Fjordman und seine Rassisten

Sich gegen Rassismus auszusprechen ist erste Bürgerpflicht und als solche fast schon laut Definition Getue und Heuchelei – so dachte ich jedenfalls eine Weile lang. Man sehe sich nur moderne Bürgerpflichten an: Solarzellen aufs Dach bauen, Anti-Atomsticker aufs Auto kleben, Lichterketten zur Erinnerung an die Reichspogromnacht machen, Palästinenserschals stricken. Einfach jeder ist gegen Rassismus. Sogar Rassisten sind gegen Rassismus (ein ähnliches Phänomen ist bei Antisemiten zu beobachten).

Neulich hab ich beim Krafttraining schon wieder jemanden gesehen mit einem T-Shirt gegen Rassismus. Diesmal versicherte uns das Shirt, dass der spezifische Ruderclub des Kraftprotzes auch gegen Rassismus ist. Nicht wirklich, oder? Ich war zuvor der Ansicht, sein Ruderclub wäre quasi identisch mit der Hitler-Jugend. Gut, dass er mich darauf hinweist!

Doch leider gibt es noch echte Rassisten, die unsere feine, aufgeklärte Islamkritik unterwandern und sie für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Ähnlich wie sich die Sekte Universelles Leben bei rationaler Religionskritik bedient, um Menschen für ihre besonders unsinnige Version des Christentums zu gewinnen, so bedienen sich Rassisten bei rationaler Islamkritik, um besorgten Bürgern den Rassenwahn schmackhaft zu machen. Einer von ihnen ist Fjordman, der Lieblingsautor des norwegischen Massenmörders Anders Breivik. Und im Gegensatz zu Breiviks Vorliebe für diverse andere Autoren ist seine Wahl von Fjordman nicht verwunderlich.

Zuerst dachte ich, Fjordman wird einer der „normalen“ Islamkritiker sein, welche die Inkompatibilität des Islam mit individuellen Freiheitsrechten aufzeigen, und Breivik hat ihn nur missbraucht. Das stimmt aber nicht. Fjordman ruft zwar nicht zur Gewalt auf, aber er wünscht sich rassisch getrennte Nationen und schwadroniert von einem Bürgerkrieg, siehe seine Artikel. Der Grund, warum er sich so vehement gegen die EU ausspricht, ist nicht nur oder nicht wirklich jener, dass es sich um ein mäßig demokratisches Bürokratiemonster handelt, das den freien Markt unnötig einschränkt, sondern weil sie den EU-Bürgern Niederlassungsfreiheit bietet und sich zur islamischen Welt öffnet – und es dadurch zu einer Art „Rassendurchmischung“ kommt.

Ich übersetze im Folgenden ein paar Auszüge aus einem Artikel von Fjordman, um seine Position zu illustrieren.

Verrat an einem Nationalstaat bedeutete Untreue gegenüber dem Erbe, der Freiheit und der weiterführenden Existenz der spezifischen Nation oder ethnischen Gruppe, die traditionell das Territorium dieses Landes bewohnt hat. […] ist es keine Übertreibung zu sagen, dass die Regierungen jedes einzelnen Mitgliedsstaates der Europäischen Union, und tatsächlich aller westlichen Länder, jeden Tag Verrat begehen.

[…]

Wie Sam Francis uns erinnert, „jede echte Nation ist ein Land gemeinsamen Blutes. Die einzigen Nationen, die behaupten, von Überzeugungen definiert zu sein, sind – wenn man darüber nachdenkt – totalitäre Staaten.

[…]

Der einzige Weg, die Vernunft in unseren Ländern wiederherzustellen, besteht darin, das Konzept, dass ein Land das Heimatland eines eng verwandten Volkes mit einem gemeinsamen Erbe ist, wiederherzustellen. Leider haben jene, welche die Ideen-Nation bevorzugen, überall in der westlichen Welt schon lange die Macht ergriffen, was bedeutet, dass dieser Kampf das Potenzial hat, einen pan-westlichen Bürgerkrieg, oder einen multikulturellen Weltkrieg auszulösen.

Politically Incorrect zitiert und übersetzt Fjordman immer wieder und dort gibt es sogar eine Übersetzung von einem größeren Auszug aus seinem Buch Defeating Eurabia. Fjordman mischt verschiedene Fakten zusammen zu einem überhaupt nicht logischen Konglomerat. Er erweckt den Eindruck, eine Art Historiker zu sein und besonders gut recherchieren zu können, aber das ist vor allem eine Strategie, um sein rassistisches Weltbild zu propagieren. Er lässt seine Ansichten immer nur nebenbei durchblicken, aber wer hinsieht, der wird klar erkennen, dass er immer nur von Kollektiven spricht, von den Rechten einheimischer „Völker“ oder „Ethnien“, insbesondere deren „Recht“, ohne Ausländer auskommen zu dürfen. Er nennt Einwanderung „Völkermord“.

Fjordman ist besessen von der Idee eines kommenden Bürgerkriegs und er erweckt fast den Eindruck, ihn sich zu wünschen. In dem Artikel Können wir mit der Linken koexistieren? schreibt er:

Falls die Linken und Globalisierer ihren Willen durchsetzen, dann wird unsere Zivilisation sterben, so einfach ist es. Das ist der Grund, warum dieser fortschreitende Kampf wahrscheinlich unschön werden wird, weil kein Kompromiss möglich ist. Da ähnliche ideologische Kämpfe überall in der westlichen Welt stattfinden, könnte diese Situation einen pan-westlichen Bürgerkrieg auslösen.

Auch die Evolutionstheorie muss in einigen Artikeln als Rechtfertigung herhalten. Schließlich zeigt sie ja auf, dass Menschengruppen verschieden sind – als wäre das ein Argument dafür, dass sie voneinander getrennt leben sollten! Rassisten leben mit Hunden, Katzen, Kanarienvögeln und Fischen zusammen, aber sie halten es nicht aus, mit Menschen von einer anderen Ethnie im selben Land zu wohnen.

In seinem Artikel White Privilege schreibt Fjordman:

Wo ist dieses „weiße Privileg“ überhaupt? Weiße dürfen heute kein einziges Land für sich alleine haben, nicht einmal eine einzige Stadt, Vorstadt oder Schule. Das wird wörtlich als „Rassismus“ angesehen und somit als Verbrechen von Menschen mit europäischem Ursprung, sich zu versammeln und sie selbst zu sein.

Es ist ja auch Rassismus, nur mit Weißen irgendwo leben zu wollen! Warum sollte dies jemand wollen, wenn er kein Rassist ist? Wenn ich kein Problem habe mit Menschen anderer Ethnie, dann habe ich kein Problem damit, mit ihnen zusammenzuleben.

Es sind Leute wie Fjordman, die es anständigen Menschen schwer machen, über wissenschaftliche Themen wie die Intelligenzforschung zu sprechen. Oder überhaupt über den Einfluss der Evolution auf unsere Psyche. Sofort nutzen Rassisten die Erkenntnisse in Gebieten wie Evolutionärer Psychologie und Humangenetik für sich selbst aus – für ihren Rassenwahn. Eigentlich müsste man erst recht darüber reden und ihnen die politische Deutungsherrschaft über einige Forschungsbereiche streitig machen.

Leider zitieren auch anständige Islamkritiker wie Robert Spencer seine Artikel – er könnte sich ruhig mal näher ansehen, was Fjordman tatsächlich denkt. Fjordman versteckt geschickt seine Ansichten, indem er ironischerweise selbst politisch korrekte Begriffe verwendet. Er meint „Rasse“, sagt aber „Ethnie“. Er meint „Rassendurchmischung“, sagt aber „Multi-Kulti“.

Fjordman ist ein Kollektivist. Er interessiert sich nicht für individuelle Rechte, sondern nur für die Rechte von Kollektiven, in diesem Fall für die Rechte von Völkern. Ayn Rand hat einen aufschlussreichen Essay über Rassismus geschrieben, aus dem ich hier einige Auszüge übersetzen möchte.

Seid gewarnt: Ayn Rand hat eine Neigung, sich noch einmal eine Stufe direkter auszudrücken als ich.

Ayn Rand: Rassismus

(aus dem Objectivist Newsletter von 1963)

Rassismus ist die niedrigste, am krudesten primitive Form des Kollektivismus. […] Der Rassismus behauptet, dass die Inhalte des Geistes eines Menschen (nicht sein kognitiver Apparat, sondern dessen Inhalt) vererbt werden; dass die Überzeugungen, Werte und der Charakter von physischen Kräften außerhalb seiner Kontrolle determiniert werden, bevor er geboren wird.

[…] Rassismus ist eine Doktrin von und für wilde Tiere. Sie ist die Scheunenhof- oder Tierfarm-Version des Kollektivismus, angemessen für eine Mentalität, die zwischen verschiedenen Tierrassen unterscheidet, nicht zwischen Tieren und Menschen.

[…] Wie jede Form des Determinismus entwertet der Rassismus die spezifische Eigenschaft, die den Menschen von allen anderen lebenden Arten unterscheidet: Seinen rationalen Geist. Der Rassismus negiert zwei Aspekte des Menschen: Vernunft und Wahl oder Geist und Moral und ersetzt sie mit chemischer Vorbestimmung.

So etwas wie ein kollektiver oder rassischer Geist existiert nicht, also gibt es nichts wie eine kollektive oder rassische Errungenschaft. Es gibt nur individuelle Geister und individuelle Errungenschaften – und eine Kultur ist nicht das anonyme Produkt von unterschiedslosen Massen, sondern die Summe der intellektuellen Leistungen von individuellen Menschen.

Selbst falls es bewiesen würde – was es nicht ist – dass die Häufigkeit von Menschen von potenziell überlegener Geisteskraft unter den Mitgliedern von bestimmten Rassen größer wäre als unter anderen, so würde uns dies noch immer nichts mitteilen über irgendein gegebenes Individuum und es wäre irrelevant für dessen Bewertung. Ein Genie ist ein Genie, unabhängig von der Anzahl von Schwachköpfen, die zur selben Rasse gehören – ein Schwachkopf ist ein Schwachkopf, unabhängig von der Anzahl von Genies, die seine rassische Herkunft teilen. Es ist schwer zu sagen, was die empörendere Ungerechtigkeit ist: die Behauptung der Rassisten der Südstaaten, dass ein schwarzes Genie als unterlegen behandelt werden sollte, weil seine Rasse einige Schwachköpfe „hervorgebracht“ hat – oder die Behauptung eines deutschen Wilden, er wäre überlegen, weil seine Rasse Goethe, Schiller und Brahms „hervorgebracht“ hat.

Wie jede andere Form des Kollektivismus ist der Rassismus das Streben nach dem Unverdienten. Er ist ein Streben nach automatischem Wissen – für eine automatische Bewertung des Charakters eines Menschen, welche die Verantwortung umgeht, eine rationale oder moralische Einschätzung vorzunehmen – und vor allem ein Streben nach einem automatischen Selbstwert (oder ein Pseudo-Selbstwert).

Die eigenen Werte auf den rassischen Ursprung zurückzuführen ist das Eingeständnis, dass man den Vorgang nicht kennt, mit dem Werte erzielt werden und sehr häufig, dass man keine erzielt hat. Die überwältigende Mehrheit der Rassisten sind Menschen, die sich kein Gefühl für persönliche Identität verdient haben, die keine individuelle Errungenschaft oder Auszeichnung vorweisen können, und die nach der Illusion eines „tribalen Selbstwertgefühls“ streben, indem sie die Unterlegenheit irgendeines anderen Stammes behaupten. Sehen Sie sich die hysterische Intensität der Rassisten der Südstaaten an; sehen Sie sich auch an, dass Rassismus häufiger vorkommt unter dem armen weißen Abschaum als unter ihren intellektuell Überlegenen.

Historisch hat der Rassismus stets zugenommen oder abgenommen mit der Zunahme oder Abnahme des Kollektivismus. Kollektivismus bedeutet, dass das Individuum keine Rechte hat, dass sein Leben und seine Arbeit der Gruppe gehören (der „Gesellschaft“, dem Stamm, dem Staat, der Nation) und dass die Gruppe ihn einer Laune folgend ihren eigenen Interessen opfern kann. Die einzige Möglichkeit, eine solche Doktrin zu implementieren, ist mittels reiner Gewalt – und Etatismus war stets der politische Begleiter des Kollektivismus.

Es gibt nur ein Gegengift zum Rassismus: Die Philosophie des Individualismus und seine politisch-ökonomische Entsprechung, Laissez-Faire-Kapitalismus.

Der Individualismus sieht den Menschen – jeden Menschen – als ein unabhängiges, souveränes Wesen an, das unveräußerliche Rechte auf sein eigenes Leben besitzt; ein Recht, das aus seiner Natur als rationales Wesen folgt. Der Individualismus bedeutet, dass eine zivilisierte Gesellschaft oder irgendeine Form von Zusammenschluss, Kooperation oder friedliche Ko-Existenz unter Menschen nur auf der Basis der Anerkennung individueller Rechte errungen werden kann – und dass eine Gruppe als solche keine Rechte hat außer den Individualrechten ihrer Mitglieder.