Weltuntergang beliebt

Mein zweiterfolgreichster Blogbeitrag ist mit über 4500 „echten Klicks“ Wird 2012 die Welt untergehen? Das ist ein wenig beunruhigend. Offenbar gibt es ein sehr hohes Interesse an der Frage, ob 2012 die Welt untergehen wird, wie generell an Weltuntergängen.

Ich bin ja besorgt wegen allerlei Dingen, wegen der Bedrohung durch den radikalen Islam und die westliche Nicht-Reaktion darauf, die imperiale Politik Chinas, der instabile Zustand Russlands, die Frage, wie wir das Öl der Saudis weiterhin bekommen können, während wir die Spinner auf den Mond bomben wegen ihrer Finanzierung des internationalen islamischen Terrornetzwerks – meine Sorgen sind nicht wenige. Der Weltuntergang allerdings, das ist die eine Sache, die mich von allen am wenigsten beunruhigt.

Warum? Zunächst weil es keinen hinreichenden Grund gibt für die Annahme, dass die Welt oder die Menschheit während meiner Lebzeit zu Grunde gehen wird. Die Menschen sorgen sich schon seit Jahrtausenden um den drohenden Weltuntergang, Millionen Endzeitsekten haben ihr Leben nach diesem angeblich drohenden Ereignis ausgerichtet – und passiert ist gar nichts.

Zweitens ist es egal, ob „die Welt untergeht“ oder nicht. Das klingt vielleicht zunächst befremdlich oder nihilistisch, aber ich meine das wie folgt: Angenommen, die Welt explodiert spontan oder es kracht ein Stern auf die Erde, etc., dann wären wir sehr schnell tot. Wenn ich spontan tot umfalle, habe ich keine Sorgen mehr, also muss mich dieses angeblich drohende Ereignis auch nicht beunruhigen. Zapp. Alle tot. Ende der Geschichte. Man kann nichts dagegen machen, man weiß nicht, wann es geschehen wird, und wenn es geschieht, kann es uns auch egal sein. Weil wir tot wären.

Ferner ist es prinzipiell egal, ob die „Welt“ untergeht und es wäre interessanter zu erfahren, ob die Menschheit, darunter vor allem ich, untergeht oder nicht. Doch selbst falls die vergleichsweise realistischen Bedrohungsszenarien eintreten, so wird allenfalls die westliche Zivilisation untergehen, aber nicht die Menschheit als solche. Der „Weltuntergang“ steht bei mir auf einer Linie mit Homöopathie, UFO-Entführungen, dem Monster von Loch Ness und anderen Mythen.

Jetzt das wirklich Beunruhigende: Sehr viele Menschen, wenn nicht gar die meisten im Westen, wissen einiges über den angeblichen Weltuntergang im Jahre 2012, die Überbevölkerung, den Klimawandel, Artensterben, Waldsterben, Super-Gau, Klonen von Menschen, aber sie haben keine Ahnung von den realen Bedrohungen unseres Lebens und unserer Lebensweise. Diese kommen nicht von irgendeinem mystischen Schmus, sondern von anderen Menschen – die von irgendeinem mystischen Schmus besessen sind. Politische, religiöse, esoterische Ideologien sind nach wie vor die Quellen der größten Bedrohung für uns.

Warum klingt das so unwahrscheinlich? Wir müssen nur ins letzte Jahrhundert zurück blicken, so lange ist das noch nicht vorbei. Was waren im 20. Jahrhundert die großen Probleme? Die Überbevölkerung? Nicht wirklich, auch wenn man viel darüber geredet hat. Der Klimawandel? Dito. Ein Super-Gau? Abgesehen von einem eher kleinen Gäuchen in einem billigen sowjetischen Trabi-Atomkraftwerk – nicht wirklich. Die größten Probleme waren Ideologien, in diesem Fall Nationalsozialismus und roter Sozialismus.

Was ist denn bitte geschehen, dass niemand mehr an die Gefahr glaubt, die von Ideologien ausgeht? Gut, es gab in den 1980ern-90ern die Postmoderne, da hat man gesagt, dass die Zeit der Ideologien vorbei wäre, ich habe fertig. Aber so war es ja nicht! Postmoderne Philosophen waren selbst marxistische Nihilisten und jetzt müssen wir uns mit den verbliebenen kommunistischen Nationen und mit der islamischen Welt herumschlagen.

Oder nicht? Allmählich kommt es mir so vor, als würde ich selber nicht richtig ticken. Vielleicht sollte ich mir, wie ein großer Teil der Restbevölkerung, auch lieber Sorgen über mythologische Bedrohungen machen, anstelle von realen Bedrohungen. Ich frage mich, ob man in einem umnebelten Zustand glücklicher wäre, bis man an seiner Ideologie zu Grunde geht.