Die soziobiologische Verwirrung

Bei den Einwänden zu meiner geschmacklosen Ehe-Glorifizierung sind doch auch welche dabei, die weit verbreitet sind und bei denen es sich lohnen würde, darauf einzugehen. Auf Facebook hat jemand geschrieben:

Sind wir, evolutionsbiologisch betrachtet, überhaupt dazu designt, uns ewiglich ehelich zu binden? Neben den ganzen anderen Fehlschlüssen, empfinde ich diesen als einer der Irritierensten.

Statistisch neigen wir zum Irgendwann-einmal-Fremdgehen, Männer mehr als Frauen – dafür sind Frauen für das Kuckuckskind-Phänomen verantwortlich, wenn sie Männern ein Kind von einem anderen Vater als ihr biologisches unterschieben und es von ihm großziehen zu lassen. Warum das so ist, dürfte klar sein: Wir fühlen uns von attraktiven Menschen angezogen und unser Programm schaltet auf „Gene verbreiten!“. Im Falle des Kuckuckskind-Phänomens werden Frauen bewusst oder unbewusst denken, dass ein Partner die besseren Gene hat, der andere aber besser zum Aufziehen der Kinder geeignet ist. Etwa, wenn sie sich auf einen Popstar werfen und dann einen netten, bodenständigen Hausmann heiraten.

Rassismus ist auch „natürlich“ 

Die Frage ist jetzt nur, ob wir etwas als „gut“ bewerten und anstreben sollten, nur weil es so ist, wie es ist? Wir sind von Natur aus alle Rassisten, da gibt es empirisch nichts dran zu rütteln, wir misstrauen Menschen von einer anderen Ethnie mehr, als Mitglieder unserer eigenen.

Der inzwischen konservative Autor und frühere Mitbegründer der „Neuen Linken“, David Horowitz, hat darüber etwas geschrieben, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Er selbst ist ein links sozialisierter Kosmopolit und hält an sich nichts von einer besonderen Treue zur eigenen Ethnie. Als er eine Diskussion mit einem konservativen israelischen Politiker führte, versicherte Horowitz in den 1960ern die Solidarität der Linken zu Israel und sprach sich gegen die Bevorzugung der eigenen Ethnie aus. Die linke Solidarität endete mit dem Sechstagekrieg 1967, die Juden standen wieder alleine da und als Horowitz das nächste Mal seinen israelischen Bekannten sah, nickte der nur wissend und Horowitz wusste nicht, was er da erwidern sollte. Wenn selbst die angeblich Rassismus-freieste und gebildeteste politische Gruppierung dann, wenn es darauf ankommt, eine Ethnie im Stich lässt, nur weil sie eine andere Ethnie ist, wer soll da noch an die internationale Solidarität glauben?

Im Falle des Antisemitismus sieht man besonders anschaulich, wie rassistisch Menschen aller politischen Ausrichtungen sein können, wenn man sie nur lässt, wenn man es nur zu einer gesellschaftlich respektablen Position erklärt. Da bricht alles wieder auf, was man in anderen Fällen zu unterdrücken versucht.

Obwohl Horowitz keine weiteren Schlussfolgerungen daraus gezogen hat und er weiterhin unabhängig von Ethnien für die Freiheit der Menschen eintritt, steckt der Gedanke doch nagend im Hinterkopf: Was, wenn wir uns im Zweifelsfall wirklich nur auf die Solidarität unserer eigenen Ethnie verlassen können? Horowitz erlebte das Phänomen noch einmal: Linke und liberale Juden wie er hatten sich jahrelang für die schwarze Bürgerbewegung eingesetzt, bis sie auf einmal keine Juden mehr bei sich duldete, als sich der Anti-Weiße-Rassismus von Malcolm X und co. durchsetzte.

Rassismus ist ein Beispiel für eine Eigenschaft, zu der wir von Natur aus neigen, der wir jedoch entgegenwirken sollten. Warum? Weil eine Gesellschaft, die Mitglieder bestimmter Ethnien diskriminiert, schlechter funktioniert, als eine, die es nicht tut. Potenziell nützliche Mitglieder der Gesellschaft werden nur aufgrund ihrer Ethnie ausgeschlossen, was dazu führt, dass bestimmte Arbeiten nicht oder schlechter oder teurer ausgeführt werden und dass bestimmte Erfindungen nie oder verzögert gemacht werden. Es ist schlicht brachliegendes Potenzial. Dazu kommt das Misstrauen, das schlechte Gewissen, allerlei Scherereien, die man vermeiden könnte.

Überraschung: Wir sind nicht perfekt 

Linke haben es generell so gemacht, dass sie eine echte oder vermeintliche Beschreibung der Realität hergenommen und daraus geschlussfolgert haben, dass Konservative nur Heuchler wären, weil sie von uns verlangen, so zu leben, wie sowieso kaum jemand wirklich lebt und wohl auch nicht leben kann, wenn er glücklich sein will.

Ihr Konzept der „freien Liebe“ ist genauso. Sie sagen „Schaut mal die Statistiken an: Die Leute sind in Wahrheit gar nicht treu, die haben Sex mit anderen Partnern, also warum nicht gleich die Verfehlung zum Gesetz machen?“

Mit der selben Logik könnte man sagen, dass die meisten Menschen irgendwann einmal etwas gestohlen oder eine Schlägerei angefangen haben, also warum sollte man nicht Diebstahl und körperliche Angriffe legalisieren, oder sie straflos hinnehmen und alles verzeihen, weil das eben das ist, was die Leute so machen? Sehr viele Menschen haben ihre Steuererklärung mal zu großzügig zu ihrem Vorteil ausgefüllt, also warum nicht gleich Steuerhinterziehung als Normalität akzeptieren?

Ja, wir sind alle „elende Sünder“. Konservative sagen das seit Jahrtausenden, aber das bringt sie nicht auf die seltsame Idee, man müsse die Sünde auch noch fördern.

Langzeit-Affen 

Die Antwort lautet, dass die Menschen glücklicher sind, wenn sie ihren unmittelbaren Trieben nicht immer gleich nachkommen und lieber in eine Beziehung investieren. Reiche können sich sofort ein neues Auto ihrer Wahl kaufen, glücklicher sind sie darum nicht. Wer jahrelang spart und sich auf das neue Auto freut, ist alleine dabei schon viel länger viel glücklicher als der Reiche, der es sofort bekommt.

Fremdgehen führt auch bei Freie-Liebe-Aposteln zu Schuldgefühlen, insofern sie keine Psychopathen sind. Was wir im Auge haben sollten, ist unser Langzeit-Interesse. Das Fremdgehen kann eine unmittelbare Lusterfüllung sein, aber wer die Gelegenheit hat und nicht fremdgeht und dann seiner Frau offen ins Gesicht sehen kann, der ist doch viel zufriedener mit sich selbst. Ebenso kann Diebstahl unser Kurzzeit-Interesse erfüllen, aber der Neuerwerb ist schnell langweilig und es plagt das schlechte Gewissen, das nutzlose Ding unrechtmäßig an sich gebracht zu haben.

Wir sind eben doch nicht wie andere Affen. Andere Tierarten planen nicht lange voraus, doch wir sehen unser Leben (insofern wir noch richtig ticken) als Biografie an. Wir sehen auf vergangene Fehler als Fehler zurück, aus denen wir lernen können und die wir nicht wiederholen sollten. Wir sehen Verfehlungen als Verfehlungen an und begehen sie nicht absichtlich, nur weil wir wissen, dass Menschen statistisch dazu neigen, Verfehlungen zu begehen.

Die Studien aus verschiedenen Fachgebieten, die alle aufzeigen, dass Ehe glücklicher macht, als das Single-Dasein, und dass die traditionelle Familie besser funktioniert, als vorrübergehende Bekanntschaften mit Kindern zwischendrin, bestätigen nur, was man sich auch rein logisch hätte denken können. Und was Konservative sowieso schon lange wissen, wenn nicht aus Erziehung, dann aus Lebenserfahrung.

Die statistisch höhere Bildung von Linken ist allzu oft eine Fehl-Bildung, die an der Lebensrealität vorbeigeht. Dass die traditionelle Familie irgendwann zum Bestandteil der christlichen Religion erklärt wurde (Jesus hatte keine Familie und er sagte, seine Anhänger sollten ihre Familie hassen!), hängt lediglich damit zusammen, dass bewährte Traditionen (= kulturell weitergegebene Verhaltensmuster) in die dominante Kultur integriert werden. Mit einem blinden Glauben oder mit dem Übernatürlichen hat das gar nichts zu tun. Man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

Das Selbe gilt für „Liebe“, die einem Trend folgend auf ihre naturwissenschaftliche Beschreibung reduziert wird, oder einfach mit Sex gleichgesetzt wird. Liebe ist angeblich einfach Biochemie. Natürlich lässt sich das, was zwischen Partnern vorgeht, naturwissenschaftlich beschreiben, aber ob es „Liebe“ ist, was da untersucht wird, hängt von der Definition des Begriffs ab. In der Regel doch eher nicht. Man kann nicht einfach sagen, dass mit uns verwandte Säugetiere im Schnitt vier Jahre zusammen sind, oder zehn Jahre, wenn sie Kinder aufziehen und dann meinen, es wäre alles über die „Liebe“ gesagt.

In meinem Fachgebiet gibt es Abertausende Bücher über die Liebeskonzepte von Shakespeare, den englischen Romantikern, in einzelnen Romanen; jeder Autor hat seine eigenen, oft wechselnden und komplexen Vorstellungen davon, was Liebe ist. In der Philosophie gibt es einen ebenso reichhaltigen Fundus über die Bedeutung der Liebe, die Anthropologie hat auch viel dazu zu sagen. Und dann kommt jemand daher, meint „Was willst du? Liebe ist doch nur Biochemie“ und fühlt sich noch besonders schlau dabei.

Fazit 

Insgesamt stellt sich mir die Situation so dar, dass der Mensch unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich glücklich werden kann; je nachdem, wie die Umwelt mit der menschlichen Natur zusammenwirkt. Der Mensch ist glücklicher, wenn er seine elementaren Bedürfnisse befriedigen kann, zum Beispiel ist er in Deutschland glücklicher als in Nordkorea, wo er hungern muss und willkürlich verhaftet, gefoltert und getötet werden kann.

Es sieht nun ebenso danach aus, dass der Mensch zwar in der Lage ist, mehrere Frauen zu heiraten, fremdzugehen, alleine zu bleiben, dass er jedoch ein glücklicheres Leben führt, wenn er treu und verheiratet ist. Polygame Gesellschaften wie die islamischen sind dysfunktional. Eben gerade weil sie den männlichen Trieben volle Freiheit einräumen. Ergebnis ist ein sozialdarwinistischer Kampf um Weibchen und gegen Konkurrenten. Es ist vernünftiger, die menschliche Natur in zivilisierte Bahnen zu leiten, wie das der Westen tut oder mal getan hat. Dann muss man eben auf unmittelbare Belohnungen verzichten und ist dafür auf lange Zeit glücklicher.

Und ja, natürlich kann man Triebe und Interessen steuern! Es ist alles eine Frage von Ideen, und die kann man durch logisches Überlegen und Informieren durchaus beeinflussen. Wie sonst soll man es erklären, dass in den genannten Studien die Paare, die sich scheiden lassen wollten, es aber nicht getan haben, in der Regel fünf Jahre später wieder eine glücklichere Ehe geführt haben, als jene, die sich scheiden ließen und dann neu heirateten? Man hat tatsächlich einen Einfluss darauf, ob man jemanden liebt und ob eine Ehe funktioniert oder nicht! Das ist kein Schicksal. Es ist alles nur in unseren Köpfen.

Im Grunde ist das einfach Logik und Empirie, was ich sage. Wer mit dem „konservativ“-Stempel nichts anfangen kann, kann es auch anders nennen. Ich finde es nur fair, wenn man anerkennt, wer am Ende recht hatte und wer nicht.