Der Islamismus aus marxistischer Sicht

Wie Marxisten nicht auf 9/11 reagiert haben (Klick für Bildquelle)

Wie Marxisten nicht auf 9/11 reagiert haben (Klick für Bildquelle)

Wie kommt es, dass Linksradikale mit den palästinensischen „Widerstandskämpfern“ sympathisieren? Warum denunzieren angebliche „Progressive“ die Kritiker eines reaktionären und totalitären Islamismus als „islamophob“?

Die Unterstützung von Islamisten ist eine logische Schlussfolgerung aus der marxistischen Theorie.

Der Marxist John Molyneux schreibt im Magazin International Socialism folgendes über den Islamismus:

Um ihre Unterstützung von populären Bewegungen mit einer religiösen Färbung festzulegen, von denen es viele und unterschiedliche gibt, nehmen Marxisten als ihren Ausgangspunkt nicht die religiösen Ansichten der Führer oder Unterstützer der Bewegung, oder die Doktrinen und Theologien der betroffenen Religion, sondern die politische Rolle der Bewegung, basierend auf den sozialen Kräften und Interessen, die sie repräsentiert.

[…]

Um die Sache so deutlich wie möglich auf den Punkt zu bringen: Aus marxistischer Perspektive und aus Sicht des internationalen Sozialismus ist ein analphabetischer, konservativer, abergläubischer muslimischer palästinensischer Bauer, der die Hamas unterstützt, progressiver als ein gebildeter liberaler atheistischer Israeli, der den Zionismus unterstützt (selbst kritisch).

Marxisten halten Islamisten demnach für progressiver als liberale Unterstützer des Staates Israel. Diese Auffassung liegt in der marxistische Theorie, insbesondere in ihrer Haltung zur Religion begründet.

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes“, schrieb Karl Marx.

Die Religion ist also nicht die Religion, sondern sie ist nur das äußere Anzeichen für etwas anderes, nämlich für Unterdrückung. Die ausgebeuteten Arbeiter haben sich an die Versprechungen des Glaubens geklammert, an göttliche Gerechtigkeit und ein himmlisches Nachleben, weil die Kapitalisten ihr Leben im Diesseits so schrecklich gestalteten und es keinen weltlichen Ausweg zu geben schien. Die weltliche Lösung des Problems wäre der Marxismus, die Diktatur des Proletariats.

Die konkrete Form, welche die Religion annimmt, ist den Marxisten also egal. Wenn jemand besonders religiös ist, bedeutet es, dass er besonders unter der westlich-imperialistischen Unterdrückung der kapitalistischen Ausbeuter leidet. Das ist der Unterschied zwischen „Basis“ und „Überbau“. Die Basis sind die materialistischen Bedingungen der Existenz (die ökonomischen Verhältnisse) und der Überbau ist die daraus resultierende Ideologie. Um die Ideologie zu verändern, muss man die ökonomischen Verhältnisse ändern.

Nur die Marxisten stehen über den von ihnen postulierten Gesetzmäßigkeiten – ihre Ideologie ist nicht einfach ein Resultat der materialistischen Basis. Marxisten sind die Außerwählten, welche die Menschheit „befreien“ wollen aus dem Verblendungszusammenhang. Der Verblendungszusammenhang besteht darin, dass die meisten Bürger einer freien Gesellschaft gar nicht den Eindruck haben, von Kapitalisten unterdrückt zu werden.

Die materialistischen Bedingungen der Existenz sind es also, die Marxisten verändern wollen. In diesem Fall die Armut und Unterdrückung der Islamisten, verursacht durch den Zionismus und den imperialistischen Westen (dass Islamisten meist aus der wohlhabenden und gebildeten Mittelschicht stammen, sollte man als Marxist besser ignorieren). Mit der Unterdrückung der Islamisten und der Muslime generell würde auch ihre Religiosität der Theorie zufolge ein Ende finden. Molyneux schreibt dies unmissverständlich:

Die große Masse der Arbeiter wird von ihren religiösen Illusionen nicht durch Argumente, Pamphlete oder Bücher befreit, sondern durch die Teilnahme am revolutionären Kampf und darüber hinaus durch den Aufbau des Sozialismus. In einer solchen Situation obliegt es der Partei, darauf Acht zu geben, dass religiöse Unterschiede und Unterschiede zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen nicht die Einheit des Klassenkampfes der Arbeiter behindern.

Muslime sind für Marxisten nützliche Idioten im Kampf gegen die Bourgoisie. In der Realität wäre es so, dass Islamisten unter einer kommunistischen Diktatur leben müssten, wenn sich die um sie besorgten Marxisten durchsetzten. Die verbündeten Marxisten und Islamisten würden sich am Ende feindlich gegenüberstehen, da sie unterschiedliche Weltherrschaftspläne haben (es geht in der Praxis vor allem darum, wer von ihnen herrschen würde). Es gäbe Machtkämpfe zwischen beiden Gruppen, aber zunächst müssen sie den Westen gemeinsam unschädlich machen.

Die Anti-Kriegs-Bewegung ist für Marxisten ebenfalls eine Kollektion nützlicher Idioten, die für das letzte Gericht, den finalen Klassenkampf, instrumentalisiert werden sollen. Darauf macht ein Artikel von „Roobin“ auf dem marxistischen Blog „Lenin’s Tomb“ aufmerksam, der von Richard Seymour von der „Socialist Workers Party“ betrieben wird:

Obwohl keineswegs von Dauer, so sind die bleibenden Vorzüge der Anti-Kriegs-Bewegung ein allgemeines anti-imperialistisches Bewusstsein gewesen, ein Verdacht gegen eine geheime, undemokratische Regierung und ein Kontrollinstrument gegen die rassistische Gegenreaktion gegenüber Muslimen. Diese Gewinne müssen verteidigt werden.

Wenn offener Klassenkampf mit der ernsthaften Aussicht auf soziale Revolution ausbricht […] wird eine Klasse desto eher ihre Positionen verteidigen können, desto besser sie organisiert ist.

Die säkular-humanistische Autorin Ophelia Benson kommt zu der folgenden Schlussfolgerung:

Wenn liberale Humanisten und Progressive beständig denunziert werden, weil sie angeblich „islamophobe“ (und in der Folge „rassistische“) Ansichten vertreten, so ist es klar, dass die selbsternannten Hexen-Finder, die mit solchen Anschuldigungen um sich werfen, eine zugrundeliegende Agenda haben – ein politischer Wahn, der auf dem Glauben an die Existenz einer eingebildeten „rassistisch imperialistischen“ Verschwörung basiert und eine Überzeugung, dass sie eine moralisch reine Elite wären, die eines Tages ein erzürntes Volk zu revolutionärem Ruhm führen würde.

Quellen und weitere Literatur

Ophelia Benson: The far-left campaign to silence critics of Islam