Die schönsten vergessenen Begriffe

Ein "Ohnemichel" ist heute ein Bürger, der sich nicht ehrenamtlich engagiert. Ursprünglich war es ein Stigmabegriff für Pazifisten.
Ein "Ohnemichel" ist heute ein Bürger, der sich nicht ehrenamtlich engagiert. Ursprünglich war es ein Stigmawort für Pazifisten (Grafik: http://www.gemeinsinn.de)

In der politischen Diskussion der letzten 60 Jahre sind einige kreative Begriffe erfunden worden, die inzwischen nicht mehr oder kaum noch gebraucht werden. Hier ein persönliches „Best of“:

Wiederbewaffnungsdiskussion der 1940er-50er

Konservative nannten die pazifistische „Ohne-mich-Bewegung“ die „Ohnemichel“. Die Parole „Kampf dem Atomtod“ galt damals der Aufrüstung Deutschlands mit Atomwaffen und wurde von Konservativen als „Atompsychose“ bezeichnet. In Bezug auf die zivile Nutzung der Atomenergie gab es kaum Widerspruch und es herrschte allgemein eine „Atomeuphorie“.

Selbst die CDU veranstaltete „Friedensdemonstrationen“, meinte damit aber Demonstrationen für die Aufrüstung, für den „durch Abschreckung gesicherten Frieden“. Die pazifistische Friedensbewegung war für sie eine „Unfriedensbewegung“.

Debatte um Sexualität der 50er-60er Jahre

Die sexuell verstockten 1950er und 1960er Jahre erfanden allerlei Euphemismen für Phänomene aus dem sexuellen Bereich. Man sprach zum Beispiel von: „Entkleidungsszene“ (Strip-Tease-Show), „Frucht außerehelicher Unzucht“ (Kind aus einer „Mischehe“ zwischen Katholiken und Protestanten aus Sicht der katholischen Kirche), „Geschlechtsattraktion“ (Sex), „Herrenbar“ (Bordell), „erotische Aggression“ (Sex-Filme).

Als der HI-Virus zum ersten Mal bekannt wurde, nannten linke Kritiker bayerische CDU-Politiker „Aids-Terroristen“, weil sie einen Maßnahmenkatalog ausgearbeitet hatten, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Das wäre das andere Extrem zur sexuellen Verstockheit: Auch dann noch freie Liebe zu propagieren, wenn es darum geht, die Verbreitung einer tödlichen Krankheit aufzuhalten, die man sich durch sexuellen Kontakt zuzieht.

Umweltschutzdebatte der 60er-80er Jahre

Der Umweltschutz ging in den 1960ern von Heimatschutzverbänden aus, war also eine konservative Angelegenheit, die sich geruhsam im Hintergrund abspielte. Heute sind Umweltschutzaktivisten normalerweise links ausgerichtet und politisch erheblich sichtbarer.

Von den 1960ern bis 1980ern wandelte sich die Debatte um die zivile Nutzung von Kernenergie von allgemeiner Zustimmung zur Lagerbildung. Locker nannte man die Physiklehrer in den 1960ern „Atom-Heinis“ und die Gegner von Kernenergie „Atommuffel“, bis der Begriff „Atom“ zunehmend eine negative Nebenbedeutung bekam. Die Atomkraftbefürworter mussten in den 1980ern auf den Umweltschutz-Zug aufspringen und nannten die atomare Wiederaufbereitung kurzerhand „Recycling“.

Schön zweideutige Begriffe aus der Umweltdiskussion sind „Müllplanet“ (Furcht vor wachsenden Müllbergen) und „Wegwerfzeitalter“ (nicht das Zeitalter kann man wegwerfen, sondern in diesem Zeitalter werfen die Leute angeblich zu viel weg).

Entwicklungspolitik

Was wir heute „Entwicklungsländer“ nennen, hieß in den 1950ern „Unterentwickelte Länder“, dann „Entwicklungsfähige Länder“ und in den 1960ern „Entwicklungshilfeländer“, „Empfängerländer“, „nehmende Länder“ und, besonders politisch unkorrekt, „zu betreuende Länder“.

Der Begriff „Dritte Welt“ war ursprünglich eine Erfindung der französischen unabhängigen Linken. Der Begriff wurde 1949 geprägt und meinte Nationen, die einen positiv verstandenen „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus gefunden hätten. So ganz hat es nicht hingehauen mit diesem dritten Weg und heute verstehen wir unter der „Dritten Welt“ die ärmsten Nationen des Planeten.

DDR

Die einzigen Medien, die von Anfang bis zum Ende die DDR als sowjetische Diktatur bewerteten, gehörten zum Springer-Verlag. Konservative sprachen mit Bezug auf die DDR von der „Zone der Unfreiheit“, von einem „Marionettenregime“; die Mauer, also das „Friedensbollwerk“ aus Sicht der SED, war für Konservative eine „Schandmauer“ oder eine „Angstmauer“.

Nach der Wende sprachen Ostdeutsche von „Besserwessis“, weil die Westdeutschen ihnen alles erklärten und Westdeutsche von „Jammerossis“, weil die Ostdeutschen es nicht hören wollten.

Schülerdeutsch der 1970er

Durch die Studentenbewegung waren die 1970er-Jahre mit politischer Sprache aufgeladen, die ihren Weg auch in den Alltag fand und ins Schülerdasein. Die jungen Schüler waren die kreativeren Sprachschöpfer als die 68er-Studenten. Ein paar Beispiele für neu geprägte Synonyme:

Abschreiben: „eine Arbeitsgemeinschaft bilden“, „Gedankenaustausch betreiben“, „Interpretationsehe“, „Kooperation“, „Kulturaustausch treiben“, „Symbiose schließen“

Chemiesaal: „Atom-Ei“, „Explosionsbunker“, „Himmelfahrts-Versuchsveranstalter“

Prüfungen: „Zitterstunden“

Spickzettel: „Informationspapier“

Klassenwiederholer: „Vertragsverlängerer“

Tabakwaren: „Krebsfutter“

Ausdruck von Lob: „krokodinabel“, „feudal“, „elastisch“, „groovy“

Einzelbeobachtungen

Der Begriff „Türkenghetto“ für das, was wir heute „Parallelgesellschaft“ nennen, war bereits im Jahre 1973 in der Diskussion.

Funktionäre von Vertriebenenverbänden wurden schon früh „Berufsvertriebene“ genannt.

Die Sowjetunion nannte Europa ein „Superkriegskartell“.

Gegner von Frauenquoten skandierten die Parole „Lasst die Pfoten von den Quoten“ und aufgrund von Quoten eingestellte Frauen nannte man „Quoten-Frauen“ oder „Alibi-Frauen“.