Adorno nicht verstanden?

In einer Facebook-Diskussion hieß es als Kritik an meinem letzten Beitrag über die LINKE, ich hätte den Philosophen Theodor Adorno, ein einflussreicher Theoretiker für die 68er-Studentenbewegung, nicht verstanden. Aber das ist ein Irrtum, denn wer meint, es gäbe an Adorno irgendetwas zu verstehen, der hat Adorno nicht verstanden.

Die Kritik der radikalen Katholiken des 18. Jahrhunderts an der Aufklärung war rationaler als die wohl einflussreichste Schrift der modernen Aufklärungskritik.

Ich habe es (leider) tatsächlich durchgehalten, mir die „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno durchzulesen, jenes Manifest des neomarxistischen Pseudo-Intellektualismus. Die grundlegenden Probleme damit lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1.) Adorno reduziert die Aufklärung auf die instrumentelle Vernunft. Jene meint die Anwendung der Vernunft, um beliebige Ziele damit zu erreichen; die Vernunft als bloßes Werkzeug. Wir können mit Hilfe der instrumentellen Vernunft Toaster bauen, Kaffeemaschinen, oder Konzentrationslager. Es ist völlig unsinnig, die instrumentelle Vernunft als solche zu kritisieren und ebenso unsinnig, die Aufklärung auf die instrumentelle Vernunft zu reduzieren. Adorno behauptet einfach, die instrumentelle Vernunft wäre das vollständige Weltbild der aufgeklärten „Szientisten“.

2.) Egbert Scheunemann hat eine zwar links motivierte, aber weitgehend brauchbare Kritik an der Dialektik geschrieben. Seine Hauptkritikpunkte lauten:

a) Adorno reduziert Aufklärung und Vernunft auf die instrumentelle Vernunft, die bei einigen seiner Beispiele auch für eigentlich „unvernünftige“ Zwecke eingesetzt wird.

b) Adorno nennt als Beispiele für die dramatischen Folgen der Vernunft Nietzsche und de Sade, die nicht gerade rationalsten Vertreter der Aufklärung

c) Adorno kritisiert die verdummende, in den Händen der Kapitalmacht befindliche Kulturindustrie, weil für ihre Produktion ebenso die instrumentelle Vernunft gebraucht wird (wie für den Bau von Kirchen und Moscheen!). Adorno erklärt überhaupt nicht, was dies mit Aufklärung zu tun haben soll, inwiefern es die Aufklärung ist, die hier irgendwen verdummt.

d) In dem Kapitel „Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung“ schließlich versucht Adorno, eine Verbindung zwischen Aufklärung und Antisemitismus, sowie Faschismus herzustellen. Selbst von seinen Kritikern wird dabei anerkannt, dass seine psychoanalytische Analyse des Antisemitimus durchaus einige Qualität habe. Da die Psychoanalyse eine Pseudowissenschaft ist, die nicht über die abwegige Spekulation hinauskommt, halte ich das für ein Gerücht. Hier eine Zusammenfassung von Adornos „genialer“ Erklärung des Antisemitismus:

Der Faschist, der Antisemit, ist als Paranoiker Opfer einer pathischen Projektion: „Die psychoanalytische Theorie der pathischen Projektion hat als deren Substanz die Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts (sexuelle Lust, Aggressionen etc.; E.S.) auf das Objekt erkannt.“ (S. 201) Die aufgestauten Triebe verwandeln sich in speziellen „Gehorsam gegen den Vater“ (bzw. gegen andere Autoritäten wie Führer) und, bei gleichzeitig verdrängtem eigentlichen „Vaterhass“, in einen „allgemeine(n) Zerstörungsdrang“ (S. 201) sowie schließlich in eine Verhärtung des analytischen wie moralischen (Vor-)Urteils

Jeder Naturwissenschaftler wird sich an den Kopf fassen, wenn er so etwas hört. Wo sind die empirischen Belege? Warum soll ich glauben, dass dies mehr wäre, als bloße Spekulation, schön klingende Phrasen, die bei Pseudointellektuellen gut ankommen? „Theorie“ bedeutet in der Psychoanalyse so viel wie „willkürliche Behauptung“. Mit Aufklärung und Wissenschaft hat das alles rein gar nichts zu tun; ein Prediger hätte sich das spontan ausdenken können (was gewissermaßen auch der Fall ist)!

Adornos „Verblendungszusammenhang“ soll ich auch falsch verstanden haben. Ich schrieb:

Ein „falsches Bewusstsein“ haben wir aus Sicht der Linken; wir befinden uns in einem „Verblendungszusammenhang“. Wir erkennen nämlich nicht, wie uns der Kapitalismus unterdrückt und wie er den Menschen zur Ware degradiert. Wir leiden an einer vom Warentausch zwangsabstrahierten Verdinglichung.

Und hier eine Zusammenfassung von Adornos Position von seinem Fanclub kulturkritik.net:

Mit dem Begriff Verblendungszusammenhang beschrieb Adorno die Auswirkungen eines geblendeten Bewusstseins in gesellschaftlichen Maßstab. Er sah die Menschen einem Täuschungsmanöver der Kulturindustrie unterworfen, durch welche sie den „verdinglichten“ Verhältnissen einer Warengesellschaft willfährig seien. Damit wollte er zugleich eine theoretische Aktualisierung des Begriffs vom Warenfetischismus von Karl Marx erreichen. Durch Mächte der Verblendung würden die Menschen nicht erkennen, dass sie selbst nur „verdinglicht“ existieren und sich von daher damit zufrieden geben.

Das ist doch ziemlich nahe an meiner Darstellung!

Die Tatsache, dass Adorno überhaupt von irgendjemandem ernstgenommen wurde, fasse ich als ein Resultat des Zeitgeistes der 68er auf. Er war mitverantwortlich für den ethischen und erkenntnistheoretischen Relativismus, der die Geisteswissenschaften, aber auch die Gesamtgesellschaft in den 1980ern heimsuchte und noch immer heimsucht. Ebenso war er für die unverständliche, hegelianische Sprache der Postmodernisten mitverantwortlich. Die Weigerung der westlichen Zivilisation, sich gegen ihre Gegner und Feinde zu verteidigen, geht auch auf Adorno zurück. Adorno war ein Gegenaufklärer.