Gedanken zur Abtreibung

Ich habe im letzten Singer-Beitrag skandalöserweise geschrieben, dass Abtreibung zwar legal sein sollte, dass es aber auch etwas ist, das man aus Eigeninteresse vermeiden sollte.

Zunächst einmal eine allgemeine Feststellung: Nicht alles, was legal ist oder legal sein sollte, ist unbedingt wünschenswert für Individuum und/oder Gesellschaft.

Update: Antwort auf diesen Beitrag und Replik.

Zum Beispiel sind Zigaretten und Alkohol legal. Aber es ist gewiss keine gute Idee, über die Maßen zu rauchen und zu trinken. Wir dürfen über die Maßen rauchen und trinken. Aber aus Eigeninteresse sollten wir das nicht tun. Der liberale Staat setzt darauf und ist in der Tat davon abhängig, dass genügend viele Menschen dazu in der Lage sind, sich selbst Grenzen zu setzen. Wäre jeder Bürger immerzu betrunken, würde betrunken fahren, betrunken auf seine Frau einschlagen, etc., dann wäre es nicht unsinnvoll, wenn der Staat Alkohol verbieten würde, denn die Menschen wären ja offensichtlich nicht in der Lage, eigenverantwortlich auf zu viel Alkohol zu verzichten.

Es gibt einige faszinierende ethische Dilemmata in der Science-Fiction-Serie Battlestar Galactica. In einer Folge steht die Besatzung des Raumschiffs vor dem Problem, dass nicht genügend Nachwuchs da ist, um das Schiff weiterhin in Betrieb zu halten. Die Menschen werden zu alt, um weiterhin zu arbeiten, und ohne Nachwuchs, der sie ersetzt, entstünde ein gewaltiges Problem: Das Weiterleben der Menschen auf dem Schiff hängt davon ab, dass in jeder Abteilung genügend qualifizierte Arbeiter vorhanden sind und fällt nur eine der lebenserhaltenden Maschinen aus (die bedient und gewartet werden müssen), dann sterben alle. Die Präsidentin der Flotte, die gerade wieder zur Wahl steht, ist eigentlich liberal und somit für das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Die Notlage bringt sie allerdings dazu, ein Bündnis mit den religiösen Kräften einzugehen und Abtreibung zu verbieten. Die Menschen benötigen den Nachwuchs einfach.

So dramatisch ist die Lage in Deutschland nicht, aber das Beispiel zeigt, dass man dazu neigt, wichtige Faktoren nicht miteinzubeziehen.

Etwas, was bei der Abtreibungsdebatte von kaum jemandem erwähnt wird, ist das Interesse des Vaters. In der ganzen Debatte geht es ausschließlich um die Mutter und um die Frage, ob sie abtreiben darf. Es geht nie um das Interesse des Vaters an dem Kind, obwohl von ihm 50% des genetischen Materials des Embryos stammen (so viel zu „mein Körper gehört mir“) und er das Kind (nehmen wir einmal an) einvernehmlich mit der Mutter zeugte. Warum darf er eigentlich nicht mitentscheiden?

Schließlich ist ein Kind etwas, mit dem alle möglichen Ideen verbunden werden können. Eine Mutter kann sich davor fürchten, dass sie das Kind nicht ernähren können wird. Sie kann sich darüber freuen, ein Kind zu haben, nicht jedoch der Vater, der sie zur Abtreibung nötigt. Alle möglichen Szenarien sind denkbar. Statistisch ist es allerdings eine Tatsache, dass der weit überwiegende Anteil von Frauen, die abtreiben, aus sozial niedrigen Schichten stammen. Was das auch immer das im Detail aussagt, so bedeutet es auf jeden Fall, dass Frauen aus der Mittel- und Oberschicht eher nicht abtreiben. Wenn Abtreibung aber keinerlei Problem für Frauen ist – wenn es ihnen egal ist, ob ihr Kind in den ersten Monaten lebt oder stirbt – warum gibt es dann diese Schichtenunterschiede in der Abtreibungshäufigkeit?

Schließlich sprachen Feministinnen in den 1970er Jahren in Bezug auf den menschlichen Embryo von „Honigbiene“, „sogenannter Mensch“, oder „Kaulquappe“. Instinktiv würde ich als Mann mit einer Frau, die so über unser zukünftiges gemeinsames Kind, während es im Mutterleib heranwächst, denken könnte, nichts zu tun haben wollen. Es ist die Entmenschlichung des heranwachsenden Menschen.

Aber wenn dem so ist, warum halte ich Abtreibung dann nicht für Mord und bin dagegen? Weil werdende Menschen, die noch nicht über ein Bewusstsein verfügen und noch keine Personen sind, weniger darunter leiden, getötet zu werden, als erwachsene Menschen (nämlich gar nicht). Ein Lebewesen ohne Bewusstsein bekommt es logischerweise gar nicht bewusst mit, ob es getötet wird. Menschlich ist der Embryo natürlich schon, aber er ist noch kein Mensch mit Bewusstsein und Persönlichkeit.

Embryonen in den ersten Wochen leiden also nicht oder so gut wie nicht darunter, getötet zu werden; ähnlich wie einzelne Hautzellen nicht unserer Vorstellung von „Leid“ gemäß leiden, wenn wir uns am Arm kratzen.

Die Kruz der Sache liegt also anderswo, nämlich bei Mutter, Vater und ihrem Verständnis von ihrem heranwachsenden Kind. Ich würde lieber das Kind von Eltern sein (und bin ich auch), die von ihrem Kind nicht geglaubt haben, es wäre eine Hautschuppe, sondern die sich darüber gefreut, den Embryo und Fötus gehegt und gepflegt haben, sich einen Namen für das Kind überlegt, über Babysachen und Kinderzimmer nachgedacht und sich allerlei Szenarien ausgemalt haben, wie es wäre, Vater und Mutter zu sein. Wer bereits auf das heranwachsende Kind mit Verachtung herabblickt, der hat keine guten Aussichten, Mutter oder Vater des Jahres zu werden.

Und das ist dann wohl der Grund, warum Frauen tendenziell lieber nicht ihr Kind abtreiben möchten. Weil es ihrem Verständnis nach – glücklicherweise – ihr Kind ist, keine Hautschuppe, Honigbiene, ein „sogenannter Mensch“ oder eine Kaulquappe. Und das halte ich für individuell und gesellschaftlich wünschenswert.

Es gibt nun also keinen Grund für den Gesetzgeber, die Abtreibung zu verbieten – weil keine Person dabei zu schaden kommt, die ein Eigeninteresse am Weiterleben hat – aber es gibt allen Grund für Frauen, auf Abtreibung lieber verzichten zu wollen, wenn es geht.

Am Ende möchte ich dem Abtreibungsfanclub empfehlen, sich einfach mal das anzusehen und anzuhören, was die Gegenseite zu sagen hat. Ich halte es aus, die brutalsten Fotos von abgetriebenen Föten und Embryos habe ich schon gesehen und bin trotzdem der Meinung, Abtreibung wenigstens in den ersten Monaten sollte ohne Einschränkung legal sein. Sie ist nicht schön, sie fühlt sich falsch an, aber das ist noch kein hinreichender Grund, Abtreibung zu verbieten – aber doch ein hinreichender Grund, sie aus Eigentinteresse zu vermeiden, wenn es geht.

Update: Anwort auf diesen Beitrag aus einer Facebook-Diskussion:

http://www.thepetitionsite.com/1/drop-the-unlawful-termination-charges-against-jennie-lmccormack/?z00m=19989526 Möchtest du diesen Rückschritt als männlicher „Humanist“ erleben? Eine Abtreibung tut weh und das ist das schlimmste dran. Der Rest ist schlechtes Gewissen durch religiöse Indoktrination. Bitte verschone uns mit pro-life Materialien…

Meine Replik:

Pro Life ist das Böse und wer auch nur ihre Materialien ansieht, wird mit verbotenen Ideen verseucht und steht dem Fortschritt im Weg. Niemand darf Argumente abwägen, man muss total für Abtreibung sein oder man gehört nicht dazu, man ist nur ein „Humanist“. Menschen haben keine Gefühle, das Schicksal ihrer Kinder ist ihnen gleichgültig. Alles andere ist religiöse Indoktrination.

So gehen Sekten und politische Extremisten auch vor: Zunächst kommt die Abschreckung, dass man den grausamen Mangel an Abtreibungen herbeibeschwört anhand eines aktuellen Falles. Wer Fragen stellt, wird „freundlich ermahnt“, indem man ihm die Zugehörigkeit zum „eigenen“ Kult streitig macht, das „Humanist“ zum Beispiel in Anführungszeichen setzt. Dann wird apodiktisch die Parteilinie zitiert „Eine Abtreibung tut weh und das ist das schlimmste daran. Der Rest ist schlechtes Gewissen durch religiöse Indoktrination“ und schließlich wird eine Mahnung ausgesprochen, dass die Materialien des Feindes tabu sind. Man darf sich nicht einmal ansehen, was der Feind schreibt – denn am Ende wird noch jemand davon überzeugt und verlässt den Kult. Man muss die Parteilinie akzeptieren und sonst wird man ausgeschlossen.

Wobei natürlich der Link zu den Pro-Life-Materialien gar nicht zur Website eines Pro-Lifers führte, sondern zu einer Liste mit Argumenten pro und kontra Abtreibung von Mark Humphrys, dem führenden Quellensammler zu politischen Debatten – der selber gar nicht Pro Life ist. Der Kommentator hat sich den Link also gar nicht angesehen.

Und all dies, obwohl ich dagegen bin, dass Abtreibung bestraft wird. Selbst die Erwähnung von ungewöhnlichen Perspektiven und Argumenten wird bereits als Häresie angesehen und als Weg zum Abgrund. Man muss unbedingt Kinder abtreiben wie ein Berserker. Die beste Mutter ist jene, die ihre Kinder nur aus Spaß an der Freude abtreibt, am besten alle paar Monate eines. Das sind die Top-Feministen, sie bekommen das Mutterkreuz von diesem fatalistischen Todeskult, der wahr und wahrhaftig behauptet, dass Mütter keine Gefühle hätten und alles andere nur religiöse Propaganda wäre. Ich traue Frauen ja bekanntlich vieles zu, aber das halte ich für einen Mythos.