Der Mensch ist ein Sektierer

Gideon Böss hat kürzlich einen Beitrag auf seinem Blog veröffentlicht, in dem er ironisch das Verbot der Bibel forderte, weil darin im Namen Gottes allerlei Übeltaten verübt werden. Organisierte Atheisten haben schon ein paar Mal Indizierungsanträge bei der BPJM eingereicht, aber natürlich ist nichts daraus geworden. Man sollte wissen, dass diese Verbotsanträge nicht ernst gemeint sind, sondern auf Probleme aufmerksam machen wollen, zum Beispiel die Tatsache, dass Religionskritik unter Umständen strafbar ist (§166 StGB), die moralisch sehr fragwürdige Bibel oder das Christentum überhaupt von vielen ihrer Anhänger jedoch als nicht kritisierbar angesehen wird.

Unter dem Beitrag haben sich eine ganze Reihe von bedingt rationalen Kommentaren eingefunden, wie ich sie als langjähriger Religionskritiker gewohnt bin. In einem neuen Beitrag nennt Gideon Böss seine kritikunfähigen Kommentatoren „Wutbürger Christi„. Er schreibt darin: „Wutbürger Christi verhalten sich zu normalen Christen so, wie Randalierer zu gewöhnlichen Fußballfans. Sie sind peinlich, unangenehm und ruinieren den Ruf des eigenen Vereins.“

Meiner Erfahrung nach gibt es aber keinen Unterschied zwischen den sogenannten „Wutbürgern Christi“ und durchschnittlichen gläubigen Christen. Das ist die gewöhnliche Art, wie durchschnittliche gläubige Christen ihren Glauben gegen Kritik verteidigen. Mit Empörung, Ablenkungsmanövern, persönlichen Angriffen, Beleidigungen – so, wie die verbliebenen Anhänger von Karl Marx auf Kritik reagieren.

Meine zahlreichen und umfassenden Diskussionen mit Christen haben mich ursprünglich zu einem „Krawallatheisten“ werden lassen, was ich inzwischen ja nicht mehr bin. Man ist als Religionskritiker unentwegt konfrontiert mit einer soliden Wand aus Blödheit, die sich durch kein Argument aufbrechen lässt.

Ich hatte mich also von Diskussionen mit Christen zunehmend ferngehalten und nur so war es mir möglich zu erkennen, dass Christen in anderen Bereichen oftmals sehr rational sind, auch beizeiten rationaler als manche Atheisten, und das sie nur in die argumentfreie Zone abwandern, wenn es um ihren Glauben geht.

Es geht bei der Religion eigentlich nicht um empirische Behauptungen wie „Jesus hat Kranke geheilt“ oder „Maria ist als Jungfrau Mutter geworden“. Wenn Atheisten versuchen, derartige Glaubensinhalte auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen, begegnet man ihnen als gläubiger Christ in der Regel sehr feindschaftlich, weil der Glaube zur Kultur, zur Gruppenidentität und zum Selbstbild von Christen gehört.

Kritik am Christentum erleben Christen so, wie ich es erlebe, wenn jemand die Scharia in Deutschland einführen will oder wenn jemand einen Passagierjet in die Freiheitsstatue fliegen würde. Da gibt es etwas, das einem „heilig“ ist, das zur Gruppenidentität, zur Kultur und zum Selbstbild gehört, und jemand tritt mit Füßen darauf oder bekämpft es. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass ich durchaus rational begründen kann, warum man die Scharia nicht in Deutschland einführen und warum man keinen Passagierjet in die Freiheitsstatue fliegen sollte.

Die meisten Menschen sind aber keine Philosophen. Sie übernehmen einfach die Rituale, Glaubensinhalte, Tischmanieren aus ihrem Umfeld und bestrafen jene, die dagegen verstoßen oder nicht mitmachen. Ob diese Rituale, Glaubensinhalte, Tischmanieren ein rationales Fundament haben, oder ob man sie durch bessere ersetzen oder abschaffen sollte, diese Frage stellt sich der Durchschnittsmensch nicht.

Das hat natürlich auch Vorteile. Ich war schon immer ein radikaler Skeptiker und wenn meine Eltern es nicht hinreichend begründen konnten, warum ich beim Essen die Mütze abnehmen sollte, tat ich es im Kindesalter beizeiten einfach nicht. Damit bin ich ihnen und anderen Menschen ordentlich auf die Nerven gegangen. Immerhin weiß ich jetzt, warum man beim Essen keine Mütze trägt (Mützen assoziieren die Menschen mit „draußen spazierengehen“ und daran wollen sie nicht denken, wenn sie im Gemütlich-im-Restaurant-Essen-Modus sind; zudem ist es ein Bruch der Gruppenidentität und führt zur allgemeinen Verunsicherung, was ebenfalls unerwünscht ist im Gemütlich-im-Restaurant-Essen-Modus).

Die Unfähigkeit meines Umfelds, mir hinreichende Gründe für Verhaltensregeln und die Organisation der Gesellschaft zu nennen, hat zu einer Entfremdung mit meiner Umwelt beigetragen. Ich ging davon aus, dass es keine guten Gründe gibt für unsere Lebensweise, weil sie ja keiner zu wissen schien, und dass darum unsere Gesellschaftsordnung zutiefst verkehrt sein muss. Auf dem Höhepunkt meiner marxistischen Tage bin ich durch die Straßen gelaufen wie jemand, der gerade wie Alice im Wunderland ankommt und sich fragt, ob er wach ist oder träumt.

Hätte ich einfach mein Gehirn abgeschalten und mich eingefügt, wäre ich zweifellos viel glücklicher gewesen. In der Tat zeigen eine Reihe von Studien, dass amerikanische Evangelikale zu den glücklichsten Menschen gehören. Partielle geistige Inaktivität und kritiklose Anpassung werden belohnt. Man darf nur in solchen Fällen denken, wenn die jeweilige Kultur, in der man lebt, ein derartiges Verhalten gutheißt.

Das gilt auch für Organisationen und Institutionen, die sich den Skeptizismus auf die Fahne geschrieben haben. Man erkennt es zum Beispiel an der starken Dominanz von Linken im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb. Wer konservativ ist, hat schlechtere Chancen, in den USA als Wissenschaftler zu arbeiten, weil er nicht als Professor eingestellt wird aufgrund seiner politischen Überzeugungen. So begründet es sich auch, dass konsequente Skeptiker meist Einzelgänger sind.

Wir lernen also: Der Mensch ist ein Sektierer, Gruppen sind Philosophen gegenüber feindlich eingestellt und wer überleben will, muss sich anpassen.

Und sie dreht sich doch, ihr Penner.