Wenn Nachdenken belohnt wird

…ist die Rede vielleicht von Michael Wollmanns neuer philosophischer Aphorismensammlung Segregierende Egregationen. Obgleich das Buch einen Kauf-mich-nicht-Titel besitzt, bietet es originelle Sprachspiele an, die Spaß machen und zur Erkenntnis beitragen.

Der Titel ist Programm: „Michael Wollmann entmischt sprachliche Texte, stellt sie neu auf und lässt die Sprache der Bausteine einzeln wirken“, heißt es auf dem Buchrücken. Phrasen, Kollokationen, Redewendungen und andere häufig anzutreffende Kombinationen von Wörtern, Satzteilen, Sätzen werden auseinander genommen und so neu angeordnet, dass ein anderer Sinn entsteht. Das mag langweilig oder sehr akademisch klingen, ist in der Praxis aber auf angenehm herausfordernde Art erfrischend und nicht selten amüsant. Einige meiner Lieblings-Aphorismen von Wollmann werden dies aufzeigen:

Die einzig wahren Uniformierten sind protestierende Studenten in der Öffentlichkeit.

Auf den Undank der Welt konnte Sokrates Gift nehmen.

Ein unbeschriebenes Blatt wird niemals von der Masse kopiert werden.

Wenn der Ball flach gehalten wird, trifft er unter die Gürtellinie.

Die Fettleibige wollte ihr altes Leben abschließen. Sicherheitshalber schob sie noch einen Riegel davor.

Der Sadist zum traurigen Alkoholiker: „Mit Weinen ist gut lachen.“

Wer zu weit geht, muss sich immer wieder eine neue Unterkunft suchen.

In den nächsten Jahren wird man sich eine saftige Strafe für die Ungeborenen ausdenken müssen.

Ausgesprochen unwichtig ist nur das Nicht-Gesagte.

Wer existenzielle Wahrheiten verkündet und nicht zum geisteskranken Irren abgestempelt werden will, tut gut daran, sich ab und zu mit einer Narrenkappe ablichten zu lassen.

Vor der Banalität des Bösen kommt die Banalität des Denkens.

Nur Blessuren verzeichnen Konturen.

Der Schuldenberater weiß nicht, wie er damit umgehen soll, wenn ihm etwas hoch angerechnet wird.

Die meisten Schriftsteller, von denen man denkt, sie seien begabt, verstehen es nur ausgezeichnet, ihre eigene Dummheit komplex und dennoch anschaulich darzustellen.

Wenn der Ernst des Lebens wieder losgeht, kommt er dann wohl endlich an?

Zu den Aphorismen kommen einige Lyrik-Fragmente, Notate und Notizen aus einem Tag (des Autors, nehme ich an). Diese sind auf ihre Art ebenfalls philosophische Sprachspiele.

Da „segregierende Egregationen“, das Unerwartete aus dem Erwarteten bilden, ebenfalls zu meinen liebsten Tätigkeiten mit Sprache gehört, hat mir das Buch sehr gut gefallen. Einige der Aphorismen benötigen philosophisches Vorwissen, aber die meisten sind für jene verständlich, welche die obigen Beispiele verstehen.

Was soll ich noch sagen? Die Sammlung kostet nur 8,50 Euro (was gut ist für ein Buch von einem kleinen Verlag) und wer meine Lieblingsaphorismen oben mochte, für den ist es sicher keine Fehlanschaffung.

Siehe außerdem meine Lieblingsaphorismen aus dem Vorgänger, Zersplitterte Gewissheiten.

Segregierende Egregationen gibts beim Engelsdorfer Verlag zu kaufen.