Beschneidung von Jungen

…ist doof, findet Russel Crowe (Gladiator) in einem aktuellen Twitter-Beitrag: „Beschneidung ist barbarisch und dumm“. Finde ich auch; es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass diese Praxis medizinisch sinnvoll wäre. Jeff Dunetz glaubt, Crowe wüsste nur nicht, dass die Beschneidung ein kulturell-religiös wichtiges Ritual für Juden und Muslime sei. Natürlich ist der Antisemitismus-Verdacht auch nicht weit.

Mir jedenfalls ist es zunächst egal, ob ein Ritual kulturell-religiös begründet ist oder nicht. Die Häretikerverfolgung der Inquisition war auch kulturell und/oder religiös begründet, ebenso wie die im Vergleich zur männlichen natürlich weitaus schlimmere weibliche Genitalverstümmelung.

Es ist kein Argument, dass etwas eine Tradition ist oder nicht. Es gibt gute und es gibt schlechte Traditionen. Zwar sollte man Traditionen nicht voreilig abschaffen, weil es schwer vorauszusehen ist, wofür sie am Ende doch gut waren (wie die traditionelle Familie, die zur Bestandserhaltung nötig ist), aber da Beschneidung von Muslimen, Juden und auch von Konfessionslosen und Mitgliedern anderer Konfessionen an ihren Kindern vollstreckt wird, dient sie jedenfalls nicht mehr als Ritus, der eindeutig die Mitgliedschaft zu einer bestimmten Religion bestätigt.

Zudem ist es ein Fall, wo staatliches Recht dem religiösen Recht zuwiderläuft. Die Bundesregierung ist zwar folgender Auffassung: „Soweit die Beschneidung Grundlage für die Aufnahme eines Kindes in eine religiöse Ge-meinschaft bildet, ist ihre Vornahme Bestandteil der grundsätzlich geschützten Religions-ausübung.“

Allerdings liegt diese Beurteilung nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich, sondern in dem der Judikative, denn hier sind Grundrechte betroffen. Die Organisation Manndat, die sich für Jungenrechte einsetzt, hat eine Arbeit zum Thema vorgelegt, hieraus:

Die Ansicht des Rechtsexperten Prof. Dr. Holm Putzke der Juristischen Fakultät an der Universität Passau zur Argumentation der Bundesregierung:

„Die Meinung unter den deutschen Rechtswissenschaftlern geht mehrheitlich dahin, Be-schneidungen an nicht einwilligungsfähigen Jungen – trotz Einwilligung der Personensorge-berechtigten – als rechtswidrig einzustufen. Ganz aktuell haben sich ein Autor des renom-mierten Kommentars „Schönke/Schröder“ und der Autor eines gerade erschienenen Kom-mentars (Anwaltkommentar zum StGB) dafür ausgesprochen, einer erteilten Einwilligung keine rechtfertigende Wirkung einzuräumen. Die derzeit herrschende Meinung lässt keinen Zweifel daran, dass es sich um eine Straftat handelt. Die (wenigen) Gegenstimmen stammen – was nicht erstaunt – meist von Betroffenen, die einer die Beschneidung praktizierenden Religionsgemeinschaft angehören oder ihr zumindest nahe stehen. Ein Überblick zum Dis-kussionsstand ist zu finden bei Herzberg, ZIS 2010, 471 ff. und in der Einleitung zum Anwaltkommentar.

Es wäre in der Tat bemerkenswert, wenn ein Ministerium den aktuellen Diskussionsstand in der Rechtswissenschaft ignorieren würde und sich auf diese Art und Weise in eine noch längst nicht abgeschlossene wissenschaftliche Debatte einschaltet.“

Manndat: Beschneidung von Jungen. Fragen und Antworten zu einem politischen Tabuthema