie nicht. Ich stimme dem Bundesverfassungsrichter Reinhard Masing zu:

„Es geht nicht an, dass sich staatliche Behörden dafür feiern lassen, dass sie eine erlaubte Veranstaltung abgedrängt haben.“ Hier spielte der Staatsrechtslehrer auf die beliebte Übung von manchen Bürgermeistern und Abgeordneten an, genehmigte Aufmärsche faktisch zu unterbinden. „Es ist keine gute Tat, rechtsradikale Demonstrationen zu verhindern.“

Es gibt Freiheit, Freiheit und Freiheit – genau der Wert, der uns von Diktatoren und ihren Mörderideologien unterscheidet. Man spielt den Nazis in die Hände, wenn man ihnen die Opferrolle gönnt. Das sind keine Opfer, das sind Täter, verblendete Schwachköpfe.

Ich sage nicht, dass man Nazis ignorieren sollte, vielmehr ist es geboten, ihre Behauptungen öffentlich, wiederholt und fundiert zu widerlegen. Aber man sollte ihre Meinungsäußerung nicht verbieten. Das wäre die aufklärerische Herangehensweise, wie sie Michael Shermer, Chef der Skeptic Society, anmahnt. Henryk Broder ist ebenso dieser Auffassung, wie auch der amerikanische Skeptiker Orac:

Was Strafverfolger in Deutschland nicht realisieren ist, dass Gesetze gegen Holocaustleugnung nicht nur ein Vergehen an der Meinungsfreiheit sind, sondern dass sie nicht funktionieren. Sie unterdrücken gar nichts. Wie ich schon vor vier Jahren anmerkte, hat David Irving mehr Publicity in Österreich bekommen als in den vorhergehenden sechs Jahren. Zuvor verschwand er in die wohlverdiente Vergessenheit – genau da, wo er hingehörte. Während des Prozesses wurde aus ihm ein Märtyrer für die extreme Rechte, alles eingehüllt in den Mantel der „Freien Rede“. Sie zu unterdrücken bestätigt die Behauptungen der Holocaustleugner, laut denen sich die Regierung vor ihrer Botschaft „fürchte“.

Freie Rede bedeutet nicht nur freie Rede für Meinungen innerhalb des Mainstreams. Das ist keine Freiheit. Vielmehr bedeutet dies den Schutz für jene, die Ansichten verfechten, die sehr unpopulär sind, sogar widerliche Meinungen, die berechtigterweise unpopulär sein, weil sie widerlich sind.

Ansichten wie jene der Holocaustleugner.

Allmählich kommt es mir so vor, dass die Behauptung, das Nazi-Regime oder der Holocaust seien einmalig gewesen, eine Behauptung, die deutsche Politiker immer wieder von sich geben, vor allem dazu dient, von den Verbrechen der Kommunisten abzulenken – übrigens waren Juden auch Opfer der stalinistischen Säuberungen und die DDR hat in Westdeutschland rechtsradikale Propaganda betrieben.

Es gab und gibt auch linken Antisemitismus – Karl Marx hat selbst antisemitische Äußerungen von sich gegeben – und das nicht zu knapp. An irgendeiner „jüdischen Lobby“ liegt das nicht, dass den Nazis hier ein Sonderstatus eingeräumt wird, während niemand über die kommunistischen Massenmörder spricht. Ich wüsste nur zu gerne, woran es liegt, dass rote Schlächter hier gefeiert werden, dass man Cafés nach ihnen benennt, dass sie von Akademikern zitiert werden und von Intellektuellen. Das würden sie sich mit Nazis niemals trauen. Wie Mark Humphreys sagt, ist es ein „Lachen über den Demozid“ – ein Lachen über den Demozid der Kommunisten. Eine Verhöhnung von über 100 Millionen Toten.

Kritische Denker sollten sich gegen alle Ideologien, Religionen und esoterische Heilslehren aussprechen, je größer deren Anspruch auf absolute Wahrheit, desto stärker muss der Widerspruch erfolgen. Die Linke wird nicht ausgespart. Erst recht nicht, wenn es um die Anerkennung von 100 Millionen Todesopfern geht.

Wir Aufklärer haben die Christen gezwungen, ihrer Geschichte ins Gesicht zu sehen, wir haben die Deutschen, die Muslime und alle anderen gezwungen, ihrer Geschichte ins Gesicht zu sehen. Wir werden auch die Linke zwingen, ihrer Geschichte ins Gesicht zu sehen.

Hinweise:

GulagHistory.org

Die historische Unterstützung der Linken von Tyrannei und Terrorismus

Ergänzung:

In Nordkorea leben über 24 Millionen Menschen in Sklaverei. Im Gegensatz zu den meisten Sklaven der Geschichte werden sie nicht einmal für ihre Zwangsarbeit ernährt. Wie viele genau in Gulags an Zwangsarbeit, Folter, Unterernährung oder Mord sterben (oder stattdessen anderswo verhungern) ist unklar, was bereits viel aussagt über Nordkorea. Nach allen seriösen Einschätzungen gilt Nordkorea als „Megamörder“:

http://www.hawaii.edu/powerkills/2005DEMOCIDERS.GIF

http://www.hawaii.edu/powerkills/DBG.TAB1.2.GIF

http://www.hawaii.edu/powerkills/SOD.CHAP10.HTM

69 Kommentare zu “Die Linke wird ihrer Geschichte ins Gesicht sehen

  1. El_Mocho sagt:

    „Kritische Denker sollten sich gegen alle Ideologien, Religionen und esoterische Heilslehren aussprechen, je größer deren Anspruch auf absolute Wahrheit, desto stärker muss der Widerspruch erfolgen.“

    Fragt sich nur, ob die Auffassung, alle sollten so sein und so leben wie die Amerikaner, eine akzeptable Alternative ist?

  2. Julian sagt:

    Heute werden Millionen Menschen in KZs in Nordkorea umgebracht! Das ist ja wohl die reinste Propaganda! Wo sind denn deine Belege??

    Das singuläre an Ausschwitz sind nicht die Opferzahlen sondern die Tatsache, dass hier die Vernichtung der Juden als Selbstzweck geschah. Es ging nicht darum politische Gegner zu vernichten, eine nachholende Turboindustrialisierung durchzupeitschen, noch ging es um Kolonien o.ä.

    • derautor sagt:

      Propaganda? Ich schätze mal, es kommt darauf an, wem man glaubt, da über Nordkorea nicht genügend Material für eine endgültige und eindeutige Einschätzung vorliegt – was übrigens an sich schon viel aussagt. Nimmt man alles zusammen, was bekannt ist, dann muss Nordkorea als „Megamörder“ (Rummel) gelten, wo die versklavte Bevölkerung nicht einmal ernährt wird und wo ein sehr großer Teil in unzähligen Arbeitslagern untergebracht ist.


    • derautor sagt:

      Und das mit dem „Selbstzweck“ ist doch wirklich ein Nonsense. Sie wurden aufgrund von Hitlers Rassenwahn ermordet und um ihnen ihr Eigentum zu stehlen und damit die deutsche Bevölkerung zu bestechen. Dass die Morde in kommunistischen Ländern alle einem höheren, rational nachvollziehbaren Zweck gedient hätten, ist absurd. Die meisten Gulag-Opfer waren keine politischen Gegner, sondern wurden Opfer von Stalins und Lenins Paranoia. Inwiefern ist Paranoia rationaler als Rassenwahn?

      • Martin sagt:

        Ich glaube, was er mit „Selbstzweck“ eigentlich sagen wollte, ist, das der vorrangige Grund, warum die Juden umgebracht wurden, der war, das sie Juden waren.
        Alle anderen Gründe (Bereicherung etc.) waren in der Ideologie halt sekundär, auch wenn die Juden absolut nichts besessen hätten und sie komplett enteignet worden wären, was ja auch geschah, auch wenn sie in die NSDAP eingetreten wären, selbst wenn sie alle anderen Ziele der Nazis mit vollen Kräften unterstützt hätten, wären sie umgebracht worden.

        Das Singuläre an der Sache ist wohl die Beschränkung auf eine einzige, definierte Minderheit, wobei die Minderheit, wobei das Hauptziel direkt die Vernichtung dieser Minderheit ist.

        Nachdem ich vor kurzer Zeit in einem anderen Forum (völlig Politik unrelated) die lustige Erfahrung machen durfte, darauf hingewiesen zu werden, das das alles (die roten Khmer, die Soviets, Nordkorea) keine „linken“ Regimes waren/sind, sondern „rechte“, ist mir klar, das die Diskussion mit überzeugten Linken genauso sinnlos ist, wie mit anderen wirklich Gläubigen.
        Wie diesen auch, ist ihnen bereits die Fähigkeit zur Wahrheit verloren gegangen.

      • booner sagt:

        Ja, dass das alles kein Kommunismus sei ist ja der alte Hut nach dem Motto „Nur ein echter Schotte…“-blablabla.

        Zu den KZs und Vernichtungslagern Nordkoreas spuckt google haufenweise Artikel aus. Ich überlass es jedem selbst sich da die glaubwürdigen und verlässlichen zu holen. Wie wärs mit Guardian? http://www.guardian.co.uk/world/2004/feb/01/northkorea
        Oder Wahsington Post? http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2008/12/10/AR2008121003855.html

        Und dass Hitlers Rassenmord und der sowjetische Klassenmord eben „Geschwister“ sind ist jetz auch keine neue Erkenntnis. Nur scheint es wirklich leider nicht in den Köpfen anzukommen.

      • Julian sagt:

        @booner

        Dort ist die Rede von tausenden Tötungen und von bis zu 200.000 Inhaftieren. In diesem Artikel war behauptet worden, dass Millionen getötet werden. Bei einer so kleinen Bevölkerung sind solche Zahlen erstmal doch recht unwahrscheinlich, daher mein „Porpaganda“-Vorwurf.

      • Julian sagt:

        Du hast aber geschrieben ,dass heute Millionen umgebracht werden und nicht in den Jahren 1948-1987, wie man es der Tabelle von Rummel entnehmen kann.

        Zitat: „Ihnen ging es ähnlich schlecht wie den Opfern der Nazis und den Opfern in heutigen Konzentrationslagern in Nordkorea – ein Umstand, welcher der Nazi-Ermahnermeute kein Wort wert ist, kein einziges, verdammtes Wort, obwohl heute, – heute! – Millionen Menschen in Konzentrationslagern ermordet werden!“

      • derautor sagt:

        Die ganze Bevölkerung verhungert, muss Zwangsarbeit leisten und wird bei Widerspruch ins Gulag gesteckt, wo es noch schlechter ist. Die Bevölkerung besteht aus 24 Millionen Menschen. Wir wissen nicht genau, wie viele davon in dieser Sekunde sterben. Was willst du mehr?

      • Julian sagt:

        Mag ja alles sein. Ist aber was anderes als wenn Millionen in KZs ermordet werden. Und Hunger ist eine „Leistung“ des globalen Kapitalismus insgesamt (jedenfalls in sehr vielen Weltregionen), nicht nur Nordkoreas. Rein von der Nahrungsmenge her wäre es kein Problem jeden Menschen satt zu machen.

      • derautor sagt:

        In Nordkorea ist der allerletzte Grund, warum jemand verhungert, der Kapitalismus!

      • Julian sagt:

        Abgesehen davon, dass dieses scheiß Regime kapitalistisch ist.

      • derautor sagt:

        Wie kommst du nur auf so eine Idee? Was genau macht aus Norkorea ein Land mit freier Marktwirtschaft?

      • Julian sagt:

        Vielleicht sollten wir mal klären was wir mit Kapitalismus/freier Marktwirtschaft meinen, sonst reden wir aneinander vorbei.

      • booner sagt:

        „Kapitalismus ist ein vielfältig verwendeter Begriff, der vor allem Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen bezeichnet, die auf PRIVATEIGENTUM an den Produktionsmitteln sowie der DEZENTRALEN PRIVATUNTERNEHMERISCHEN Planung der Wirtschaftsprozesse beruhen, die über den MARKTMECHANISMUS koordiniert werden.“

        Soweit mal eine sehr vereinfachte Minimaldefinition – Quelle: wikipedia; Hervorhebung von mir.

        Jetzt wärs dann an dir deine Behauptung zu belegen, dass Nordkorea kapitalistisch ist.

      • Julian sagt:

        @booner

        Das was den Kapitalismus zb. von Mittelalter unterscheidet ist die Tatsache, dass Markt, Ware, Geld in vorkapitalistischen Kulturen nur Nischenform hatten, die Produkte hatten im allgemeinen keinen Warencharakter. Im Kapitalismus ist die Warenform totalisiert, was wiederum historisch nur dadurch möglich wurde, dass die Arbeitskraft selbst zur Ware wurde.
        Dadurch, dass die Menschen im Kapitalismus nur indirekt, also über den Markt, vergesellschaftet sind, stehen sie auch nicht durch die bewusste Verständigung über den Einsatz ihrer gemeinsamen Ressourcen in Verbindung, sondern nur durch die isolierte Verausgabung von Quanta menschlicher Arbeitskraft, die gesellschaftlich als „geronnene Arbeit“ (Wert) an den Produkten halluziniert werden und diese zu Waren machen. Indem die fiktional festgehaltene Menge vergangener „Arbeit“ diese Waren in ein bestimmtes Größenverhältnis setzt, erscheinen sie als Tauschwerte, nach deren Maßgabe erst nachträglich auf dem Markt ihre gesellschaftliche Vermittlung stattfindet. Wenn der Staat selber als Generalunternehmer auftritt zb. um eine nachholende Industrialisierung/Modernisierung in Gang zu setzten oder um als Krisenbewältiger zu fungieren, ändert das nichts am kapitalistischen Charakter dieser ganzen Veranstaltung. Wenn der Staat verstaatlicht, wird eben nur -ganz banal gesagt- der Kapitalismus verstaatlicht und eben nicht abgeschaft. Das Argument, dass in Nordkorea kein freies Unternehmentum gibt, heißt nicht dass Nordkorea kein kapitalistischer Staat ist- als wenn das Wesen des Kapitalismus identisch wäre mit seiner marktliberalen Variante. Der Markt ist eben nur die Zirkulationssphäre des Kapitals.
        Die auf dem Wert basierende Produktionsweise ist eben der Kapitalismus und nicht anders (kann man übrigens schon bei Marx lesen). Nicht kapitalistisch kann eine Gesellschaft eben erst dann sein, wenn die Produktion bewußt nach Bedürfnissen abläuft. Dann gibts aber auch keine Geld mehr als Zirkulationsmittel keine Waren usw.
        Im Kapitalismus dagegen wird produziert wenn aus einem Euro zwei werden können und damit sie es werden. Gelingt der Verwertungsprozess nicht mehr wird eben alles dicht gemacht, ungeachtet der Bedürfnisse.

        Lesenswert dazu ist das Buch von Moishe Postone: http://www.amazon.de/Zeit-Arbeit-gesellschaftliche-Herrschaft-Interpretation/dp/3924627584/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1288378132&sr=1-1

        Oder die Werke von Robert Kurz.

      • booner sagt:

        Mag sein dass mich deine Ausführungen intellektuell überfordern, aber ich halte die von mir zitierte kurze Minimaldefinition doch für etwas handfester und schlüssiger um „Kapitalismus“ von „Nichtkapitalismus“ zu unterscheiden.
        Wie gesagt: gut möglich dass ich deinen Ausführungen nicht folgen konnte. Deswegen wär ich dir dankbar, wenn du vllt in wenigen ‚idiotensicheren‘ Sätzen erklären könntest, warum Nordkorea kapitalistisch sei 😉
        Danke

      • Julian sagt:

        @booner

        ALso ok. Vereinfacht gesagt ist Nordkorea deswegen kapitalistisch weil der Staat als Generalunternehmer selbst auftreten kann, eben Staatskapitalismus. Von der Form her ist Nordkorea deswegen kapitalistisch, weil auch dort die Arbeitkraft Ware ist und die produzierten Produkte Warencharakter haben. Was du definiert hast aus Wikipedia ist der marktzentrierte Kapitalismus. Kapitalismus kann aber auch in anderen Konfigurationen existieren. Auch bei uns vor dem Neoliberalismus spielte der Staat eine viel stärkere Rolle (Keynesianismus), ganz zu schweigen von staatlichen Kriegskapitalismus des willhelminischen Deutschland während des ersten Weltkrieges. (der übrigens nach Lenin Vorbild für die „sozialistische Porduktionsweise bildete). Also dass in einem Land kein freies Unternehmertum existiert und der Markt wenig reguliert ist (unregulierte Märkte gibt es nicht- siehe zb EU), heißt nicht dass in diesem Land Kommunismus oder Feudalismus oder sonst was herrscht. Hoffe es war besser verständlich. 🙂

      • booner sagt:

        Ja, jetzt war doch für mich verständlicher was du meinst 🙂 Danke dafür.

        Aber zustimmen kann ich dem in keinster Weise!
        Niemand verlangt einen völlig unregulierten Markt! Aber eben einen dezentral organisierten, der den zentralen Marktmechanismen unterliegt (eben u.a. das obligatorische „Angebot und Nachfrage“). Ich tu mich ehrlich gesagt auch sehr schwer damit mit heutzutage eine Wirtschaft vorzustellen in der Arbeitskraft (bzw. in der heutigen Wissensgesellschaft die „geistige Kapazität“) keinen Warencharakter hat!

      • Julian sagt:

        @booner

        Das Problem ist das die Arbeitskraft entwertet wird, also die Arbeit verschwindet aus dem Produtionsprozess. Wir haben seit 30 Jahren eine Krise der Arbeitsgesellschaft und damit stößt der Kapitalismus an seine historische Grenze. Einen Dienstleistungskapitalismus hats nie gegeben und der Finanzgetriebene Kapitalismus ist nun auch zu Ende (der ja selber eine Krisenerscheinung war). Eine Alternative zum Kapitalismus jenseits von Markt und Staat und Kapitalverwertung ist meines Erachtens für das Überleben der Menschheit notwendig. Denn mit dem Kapitalismus kanns nicht weitergehen. Außer Krieg, Verelendung, Umweltzerstörung hat der Kapitalismus nichts mehr zu bieten.
        (Man schaue sich mal die riesige Menge an Zusammenbruchsregionen an und auch die zunehmende Bildung von dritte-Welt Ghettos in der ersten Welt)

        Lesenswert zur Krise der Arbeitsgesellschaft ist das Manifest gegen die Arbeit, schön kräftig geschrieben 🙂

        http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=buecher&index=0&posnr=1&PHPSESSID=24757d1a5b5f4fcaf625b680af7cb460

        Was macht man mit Millarden von Menschen die Arbeitskraft haben, die diese Menschen nicht mehr verkaufen können??

        Das die heilige Trinität also Arbeiten- Geld verdienen und Waren kaufen irgendwann an eine historische Grenze stoßen könnte ist klarerweise nicht vorstellbar, kommt den meisten Menschen dieser Wahnsinn doch ganz natürlich vor.

        Dass es keine unregulierten Märkte geben kann, meinte ich dass der Staat notwendigerweise dazugehört. Selbstregulierende Märkte, Marktgleichgewicht so einen Quatsch gibt es nicht. Das ist einfach eine historische Erfahrung. Siehe die letzte Fianzkrise.

    • derautor sagt:

      Ich weiße noch einmal darauf hin, wie sehr mich die Behauptung ankotzt, dies wäre „Propaganda“. Damit unterstellst du mir bösartige Absichten und ich frage mich, welch das sein sollen und wie viel schlimmer meine Absichten sind im Vergleich zu denen von Kim Jong Il und seinem Sohn?

      Nehmen wir an, dass nicht Millionen, sondern Zehntausende (der absolute Minimalwert) in Nordkorea in Gulags sterben und wir halten sie davon ab. Dann retten wir immer noch Millionen von Menschen, da so viele in Nordkorea leben (24 Millionen) unter den schrecklichsten Bedingungen, die man sich vorstellen kann (als Nicht-Kommunist).

    • booner sagt:

      Ein wunderschönes ideologisches Konstrukt was sich da die Apokalypsepriester der Kapitalismuskritik in ihren warmen Ledersesseln ausgedacht haben. Die Realität sieht dann leider doch etwas anders aus, und wie bei dem Wettrennen zwischen Achilles und der Schildkröte – einem Paradoxon welches Zenon von Elea zugeschrieben wird – schlägt die Realität die Theorie.
      Denn faktisch ist deine Kapitalismusdefinition ein so weit gefasstes und abstraktes Gebilde, dass du alle möglichen Systeme darunter fassen könntest. Dadurch wird aber eine Diskussion über Wohl und Übel des Kapitalismus mit dir ziemlich sinnlos, weil du, frei nach dem „Nur ein echter Schotte“-Fehlschluss vorgehst. In der echten Welt ist doch einigermaßen verständlich und handfest unterscheidbar was Kapitalismus heutzutage bedeutet und was nicht. Und die wirre Idee, Nordkorea wäre kapitalistisch ist einfach nur lachhaft. Nordkorea ist ein stalinistischer Terrorstaat, der durch seine strikte Planwirtschaft mehr Leid verursacht als es die neoliberalste Spielart des Kapitalismus je könnte – und glaub mir, ich bin nicht der größte Verfechter des Kapitalismus!

      Der Kapitalismus hat NICHTS als Zerstörung, Probleme, usw gebracht? Jetz is dann endgültig klar dass du nur im Koordinatensystem deines wahnhaften Kapitalismushasses hängst. Hier mal ein netter Artikel der vllt ein wenig ins richtige Licht rückt, was NEBEN all den Problemen die du aufgezählt hast eben AUCH dem Kapitalismus zu verdanken ist. http://www.foreignpolicy.com/articles/2010/08/16/best_decade_ever?page=0,0

      • Julian sagt:

        Das mit der Zerstörung bezog sich auf heute, nicht überhaupt, mußt mal richtig lesen. Ehe du meine Position als lachhaft bezeichnet sollte du vielleicht mal was lesen, was ich so zitiert habe.

        „Ein wunderschönes ideologisches Konstrukt was sich da die Apokalypsepriester der Kapitalismuskritik in ihren warmen Ledersesseln ausgedacht haben.“

        Das zeigt dass du nicht die geringste Ahnung hast, wie gesagt lesen und nicht aus deiner „Keine-Ahnung-Perspektive“ draufschlagen.

    • booner sagt:

      Du hast es bis jetzt nicht geschafft in einer allgemein gülitgen Definition von Kapitalismus deine Behauptung, Nordkorea sei kapitalistisch, zu belegen.

      Wenn ich selbst wild definieren darf, dann kann ich dir auch belegen dass die Erde ne Scheibe ist.

      Aber so funktioniert sowas einfach nicht!
      Und ja, du hast von heute gesprochen und ich habe dir einen Artikel gezeigt mit einigen handvoll Belegen dass deine schwarz-weiß-Zeichnung der Auswirkungen von Kapitalismus nun mal nicht stimmen! Du musst da nicht weiter drauf eingehen, meinetwegen, aber es spricht schon Bände…

      • Julian sagt:

        Klar habe ich belegt, dass Nordkora kapitalistisch ist. Was erwartest du etwa Statistiken??
        Den Artikel kann man m.E. kaum ernst nehmen, alleine diese Aussage: „For all its problems, the first 10 years of the 21st century were in fact humanity’s finest, a time when more people lived better, longer, more peaceful, and more prosperous lives than ever before.“
        Die unzähligen Konflikte der letzen 10 Jahre haben anscheinend nicht stattgefunden, schön wärs.
        Nichtsdestotrotz sind immer mehr Menschen kapitalistisch gesehen überflüssig, (quasi)dritte Weltregionen gibt es auch immer mehr in der ersten Welt, immer mehr Menschen hierzulande sind zb auf die Tafeln angewiesen, von zunehmenden Zusammenbruch des staatlichen Gewalmonopols mal ganz zu schweigen. Dass es global den Menschen immer besser geht, ist kaum glaubhaft angesichts der immer größer werdenden Flüchtlingsströme, von Afrika nach Europa zb. In den Industrienation geht desweiteren zb das Gesundheitsystem den Bach runter, längst gibt es sowas wie eine 2-Klassenmedizin, was auch wirklich zugegeben wird…und und und. Dass trotz allem (noch) gewisse Erfolge zu verzeichen sind mag ja sein.

        Nichtsdestotrotz ändert das nicht an den Argumentationen hinsichtlich der Krise der Arbeitsgesellschaft, sonfern du dich damit mal auseinandersetzten wollen würdest…

      • booner sagt:

        Nein, du hast erstmal gesagt was du unter Kapitalismus verstehst und in diesem Koordinatensystem hast du dann Nordkorea verortet. Es mag sein dass andere deine Argumentation überzeugend fanden. Ich nicht, da die imho Minimaldefinition von Kapitalismus von Nordkorea nicht erfüllt wird.
        Ich könnte beispielsweise die Behauptung aufstellen, Hitler wäre eigentlich Philosemit gewesen und anschließend Philosemit definieren, als jemand der durch einen industriellen Massenmord an Juden einen eigenen jüdischen Staat mit ermöglicht. Nur würde man diese Argumentation – mit Recht – nicht für voll nehmen.

        Anscheinend hast du auch den Artikel bereits nach dem von dir zitierten Satz weggeklickt, sonst hättest du auch den Absatz gelesen welcher speziell den militärischen Konflikten der letzten zehn Jahre gewidmet ist. Tatsächlich ist das was du zitierst nur die grundlegende Behauptung des Artikels, welche von den folgenden Abschnitten belegt wird/werden soll. Indem du nun nicht die Argumente welche für diese Behauptung dargebracht werden „zerpflückst“ sondern schon allein die Behauptung als ’nicht ernst nehmbar‘ darstellst, zeigst du auf traurige Weise wie du mit Argumenten/Meinungen umgehst die nicht deiner „Peilung“ entsprechen.

      • Julian sagt:

        Ich schrieb mit Einschränkung (m.E.) nicht ernst zu nehmen. Nein ich habe tatsächlich das ganze gelesen und alleine wegen eines Artikel werde ich mir nicht einbilden, die Welt würde immer friedlicher und wohlständlicher werden, ganz einfach deswegen weils genug Texte und Bücher gibt die was andres sagen.
        Zu sagen dieses Jahrzehnt sei wohl das tollste der Geschichte ist ja schon ne starke Behauptung.
        Ich habe kurz beschrieben was Kapitalismus ist und wenn du dir Nordkorea ankuckst, dann sieht du dass meine Definition zutrifft. Meinst du dass wirklich ernst,dass ich dir diese triviale Denkbewegung abnehmen soll? Oder meinst du es gibt in Nordkorea kein Geld, der Reichtum ist nicht warenförmigu usw.

        Klar Hitler darf nicht fehlen, sowas kommt in der Regel dann wenn einem nicht mehr einfällt…

  3. Julian sagt:

    Warum werden nicht auch die Aufklärer gezwungen ihre Geschichte aufzuarbeiten? Denn immer wieder gibt es einen ausschließlich positiven Bezug auf die Aufklärung, dabei wird aber übersehen oder verschwiegen, dass Aufklärer wie Kant, Hegel Rassisten, Antisemiten und Sexisten waren. Klar ist das nicht dasselbe wie Millionen Tote, aber die Aufklärer sind nicht unbedingt über alle Kritik erhaben. Was den Liberalismus angeht sind Ansätze einer kritischen Aufarbeitung vorhanden: http://www.amazon.de/Freiheit-als-Privileg-Gegengeschichte-Liberalismus/dp/389438431X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1288171815&sr=8-1
    Der Liberalismus wird meistens ja auch als Synonym mit „Freiheit“ benutzt. Losurdo zeigt, dass das historisch nicht ganz richtig ist.

    • derautor sagt:

      Das weiß ich doch alles. Die Geschichte der „Aufklärer“, auch die von Heuchlern wie Rousseau und Staatsterroristen wie Robespierre ist bereits umfangreich aufgearbeitet. Allerdings ist es fraglich, was genau „Aufklärung“ war und was nicht. Laut meiner Auffassung gehen Aufklärer von Eigennutz und Mitgefühl aus (die „natürliche Religion“) und sie bekämpfen Schwärmerei, welche die Formen von Religion, Esoterik und Ideologie annehmen kann. Die Vernunft dient als Korrekturinstanz. Wenn das Aufklärung ist, hat es offensichtlich nichts zu tun mit dem Terreur. Überhaupt ist die Auffassung, die Philosophen wären für den Terreur verantwortlich, nachweisbar eine Unterstellung der rechtskatholischen Gegenaufklärer des 18. Jahrhunderts und angesichts ihrer tatsächlichen Werke äußerst zweifelhaft.

      Aber klar, Denker, die man als Aufklärungsphilosophen einordnet, hatten auch zweifelhaften Ansichten. Das muss ja zwangsweise so sein, schließlich weisen gerade die Aufklärer auf die Fehlerhaftigkeit des Menschen hin. Ein wichtiger Punkt.

      • Julian sagt:

        Der Edmund Burke meinte sogar die Französische Revolution sei eine jüdische Verschwörung gewesen. Schon krass.

      • booner sagt:

        Jetz fehlt nur noch irgendein „Antideutscher“ der uns Adorno um die Ohren haut und behauptet die Aufklärung hätte sich ins Gegenteil verkehrt und zu Auschwitz geführt…

      • Julian sagt:

        @booner

        Nichtsdestotrotz ist das 3. Reich und Ausschwitz ein authentisches Produkt der westlichen Zivilisation und eben nicht eine „asiatische Tat“ (E.Nolte). Man lese mal: http://www.amazon.de/Moderne-Gewalt-europ%C3%A4ische-Genealogie-Nazi-Terrors/dp/3899001060/ref=sr_1_2?ie=UTF8&s=books&qid=1288336247&sr=1-2-spell

      • booner sagt:

        Ich musste tatsächlich auch selbst sofort an den Historikerstreit denken. Dennoch sehe ich keine Traditionslinie die vom aufklärerischen Gedankengut zu Auschwitz führte (ich weiß, ist ein bisschen ein Strohmann!).

        Letztendlich war es der Dogmatismus, bzw. in diesem Kontext wohl treffender: die totalitäre Ideologie, welche zu Vernichtungslagern führte. Und dass haben eben die Lager der Nazis mit den Lagern der Kommunisten gemein.
        Während Aufklärung der „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ ist, ist Fundamentalismus, also auch das totale beharren auf einer Ideologie, der freiwillige und gewollte Eingang in die intellektuelle Unmündigkeit.

      • Julian sagt:

        @booner

        Mag ja sein. Tatsache aber ist, man nicht so tun kann als hätte der Nationalsozialismus nicht mit der europäischen Tradition zu tun, die ja angeblich voll humanistisch ist. (höchstens auf dem Papier). Es gibt ja Leute die glauben das, wie der Historiker Ernst Nolte. Enzo Traverso widerlegt auf recht anschauliche Weise diesen Glauben.

        „Während Aufklärung der „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ …“

        Ja das ist die Selbstdefinition der Aufklärung. Man vergißt aber gerne, dass diese Zeit mit der Zeit des Frühkapitalismus zusammenfällt die alles andere als rosig war (nicht das die Zeit davor besser waren). Und nicht wenige Denker der Zeit haben den aufkommenden Kapitalismus auf die eine oder andere Weise gerechtfertig (wobein von „Kapitalismus“ erst im 19 Jdh die Rede war), manche mit ziemlichen Zynimus wie der Bernard Mandeville mit seiner Bienenfabel. Aufklärung war auch (!) eine Disziplinierungsgeschichte.

      • booner sagt:

        Das Deutschland sich von 1933 bis 1945 nicht in einem historischen Vakuum befunden hat ist doch eine völlige Banalität. Ich weiß nicht wie das irgendwie beweisen soll, dass die Ideen/Ideale der Aufklärung Auschwitz ermöglicht haben. Mir scheint, dass dein Geschichtsbild sowas wie ein riesig aufgeblähter non sequitur Fehlschluss ist. Weil die Aufklärung ein bedeutender Teil der deutschen Geschichte war, müsse zwangsläufig alles was danach passierte mit deren Idealen zusammenhängen.

        Leider half mir auch deine Antwort auf die (Selbst)definition der Aufklärung nicht wirklich weiter. Anstatt auf den eigentlich von mir verfolgten Gedanken, nämlich dass ein Genozid bzw. Demozid wie der in Nazideutschland nicht durch eine Erziehung zur intellektuellen Mündigkeit, sondern durch Massenwahn und ideologische Verblendung angefeuert wurde, versuchst du krampfhaft eine Verbindung zum Kapitalismus herzustellen, die sich mir jedoch aus den Fragmenten die du da hinwirfst nicht erschließt.

      • Julian sagt:

        Das die Aufklärung Ausschwitz verursacht hat habe ich nicht behauptet. Dass Faschismus ein Massenwahn ist und keine Erziehung zur Mündigkeit ist trivial. Nur stimmt es historisch nicht dass die Zeit der Aufklärung ,also 17/18 Jahrhundert ausschließlich darin bestand zur Mündigkeit zu erziehen. Wenn dir Fragmente zu wenig sind das lese doch Bücher: zb. zur Disziplinargeschichte im Frühkapitalismus in Deutschland:

        Dreßen, Wolfgang
        Die pädagogische Maschine. Zur Geschichte des industrialisierten Bewußtseins in Preußen/Deutschland. Ullstein 1982

      • booner sagt:

        Ich habe sehr viel zu lesen, und glaube mir, deine Buchtipps sind schon mal im Geiste notiert. Aber ich dachte nunmal, dass du mir die von dir vertretene Position sicherlich verständlich machen kannst…

  4. Ob einzelne Aufklärer Rassisten, Sexisten oder anderes waren, kann ja nicht dazu dienen, der „Aufklärung“ an sich eine „Aufarbeitung ihrer Geschichte“ nahe zu legen.

    Die Regimes und Ideologien werden schliesslich heute nicht darum kritisiert, weil ihre Vertreter solche Eigenschaften hatten, sondern weil sie zu Millionen Toten und unglaublich viel Leid geführt haben, weil ihre Führer ihre Ansichten und Gedanken zu dogmatischen Rechtsgrundlagen umformen konnten, ohne Kritik entgegennehmen zu müssen – wie bei Religionen.

    Die Aufklärung selbst ist einer Aufklärung unterworfen und wird ständig ergänzt durch neues Wissen und neue ethische Grundsätze. Der Humanismus ist kein starres Gebilde mit unveränderlichem Weltbild. Aber besonders zu erwähnen gilt, dass die Aufklärung keineswegs auf einzelnen Persönlichkeiten basiert, sondern von unzähligen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Bildung thematisiert und vorangetrieben wird. Kant war wichtig – aber nicht wichtig genug, die Aufklärung anzugreifen, weil er schlechte Eigenschaften besass.

    • Julian sagt:

      „Ob einzelne Aufklärer Rassisten, Sexisten oder anderes waren, kann ja nicht dazu dienen, der „Aufklärung“ an sich eine „Aufarbeitung ihrer Geschichte“ nahe zu legen.“

      Aber natürlich! was denn sonst? Kritische Aufarbeitung ist siher nicht erst dann sinnvoll wenn Millionen getötet worden sind. Abgesehen davon hat Losurdo zufolge der Liberalismus sehr wohl Rassismus und Kolonialismus gerechtfertigt.

      Es sind also nicht nur irgendwelche schlechte Eigenschaften wie du meinst sondern die Rechtfertigung von Sexismus zb. Wenn in manchen Zusammenhängen von „Werten der Aufklärung“ geredet wird dann ist das mutunter historisch genauso falsch wie das Schwadronieren mit „christlichen Werten“ Zb die Frauenbefreiung hat man nicht der Aufklärung zu verdanken. (Also der bürgerlichen Aufklärung des 17/18 Jhd.) Von wenigen Ausnahmen abgesehen waren die bürgerlichen Aufklärer ziemlich frauenfeindlich. Siehe die philosophiegeschichtlche Studie: Zwischen Galaterie und Verachtung von Heidemarie Bennent.

      • derautor sagt:

        Es kommt darauf an, welche man nimmt. Thomas Paine war sicher nicht frauenfeindlich und Rousseau war es sicher schon – wobei Rousseau von der Gegenaufklärung zum Teil als einer von ihnen angesehen wurde. Kant war für die Todesstrafe für Homosexualität. Die Geschichte der Aufklärer wurde auf jeden Fall schon aufgearbeitet und wir haben da keine Illusionen (es ist ja gerade eine der Hauptaussagen, dass Menschen fehlerhaft sind und dass die Bedingungen in freier Übereinkunft geschaffen werden müssen, unter denen sie sich am humansten verhalten!), während Linke sich etwas herbeifantasieren über den „wahren Kommunismus“ und wie er sich unterschieden haben soll von historischen Kommunismus.

      • Julian sagt:

        „…während Linke sich etwas herbeifantasieren über den „wahren Kommunismus“ und wie er sich unterschieden haben soll von historischen Kommunismus.“

        Dieses Vorgehen mancher Linken untercheidet sich nicht wesentlich von irgendwelchen Kapitalismusvereidigern die meinen Welthunger zb hätte mit der wunderbaren Marktwirtschaft nichts zu tun. Oder wir bräuchten „noch mehr Marktwirtschaft“ um die Probleme der Welt zu lösen, Privatisierung für mehr Wohlstand…

      • derautor sagt:

        Wir brauchen nicht einfach Marktwirtschaft, sondern Republiken, die individuelle Freiheitsrechte garantieren und wo Macht aufgeteilt ist und kontrolliert wird, in Verbindung mit Marktwirtschaft.

      • H. Lektor sagt:

        „Gelaterie“…was hat das ganze denn ausgerechnet mitEiscreme zu tun?

      • Julian sagt:

        @H.Lektor

        Sorry. Rechtschreibung. Es müßte heißen: Galanterie.

  5. Manni sagt:

    Mir ist nicht ganz klar, wie man auf diese Zahlen kommt. Z.B. 20 Mill. Tote durch die Nazis. Was ist da alles mit eingerechnet? Kriegstote auch?

    • derautor sagt:

      Nein, Kriegstote nicht eingerechnet (bei den Kommunisten allerdings auch nicht):

      By genocide, the murder of hostages, reprisal raids, forced labor, „euthanasia,“ starvation, exposure, medical experiments, and terror bombing, and in the concentration and death camps, the Nazis murdered from 15,003,000 to 31,595,000 people, most likely 20,946,000 men, women, handicapped, aged, sick, prisoners of war, forced laborers, camp inmates, critics, homosexuals, Jews, Slavs, Serbs, Germans, Czechs, Italians, Poles, French, Ukrainians, and many others. Among them 1,000,000 were children under eighteen years of age.1 And none of these monstrous figures even include civilian and military combat or war-deaths.

      http://www.hawaii.edu/powerkills/NAZIS.CHAP1.HTM

      • Julian sagt:

        Mit den Kriegstoten waren es ca. 55 Millionen.

      • derautor sagt:

        Immer noch weniger als der reine Demozid durch die Sowjets.

      • Julian sagt:

        Woher kommen eigentlich diese großen Unterschiede in den Zahlen zu stande? Ich kann mich erinnern, das Schwarzbuch Kommunismus schätze 20 Millionen Tote für den Sowietterror, also erheblich weniger als die Zahl von Rummel.

      • Julian sagt:

        Noch ein Nachtrag:

        Rummel spricht ja von Demozid wenn der Staat/Regierung Massenmord durch Arbeit „leistet“ oder die Produktion so beschaffen oder organisiert ist dass Millionen verhungern. Zumindest was diese beiden Punkte angeht müßten die weißen Kolonisatoren wie Belgisch-Kongo auch vor der historischen Anklagebank landen. (Siehe Enzo Traverso: Moderne und Gewalt) Überhaupt ist (Massen)vernichtung durch Arbeit überhaupt eine Eigenschaft (früh)kapitalistischer Regime, man denke nur an England 19 Jhd.

        Und heutzutage verhundern jeden Tag ca. 100000 Menschen. Die Zahl der kommunistischen Regime wird wenn diese Zahl richtig ist vor allem das pro Tag in etwa einem halben Jahrzehnt getoppt.

        Mehre Millionen Hungertote gab es nicht nur in Ungarn (30iger Jahre) sondern auch in Bengalen (Indien) frühe 40iger unter Herrschaft der Briten. Wenn Rummel Opferzahlen aufwiegelt finde ich es schon etwas verlogen, wenn der Kapitalismus unerwähnt bleibt. (abgesehen davon waren das 3 Reich und die SU usw auch (staats)-kapitalistisch). Soviel dazu.

        • derautor sagt:

          Rummel hat sich ebenfalls mit den Kolonien befasst und mit dem Demozid der westlichen Imperialisten. Der „Kapitalismus“ bleibt überhaupt nicht unerwähnt, du musst nur seine Webseite lesen.

  6. Flo sagt:

    Erstaunlich, ein Posting von dir, dem ich mal völlig zustimme (ok, mit einer Einschränkung: Über die Situation in Nordkorea weiß ich zuwenig um in der Hinsicht das Posting zu bewerten).

    Ich habe mir schon öfter überlegt, dass dieser ganze „Holocaust-Leugner-Blödsinn“ nur den Spinnern hilft, die sich nun wie verfolgte Hüter einer geheimen Wahrheit aufspielen können. Ich halte hier Aufklärung und deutliches Widerlegen der Argumente für deutlich sinnvoller als irgendwelche Verbote. Dann blieben die Spinner eben einfach irgendwelche Spinner.

  7. Ingo Bading sagt:

    Ich habe in meiner Magisterarbeit ein Kapitel über die „Pink Decade“ drin

    http://independent.academia.edu/IngoBading/Papers

    was wohl gut zu vielem paßt, was in diesem guten Beitrag geschrieben wird. Churchill hat die Zweite Front auf dem Balkan nie wirklich gewollt (sondern sie nur „für die Geschichtsbücher“ gefordert), weil es Kriegsziel Großbritanniens war, Stalin an die Elbe zu holen. Denn britische Truppen hätten in Ostpreußen bei weitem nicht so gut aufräumen können wie die Truppen Stalins. Das war der Hintergedanke, wie aus vielen britischen und amerikanischen Dokumenten jener Jahre hervorgeht.

    Woher es kommt, daß, wie Orwell damals sagte, es in Großbritannien keinen einzigen konservativen Intellektuellen mehr gab, sondern nur noch „Stiefellecker Stalins“, wie so etwas in einer freien Demokratie möglich werden kann, das wäre gewiß noch mancher Untersuchung wert.

  8. Hein sagt:

    Naja, eine Nazi Größe, die von Akademikern und anderen gerne zitiert wird, fällt mir dann doch noch ein. So weit ich weiß wir das Zitat: „Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast.“ Göbbels zugeschrieben…

    • Bärli sagt:

      Das soll Churchill gesagt haben und nicht Göbbels. Weiß es natürlich nicht persönlich (sooo alt bin ich noch nicht 🙂 Auch wenn die meisten hier Atheisten sind, möchte ich schreiben, dass Nordkorea das Land ist, dass Christen am stärksten verfolgt, auf grausamste Weise. Trotzdem wächst die Zahl der Christen dort (im Gegensatz zu unserem satten Westen) Und das ist bewiesen. Was Rudolf Hess betrifft: ich kenne seinen letzten Seelsorger (kein Deutscher). Er wollte immer, dass dieser alte Mann entlassen wird und nicht auf rätselhafte Weise in Spandau stirbt. Sein Argument: wenn er im Gefängnis stirbt, dann werden ihn die Neo-Nazis zum Helden machen. Ist nun so gekommen. Ich weiß darüber natürlich noch mehr, aber das ist nicht so wichtig. Hätte man ihn still zu Hause sterben lassen, alles kein Problem. Für meine Begriffe kann man schreckliche Taten nicht gegeneinander aufrechnen: du hast drei ermordet und ich nur zwei. Alles ist für die Menschen, die darunter zu leiden haben, gleich schrecklich. Und das sollten inzwischen doch irgendwie alle kapieren, oder nicht? Wünsche allen Frieden!

      • derautor sagt:

        Es ist mir egal, ob ein christliches oder kommunistisches Regime zu viel Macht hat, beide Ideologien sind kompatibel mit Diktaturen. Dass sich das Christentum in einem Land gut ausbreitet, wo die Leute vollkommen ungebildet und nahe am Hungertod sind, sagt viel über das Christentum aus.

  9. Alle Verbrechen können doch nur im Namen des Irrationalismus, ganz gleich welchen Namen er hat, ob er von links oder rechts kommt, ob er religiös bedingt ist oder nicht, begangen werden. Denn wer soll schon im Namen der Vernunft Verbrechen begehen.

    • Thomas sagt:

      Im Namen der Vernunft können durchaus Verbrechen begangen werden, z.B. bei Robbespieres Aufklärung mit dem Schwert. Das ist freilich eine ekelhafte Instrumentalisierung der Vernunft, wie sie auch die Kirchen ständig praktizieren.

      Wir müssen Handlungen kritisch daraufhin prüfen, ob sie einen ethischen Nutzen haben. Millionen Menschen aufgrund willkürlicher Kriterien zu martern und ermorden verursacht immer mehr Leid als Glück – da hilft kein noch so pathetisches Heilsversprechen.

      • Ja, schon, aber letzten Endes war er so sehr von der Vernunft angetan, dass sie sich in eine irrationale Variante gewandelt hat. Ein rationaler Mensch wird nie Verbrechen begehen, da er vorher die Tat überdeckt.

  10. Tepes sagt:

    Wie wäre es denn zur Abwechslung mal mit seriösen Quellen?

    • derautor sagt:

      Meinst du mich? Nun, R. J. Rummel ist der führende Experte für Demozide und der Begründer des Begriffs „Demozid“. Es gibt keine seriösere Quelle auf diesem Planeten.

    • derautor sagt:

      Jetzt kapier ich, wie das läuft: Alle Quellen, die eurer Auffassung widersprechen, sind automatisch „unseriös“. Das Leben kann so einfach sein. Ansonsten bitte aufzeigen, inwiefern und warum die Quellen unseriös sind.

  11. Bärli sagt:

    „Dass sich das Christentum in einem Land gut ausbreitet, wo die Leute vollkommen ungebildet und nahe am Hungertod sind, sagt viel über das Christentum aus.“
    Wie logisch ist denn das? Die Menschen kommen in schreckliche Umerziehungslager, wenn sie Christen sind. Werden geschlagen und ermordet. Ansonsten ginge es ihnen doch besser. Also, da muss in der Tat was anderes sein. Und ist es auch. Aber, sorry, das können sie einfach nicht verstehen. Und müssen sie auch nicht. Ich verstehe bei Ihnen auch vieles nicht. Und muss ich auch nicht oder? Toleranz heißt, den andern tragen und ertragen, auch wenn er manchmal schwer zu verstehen ist.

  12. Hermanitou sagt:

    Bertolt Brecht war ein Kind seiner Zeit. Und deshalb ein Mensch wie ich und Du, unvollkommen und mit Fehlern. Ihn als Stalinisten zu diffamieren ist heutzutage leicht, er kann sich ja nicht mehr verteidigen. Und Nick Cohen und sein wüster Artikel über Brecht… die anschließende Diskussion ist dabei sehr interessant. Ich schließe mich der Kommentatorin Jaibo an, die wie folgt kommentierte:

    „Despite all his despicable political mistakes and grindingly didactic aesthetics, Brecht remains a poet and a worker in the Imagination. The man who created Puntila, Mother Courage, Galileo and much else made an enormous CREATIVE contribution to human culture. Nick Cohen, ladies and gentlemen, has made absolutely none.“

    Oder – um mit Brecht zu sprechen: „Den Haien entkam ich, den Wanzen erlag ich“.

    • derautor sagt:

      Mohammed mag viele Fehler gehabt haben, aber er hat ein Werk verfasst, das Milliarden Menschen inspiriert und ihnen einen Lebenssinn gibt. Jeder, der seine Fehler kritisiert, ist eine Wanze.

  13. Ingo Bading sagt:

    @ Hermanitou

    Es hat ja keinen Zweck, den Zeitgeist einer ganzen Epoche, der „Pink Decade“ (die mit „Unterbrechung“ des Kalten Krieges fast bis heute anhält), mit so schlichten Argumenten zu entschuldigen und abzutun.

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